Mittwoch, 7.Oktober

Heute haben
Wilhelm Müller * 1794
Thomas Keneally * 1935
Jesús Diaz * 1941
Geburtstag.
____________________________________________________________________________

Wilhelm Müller
Am Feierabend

Hätt ich tausend
Arme zu rühren!
Könnt ich brausend
Die Räder führen!
Könnt ich wehen
Durch alle Haine!
Könnt ich drehen
Alle Steine!
Daß die schöne Müllerin
Merkte meinen treuen Sinn!

Ach, wie ist mein Arm so schwach!
Was ich hebe, was ich trage,
Was ich schneide, was ich schlage,
Jeder Knappe tut mir′s nach.
Und da sitz ich in der großen Runde,
In der stillen kühlen Feierstunde,
Und der Meister spricht zu allen:
Euer Werk hat mir gefallen;
Und das liebe Mädchen sagt
Allen eine gute Nacht.
__________________________________________________________________________

Sascha Lobo: „Realitätsschock“
Zehn Lehren aus der Gegenwart
Kiepenheuer&Witsch Verlag € 12,00
Inkl. kostenlosem E-Book-Download

Vor einem Jahr erschien Sascha Lobos Buch neu auf dem Markt. Es war ein paar Tage vor der großen Klimademo von Fridays For Future. Sehr passend, da uns der Autor zu zehn verschiedenen Themengebieten seine Analysen aufschreibt.
Klima, Migration, Integration, Rechtsruck, China, Künstliche Intelligenz, Gesundheit, Soziale Medien, Wirtschaft, Zukunft.
Und wenn wir meinen, unsere Welt ist aus den Fugen geraten, dann sind wir nicht alleine. Wer hätte schon gedacht, dass Trump Präsident der USA werden würde, dass der Klimawandel auf dem ganzen Erdball erkennbar ist. Wir leiden unter einem Realitätsschock, schreibt er. Unser Bild der Welt hat sich oft als kollektive Illusion entpuppt. Wir denken in Mustern des 20.Jahrhunderts, sind aber schon weiter und unsere technische Entwicklung befindet sich auf einer Ebene, die wie Science Fiction klingt und trotzdem schon Realität ist.
Lobo erklärt uns, woher diese drastische Veränderungen kommen und was wir daraus lernen können.

Leseprobe

FBM digital: Virtuelle Sprechstunde mit Sascha Lobo: Realitätsschock und Coronaschock

Moderiert von Sophie von Hoyningen-Huene und Daniel Erk
Online-Event 18.10.2020, 19:00 Uhr

FBM digital: Virtuelle Sprechstunde mit
Sascha Lobo: Realitätsschock und Coronaschock
Moderiert von Sophie von Hoyningen-Huene und Daniel Erk

Online-Event 18.10.202019:00 Uhr

Die Welt schien schon vor Corona aus den Fugen geraten zu sein. Doch die Pandemie hat viele Gegebenheiten in kurzer Zeit radikal verändert. Wie geht man mit der neuen Homeoffice-Realität um? Und wie wird sich unser Arbeiten nachhaltig verändern? Warum kann es uns nicht egal sein, wenn in Manhattan die Büromieten um 50% fallen? Und warum scheinen immer mehr Menschen auf absurdeste Verschwörungstheorien reinzufallen? Sascha Lobo findet Antworten auf Fragen, die wir uns vor einem Jahr so noch nicht gestellt haben. Die Veranstaltung finden Sie auf http://www.textouren.de

Freitag, 28.August

Heute haben
Johann Wolfgang Goethe * 1749
Ernst Weiß * 1884
Liam O´Flaherty * 1896
Janet Frame * 1924
Jurij Trifonow * 1925
Arkadi Strugatzki * 1925
Mian Mian * 1970
Geburtstag
____________________________________

Johann Wolfgang Goethe
Dem aufgehenden Vollmonde

Willst du mich sogleich verlassen?
Warst im Augenblick so nah!
Dich umfinstern Wolkenmassen,
Und nun bist du gar nicht da.

Doch du fühlst, wie ich betrübt bin,
Blickt dein Rand herauf als Stern!
Zeugest mir, daß ich geliebt bin,
Sei das Liebchen noch so fern.

So hinan denn! hell und heller,
Reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.
_________________________________________

Sarah Wiltschek empfiehlt:

Rutger Bregman: „Im Grunde gut „
Einen neue Geschichte der Menschheit
Rowohlt Verlag € 24,00

Im Zweifel für das Gute. Auch so könnte das neue Buch von Rutger Bregman heißen. Darin behauptet der niederländischen Historiker, dass wir im Grunde nichts lieber tun, als einander zu helfen, zu teilen und ein sozialverträgliches Leben zu führen. Die bisher geltende Annahme, dass wir, einmal in eine Konflikt- oder Krisensituation gekommen, nur die eigenen Bedürfnisse befriedigen, hamstern, rauben und töten, stellt Bregman radikal in Frage. Und findet dafür allerorts anschauliche Beweise. Etwa mit dem Phänomen der Solidaritätswelle nach den Wirbelsturm Katrina 2005 oder der zutiefst humanen Geste während der Twin Tower-Katastrophe: Hier ließen sich die Menschen in den Treppenhäusern gegenseitig den Vortritt.

Bregman ruft dazu auf, uns von einem grundsätzlich negativen Menschenbild zu verabschieden. Was zur Folge hätte, dass wir auch unsere zivilen Institutionen wie Schulen, Gefängnisse und Sozialämter in einer ganz anderen Weise strukturieren und gestalten müssten: Gefängnisse, die den Insass*innen mit Respekt und Wohlwollen begegneten und damit die Rückfallquote überdurchschnittlich senkten, Schulen, die den Schüler*innen ein eigenständiges Lernen (fürs Leben) zutrauten, ohne Repressalien und Leistungsdruck und sie damit leistungsfähiger und krisensicherer machten, Jobcenter, die sich wirklich um das Wohl und die gesellschaftliche Wiedereingliederung seiner Klient*innen kümmerten und darum auch ein bedingungsloses Grundeinkommen befürworten würden.

Schließlich kommt er immer wieder auf seine Kernthese zurück: wir bekommen das, wovon wir ausgehen. Begegnen wir unseren Mitmenschen stets mit Argwohn und Misstrauen, werden wir weiter zu einer Gesellschaft beitragen, die genau dieses Gegeneinander fördert. Unterstellen wir unseren Mitmenschen jedoch gegenseitige Solidarität und Mitgefühl, kann daraus eine Gesellschaft erwachsen, in der das Sorgen füreinander und das Teilen unserer sozialen Ressourcen und materiellen Gemeingüter zum höchsten Gut werden.

Anhand wissenschaftlicher und historischer Belege, zeigt Bregman, dass kein Mensch aus eigenem Antrieb töten oder anderen Leid zufügen will. Dazu schaut er sich vergangene Kriegszenarien an und stellt fest, dass Soldat*innen stets ihr Mögliches tun, um nicht schießen zu müssen. Anhand einer wahren Geschichte wiederlegt er denn auch die „Herr der Fliegen“-These, laut der selbst Kinder und Jugendliche niederträchtig, brutal und zu Mördern werden, wenn sie die Zivilisation hinter sich lassen. Die echten Schiffbrüchigen, auf deren Geschichte Bregmann stößt, haben sich hingegen vom ersten Tag an solidarisch und demokratisch organisiert. Nur so konnten sie überleben, bis sie nach über einem Jahr gerettet wurden.

Der Autor bezieht die Leser*innen in den eigenen Erkenntnisprozess mit ein. Er veranschaulicht zunächst die geltenden Erkenntnisse wissenschaftlicher Studien, um anschließend hinter die Kulissen der Versuchsanordnungen und der tatsächlichen Situationen zu schauen. Was dann zum Vorschein kommt sind oftmals von Medien verzerrte Bilder, denen die tatsächlichen Ereignisse zu sensationsarm sind. Menschen, die sich friedlich und einvernehmlich arrangieren, sind weniger medienrelevant als solche, die sich bekriegen und beleidigen. Hier macht der Autor gleichsam eine Bestandaufnahme unserer Medienkultur, die sich überproportional auf Katastrophen und Dystopien fokussiert und den Menschen stets als potentiell böswillig zeigt.

Rutger Bregmann wichtigste Erkenntnis: bis zum Beginn der Zivilisation hat stets das Solidarische unser Überleben gesichert. Seine eigene Evolutionstheorie bezeichnet Bregman daher auch folgerichtig als „Survival of the Friendliest“.

Im Grunde gut ist ein leicht und humorvoll zu lesendes Sachbuch und eine großartige Einladung an uns alle: glaubt an das Gute und handelt danach!

Donnerstag, 13.August

IMG_0660

Heute haben
Nikolaus Lenau * 1802
Mikael Niemi * 1959
Amélie Nothomb * 1966
Geburtstag.
Aber auch
Karl Liebknecht * 1871
Alfred Hitchcock * 1899
und Fidel Castro * 1926
_______________________________

Nikolaus Lenau

Töricht haschen wir auf Erden
nach des Glückes Irrlichtschein;
wer sich quält, beglückt zu werden,
hat die Zeit nicht, es zu sein.
_______________________________

IMG_0047

Alan Bennett: „Der souveräne Leser“
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Wagenbach Verlag / Salto € 18,00

Ganz schön frech, die Jungs und Mädels vom Wagenbach Verlag. Und das ist gut so. Genial. Super. Da landen sie mit dem Buch „Eine souveräne Leserin“ ein wirklichen Long-Bestseller und ziehen dann zehn Jahre später mit diesem Titel vom selben Autor nach. „Der souveräne Leser“ ist in England nie so erschienen, sondern über die Jahre verteilt und unter anderen Titeln.
Umso besser für uns, dass wir das alles am Stück bekommen.
Alan Bennett ist sehr belesen, ein großer Fan von Franz Kafka (passt zu Wagenbach) und lässt uns an seinen Eindrücken und Leseerfahrungen teilhaben. Seinen britischen Humor hat er über die Jahre beibehalten und wenn Sie Franz Kafka aus der Sicht des Autors kennenlernen wollen, dann schnappen Sie sich das Buch. Wenn Sie wissen wollen, welche Bücher Sie unbedingt noch lesen sollen, dann, ja Sie wissen schon.
Ein großes Vergnügen, ein Leseratgeber, der W. G. Sebald und Philip Roth empfiehlt und ein Buch über Bücher, die uns guttun. Das in dieser Zeit, in der es wenig Halt mehr gibt, ist Lesen (und zwar die richtigen Bücher) Gold wert. Besser als jede Therapiesitzung.
Viel Vergnügen.

______________________________________________

Nachverdichtung Flyer