Mittwoch, 30.Oktober

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Heute haben
Lena Christ * 1881
Paul Valéry *1871
Etra Pound * 1885
Georg Heym * 1887
Kostas Karyotakis * 1896
Agota Kristof * 1935
Geburtstag.
Aber auch die Filmemacher Louis Malle, Claude Lelouch, Maradonna und Irmi.
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Heute auf dem Lyrikkalender:

Ricarda Huch
Zuversicht

O Jugend meiner Sinne,
O Jugend meiner Jahre!
Mir glückt, was ich beginne;
Mich freut, was ich gewahre!

Ich will in meine Hände
Des Schicksals Führung nehmen;
Ich denke nicht ans Ende,
Kein Fürchten soll mich lähmen

Und naht der Tod am Schlusse,
Will ich ihn selber werben
Und wie der Hauch im Kusse,
Im Schoß der Liebe sterben.
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semadeni

Leta Semadeni: „Tamangur“
Rotpunkt Verlag € 24,00

Tamangur ist ein sehr ferner und ganz naher Ort. Der Grossvater war ein begeisterter Jäger und hatte Füsse wie Seide. Deshalb hat ihm die Grossmutter viele ganz besondere Socken gestrickt. Dazu hat sie nun keine Lust mehr und sitzt lieber auf dem Strickbänkchen mit ihrer Enkelin, die ihren Geschichten zuhört.
Beide leben in einem Dorf im Tal. Ein Dorf voller Schatten mit einem Fluss, umringt von Bergen. Im Dorf gibt es alles, was dazugehört: Eine Kirche, ein Schule und ein Dorfplatz, auf dem der neueste Tratsch ausgetauscht wird und auf dem eine Lügenbank steht. Die Grossmutter ist viel gereist. Das beweisen die Stecknadeln in der Weltkarte, die in der Küche aufgehängt ist: Venezia, Tumbaco, Havanna, Paris. Doch jetzt bleibt sie im Dorf und der dritte Stuhl am Tisch bleibt leer. Denn der gehört dem Grossvater. Die beiden Frauen bilden eine Symbiose und ergänzen sich auf wunderbarer Weise.
Leta Semadeni erzählt in einer einfachen, warmen Sprache voller Bilder, diesen schönen, kleinen Roman. Und da sie von der Lyrik herkommt, verwundert mich das auch gar nicht. Ich habe oben den Roman „Theoda“ erwähnt, da er mich stark an ihn erinnert, obwohl er doch von Inhalt und Art der Erzählung sehr unterscheidet. Aber diese unglaubliche Nähe zu den Personen, dieses Hineinfühlen in die beiden Frauen hat etwas Gemeinsames. Und wer sich an die Lesung mit Silvia Trummer erinnert, wer ihre Bücher gelesen hat, bemerkt die Besonderheit der Sprache, da beide Frauen viel Gedichte schreiben.
Nicht dass Sie meinen, „Tamangur“ ist ein vergeistigter schweizer Bergroman. Nein, es geht hier sehr direkt und auch oft lustig zu. Wenn die Grossmutter Besuch von ihren skurilen Freunden bekommt und Schallplatten von Elvis aufgelegt werden. Oder wenn die Schneiderin auftaucht, die Erinnerungen klaut. Hier werden Liebes- und Abenteuergeschichten am Küchentisch erzählt und das Kind ist mitten drin und hört gebannt zu. Dann wird es mir beim Lesen ganz warm ums Herz. Dieses Feingespür der Autorin, der Humor macht den Reiz des Buches aus und lässt die Personen ihren Alltag lebenswert erscheinen, der nicht (mehr) viel Abwechslung bietet. Jetzt sowieso, da der Grossvater in Tamangur ist und obwohl das Leben nicht wirklich so ganz einfach ist.

Die Autorin Leta Semadeni, geboren 1944 in Scuol, Engadin, studierte Sprachen an der Universität Zürich. Lehrtätigkeit an verschiedenen Schulen in Zürich und im Engadin. Arbeitsaufenthalte in Lateinamerika, in Paris, Zug, Berlin und auf Elba. Seit 2005 lebt und arbeitet sie freischaffend in Lavin. Leta Semadeni schreibt vorwiegend Lyrik, romanisch oder deutsch, die sie selbst in die jeweils andere Sprache überträgt, zuletzt „In meinem Leben als Fuchs“ (2010). Ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, 2011 mit dem Literaturpreis des Kantons Graubünden und mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung. „Tamangur“ (2015) ist ihr erster Roman.

Leseprobe

Auf der Seite des Deutschen Hauses in New York finden Sie ein Interview mit der Autorin (das dritte in der Liste), in dem sie über sich, ihr Schreiben, ihr Leben in ihrem kleinen Dorf erzählt, das „ein Fliegendreck auf der Karte ist“, wie sie in „Tamangur“ schreibt und ihren Aufenthalt in New York.

Dienstag, 29.Oktober

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Heute haben
Evelyn Waugh * 1903
Uwe Tellkamp * 1968
Geburtstag
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Robert Walser
Und ging 

Er schwenkte leise seinen Hut
und ging, heißt es vom Wandersmann.
Er riß die Blätter von dem Baum
und ging, heißt es vom rauhen Herbst.
Sie teilte lächelnd Gnaden aus
und ging, heißt es von der Majestät.
Er klopfte nächtlich an die Tür
und ging, heißt es vom Herzeleid.
Er zeigte weinend auf sein Herz
und ging, heißt es vom armen Mann.
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„Little people, big dreams“
Insel Verlag € 13,95

Der Herausgeber der Reihe in Deutschland fand diese Bücher in einer Buchhandlung in Spanien und war sofort überzeugt, dass er diese Bilderbücher auf deutsch im Insel Verlag machen will. Zusätzlich  schön für uns, dass er auch Männer und Frauen ins Programm nimmt, die speziell in Deutschland wichtig sind und waren.
Diese Bildersachbücher sind für alle Alter. Für die ganz Kleinen als Bilderbuch, gut zum Vorlesen, aber auch für ErstleserInnen geeignet. So sagt es der Verlag und ich denke, dass er damit Recht hat. Aber nicht vergessen, auch wir Erwachsene sollten einen Blick hineinwerfen, denn so kurz und knackig bekommen wir keine Biografie präsentiert. Gut, die Texte und Bilder sind auf das Wichtigste aus dem Leben, Werk und Wirken konzentriert und decken nicht alle Facetten ab. Egal. Ein tolle Reihe, die zum Gespräch und zum Nachdenken anregt.

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Gerade sind Bücher zum Leben von:
Agatha Christe, Jane Austen, Ella Fitzgerald, Jane Goodall, Stephen Hawking, Maria Montessori erschienen.
Marie Curie, Anne Frank, Rosa Parks, Coco Chanel und Frida Kahlo gibt es schon.