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David Lodge * 1935
Anselm Glück * 1950
Arnuldur Indridason * 1961
Geburtstag
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Gestern war der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und als ich früh morgens meinen Eintrag schrieb, habe ich nicht daran gedacht.
Das will ich nun mit einem weiteren Gedichtband nachholen.

Selma

Selma Meerbaum-Eisinger: „Gedichte
Herausgegeben von Markus Mey
Reclam Verlag € 4,00
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Selma Meerbaum-Esísinger wurde 1924 in Czernowitz in der Bukowina geboren. Aus der Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer kamen, um nur zwei weitere Lyriker zu nennen. Sie fing schon als Jugendliche an, Gedichte zu schreiben und aus dem Jiddischen und Französischen zu übersetzen. Nach dem Einmarsch der Deutschen musste sie und ihre Familie ab 1941 im Ghetto von Czernowitz leben, kam 1942 in das Arbeitslager Michailowka in der Ukraine, wo sie im Dezember 1942 an Flecktyphus starb. Ihr Werk umfasst nicht einmal 60 Gedichte, die jedoch zur Weltliteratur zählen.

Lied

Nimm hin mein Lied –
Es ist nicht froh,
Der Regen weint und weint.
Und wer ihn sieht
Weiß sowieso,
Wie es das Glück gemeint.

Es ist vorbei
Die helle Zeit,
Die Lachen uns gelehrt.
Sie ging entzwei,
Zwiespalt gedeiht –
Wenn auch die Welt sich wehrt.

Kehrt sie zurück?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht weiß es der Wind.
Er kennt das Glück,
Wenn’s nicht zerbricht,
So sagt er’s uns geschwind.

Doch sieh, der Wind
Verbirgt sich doch –
Er ist ja gar nicht da.
Ganz wie ein Kind,
So glaubt er noch:
Nur er weiß, was geschah.

Nimm hin mein Lied.
Vielleicht bringt es
das Lachen einst zurück.
Und wer es liest,
Der sagt: Ich seh’s,
und meint damit das Glück.
30.6.1941

Ich bin die Nacht

Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind
viel weicher als der weiße Tod.
Ich nehme jedes heiße Weh
mit in mein kühles, schwarzes Boot.

Mein Geliebter ist der lange Weg.
Wir sind vermählt auf immerdar.
Ich liebe ihn, und ihn bedeckt
mein seidenweiches, schwarzes Haar.

Mein Kuß ist süß wie Fliederduft –
der Wanderer weiß es genau…
Wenn er in meine Arme sinkt,
vergißt er jede heiße Frau.

Meine Hände sind so schmal und weiß,
daß sie ein jedes Fieber kühlen,
und jede Stirn, die sie berührt,
muß leise lächeln, wider Willen.

Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind
viel weicher als der weiße Tod.
Ich nehme jedes heiße Weh
mit in mein kühles, schwarzes Boot.
6.5.1941

Das Glück

Schlafen möcht‘ ich,
Der Wind wiegt mich ein,
Und die Sehnsucht singt mich zur Ruh‘.
Weinen möcht‘ ich.
Schon die Blumen allein
Flüstern Tränen mir zu.

Sieh die Blätter:
Sie blinken im Wind
Und gaukeln Träume mir vor.
Ja und später –
Lacht wo ein Kind,
Und irgendwo hofft ein Tor.

Sehnsucht hab‘ ich
Wohl nach dem Glück?
Nach dem Glück.
Fragen möcht‘ ich:
Kommt es zurück?
Nie zurück.
18.8.1941

Leseprobe  aus der Reclam-Ausgabe mit ein paar Gedichten und einem Nachwort

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