Freitag

Im Urlaub schaffe ich es ein englisches Buch zu lesen. Und diesmal liegt eines schon seit ein paar Wochen auf Halde.

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Jami Attenberg: „Saint Mazie“
Grand Central Publ. / Hachette

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Saint Mazie, die Dame im Kinokartenhäuschen auf der Bowery kennen wir aus dem Reportagenbuch von Joseph Mitchell „McSorley’s Wonderful Saloon“, das hier auf dem Blog auch schon aufgetaucht ist. Jami Attenberg ist über diese Sammlung gestolpert, die vor ein paar Jahren wieder neu unter dem Titel „Up in the Old Hotel“ erschienen ist. Dort schreibt Mitchell über diese skurile Dame, die 13 Stunden in ihrem Glaskasten sitzt, sich um ihr Venice Theater kümmert und nachts durch die Straßen zieht, um den Armen, Bedürftigen, Obdachlosen zu helfen. Es gab sie also wirklich. Und wenn Sie diesen Link zu einer Besprechung im Guardian anklicken, sehen Mazie auf einem Foto abgebildet. Jami Attenberg kennt also diese Reportage und will mehr wissen über diese Heilige der Straßen während der großen Rezession in den USA, in New York City, auf ihrer Bowery, in der Lower East Side.
Jami erzählt jedoch nicht traditionell von der Geburt bis zum Tode von Mazie Philips-Gordon, sondern lässt einen ganzen Chor auftreten. Sie blättert im Tagebuch von Mazie, lässt den Sohn eines langjährigen Liebhabers erzählen. Genauso einen ehemaligen Nachbarn und anderen Personen, die Mazie gekannt haben, oder jetzt, Jahre nach ihrem Tode, sich mit ihr beschäftigen. 1897 wurde Mazie geboren, hat aber ihre Eltern nicht groß gekannt, lebt ab dem 10 Lebensjahr in New York und versucht ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Fast ihr ganzes Leben wohnt sie mit ihrer Schwester zusammen, die traumatisiert, nicht lange in einer Wohnung leben kann. So ziehen sie von Straße zu Straße ,von Zimmer zu Zimmer, von Wohnung zu Wohnung. Es kommt die große Wirtschaftskrise und Mazie erkennt, dass sie helfen muss. Sie läuft die Straßen auf und ab, wird zur Ikone, versucht zu unterstützen, erlebt schöne und traurige Momente und läuft einer Nonne über den Weg. Dies ist nun gar nicht ihre Welt und doch bleiben die beiden helfenden Frauen bis zum Tod von Tee (so der Name der Nonne) in Freundschaft verbunden.
In kurzen Abschnitten, kleinen Zitaten, Ausschnitten aus Mazies Tagebuch, langen erzählenden Passagen, führt uns Jami Attenberg durch die entscheidenden Jahren und lässt uns immer im Unklaren, was nun Wirklichkeit was und Fiktion ist. Mit großer Wärme und Zuneigung erzählt sie über diese vergessene Heilige, die jedoch nicht lebte, wie eine Heilige, sondern im prallen Leben stand und sich das nahm, was ihr meinte zuzustehen. Anders als die Personen in ihrem letzten Buch „Die Middlesteins“ ist sich Mazie ihrer Rolle bewusst und lebt sie aus. Sie nutzt ihre Bekanntheit, um Menschen zu helfen. Im eigenen Leben, in ihrer eigenen Familie kann sie hingegen wenig bewegen. Ihre langjährige Liebe beruht auf wenige Kontakte zu einem Seemann. Eine eigene Familie bleibt ihr verwehrt und das Zusammenleben mit ihrer Schwester ist extrem kraftraubend.
Jamis neuer Roman nimmt immer mehr Fahrt auf und gegen Ende hat man die so ganz andere „Heilige Mazie“ ins Herz geschlossen und schlägt das Buch sehr angerührt zu.
Der Roman erscheint, genauso wie die „Middlesteins“, im Schöffling Verlag.

Eine Audiosequenz aus dem Roman gelesen von Tavia Gilbert.

Leseprobe

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