Freitag, 12.März

Heute haben
Paul Gerhardt * 1607
Gabriele D’Annunzio * 1863
Heinrich Maria Ledig-Rowohlt * 1908
Jack Kerouac * 1922
Edward Albee * 1928
Kathrin Schmidt * 1958
Jenny Erpenbeck *1967
Geburtstag
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Michael Krüger

Eine neue Terrasse, hell, dass der Schneck weiss,
wohin er sich wenden soll bei zunehmender Wärme.
Ich habe keine Ahnung, zu welcher Art sie gehören,
wahrscheinlich Kielschnegel oder Tigerschnegel,
es gibt Hunderte von verschiedenen Populationen,
die ihr Gehäuse in den Weichkörper hinein verlegt haben.
Warum verzichtet man freiwillig auf sein Haus, warum
will man sein Grab nicht auf dem Rücken tragen?
Von einem Tag auf den andern finden sich diese Tiere
auf unserer Terrasse ein, in einer Art Massentourismus
kriechen sie von Nord – Ost nach Süd – West,
vom Gang der Gestirne gelenkt und vom Wasser.
Keiner will sie, keiner mag sie anfassen, sie hinterlassen
ein Nichts, wenn sich der schleimig-glitschige Körper
in eine Fuge zwischen zwei Kacheln gezwängt hat,
mit blossem Auge nicht zu erkennen. Sie gehören dazu,
selbst dieser Schneck- ohne – Haus ist unser Bruder,
auch wenn er keinen Fuss auf den Boden bekommt.
Mein Herz hofft auf Besserung, und die eingelagerten
Schmerzen der Gürtelrose, die wunden Nerven
in den Fugen der Haut, sollen für immer verschwinden
wie der Borkenkäfer, mit dem ein Gespräch sinnlos ist.
Wie lange dauert Ungeduld? Was er zurücklässt,
der Schnegel, ist eine Art Autografie seines Körpers, ​
direkt neben meinem Schuh, als soll das etwas besagen.
Ich habe zu lange gelesen in den dürren Zipfeleien
eines Philologen, einem Geizkragen der Phantasie,
der mir die Welt erklären will als unermüdliche Arbeit
am Ganzen. Aber ich übe mich in Weltanschauung
und langem Ausatmen, noch einmal, noch einmal,
noch einmal
und immer so weiter
und fort.

aus Jahrbuch der Lyrik 2021
Vielen Dank an den Schöffling Verlag und Maria Leucht.
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Der Hanser Verlag hat ausgeliefert:

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Unser Tipp des Tages:


Carolin Emcke: „Journal
Tagebuch in Zeiten der Pandemie
S.Fischer Verlag € 21,00

Am Montag, 23. März 2020 beginnt Carolin mit ihrem „Journal“, in dem sie die neue Wirklichkeit eines Lockdowns festhält, ihren Gedanken freien Raum lässt. Was macht die Pandemie mit ihr, mit ihren Kontakten, mit Menschen in anderen Regionen, Ländern und Kontinenten? Sie schaut über den Tellerrand hinaus und notiert, wie sich unsere psychische, soziale politische Lage / Einstellung ändert. Daraus ergeben sich sehr persönliche, aber auch allgemein politische und philosophische Notizen.
Und immer wieder sind es kleinen Dinge, die sie hinterfragt und fotografisch festhält. Warum wundert sich eine Freundin von ihr, dass es bei uns im Radio so oft Staumeldungen gibt, wenn eine Kuh entlaufen ist, oder ein Auspuffstück auf der Fahrbahn liegt? Und warum der Deutschlandfunk damit jetzt aufgehört hat.
Carolin Emcke hat einen hörenswerten Musikpodcast und hat mich dazugebracht Bill Evans aufzulegen. Es geht mir genauso wie ihr: Die Musik tut gut.
Das „Journal“ endet mit einem Nachtrag aus dem November 2020.

Das Projekt in der Süddeutschen Zeitung

Leseprobe

PREMIERE
„Journal – Tagebuch in Zeiten der Pandemie“
Carolin Emcke im Gespräch mit Verena Lueken
Online-Event 12.03.2021 um 19:30 Uhr

Am Tag der Veranstaltung wird auf der Website der Schaubühne und in den sozialen Netzwerken der entsprechende Link geteilt.