Mittwoch, 3.März

Heute haben
Gudrun Pausewang * 1928
Josef Winkler * 1953
Nicholas Shakespeare * 1957
Isabel Abedi * 1967
Geburtstag.
Aber auch Jan Garbarek, Miriam Makeba, Antonio Vivaldi und Gesine Cresspahl.
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Winfried Hermann Bauer
Der Panther

angelehnt an das Gedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke

Ihm ist, als ginge er im Geist zurück
nur die Erinnerung hält
Als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt

Das Hin und Her trübt seinen Blick
gequält, betäubt, ins Licht gerückt
Zuckt er und bebt und lauscht gespannt
Eigensinnig, stur, in sich verrannt

Spürt er noch immer seine Kraft
Und mit geschmeidig starkem Schritte
Dreht er sich und tanzt um jene Mitte
Die ein großer Wille schafft
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Neue Sachbücher und Romane frisch ausgepackt:

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Jaroslav Rudiš, Nicolas Mahler: „Nachtgestalten
Luchterhand Verlag € 18,00

© APA Jaroslav Rudis und Nicolas Mahler

Da haben sich zwei gefunden. Da hält vor Jahren Jaroslav Rudiš eine Laudatio auf Nicolas Mahler, als dieser den Preis der Literaturhäuder bekommt und Jahre später revanchiert sich Mahler und laudiert Rudiš, der den gleichen Preis bekommt. Jetzt ist ihr erstes gemeinsames Werk herausbekommen und ich bin begeistert. Großartig, wie die beiden Figuren mit ihren großen Nasen (wir kennen die Nasen schon aus der Thomas Bernhard Biographie von Nicolas Mahler, die hier auf dem Blog vor ein paar Wochen vorgestellt worden ist) durch das nächtliche Prag flanieren und reden und reden und Bier trinken und reden und Bier trinken und: Es wird auch viel geschwiegen. Nur der Mond beleuchtet die Nachtszenen und begleitet mit uns die Beiden.
Beim Lesen und Anschauen dieser Graphic Novel bekam ich Lust auf ein golden leuchtendes tschechisches Bier. Das hätte zum vollkommenen Leseglück noch gefehlt.

Leseprobe

Nicht verpassen:
Am Montag, den 15.März um 19.30 Uhr können Sie virtuell und online dabei sein, wenn „im“
Literaturhaus Stuttgart Andreas Platthaus ein Gespräch mit den Beiden moderiert.
Karten gibt es für € 5,00 hier:  https://stream.reservix.io/e1651403/
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Derzeit im Stadthaus-Fenster in Ulm:

The Road to Ulm
Auf dem Weg von Ucross zur Geisterstadt Ulm, Wyoming
Fotografiert von Laurie Schwartz


Laurie Schwartz und die Geisterstadt Ulm, Wyoming Amerika um 1900. Im unberührten Clear Creek Valley hält der technische Fortschritt Einzug, die Eisenbahn wird verlegt. In der Weite des Westens sprießt ein Städtchen namens Ulm wie aus dem Nichts aus dem Boden. Das war die Boom-Periode von Sheridan County; Menschen kamen zuhauf, und sie gingen bald wieder – bis zum heutigen Tage. Geblieben sind knapp 2500 Bewohner, vier pro Quadratkilometer. In Ulm weht nur noch der Wind durch die Straßen, schon seit den 1960er Jahren wohnt hier niemand mehr. Ulm war der Musikerin und Komponistin Laurie Schwartz ein Begriff, das schwäbische Ulm. 2018 hatte sie hier im Stadthaus beim Festival neue Musik mitgewirkt. Das Geister-Ulm entdeckte sie bei Ucross am Fuß der Bighorn Montains, wo sie Gast war eines Künstlertreffpunkts. Mit ihrer Kamera zog sie los und fotografierte, was sie in Ulm, Wyoming, fand: Endlos erscheinende Straßen, weite Landschaften, verlassene Holzhäuser, Wegweiser in the Middle of Nowhere, verstreute Viehherden – und Überwachungskameras, damit in der Weite sich verirrende Seelen gefunden werden können. Laurie Schwartz, geboren in Northampton, Massachusetts (USA), lebt seit Anfang der 1980er Jahre in Berlin mit Zwischenstation in Italien. Ihre Werke umfassen Field Recordings, Interviews, gesprochene Texte, Gestik, Choreografien und Video in den Kompositionen, oft in Kombination mit elektronisch verstärkten Stimmen und/oder Instrumenten.

Karla Nieraad

     

Dienstag, 2.März

Heute haben
Sholem Alejchem * 1859
Tom Wolfe * 1931
John Irving * 1942
Geburtstag
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Winfried Hermann Bauer
Gestern noch

Gestern noch
Stand die Friedhofsmauer starr und stolz
Und schied
Unter den Klängen der Kirchenglocken
Wie gewohnt
Die Welt der Lebenden
Von den Toten

Gestern glich
Auch der Fluss im Tal noch
Einer silberglänzenden Schlange
Die sich in ihrem Bett räkelte
Und mich mit schmeichelnden Worten
Glucksend
In den Schlaf raunte

Heute jedoch
Geht ein Tosen durch die Welt
Die Schlange bäumt sich
Reißt zischend und fauchend
Mannsgroße Stücke aus den Ufern
Während sie sich vorwärts stürzt
Gen Osten

Und in der Friedhofsmauer
Klafft ein gewaltiger Riss
Wie ein weit aufgesperrtes Maul
das an der kleinen Blume würgt
Die das Leben wagt
Und unverhofft
In diesem Schlund erblüht
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Unser Tipp:


Barry Kosky: „On Ecstasy
Aus dem Englischen von Ulrich Lenz
Theater der Zeit € 15,00

Vorwort

Ekstase
gesteigerte Freude oder Vergnügen

ein emotionaler Zustand von solcher Intensität,
dass der Mensch seiner Vernunft und Selbst-
kontrolle beraubt ist

mit mystischer oder prophetischer Begeisterung
in Verbindung stehendes Gefühl von Trance,
Rausch oder Verzückung

vom kirchenlateinischen ecstasis entlehnt, das
auf griechisch ἔκστασις(ékstasis)„Außersich-
geraten, Verzückung“ zurückgeht, von ἐξ-ίστασθαι
(ex-hístasthai)
„aus sich heraustreten, außer sich
sein“

Es ist nicht notwendig, dass du aus dem Haus gehst.
Bleib bei deinem Tisch und horche. Horche nicht
einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still
und allein. Anbieten wird sich dir die Welt zur
Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie
sich vor dir winden. Franz Kafka

Auf diese Lektüre wäre ich ja nie gestoßen, hätte mich nicht der Verlagsvertreter Rudi Deuble darauf aufmerksam gemacht . Danke dafür.
Barrie Kosky ist mittlerweile Intendant der Komischen Oper in Berlin und blickt zurück in seine Kindheit und Jugend. Wo und wann überkamen ihn ekstatische Gefühle? Wann gab es diese Momente? Dies erzählt er so nah, dass ich die Situationen förmlich riechen und schmecken konnte. Die weltbeste Hühnersuppe seiner Großmutter etwa. Da läuft mir als Vegetarier sogar das Wasser im Mund zusammen. Die rauschhaften Stunden im Plezlager seines Vaters in Melbourne. Seine erotischen Assoziationen während des Vorspanns einer Kinder Fernsehserie und natürlich Theater, Oper, Musik. Seine Beschreibungen, seine Gefühle beim ersten Mal Hören einer Arie aus Madama Butterfly und der 1.Sinfonie von Gustav Mahler, waren so intensiv und schön, dass ich mir parallel dazu Mahlers Sinfonie angehört habe. Zum Schluss noch Tristan und der Fliegende Holländer von Wagner, die für ihn schon fast überirdisch sind. Wahrscheinlich auch der Grund, warum er den Ring in Hannover komplett inszeniert hat.
Dies alles geschrieben aus der Sicht eines gestandenen Theatermenschen. Herrlich.

Biografisches gefunden auf der Verlagshomepage:

Barrie Kosky wurde 1967 in Melbourne geboren und lebt heute in Berlin. Nach einer Ausbildung in Klavier und Musikgeschichte an der Universität Melbourne wandte er sich der Theater- und Opernregie zu. Von 1990 bis 1997 war er künstlerischer Leiter der Gilgul Theatre Company in Melborne, 1996 war er Künstlerischer Leiter des Adelaide Festivals, von 2001 bis 2005 Co-Direktor des Wiener Schauspielhauses, seit 2012 ist er Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin.
Engagements als Opernregisseur führten Barrie Kosky unter anderem an die Bayerische Staatsoper München, an das Royal Opera House in London, zum Glyndebourne Festival, an die Oper Frankfurt, die Dutch National Opera und an das Opernhaus Zürich. 2017 debütierte er mit Die Meistersinger von Nürnberg erfolgreich bei den Bayreuther Festspielen. 2019 erfolgte mit Orphée aux enfers sein gefeiertes Debüt bei den Salzburger Festspielen. Seine Inszenierungen wurden außerdem am Teatro Real Madrid, an der Wiener Staatsoper, Opéra de Dijon, Los Angeles Opera, English National Opera in London, Australian Opera Sydney, Oper Graz, Staatsoper Hannover, am Theater Basel, Aalto Theater Essen, Deutschen Theater Berlin, Schauspiel Frankfurt sowie am Berliner Ensemble gezeigt.

Mittwoch, 13.Januar

Lock-Down II

Schon seit Wochen ist es still,
das Virus es so will.
Weil Politiker es wollen,
dass wir brav daheim sein sollen.

Um die Zahlen rasch zu senken,
tat der Staat mal wieder lenken
und verbot gar viele Dinge,
deren G’fahr wohl war geringe.

Die Kultur wurd‘ lahmgelegt,
was die Zahlen nicht bewegt.
Hudriwudrihopsasa,
schon sind neue Regeln da.

Und all die, die nachgedacht,
wurden einfach zugemacht.
Puff, Theater, Muckibude,
alles gleich, staunt selbst der Lude.

Heute hü und morgen hott,
Hauptsache, es geht recht flott.
Was dabei bleibt auf den Strecken,
lässt sich später auch noch checken.

Dass Kultur ein Lebens-Gut,
jeder Dödel sagen tut,
wenn er steht im Rampenlicht.
Aber glauben tut er’s nicht.

Darum auf, mit Konsequenz
stärkt die eig’ne Resilienz.
Singet, schreibet, musiziert,
dass die Kunst bleibt animiert!

© Thomas Dietrich
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Gestern frisch ausgepackt:


Maxim Leo: „Wo wir zu Hause sind
Kiepenheuer&Witsch Verlag € 12,00

Ein großartiger Roman, jetzt als Taschenbuch.
Maxim Leo erzählt die Geschichte seiner jüdischen Familie, die in Berlin gelebt hat, von dort geflüchtet ist und auf der ganzen Welt verstreut lebt.
Auf die Idee, an Hand von drei Frauenbiografien diese Geschichte zu erzählen, kam ihm, als sein israelischer Neffe nach Berlin ziehen und dort studieren will. Genau in diese Stadt, aus der in den 30er Jahren die Familie geflohen ist.
Stark erzählt und sehr versöhnlich, in einem flotten Ton geschrieben.