Dienstag, 27.April

Wir haben wieder geöffnet und fünf Einkaufskörbe für fünf KundInnen an der Eingangstür.
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Heute haben
Arnold Höllriegel * 1883
Cecil Day Lewis * 1904
Zhang Jie * 1937
Aminata Sow Fall * 1941
Geburtstag
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Andreas Gryphius
Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht die mir die Zeit genommen.
Mein sind die Jahre nicht / die etwa möchten kommen.
Der Augenblick ist mein / und nehm‘ ich den in acht
So ist der mein / der Jahr und Ewigkeit gemacht.
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Ganz frisch als Taschenbuch ausgepackt.
Im Moment warten wir von Johnson & Johnson nicht auf Herzklappen, sondern auf Impfampullen.
Aber dieser Roman ist wirklich ganz starker Stoff.


Valerie Fritsch: „Herzklappen von Johnson & Johnson
Suhrkamp Taschenbuch € 11,00

Das dritte Buch von Valerie Fritsch hat mich umgehauen. So ein genialer Umgang mit Sprache, das Fließen durch die Seiten, Formulierungen, die ich noch nie gelesen habe, haben die Lektüre zu einem ausgewöhnlichen Erlebnis gemacht.
Es könnte alles so banal sein.
Alma ist zu Beginn ein kleines Mädchen und ihre Eltern stehen im Mittelpunkt des ersten Teils. Darauf folgt der Groß- und danach die Großmutter. Als Alma sich in Friedrich verliebt und sie ihr Kind Emil bekommen, stehen natürlich diese beiden Männer im Mittelpunkt, bis sich der Kreis wieder zu den Großeltern schließt.
Valerie Fritsch versteht es gekonnt, die Sprachlosigkeit des Großvaters zu beschreiben, der im Krieg Opfer und Täter war und darüber nicht spricht, wenn er das überhaupt noch tut. Ganz im Gegenteil dazu seine Frau, die ketterauchend Alma immer und immer wieder Geschichten aus ihrem Leben erzählt und sich dabei öfters auf das Wohl der Verstorbenen einen genehmigt.
Der Schmerz der Sprachlosigkeit, der Schmerz des wiederholten Erzählenmüssens spiegelt sich in Almas Kind Emil, der schmerzunempfindlich ist und somit besonderer Fürsorge durch die Eltern bedarf. Nicht leicht für Alma, nach ihren langen Depression nach der Geburt.
Emil muss den Schmerz erlernen, sich aneignen, ein Etwas vortäuschen, das er nicht kennt. Er führt ein Leben zwischen Superman und oftmaligen Klinikbesuchen.
Valerie Fritsch verbindet, verknüpft, baut sich und uns ein Kammerspiel zusammen, schlägt einen großen weiten Bogen, bis sich der Kreis schließt.
Alma findet ihren Frieden. Weit weg, aber in Gemeinschaft mit ihrem Mann Friedrich und ihrem Sohn Emil.
Ein großartiges Buch. Bitte lassen Sie sich nicht von der langen Inhaltsangabe verwirren. Es ist ein schmales Buch, bei der die Sprache uns durch die Geschichten trägt, wie wenn sie „Zugvögel unter der Haut“ hätte.

Leseprobe
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Gerade eben hat sich noch eine Person zum Mitradeln angemeldet. Super. Danke.

Montag, 26.April

Heute haben
Ludwig Uhland * 1787
Arno Holz * 1863
Carl Einstein * 1885
Ludwig Wittgenstein * 1889
Bernard Malamud * 1914
Geburtstag
und es ist der Jahrestag des Reaktorunglücks in Tschernobyl (1986)
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Ludwig Uhland
Lob des Frühlings

Saatengrün, Veilchenduft,
Lerchenwirbel, Amselschlag,
Sonnenregen, linde Luft!
Wenn ich solche Worte singe,
Braucht es dann noch große Dinge,
Dich zu preisen, Frühlingstag!
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Cesare Pavese: „Der schöne Sommer
Drei Romane (Der Teufel auf den Hügeln, Die einsamen Frauen)
Mit einem Essay von Natalia Ginzburg
Aus dem Italienischen von Maja Pflug
Rotpunkt Verlag € 29,00

Seit ein paar Jahren versucht der Schweizer Rotpunkt Verlag sein Glück mit Cesare Pavese. Einer der wichtigsten Autoren der italienischen Literatur, tut sich hier schwer, obwohl alle Besprechungen immer voll des Lobes sind. Die hier erschienen Bände sind neu von Maja Pflug übersetzt und sehr schön gesetzt und auf elegantem Papier gedruckt und tollem Äusserem.
Aber eigentlich kommt es auf den Inhalt an.
Für diese drei Kurzromane in einem Band (so wollte es auch Pavese veröffentlicht haben) erhielt er den höchsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega.
„Der schöne Sommer“ erzählt die Geschichte der jungen Schneiderin Ginia, die sich durch das Turin des Jahres 1940 treiben lässt. Mit ihren Freundinnen lernt sie die etwas abseitige Welt kennen und lieben. Überhaupt ist die Liebe ein zentrales Thema dieses Romanes.
Pavese schreibt kurz und prägnant und innerhalb weniger Seiten sind wir mitten Seelentrubel der 17jährigen, unbedarften jungen Frau, die das Abenteuer sucht, sich aber der Konsequenzen nicht sicher ist.
Starke Literatur, die so gut tut, da sie etwas aus der Welt gefallen ist und sich nicht mit aktuellen Themen befassen muss und deshalb umso intressanter ist.

Cesare Pavese, 1908 geboren, wuchs in Santo Stefano Belbo, Piemont, und in Turin auf. Als er sechs Jahre alt war, starb sein Vater. Nach dem Philologiestudium Übersetzung von englischer und amerikanischer Literatur. 1935 Verbannung nach Kalabrien. 1938 Eintritt in das Verlagshaus Einaudi. Pavese gilt als Begründer einer modernen italienischen Literatur. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen Der Mond und die Feuer (1950) und das Tagebuch Das Handwerk des Lebens (1952). Für den Romanband Der schöne Sommer erhielt Pavese 1950 den Premio Strega. Im August desselben Jahres, auf dem Höhepunkt seines literarischen Erfolgs, nahm er sich in einem Turiner Hotelzimmer das Leben.