Donnerstag, 20.Februar

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Heute haben
Johann Heinrich Voß * 1751
Heinz Erhardt * 1909
Julia Franckh * 1970
Geburtstag
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„Was wäre ein Apfel ohne -sine, was wären Häute ohne Schleim,
was wär die Vita ohne -mine, was wär’n Gedichte ohne Reim?“
Heinz Erhardt
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Oliver Jeffers: „Die Fabel von Fausto“
Übersetzt von Anna Schaub
Nordsüd Verlag € 18,00
Bilderbuch ab 5 Jahren

»Du gehörst mir«, sagt Fausto zur Blume, zum Schaf und zum Berg. Und sie alle unterwerfen sich ihm, obwohl der Berg sich lange weigert. Aber am Ende verbeugt er sich doch vor Fausto.  Genug ist nicht genug. Fausto will mehr. Ja, das Meer soll es sein. So fährt er mit einem kleinen Schiff ins weite Blau und fordert seinen Besitz. Das Meer jedoch bleibt gelassen. Soll er doch drohen, brüllen und mit den Füßen aufstampfen. Also verlässt Fausto seinen sicheren Untergrund und will auf dem Wasser toben. …

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Oliver Jeffers ist ein Großmeister der Illustration und auch hier hat er wieder ein Kunstwerk hingelegt. Der Strich, die Farben, der Text ergeben eine immer aktuelle Fabel von Gier, Macht, Besitz.

Mittwoch, 19.Februar

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Heute haben
Paul Zech * 1881
Giorgios Seferis * 1900 (Nobelpreis 1900)
Kay Boyle * 1902
Carson McCullers * 1917
Thomas Brasch * 1936
Siri Hustvedt * 1955
Helen Fielding * 1958
Jonathan Lethem * 1964
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Paul Zech

DER NEBEL fällt. Die Welt wird wieder klein.
Die Wälder rücken auch zusammen.
Bald wird um uns nur Dunkel sein
der Raum, woher wir alle stammen.

Herzu tritt auch das müdgejagte Reh,
es hat mich angsthaft angesehen.
Sein schneller Atem flockt so weiß wie Schnee,
kein Leid soll ihm geschehen.

Baum, Tier und ich:
Wir drei sind eins, dreieinig Du,
als wären wir seit Ewigkeiten schon

verbunden und verwoben.
Und nichts ist Unten mehr und nichts ist Oben,
gerundet deckt der Raum uns zu.
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Valerie Fritsch: „Herzklappen von Johnson & Johnson“

Suhrkamp Verlag € 22,00

Das dritte Buch von Valerie Fritsch hat mich umgehauen. So ein genialer Umgang mit Sprache, das Fließen durch die Seiten, Formulierungen, die ich noch nie gelesen habe, haben die Lektüre zu einem ausgewöhnlichen Erlebnis gemacht.
Es könnte alles so banal sein.
Alma ist zu Beginn ein kleines Mädchen und ihre Eltern stehen im Mittelpunkt des ersten Teils. Darauf folgt der Groß- und danach die Großmutter. Als Alma sich in Friedrich verliebt und sie ihr Kind Emil bekommen, stehen natürlich diese beiden Männer im Mittelpunkt, bis sich der Kreis wieder zu den Großeltern schließt.
Valerie Fritsch versteht es gekonnt, die Sprachlosigkeit des Großvaters zu beschreiben, der im Krieg Opfer und Täter war und darüber nicht spricht, wenn er das überhaupt noch tut. Ganz im Gegenteil dazu seine Frau, die ketterauchend Alma immer und immer wieder Geschichten aus ihrem Leben erzählt und sich dabei öfters auf das Wohl der Verstorbenen einen genehmigt.
Der Schmerz der Sprachlosigkeit, der Schmerz des wiederholten Erzählenmüssens spiegelt sich in Almas Kind Emil, der schmerzunempfindlich ist und somit besonderer Fürsorge durch die Eltern bedarf. Nicht leicht für Alma, nach ihren langen Depression nach der Geburt.
Emil muss den Schmerz erlernen, sich aneignen, ein Etwas vortäuschen, das er nicht kennt. Er führt ein Leben zwischen Superman und oftmaligen Klinikbesuchen.
Valerie Fritsch verbindet, verknüpft, baut sich und uns ein Kammerspiel zusammen, schlägt einen großen weiten Bogen, bis sich der Kreis schließt.
Alma findet ihren Frieden. Weit weg, aber in Gemeinschaft mit ihrem Mann Friedrich und ihrem Sohn Emil.
Ein großartiges Buch. Bitte lassen Sie sich nicht von der langen Inhaltsangabe verwirren. Es ist ein schmales Buch, bei der die Sprache uns durch die Geschichten trägt, wie wenn sie „Zugvögel unter der Haut“ hätte.
Mein Tipp für den Bachmann Preis und die Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Leseprobe

Dienstag, 18.Februar

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Petra Elsner
(16.Februar 2020)

Abgenutzt von kalten Kriegen
stiehlt mein Herz sich leis davon.
Watet durch die dichten Nebel
zu der eigenen Mission.
Ohne Halt und Anker
schifft es durch die Zeit.
Schlägt in aller Stille
eine Ewigkeit.

www.schorfheidewald.de
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Kübra Gümüsay: „Sprache und Sein“
Hanser Verlag 18,00

 „Ein beeindruckendes Buch, poetisch und politisch zugleich.“ Margarete Stokowski

Kübra Gümüsay schreibt in ihrem ersten Buch über Sprache, über Wörter, die es nur in den bestimmten Sprachen gibt und unübersetztbar sind. Sie schreibt, wie sie deutsch schreibt und türkisch denkt. Und andersherum.
Danach wird ihr Buch aktuell politisch. Sie schreibt über Rassismus in der Gesellschaft und in der Sprache. Was es mit uns macht, wenn wir rassistische Formulierungen übernehmen. Wie sich unsere Gesellschaft sich verändert, wenn wir Sätze der AfD  in die Alltagssprache einfließen lassen. Sie schreibt über das Phänom, dass einzelne Menschen nicht mehr sichtbar sind, wenn sie unter einem Sammelbegriff verschwinden: die Türken, die Flüchtlinge, die Asylanten. Sprache sollte Menschen nicht auf Kategorien reduzieren, schreibt Kübra Gümüsay. Sie plädiert für eine Gleichberechtigung auf Augenhöhe. Doch dies scheint immer schwieriger zu werden in einer Zeit der hasserfüllten Reden und Diskussionen.

Leseprobe

Von der Hanser Website:
5 Fragen an Kübra Gümüsay

Liebe Kübra Gümüsay, Sie schreiben in Ihrem Buch von der Macht der Sprache und davon, wie diese unsere Wahrnehmung prägt. Wie hat die Tatsache, dass Sie verschiedene Sprachen sprechen, Ihre eigene Wahrnehmung beeinflusst?
Wie viele andere, die mehrsprachig aufwachsen, erkannte ich irgendwann, wie ich mich in den unterschiedlichen Sprachen jeweils anders fühlte – und für Gefühle einen Ausdruck fand, für die ich in anderen Sprachen um Worte rang. Jede dieser Sprachen – in meinem Fall sind es Deutsch, Türkisch und Englisch – erfasste für mich eine andere Facette der Realität. So wurde für mich nahezu physisch spürbar, wie sehr Sprache uns die Welt eröffnen kann – aber auch wie begrenzt und einengend sie sein kann.

Mit Sprache und Sein legen Sie ein sehr persönliches Buch vor. Als Individuum sprechen zu können und gehört zu werden, ist ein Privileg, wie Sie schreiben. Was genau bedeutet das?
Zum Menschsein gehört es dazu, Fehler zu machen, Makel zu haben, komplex zu sein, wechselhaft, veränderlich, wachsend, im ständigen Prozess, im Werden. Dieser Facettenreichtum macht uns zu Individuen. Wem aber werden diese Eigenschaften, dieser Facettenreichtum zugestanden? Wem nicht? Die individuellen Fehltritte oder Makel welcher Menschen erheben wir zu einem kollektiven Fehltritt? Wer darf als Individuum, für sich, sprechen, wer muss als Vertretende eines Kollektivs, für seinesgleichen, sprechen? Das zeigt uns: Individualität ist gegenwärtig ein Privileg, das nicht alle Menschen in unserer Gesellschaft genießen. Daran müssen wir langfristig arbeiten.

Sprache vermag vieles auszudrücken und doch birgt sie besonders im öffentlichen Diskurs die Gefahr, komplexe Sachverhalte und Zugehörigkeiten zu reduzieren und zu vereinfachen. Welche Möglichkeiten sehen Sie, dass Sprache gesellschaftliche Vielfalt und unterschiedliche Lebensrealitäten nicht nur mitdenkt, sondern auch mitspricht?
Sprache ist ständig im Wandel. Sie wird stets von den gesellschaftlichen Verhältnissen, den Hierarchien und Hegemonien geprägt und beeinflusst. Wer ist die dominante Gruppe, die in einer Gesellschaft die sprachliche Hegemonie besitzt – also schreibt, publiziert, und damit Sprache nachhaltig verändert? Durch wessen Augen schauen wir auf die Welt, wenn wir sprechen? Wenn wir anfangen, uns Fragen dieser Art zu stellen, wird uns bewusst, wie begrenzt und einseitig der öffentliche Diskurs ist. Und wie wichtig und elementar unsere Pluralität ist, um der Beschreibung der Realität näher zu kommen. Ich denke deshalb: Ein Schlüssel, um unterschiedliche Lebensrealitäten zur Sprache kommen zu lassen, ist die eigene Lebensrealität und Sicht auf die Welt nicht zur universellen zu erklären und anderen überzustülpen. Es braucht also etwas mehr Demut in denjenigen hegemonialen Systemen und Strukturen, die uns die Welt erklären – beispielsweise im Journalismus, in Film und Fernsehen.

In Zeiten sprachlicher Entgrenzung, rechter Gewalt und offenen Hasses fällt es schwer, an die verändernde und befreiende Kraft der Sprache zu glauben. Welche Begegnungen und Erfahrungen machen Ihnen Hoffnung, dass ein anderes Sprechen und Miteinander möglich ist?
Sich nicht an die gegenwärtigen Umstände zu gewöhnen, ist die Voraussetzung für Hoffnung. Ich weigere mich, mich an Gewalt, Unterdrückung, Hass, Hetze oder Häme zu gewöhnen – um dagegen hoffen zu können, wie es der Rabbi Abraham Joshua Heschel einst beschrieb. Ich habe erlebt, wie ein Mann, der mir eine Morddrohung schickte, sich wenige Monate später dafür bei mir entschuldigte. Weil er einen Text von mir gelesen hatte und sich darin wiederfand. Menschen sind veränderlich. Ich halte unsere Gesellschaft für absolut imstande, kritische und konstruktive Diskurse zu führen, die uns voranbringen. Dafür müssen wir das aber vorleben. Doch genau daran – an öffentlichen Räumen für kritisches Denken und konstruktiven Diskurs – mangelt es eklatant.

Sie engagieren sich seit Jahren auf unterschiedliche Weise für ein offenes und tolerantes Miteinander – angesichts der gegenwärtigen Zustände eine ermüdende Tätigkeit. Woher haben Sie die Energie für Ihr Buch genommen?
Interessanterweise war es genau diese Ermüdung, aus der ich Energie schöpfte. Das Gefühl der Sprachlosigkeit, der Enge und das Bewusstsein, dass es so nicht weitergehen kann. Ich wollte mit meinem Engagement nicht mehr nur Löcher eines destruktiven Systems stopfen, sondern so weit graben, bis ich auf eine Architektur stoßen würde, an der es sich lohnen könnte zu arbeiten. Sodass ich an einer der vielen Ursachen dieser destruktiven Diskurskultur arbeiten kann, statt mit meinem Engagement diese Destruktivität aufrecht zu erhalten. Für mich war eine dieser Architekturen unsere Sprache.