Detlef Surreys Sonntagsskizzen

Dreiländereck – Berlin Treptow / Neukölln / Kreuzberg

Genau hier über den Lohmühlenplatz verlief die Berliner Mauer und trennte die verbliebenen Häuser links (Bezirk Treptow, Ost-Berlin, DDR) von den im Westteil der Stadt gelegenen Häusern in Neukölln (West-Berlin) und der durch die Mauer sinnlos gewordenen Lohmühlenbrücke über den Neuköllner Schiffahrtskanal.

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https://surrey-skizzenblog.blogspot.com/2019/03/dreilandereck-berlin-treptow-neukolln.html

Freitag, 15.März

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Heute haben
Paul Heyse * 1830
Elisabeth Plessen * 1944
Franz Schuh * 1947
Kurt Drawert * 1956
Geburtstag
und auch Zarah Leander.
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Paul Heyse
Vorfrühling

Stürme brausten über Nacht,
und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht,
schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.

Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton
dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon
die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streif–
Zweifelnd frag‘ ich mein Gemüte:
Ist’s ein später Winterreif
oder erste Schlehenblüte?
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Chuck Groenink, Linda Ashman: „Hopp! Hopp! Aufgewacht, die Sonne lacht!“
ars edition € 12,99
Bilderbuch mit dicker Pappe, ab 3 Jahren

Ja, so geht es mir auch. Nicht ganz. Winterschlaf hatte ich keinen, aber aus dem Bett komme ich trotzdem schlecht.
Till geht es mit seinen Tieren im Bett ganz ähnlich. Eine Torte soll gebacken werden und das Haus ausgefegt, weil sich Gäste angekündigt haben. Verschlafen und recht widerwillig öffnet einer nach dem anderen die Augen und kippt dann auch wieder um. Ob das zu einem glücklichen Ende führen kann, zumal der Waschbär gar nicht in die Pötte kommt?
Alles in Reimen geschrieben und somit auch bestens geeignet für die Kleinen, die morgens früh wach sind und abends nicht ins Bett wollen.

Donnerstag, 14.März

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Heute haben
Peter Paul Zahl * 1944
Jochen Schimmang * 1948
Christian Ditfurth * 1953
Geburtstag
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Theodor Fontane
Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
in grünem Knospenschuh.
»Er kam, er kam ja immer noch«,
die Bäume nicken sich’s zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
nun treiben sie Schuß auf Schuß;
im Garten der alte Apfelbaum
er sträubt sich, aber er muß.

Wohl zögert auch das alte Herz
und atmet noch nicht frei,
es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
und März ist noch nicht Mai.«

O schüttle ab den schweren Traum
und die lange Winterruh‘,
es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch du!
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Sarah Wiltschek empfiehlt:

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Virginie Despentes: „Vernont Subutex 2“
Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz
Kiwi Taschenbuch € 12,00

Ganz unten angekommen in der Gesellschaft bedeutet gleichzeitig völlige Freiheit. Frei von allen Zwängen, Mietverträgen, Geld, Anerkennung. Virginie Despentes´ tragischer Held Vernont Subutex landet am Ende des ersten Bandes auf der Straße und findet sich im Laufe des zweiten dort immer besser zurecht. Vor allem findet er Freunde. Neue auf der Straße und die alten, die wieder zu ihm zurückkommen und sich um ihn scharen, wie um einen neuzeitlichen Guru. Der ganze Druck von Arbeits- und Beziehungswelt fällt von ihnen ab. Sie können einfach sein, wie sie sind, ohne darüber nach zu denken, wie sie sein sollten.
Der erste, der den Kontakt zu Vernont sucht, ist Xavier, ein gescheiterter Drehbuchautor, der sich von seiner Frau aushalten lässt und sich weiter Erfolg vorgaukelt. Der Moment ist denkbar ungünstig. Vernont, Xavier und die obdachlosen Olga werden von einer Gruppe Rechtsextremer angegriffen. Xavier hat Glück im Unglück und erwacht geläutert aus dem Koma. Von da an verbringt er seine Zeit mit Vernont, tagsüber im Park und abends in der Bar, in der Vernont auflegt. Vernont bringt sie alle zum tanzen. Auch ungepflegt und ungewaschen. Am Ende sogar Loic, der Xavier verprügelt hat. Vernont setzt etwas in Bewegung, das in allen schlummert. Es brodelt. Es ist vor allem das Gefühl, keinen rechten Platz zu haben in dieser neuen Pariser Gesellschaft, in der nur die Reichen und die Harten eine Chance haben und in der jeder für sich allein kämpft.
Doch es kommt Bewegung in die Sache. Die mysteriösen Videoaufnahmen, die der berühmte Sänger Alexander Bleach kurz vor seinem Tod aufgenommen hat, tauchen auf. Beweismaterial gegen den skrupellosen Produzenten Dopalet, der mindestens ein Menschenleben auf dem Gewissen hat.
Die alten Freunde rücken enger zusammen, rächen sich an den Ungerechtigkeiten der Mächtigen und formieren ein solidarisches Wir. Schließlich brechen sie auf und lassen die Stadt und alle gesellschaftlichen Verpflichtungen hinter sich. Auf der Suche nach einem anderen, einem besseren Leben.
Es ist v.a. die Angst, die alle fest im Griff hat. Angst um ihre Beziehungen, Angst um Freundschaft, Angst um den Arbeitsplatz, Angst ums Geld.
Daraufhin schließt sich Aicha einer Gruppe junger Aktivistinnen an, um sich an den Männern im Allgemeinen und an Dopalet im Speziellen zu rächen. Bis sie irgendwann zu weit geht und untertauchen muss.

Virginie Despentes, geboren 1969, wurde bereits mit ihrem Debütroman ‚Baise-moi – Fick mich‘ (2002), den sie später auch verfilmt hat, einem großen Publikum bekannt. Seither hat sie mehrere Romane veröffentlicht. Für ‚Apocalypse Baby‘ erhielt sie 2010 den renommierten Prix Renaudot, ihr Roman ‚Vernon Subutex‘ wurde u.a. mit dem Prix Anaïs Nin ausgezeichnet. Seit Erscheinen der Subutex-Trilogie zählt sie zu den wichtigsten Schriftstellerinnen Frankreichs und wurde im Januar 2016 in die Académie Goncourt gewählt.

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