Donnerstag, 16.Dezember


Heute haben
Jane Austen * 1775
Rafael Alberti * 1902
Geburtstag
und es ist der Todestag von Selma Meerbaum-Eisinger
(Sie ist 1942 18jährig im Lager Michailowka an Fleckfieber gestorben)
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Selma Meerbaum-Eisinger
Abend I

Der Himmel ist vom hellsten Blau
und weiße Wolken lächeln mit ihm.
Und schlanke Bäume, dunkel oder grün,
sehen dich an und sagen lautlos: schau!

Alles ist eingehüllt in weiche Luft,
die still ist, so als ob sie einem Märchen lausche.
Und alle Vögel horchen wie im Rausche –
man hört nur Duft.

Die weißen Wolken blinken wie der Schnee,
der auf Vergißmeinnicht gefallen ist.
Und ganz so blau liegt auch das weiche Weh,
das sich über die Bäume gießt.

Und – sind die Bäume dunkel oder grün?
Sie wissen es wohl selber nicht genau.
In einem Fenster zittert aus dem Blau
ein Tropfen Rot. Sie blühn.
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Ne ganz kleine Auswahl unserer weihnachtlichen Postkarten


Mittwoch, 15.Dezember

Adventsküken mit Stern von Anke Raum


Winfried Hermann Bauer
Mercurius

Warum will er einfach keine Ruhe geben
Der alte Gauner und Hütchenspieler
Wie oft schon hat er sich
Die Flügel verstaucht
Nachdem er gestürzt war
Immer wieder
Wie ein Mauersegler
Der sich noch dreht und wendet
Der sich noch paart
Im freien Fall
Meisterhaft
Bis ihm die Leidenschaft
zum Verhängnis wird
Und er sich das Genick bricht
Warum kann er es nicht lassen
Gott und die Welt
Herauszufordern
Sich zu plustern
selbstgefällig
Im Glauben an seine Unverletzlichkeit

Und ich frage mich
Ob ihm diesmal die Kurve gelingt
Bevor er aufschlägt?
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Über 800 Seiten beste Unterhaltung:


Jonathan Franzen: „Crossroads
Original € 21,00
Aus dem Amerikanischen von Bettina Babarbanell
Rowohlt Verlag € 28,00

Ein wirklich dicker Brocken und es ist der erste von drei Folgen. Es kommen also noch zwei Romane und ich bin so was von gespannt, wie es weiter geht, da Franzen geniale Cliffhanger eingebaut hat.
Kurz vor Weihnachten vor 50 Jahren, irgendwo im mittleren Westen der USA. Eine Familie mit vier Kindern. Jedes Familienmitglied bekommt jeweils ein eigenes Kapitel und wir merken schon nach wenigen Seiten, dass sich hier Gräben und Verwerfungen auftun. Zwischen den Zeilen lesen wir, dass in der Familie einiges aus dem Ruder läuft.
Franzen hält, wie schon in seinem frühen Roman „Korrekturen“, der us-amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vor. Und das macht er anhand weniger Personen.