Montag, 27.April

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Heute haben
Arnold Höllriegel * 1883
Cecil Day Lewis * 1904
Zhang Jie * 1937
Aminata Sow Fall * 1941
Geburtstag
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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
Die Welt

Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen?
Was ist die Welt und ihre ganze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurzgefaßten Grenzen,
Ein schneller Blitz bei schwarzgewölkter Nacht,

Ein buntes Feld, da Kummerdisteln grünen,
Ein schön Spital, so voller Krankheit steckt,
Ein Sklavenhaus, da alle Menschen dienen,
Ein faules Grab, so Alabaster deckt.

Das ist der Grund, darauf wir Menschen bauen
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm, Seele, komm und lerne weiter schauen,
Als sich erstreckt der Zirkel dieser Welt!

Streich ab von dir derselben kurzes Prangen,
Halt ihre Lust für eine schwere Last:
So wirst du leicht in diesen Port gelangen,
Da Ewigkeit und Schönheit sich umfaßt.
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Matt Aufderhorst: „Corona hat uns“
oder
Über das Leben und die Liebe in den Zeiten der Seuche

Im Griff? Besser gemacht? Verunsichert? Bestärkt?Erstaunt? Motiviert? Zusammengeschweißt? Inhaftiert? Oder gar befreit?
Wie kann man über die Corona-Krise schreiben, ohne die Idee der Liebe und die der Gemeinschaftaus den Augen zu verlieren? Welche Worte können wir finden, ohne Alarm zuschlagen? Oder unberührt wie die Nachrichten zuklingen? Oder leichtsinnig zu wirken? Oder zu schwermütig? Wie verändert das Virus unser Körperbild? Wie das Bewusstsein, das wirnvon uns und anderen Menschen haben? Wie unsere Unterhaltungen? Wie verändert Corona die Beziehungen zu Freundinnen und Freunden, zu unseren Familien und, denen wir zufällig begegnen? Wie robust sind Kultur, Marktwirtschaft, Kapitalis-mus, Gesundheitssystem tatsächlich? Matt Aufderhorst widmet sich all diesen Fragen indem Essay „Corona hat uns oder Über das Leben und die Liebe in den Zeiten der Seuche“. Die Sprache, die er dafür findet, ist poetisch und empfindsam, ist tiefgründig und, ja, auch das, amüsant. Am meisten überrascht wohl, wie sehr sich jede und jeder von uns in dem Text wiederfinden dürfte.

Die ersten zehn Abschnitte:

Für Priya

Teil Eins
Von außen

1.Jede Seuche kennt Gewinnerinnen und Gewinner. Der gesunde Menschenverstand gehört selten dazu.

2.Bleiben wir in den Zeiten der Seuche ruhig. Die Stunden sind laut genug. Gerade wenn das Lebentief Luft holt und vorübergehend verstummt.

3.Panik war, ist und bleibt Teil jeder Seuche. Wer einen vorsichtigen Schritt zurücktritt, hat bereits den ersten Richtung Vernunft getan. Wer dagegen einen unvorsichtigen Schritt nach vorne tritt, wird von den anderen zunächst eingekreist, dann überrannt und niedergetrampelt oder, Richtung Abgrund, mitfortgerissen.

4.Vorsicht ist in den Zeiten der Seuche eine gute Idee. Nachsicht noch eine bessere. Am besten steht uns jedoch die Umsicht zu Gesicht.

5.Sich stumm und still in den Zeiten der Seuche zuvergraben, schadet nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Freundinnen und Freunden. Familie ganz zu schweigen. Die Vernunft lebt stets durch das freundschaftliche Gespräch. Außerdem: wer sich einmauert, für den werden Luft und Wasser auf Dauer zwangsläufig knapp. Auch wenn es, wenigstens anfangs, noch genug Ressourcen gibt.

6.Fair zu teilen, ist in den Zeiten der Seuche keine ästhetische, sondern eine moralische Frage.

7.Die vorbildliche Lebenskunst existiert niemals, jedenfalls nicht in höchster Vollkommenheit, in der Einsiedelei; selbst Henry David Thoreaus Waldenlag in Wahrheit um die Ecke einer kleinen Stadt, quasi in Rufweite. Wird uns der Rückzug angeraten, lohnt sich die Frage, warum das so ist und was die Ratgeberinnen und Ratgeber mit ihrem Vorschlagbeabsichtigen.

8.Im Fall der ansteckenden Krankheit empfiehlt sich dagegen, nach einer ärztlichen Konsultation, die freiwillige Absonderung – und zwar eine konsequente, ohne Schlupflöcher. Andere bewusst im Unklaren über eine mögliche Ansteckungsgefahr zulassen, gehört sich nicht. Hier hilft die Besinnung Kants Kategorischen Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetzwerde.“ Diese moralische Anleitung ist allgemein, da sie alle Menschen unter allen Bedingungen in die Pflicht nimmt. Heruntergebrochen ließe sich sagen: Ich füge anderen nichts zu, was ich nicht selbsterleben möchte.

9.Wird uns die Quarantäne im Krankheitsfall verordnet, rebellieren wir nicht. Nur Beschränkte halten sich für gesund, wenn sie krank sind und ein Risiko für andere darstellen. Ignoranz, der wir uns – warum auch immer – blauäugig verschreiben, kann sehr wohl einer temporären Leidenschaft so doch mit einer erstaunlichen Ausdauer vorgaukelt.

10.Sind wir erwiesenermaßen gesund und sollen, dank einer groben Fehleinschätzung, als einzige oder einziger in Quarantäne, während alle anderen ihre Bewegungsfreiheit behalten, machen wir uns lieber aus dem Staub, körperlich wie intellektuell. Falsche Solidarität nützt weder uns noch der Gesellschaft. Besonders nicht, wenn wir uns woanders aktiv einbringen können. Unsere Flucht ist kein Selbstzweck, sondern teleologisch.

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Der Bundestagspräsident zur Corona-Krise. Schäuble will dem Schutz des Lebens nicht alles unterordnen. Im Interview spricht Wolfgang Schäuble über die Suche nach dem richtigen Maß in der Corona-Krise und über das, was nach der Pandemie anders sein wird.

Zum Interview des Tagesspiegels

„Der Staat kann aber nicht auf Dauer den Umsatz ersetzen. Wir werden mit den klassischen Mitteln umso weniger anfangen können, je länger die Krise dauert. Wir werden strukturelle Veränderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik erleben. Ich hoffe, dass wir das als Chance nutzen, um manche Übertreibungen besser zu bekämpfen.“

Woran denken Sie?

„Noch immer ist nicht nur die Pandemie das größte Problem, sondern der Klimawandel, der Verlust an Artenvielfalt, all die Schäden, die wir Menschen und vor allem wir Europäer durch Übermaß der Natur antun. Hoffentlich werden uns nicht wieder nur Abwrackprämien einfallen, die es der Industrie ermöglichen, weiter zu machen wie bisher.“

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