Freitag, 15.Juli


Heute haben
Walter Benjamin * 1892
Iris Murdoch * 1930
Jacques Derrida * 1930
Doris Runge * 1943
Geburtstag
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Winfried Hermann Bauer
Wohin wir gehen

Aufbrechen
Immer wieder
Blassgrün
Orientierung suchen
Ausgreifen
Kraft schöpfen
Baumstark eingreifen
Hinübergreifen
Im Wechselspiel
Gen Himmel
Sternenwärts
Stürzen
Innehalten
Begegnen
Begreifen vielleicht
Mit allen Wunden
Mit allen Widrigkeiten
Werdendes Grün
Beschützen
Vor dem Loslassen
Vor dem Fallen
In die Hände der Mutter
In Vaters Geist
Nach Hause
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Unser Taschenbuchtipp:


Ling Ma: „New York Ghost
Das amerikanische Original: Severance € 18,90
Aus dem Amerikanischen von Zoë Beck
Unionsverlag € 15,00

Siegerbuch beim Hotlist-Wettbewerb 2021.
Somit das Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen.

Ausgezeichnet mit dem Whiting Award * Young Lions Fiction Award * Kirkus Prize * Cabell First Novelist Award * Friends of American Writers Prize * Auf der Shortlist des PEN Award for Debut Novel.

Candace Chen lebt und arbeitet in New York City. Ihre Eltern sind dortin ausgewandert und haben sie später nachgeholt. Ihren Unterhalt verdient sie mit der Organisation von speziellen Bibelausgaben, die wiederum in China hergestellt werden. Durch die Globalisierung (u.a. auch der Vertrieb dieser Bibeln) bricht ein tödlicher Pilzsporenvirus aus und infiziert Menschen rund um den Erdball. New York wird immer leerer. Candance zieht los und fotografiert für ihren anonymen Blog „NY Ghost“ die menschenleere Stadt und flieht letztendlich mit einer Gruppe Überlebender an einen „sicheren“ Ort.
Das, in Kürze die Handlung des 2018 erschienen Romans, bei der sich die Zeitebenen abwechseln.
Ling Ma ist ein kleines, großes Kunstwerk gelungen. Sie hat einen Migrationsroman, einen über junge Menschen in New York, eine Kritik an unserem perversen Konsumverhalten, ein Roadmovie mit Zombieeinlagen, einen über eine Pandemie geschrieben und dies noch zusätzlich verknüpft mit einer Hommage an das Zwischenmenschliche, ohne das ein Überleben nicht möglich ist. Und dies alles ist so schnell, frech, bitter, böse und liebenswert erzählt.
Kein Wunder also, dass der Roman so viele Ehrungen erhalten hat und jetzt auch in Deutschland ausgezeichnet worden ist.

Ling Ma wurde in China geboren, wuchs in den USA auf und lebt in Chicago. Ihr Debütroman »New York Ghost« (Severance, 2018) gewann zahlreiche Preise (u. a. den mit 50.000 Dollar dotierten Whiting Award, den Young Lions Fiction Award und den Kirkus Prize), stand auf der Shortlist des PEN/Hemingway Award for Debut Novel und auf diversen Bestenlisten.
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Hardy on Tour
Tag 49

78 km von Faversham über Canterbury nach Kingsdown

Der Abstecher nach Canterbury hat sich, was die Felge anbelangt, nicht gelohnt. Weiterhelfen konnte mir da niemand. Ausgebucht, kein Monteur, Corona Aber da das Hinterrad trotz fehlender Speiche recht rund lief, hat mich das nicht allzusehr bekümmert und ich hab mir ein bisschen die Stadt angeschaut und gemütlich Kaffeepause dort gemacht.
Bei bestem Radelwetter strampelte ich dann weiter zur Küste. Ich wollte ja einfach an meinem letzten Tag auf der Insel nochmal ausgiebig das Meer erleben und das hab ich dann auch einfach gemacht. War schwimmen in Sandwich Bay und am Strand von Kingsdown.
Das Wasser hat mittlerweile eine fast angenehme Temperatur und man kann es eine gute Weile drin richtig genießen und in den sanften Wellen sich treiben lassen. Nur immer auf die Unterströmung achten, man wird doch gleich ein gutes Stück abgetrieben. Alles also perfekt. Nun ja, die Speichen sorgen nach wie vor dafür, daß ich nicht ganz so unbekümmert durch den Tag komme. Kurz vorm Campingplatz ist die nächste (Nr.10 inzwischen) krachend gebrochen und seither hat das Hinterrad einen mächtigen Schlag. Ich selber kann nix mehr reparieren, da mir das passende Werkzeug fehlt, um den Zahnkranz abzuziehen. So hoffe ich nun einfach die 15 km morgen früh bis zur Fähre vollends zu schaffen, um dann in Dünkirchen, wo es einige Radläden gibt, mein Glück zu versuchen. Bleibe einfach mal optimistisch, auch die letzten bleibenden gut 1000 km radelnd zurücklegen zu dürfen.

Donnerstag, 14.Juli


Heute haben
Irving Stone * 1903
Issac B.Singer * 1904
Natalia Ginzburg * 1916
Polina Daschkowa * 1960
Geburtstag
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Auf einer Veranstaltung, im Rahmen der Lyrikwoche in Ulm, drücke mir jemand ein schmales Buch in die Hand. Ich solle einfach mal reinschauen. Dieser Jemand ist Milan Gonzales, deutscher Journalist, Dichter, Fotograf, Filmemacher mit bolivianischen Wurzeln, der seine neuesten Gedichte unter dem Titel „Sieben“ veröffentlicht hat.
Mal zärtlich intim, mal kritisch mit sich und der ganzen Welt, kämpferisch und genauhinschauend, zeigt der Autor verschiedene Facetten unserer Welt und unserem Zusammenleben.
Die folgenden Gedichte und Illustrationen hat er mir für den Blog zugeschickt.


Milan M.A.Gonzales: „Sieben“
Gedichte
Illustrationen von Alex Subkoff
herbst Verlag € 20,00

Das Lant*
*vom Protogermanischen: hlanda ̧

Es heißt der Rhein, die Zugspitze,
weil ein Mann wie ein Berg
den Äther erreichen kann,
vom Bodensee bis Kleve,
es heißt mein Lant.

Das Grundgesetz regiert uns,
über diesem steht nur der Himmel
und die Macht des Herrn.

Gegen den Hass unsere Waffe ist die Hoffnung.
Um unser Lant zu verteidigen
brauchen wir Mühe,
Engagement und Loyalität.

Wir haben zwei Weltkriege inszeniert,
verloren und dadurch eine neue
Bewusstheit erlangt.

Wir existieren,
wir haben eine Struktur,
eine Form, ein Ziel,
ein neues Konstrukt ist entstanden.

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Der Bäcker

Zwei Drittel der Stadt schlafen,
auf der Straße tanzen Fuchs und Kaninchen,
das andere Drittel gleichmäßig
verteilt zwischen Puffs, Insomnia und Tankstellen.

Im Süden verdaut ein Dorf
die Träume seiner Mitbewohner,
im Norden übergibt sich die Stadt
auf die Psyche der Millennials mit Burnout und Cuts.
Ein paar Süchtige spielen noch online,
woanders suchen Zuschauer
etwas im Leben der Anderen,
Asoziale Medien für die Vampire
Stoff für die Tratschtanten und Demagogen.

Stamsried ist nicht Berlin, Gott sei Dank!
Doch ab 4 Uhr morgens sind beide eins,
auf dem Hügel wie auf meiner Straße
bringt ein Bäcker das Licht mit.

Moment mal!
Heißer Dampf kommt aus der Bäckerei.

Manchmal lohnt sich
nur eine Bushaltstelle in dem ganzen Dorf
anstatt der Dekadenz der Metropole.

Hauptsache beide backen
das Abendbrot des Volkes.
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Der Garten

Strahl von stillen Kometen,
eine Sekunde Dämmerung und Niemandsland.
Ist der Fleischfresser in die Tiefe gegangen?

Wenn die Seele sprechen muss,
bleibt die Ruhe des Windes,
das Abendbrot des Kindes.

Ist die Sehnsucht und das Feld
der Abgrund des Grünen?

Ist das Fenster eine Tür
und der Garten ein Wald?
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Etwas Neues

Wir lassen es darauf ankommen

Es sind die Kleinigkeiten
Die Kindheit erzählen
Mit einem Freund strahlen
Eine Neuigkeit mitteilen Die Wahrheit sagen
Langsam sprechen
Langsam hören
Langsam schreiben
Langsam lieben
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Vor dem Einschlafen

Ich bohre ein Loch in die Erde,
immer tiefer und tiefer,

Schnurgerade durch den Erdball,
und komme auf der anderen Seite wieder heraus.

Ob da wohl auch ein Haus steht und auch einer,
der im Bett liegt und bohrt,
irgendwo treffen wir uns,

hoffe ich doch.
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Hardy on Tour
Tag 48

110 km von Brentford über Greenwich, Dantford und Rochester nach Faversham

Da lagen heut morgen, als ich aufgewacht bin, doch tatsächlich einige meiner Sachen, die im Außenzelt platziert waren, wild verstreut auf der Wiese. Auch die Einlegesohlen der Radschuhe. Ich hatte anscheinend – tierischen???- Besuch heute Nacht und hab nix davon mitbekommen. Das nennt man dann wohl einen gesunden Schlaf.
Heut bin ich sicherlich 60 Kilometer nur durch Städte und Vorstädte geradelt und hab ordentlich Ruß und Bremsgummi und was weiß ich sonst noch alles geschluckt und dies bei ordentlich warmen Schwitzwetter. Zeitweise ging es wieder neben der Autobahn entlang und dann gab es noch diesen unendlich langen Stau am späten Nachmittag, wo gar nix mehr ging. Es sei dann man hatte ein Fahrrad. Die Autofahrer taten mir echt leid. War wohl ein Unfall, der da zum völligen Verkehrskollaps führte und sämtliche Straßen kilometerweit blockierte.
The never ending Story schrieb heut auch eine einfach nur nervige Fortsetzung:
Kaum aus London raus, brach mal wieder ne Speiche und sämtliche Radläden auf der Strecke sahen sich außerstande, diese heut noch zu reparien oder mir ne andere Felge zu verpassen. Jetzt radle ich halt mit einer Speiche weniger und hoffe voll und ganz auf Canterbury morgen und die Radmechaniker dort!
Schön dagegen war meine Pause in dem netten Cafe in Rochester mit leckerem Apple-Pie und das feine Brot vom Vortag bekam ich, inklusive netter Plauderei, sogar geschenkt von der symphatischen Verkäuferin, die vor 12 Jahren vom Plattensee mit ihrer Familie nach England umsiedelte.
Und ganz überraschend entdeckte ich dann doch tatsächlich am frühen Abend noch eine Obstplantage mit mega leckeren, dicken Kirschen und konnte mich dort so richtig sattessen. Dass ich das in diesem Sommer noch erleben darf. Es hatte was Paradiesisches.
Emotionales Highlight war dann definitiv der Besuch bei der Old Bunce Court School und bei Fam. Miller, die dort nun seit 35 Jahren leben.
Anna Essinger leitete diese so besondere Schule. Sie floh 1933 mit den Kindern aus Ulm vor den Nazis und fand dort im Destrikt Kent glücklicherweise eine neue Heimat. Dieses Jahr erst ist in England ein Buch über diese Schule und ihre Menschen erschienen.
„The School that Excaped the Nazis“ von Deborah Candbury.
Und diese Buch bekam ich nun von den Millers geschenkt, verbunden mit herzlichen Grüßen an die Menschen rund um Herrlingen.
Es war echt ein sehr bewegender Besuch dort und als Herr Miller die alte Schulglocke ertönen ließ bekam ich Gänsehaut.