Dienstag, 28.September


Heute haben
Prosper Merimée * 1803
Albert Vigoleis Thelen * 1903
Siegfried Unseld * 1924
Donna Leon * 1942
Geburtstag
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Eigentlich wollte ich heute ein anderes Buch vorstellen, aber wenn Vigolais Thelen heute Geburtstag hat, dann muss ich einfach Ihnen dieses Buch präsentieren:


Albert Vigoleis Thelen: „Die Insel des zweiten Gesichts
Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis
Ullstein Verlag € 18,00

Das größte Buch dieses Jahrhunderts.
Die Zeit, Maarten t’Hart

Leseprobe aus 4. Buch, II. Kapitel, 1. Abschnitt)

(Vigoleis hat, um zu Geld zu kommen, den Job eines Fremdenführers angenommen. Auch in den dreißiger Jahren kommen bereits viele deutsche Touristen nach Mallorca. Mangelhafte Kenntnisse der Sehenswürdigkeiten überspielt er mit seiner Beredtsamkeit)

Vor einer anderen Fonda stand händeringend der Wirt und wehrte sich zweier Gäste, die ihm, wie es schien, zu Leibe gehen wollten. Ich trat als Führer dazwischen. Also endlich lasse ein Führer sich sehen! und was das wieder für eine namenlose Schweinerei sei – „bitte, kommen Sie mit!“
Die Fonda war nicht so hochromantisch wie die Taberne zum Schreibenden Cervantes, aber doch auch typisch spanisch, sogar echt mallorquinisch. Drei Dutzend Menschen blickten mir finster entgegen. Raubmord? Vergewaltigung?
„Herr Führer, sind Sie Deutscher?“
„Spanier, aber in Deutschland aufgewachsen.“ „Dann sind Sie ja mit unserer Sprache genügend vertraut, um zu wissen, was ein Saufraß ist. Das hier ist ein Saufraß, das gehört in den Trog.“
Der Sprecher der Rotte zeigte auf seinen Teller, auf dem ein gerösteter Fisch lag, der sich vor Verzweiflung in den Schwanz biss, in der Sprache der feinen Küche: er war gekrollt. Ich kannte die Art, ein fades Essen, nur mit viel Zitrone zu genießen, freilich sehr nahrhaft, hochprozentiger Eiweißträger. Wenn in einer so kleinen Stadt und noch ohne rechtzeitige Anmeldung die Touristen zu Tausenden abgespeist werden mussten, griffen die Köche zu diesem Fisch, der sich in großen Mengen rasch und billig fangen lässt. Der Wirt konnte sich nicht verständlich machen, die Kellner blickten voll Verachtung auf die schimpfenden Fremden, die wie Sträflinge in den Hungerstreik getreten waren. Zu Hause fraß das Hering mit Sauerkraut. Ich musste handeln, heiliger Petrus, stehe deinem Vigoleis bei! Ich klopfte ans Glas und bat um Gehör:
Die Deutschen seien ein großes Volk, ein begabtes Volk, ein kluges Volk. Die Welt, auch wolle sie es nicht eingestehen, verdanke den Deutschen viel. Die Mienen hellten sich auf. Nun konnte ich aus dem blöden Fisch kein Eisbein mit Sauerkraut machen, auch keinen Rollmops, darum schlug ich statt dieser Verwandlung den heroischen Weg ein, der bei Deutschen immer ans Ziel führt. Den alten Germanen, so fuhr ich fort, sei der Fisch heilig gewesen, und die Brukterer am Rhein hätten sogar einen Salm als Wassergottheit verehrt. Zustimmung. Im Weltkriege nun hätten die deutschen U-Boote unter den unvergesslichen Korvettenkapitänen die Weltmeere beherrscht, hätten nicht nur die feindlichen Flotten versenkt oder zu Paaren getrieben, sondern auch die Schwärme der Haifische hätten vor ihnen Reißaus genommen. Kein Gewässer, das vor der deutschen Flagge sicher gewesen. – „Nur im Mittelmeer herrschte der goldene, sonnen-überspiegelte Wasserfrieden. Das witterten die Haie, und durch die Meerenge von Gibraltar zogen sie ins Mare Nostrum ein. So verzeichnet die zoologische Wissenschaft seit den Jahren 1914 bis 1918 als neuen Standort für den Menschenhai das Mittelländische Meer. Meine Damen und Herren, was Sie hier vor sich auf Ihren Tellern haben, ist Hai in einem Alter, wo er den Menschen, denen er seinen Namen verdankt, noch ungefährlich ist. Eine Delikatesse erster Ordnung, in Paris chez Nogarette kostet eine solche Schlemmerei ein Vermögen. Ein Glück übrigens, daß Sie nicht einen Monat später gekommen sind, jetzt ist nämlich Fangzeit, die Insel Ibiza lebt fast ganz vom kleinen Menschenhai. Achten Sie übrigens auf den eigentümlichen Wildgeschmack, und mit einem Tropfen Weißen aus Felanitx geben Sie dem Gericht eine Würze, die selbst den Franzosen unbekannt ist. Soll ich Felanitx bestellen?“
Im Nu waren die Teller leer. Kein Hai hätte so aasen können mit der Kost, wie es die auf den Geschmack gekommenen Sauerkräutler taten. Man rief nach mehr Hai, nach Felanitx und nach Postkarten, und schrieb: „Liebe Tante Trude, wir sitzen hier in einem ganz fabelhaften spanischen Lokal, in Sóller, und Du ahnst ja nicht, was wir soeben gegessen haben: Krollhai mit ganz penetrantem Wildgeschmack. Dabei haben wir an Dich denken müssen und hoffen wir, daß es Dir auch weiterhin gut geht. Unser Führer hat das alles sehr plastisch erklärt und nachher gehen wir noch schwimmen in der Bucht von Sóller, wo bestimmt keine Haifische hinkämen, obwohl dem Führer sein Freund einen Onkel hatte, der von einem solchen Ungeheuer aufgefressen worden ist.“
Der Wirt umarmte mich vor der gierig schlingenden Runde und drückte mir zwei blanke Duros in die Finger. Dann zog er mich in die Küche, ich musste vor dem Personal erzählen, wie ich die Barbaren umgestimmt hätte: ein Wunder am hellen Tag! „Hombre!“ rief er, und das bedeutet Mensch in der höchsten Potenz, „es hätte auch schief gehen können! Ist es denn niemandem schlecht geworden? Aber Haifisch ist tatsächlich ein Leckerbissen, die Flosse steht hoch im Preis.“ Da merkte ich, wie nahe ich wieder einmal am Abgrund dahingewandelt war. Doch hatte mich Petrus, der wunderbare Fischer, an seiner Angelrute über Wasser gehalten. Zum Kotzen übel war es mir nun aber selber geworden. Ich verließ die Pinte zum Gekrollten Hai, auf der Suche nach einem Ort, wo ich ungestört eine Stunde platt liegen könnte. Die Lust am Essen war mir vergangen.
Im Städtchen lärmte das Herrenvolk, man war angeschwipst, teils stark betrunken. Ich verhüllte mein Antlitz. Das benahm sich wie zu Hause, und man war ja auch nur in Spanien. Dass sie vaterländische Lieder sangen, konnte ihnen niemand verargen, obwohl sich unter peitschender Sonne und Palmen das „Blonde Kind am Rhein“ noch ärger anhörte als „Deutschland über alles“. Kinder, wenn ihr doch bliebet, wo ihr hingehört, und dafür zahlt ihr noch 1000 Mark!
Mein Lager fand ich nicht – „Herr Führer!“ und dann ging’s wieder los: „Kommen Sie mal her, man will uns hier beschwindeln, für dieses Ding da sollen wir 3 Peseten bezahlen! Das macht man bei uns für fuffzig Pfennige!“
Ihr Arschlöcher, dachte ich, eben weil es made in Germany ist, kostet es hier drei Peseten. Handeln können ist eine Frage der menschlichen Würdigkeit. Ich kann es leider nicht und habe es nie gekonnt, weder mit Gott, noch mit dem Teufel, noch mit einer Hökerfrau. Ich zahle immer den vollen Preis, und Gott, Teufel und Hökerin grinsen sich eins, wenn ich abziehe. Ich schlichtete aber den Handel auf meine Weise, zu Gunsten des spanischen Verkäufers, gegen den deutschen Eindringling. Ich dichtete dem Gegenstand eine solche Einmaligkeit an, daß die Touristen jeden möglichen Preis zu zahlen bereit waren. Die Bude blühte.
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tagesschau.de 27.09.2021 13:38 Uhr

Neue Extremwetter-Studie
Bis zu siebenmal mehr Hitzewellen

Überschwemmungen, Hitzewellen, Waldbrände: Heutige Kinder werden in ihrem Leben deutlich mehr Extremwetter erleben als ihre Großeltern. Mit düsteren Prognosen mahnt ein internationales Forscherteam zu mehr Klimaschutz.

Ein heute geborenes Kind wird in seinem Leben aufgrund des Klimawandels im Schnitt deutlich mehr Extremwetter erleben als ein im Jahr 1960 geborener Mensch. Das geht aus einer Studie eines internationalen Wissenschaftlerteams hervor, die in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde.

Hier geht es zum Bericht auf tagesschau.de



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