Buchtipp: Lavie Tidhar mit „Adama“ und „Maror“ – thrilling Israel, damals wie heute

Von Sebastian Lehmann

Wer die plakative „Thriller“-Ankündigung ganz oben auf diesen beiden Buch-Covern – Adama, Suhrkamp, € 22 und Maror, Suhrkamp, € 14 – als literarische Einordnung missversteht: irrt gewaltig.

Diese beiden absolut großartigen Romane vom englischsprachigen, aber eigentlich israelischen Schriftsteller Lavie Tidhar benutzen das Genre des Thrillers nur für einen literarischen Trick: Geschichte und Gegenwart des historischen und modernen Israels lassen sich einfach nicht ohne eine plakative Schilderung von Gewalt und Gegengewalt, Verbrechen und Verbrechensbekämpfung, Ungerechtigkeit und Kampf um Gerechtigkeit, Moral und Freiheit versus Unmoral, Korruption (Netanjahu!), Repression und Unfreiheit auf allen menschlichen Ebenen erklären.

Welches literarische Genre könnte so etwas besser als der klassische Thriller? In Tidhars Romanen (der sein Land und dessen innere Verfasstheit gar nicht schlecht machen, sondern nur davon erzählen will) geht es weniger um die großen globalen Linien („Israel im Nahostkonflikt“), obwohl die nicht ignoriert werden. Es geht um die innere Verfasstheit der Gesellschaft des Landes, den Abgleich zwischen Sein und Schein: Kibbuzim (Friedensprojekte!), Freiheitskampf oder Terrorismus, israelische Mafia, arabische Mafia, korrupte Polizisten, überforderte Staatsanwälte, eine zersplitterte Gesellschaft wie Gemeinschaft, die dennoch immer wieder Hoffnung und Zuversicht in sich trägt. Auf Kosten der anderen? Kann sein. Oder musste sein. Oder auch nicht. Auf jeden Fall: Man versteht dieses Land und die Region, diese gemischte Gesellschaft, die Nachbarn, die Feinde und Freunde, die Nahost-Menschen und die dort offenbar überall vorherrschende Paranoia und alle Traumata danach besser. Und wird zudem sprachlich wie inhaltlich bestens unterhalten und informiert. Literarischer Thriller halt :-).