Ostersonntag, 12.April

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Predigt am Ostersonntag, 12. April 2020

Johannes 20,11-18 (Evangelium für Ostersonntag)

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

Eine Frau steht am offenen Grab und weint. Mutterseelenallein.
So, liebe Leserinnen und Leser, beginnt Ostern. Kein Osterjubel, kein Osterwitz, kein Osterlachen, sondern Trauer, Tränen, Einsamkeit.

„Am ersten Tag der Woche, sehr früh, als es noch finster war“, kommt Maria zu Jesu Grab. Es ist offen. Mehr erkennt sie in der Dunkelheit nicht. Doch für sie ist klar: Nicht einmal den toten Jesus lassen sie in Ruhe. „Sie haben den Herrn weggenommen“, sagt sie im Evangelium

„Weggenommen“! Das fühlt sich furchtbar an. Das wissen alle, denen ein lieber Menschen weggenommen wurde. Aber auch die, denen schon etwas genommen wurde: die Heimat, die Arbeit, die Gesundheit, die Würde. Du stehst da, ohnmächtig und kannst es nicht fassen.

Anders als für uns heute, ist am ersten Ostermorgen das leere Grab für Maria kein Zeichen der Hoffnung. Verzweifelt eilt sie zu zwei Jüngern und die beiden, Petrus und Johannes, eilen zum Grab. Sie kommen und sehen: Das leere Grab, die Leintücher und das Schweißtuch. Doch im Grunde sehen sie nichts, „denn“, so heißt es, „sie verstanden die Schrift noch nicht, dass Jesus von den Toten auferstehen müsste“.

Ein junger Mann sagte vor kurzem: „Wenn ich zur Zeit Jesus gelebt hätte. Wenn ich ihn gesehen und auch das eine oder andere Wunder miterlebt hätte, dann könnte ich auch glauben. Die Jünger hatten es viel leichter“.

Nein, die Jünger hatten es nicht leichter. Sie waren mit Jesus fast die ganze Zeit zusammen, haben seine Worte gehört, seine Taten gesehen. Und dennoch haben sie nichts verstanden. So auch jetzt. Deshalb gehen sie einfach wieder nach Hause.

Auch Maria versteht nicht. Doch im Unterschied zu den Beiden bleibt sie. Wenn es in den Jesusgeschichten ernst wird, stoßen wir auf die Frauen. Die Männer sind selbstbewusst. Sie wissen alles besser und scheitern doch: Judas verrät. Petrus lügt. Als Jesus verhaftet wird, machen sich alle Jünger aus dem Staub. Die Frauen aber bleiben. Sie bleiben über Jahre. Sie bleiben am Kreuz. Sie bleiben am Grab.

Maria steht für dieses Bleiben. Einst hat Jesus die Maria von einer Krankheit geheilt. Seitdem folgt sie ihm – bis zu seinem Ende. Sie sieht Jesus sterben und gehört zu den wenigen, die ihm unterm Kreuz beistehen. Maria hat Angst, wie die anderen Jünger auch – doch sie bleibt. Und sie bleibt auch an diesem Ostermorgen und wird so zur ersten Osterzeugin.

Die erste Auferstehungszeugin ist eine Frau und kein Mann. Ohne sie gäbe es keine Kirche. Deshalb hat der dem Feminismus vollkommen unverdächtige Kirchenvater Augustinus der Maria den Ehrentitel „Apostelin der Apostel“ verliehen. Deshalb gibt es in unserer evangelischen Kirche auch Pfarrerinnen.

Als Maria nun außen am Grab steht und weint, vernimmt sie aus dem Felsengrab die Frage: „Frau, warum weinst du?“ Als sie nachsieht, sieht sie zwei Engel in weißen Gewändern.
Engel zeigen, dass die Wirklichkeit Gottes anwesend ist. Wenn Sie Schwierigkeiten mit Engel haben, trösten sie sich: Auch Maria kann mit den Engeln im Moment nichts anfangen. Schon bald wendet sie sich um und sieht einen Menschen. Und das ist nun die Mitte dieser Ostergeschichte. Dieser wunderbare Dialog:

„Und Maria sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: „Frau, was weinst du? Wen suchst du?“ Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: „Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen“. Spricht Jesus zu ihr: „Maria!“ Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an!“

In diesen Worten wird beschrieben, was nicht zu beschreiben ist: Die erste Erfahrung eines Menschen aus Fleisch und Blut mit dem Auferstandenen. Durch diese Worte wird es Ostern.
Was bedeutet diese Ostererfahrung der Maria heute?

Zunächst etwas ganz Einfaches. Wir sollen dran bleiben. Wie oft denken wir: Wo ist Gott denn? Wo spüre ich seine Gegenwart? Wo ist er bei all dem Leid und Chaos in unserer Welt? Wo ist er in einer Welt, von der einer sagte: „Die Blinden reden von Hoffnung. Ich sehe!“?

Maria bleibt dran. Sie hört nicht auf, Jesus zu suchen. Auch jetzt nicht, wo ihr selbst Engel nichts mehr sagen können. Sie dreht sich um und fragt, fragt jeden, der kommt. Und so fragt sie auch einen Gärtner. Einen, der pflanzt, der das Leben hegt und pflegt. Maria erkennt ihn ja nicht. Auferstehung ist also mehr als eine bloße Wiederbelebung, die einem noch ein paar Jahre schenkt. Auferstehung ist etwas ganz Anderes. Und das heißt, dass uns Jesus gerade auch in der Gestalt eines Fremden begegnen kann. Wie die zwei Jünger auf dem Weg nach Emmaus, wie die Jünger am See Tiberias – erkennt Maria den Auferstandenen nicht bis er sie anspricht. So kommt es zu diesem Gespräch kommt, das nur aus zwei Worten besteht: „Da sprach er zu ihr ‚Maria‘! Und sie antwortete: ‚Rabbuni‘!“

Und da wird es Ostern für Maria Magdalena. Ostern hängt nicht am Kalender oder an der Jahreszeit. Ostern hängt auch nicht daran, ob wir in der Kirche oder am Radio oder am Bildschirm, Gottesdienst feiern. Ostern wird es, wenn wir erkennen: Jesus ruft uns beim Namen: Uns, die wir ihn innerlich vielleicht schon längst beerdigt haben, weil doch die Wirklichkeit so oft gegen ihn spricht. Dabei steht ER – das ist die andere Erfahrung der Maria – dabei steht ER unmittelbar hinter uns. Wir brauchen uns nur ihm zuzuwenden. Wie Maria, die sich löst vom Starren auf das Grab, vom Starren auf die verlorene Gemeinschaft.

Aber zugleich geschieht auch eine merkwürdige Zurückweisung: „Rühre mich nicht an!“ – halte mich nicht fest. Auferstehung ist nicht die Wiederherstellung der guten alten Zeit. Auferstehung ist etwas völlig Neues. Menschliche Liebe will berühren. „Rühre mich nicht an!“ – sagt der Auferstandene – aber nicht, um wie in diesen Tagen eine Infektion zu verhindern – sondern um der Liebe eine neue Richtung zu geben: „Geh aber hin zu meinen Brüdern“, also zu denen, die mich aufgegeben und verleugnet haben und die trotzdem zu mir gehören.

In Italien gibt einen schönen Osterbrauch. Wenn am Ostersonntagmorgen zum ersten Mal die Glocken läuten, laufen Kinder und Erwachsene an die Dorfbrunnen. Mit dem kühlen, klaren Brunnenwasser waschen sie sich die Augen und bitten Gott um den österlichen Blick. Ostern schenkt neue Augen – für Gott und die Welt.

Was erkennen wir?
Wir erkennen einen Gott, der die Nähe zu uns Menschen sucht, ja, dem wir Menschen wichtiger sind als sein eigenes Leben. Er verzichtet auf all das, was uns so wichtig erscheint: Glück, Erfolg, Macht. Für die, die ihn töten, bittet er am Kreuz um Vergebung, „denn sie wissen nicht, was sie tun“. Und wenn Jesus am Kreuz schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“, zeigt er uns: Den Gott, den wir uns wünschen, den Gott, der uns Glück im Leben garantieren soll. Diesen Gott gibt es nicht.
Der lebendige Gott dagegen sagt: „Auch wenn Du meinst, ich hätte dich verlassen, ist alles Leid und aller Schmerz nun auch ein Teil von mir“. Dafür steht Ostern.

Die Auferstehung lässt sich nicht beweisen, so wenig sich Glaube, Hoffnung, Liebe beweisen lassen. Religiös motivierte Unruhen gab es damals viele. Und ohne Ostern wäre der Name Jesus schnell vergessen gewesen. Er wäre ein Namensloser geblieben unter den vielen, vielen tausend, die die Römer ans Kreuz geschlagen haben.

Doch Ostern sagt: Der Tod konnte Gott nicht halten. Gottes Liebe behält das letzte Wort. Kein Menschenleben ist im Tod verloren. Kein Einsatz für andere ist vergeblich. Keine Träne und kein Lachen sind umsonst. Alles bleibt in Gott aufgehoben.

Dieser österliche Blick verändert unsere Sicht auf die Welt. Er redet die Welt nicht schön. Aber er weiß, dass alles, was uns in Angst und Schrecken versetzt, einmal vor Gottes Liebe kapitulieren müssen. Diese Gewissheit schenkt Hoffnung in und für diese Welt. Deshalb sind Ostergeschichten immer auch Aufbruchsgeschichten. Der Aufbruch in ein neues Leben, in dem der Tod am Ende der Tage endgültig ausgespielt hat. Dort hat die Osterfreude ihren Grund. Die Osterfreude, die allen gilt, weil Jesus Christus von den Toten auferstanden ist und der ganzen Welt Leben schenkt – damals wie heute.

Dekan Ernst-Wilhelm Gohl

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