Mittwoch, 6.April

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Nach der ersten Seite gings auf der Straße weiter

9783462315714

Patti Smith:M Train€ 19,99
Originalausgabe: M Train€ 19,99
als E-Book € 17,99
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Kiepenheuer & Witsch Verlag

„M Train“ lag schon einige Zeit bei mir zuhause. Ich fand nicht die Stimmung für dieses neue Buch, da mir „Just Kids“ von Patti Smith noch so gut in Erinnerung ist und da ich sie und ihre Musik so sehr liebe. Einer möglichen Enttäuschung wollte ich ausweichen.
Als ich dann die ersten Seiten aufgeblättert hatte, die Widmung „Für Sam“ gelesen und festgestellt, dass sie sich täglich im Café ‚Ino im New Yorker Village aufgehalten hat, war es um mich geschehen. Patti Smiths „M Train“ ist nicht der Zug von Brooklyn nach Manhattan (oder vielleicht doch?), sondern ein Gedankenzug, ein mind train, den die Autorin loslaufen lässt und uns mitnimmt auf ihe Reisen durch die Zeiten, durch die Kontintente. Hin zu ihren vielen verstorbenen Freunden und Dichtern, die sie überlebt hat.

„Sie durchziehen diese Seiten oft ohne eine Erklärung: Schriftsteller und ihr Schaffen. Schriftsteller und ihre Bücher. Ich kann nicht voraussetzen, daß der Leser sie alle kennt, aber kennt der Leser denn mich? Und will er das überhaupt? Ich kann es nur hoffen, während ich ihm meine Welt auf einem Tablett voller Anspielungen darbiete.“

Genet, Sylvia Plath, Bulgakow, Bert Brecht, sind nur eine kleine Auswahl. Und natürlich immer wieder ihr verstorbener Mann Fred Sonic Smith, der mit nur 45 Jahren einem Herzleiden erlag. Die Trauer über seinen frühen Tod, der Verlust des geliebten Partners durchzieht das Erinnerungsbuch und wird gleichzeitig auch zum Gespenster-Express.
Aber Patti Smith ergeht sich nicht in trübsinnigen Erinnerungen, sondern erzählt von ihrem Lieblings Café, den vielen Tassen Kaffee, die sie dort getrunken hat, die Gedichte, die dort entstanden sind. Sie schreibt über ihre große Lust Fernsehserien anzuschauen und verliert dabei nie ihren Humor.
Als eines morgens ihr Tisch und ihr Stuhl im ‚Ino von einer Fremden okkupiert sind, wünscht sie sich eine Szene aus einer Krimiszene in Realität. Denn dann würde diese Person mit dem Gesicht nach oben im Schnee liegen.
Zak, so heisst der Besitzer des Cafés, muss schließen. die Mietpreise sind zu hoch. Tisch und Stuhl wandern in Smiths Wohnung. Auf der anderen Seite des East Rivers am Meer, eröffnet er ein neues Café. Nicht ahnend, dass der Hurrikan Sandy alles hinwegfegen wird.

„Er konnte nicht wissen, dass ich früher auch dem Traum von einem eigenen Café nachhing. Wahrscheinlich fing es an, als ich über das Kaffeehausleben der Beats, Surrealisten und französischen Symbolisten las. Wo ich aufwuchs, gab es keine Cafés, aber sie existierten in meinen Büchern und blühten in meinen Tagträumen. … 1965 war ich nach New York gekommen, um mich umzusehen und nichts schien mir romantischer, als in einem Café in Greenwich Village zu sitzen und Gedichte zu schreiben.“

Als Patti Smith ihn dort in Rockaway Beach besucht, stolpert sie über ein kleines verfallendes, vermoderetes Holzhaus und beschließt sofort, es zu erwerben. Ihr neues, schräges Domizil übersteht als eines der wenigen Gebäude den Wirbelsturm. Letztes Jahr, so glaube ich, gab es eine große Ausstellung von Werken der Musikern dort am Strand, nachdem sie gleich nach dem Sturm Konzerte für die Opfer gab.
Die Reise durchs Smiths Leben wird mit ihren Polaroid Fotos illustriert. Ihre geliebe Kamera hat sie immer dabei. Und wenn sie sie mal verliert, muss sofort die gleiche wieder her. Sie ist übrigens sehr verschusselt, was sich in ihrer Schreibe amüsant liest.
Auf diesen Schwarzweiss-Fotos sehen wir das Bett und die Krücken von Frida Kalho, den Spazierstock von Virginia Woolf, den sie sich so gerne wünscht, Gräber, das Meer, Landschaften und immer wieder sie selbst. Eine Art Rosenkranz ihrer Erinnerungen.
Smiths Reise durch die Einsamkeit, durch ihre Gedankenwelten ist immer wieder garniert mit Witz, schwarzem Humor, den sie vielleicht auch braucht, um über ihre Verluste hinwegzukommen.

„Klar, ich hatte niemanden. Der Cowboy hatte also vermutlich Recht. Wenn man niemanden hat, ist jeder ein möglicher Liebster. Ein Gedanke, den ich lieber für mich behielt, damit ich nicht den ganzen Tag Herzen aus Spitze auf rotes Bastelpapier kleben und in die ganze Welt verschicken musste.“

Ein wunderbares Buch, das Laune macht, wieder in „Just Kids“ reinschauen und ihre Musik zu hören.

Übrigens:
Innerhalb der Literaturwoche Donau stellt Ricco Bilger seinen gleichnamigen Verlag vor und hat ein Buch von Patti Smith mit dabei. „Das Korallenmeer“ heisst es und vielleicht kann er noch etwas zum Buch und zur Autorin erzählen.

Donnerstag, 28.April um 19:30
Edwin Scharff Museum, Neu-Ulm
Eintritt € 6,00

Leseprobe

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