Mittwoch

Literaturwoche Ulm 2015
Hier das Programm

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Heute haben
Max Brod * 1884
Dashiel Hammett * 1894
Louis-Ferdinand Celine * 1894
John Cheever * 1912
Andrei Bitow * 19367
Said * 1947
Geburtstag

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Unser Buchtipp:

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Alfred Hayes: „In Love“
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Nagel&Kimche Verlag € 16,90
eBook € 12,99

„… alles an mir ist real, wenn man nicht allzu genau hinschaut.“
So beginnt dieser Roman aus dem Jahre 1953, der jetzt ins Deutsche übertragen worden ist. Und was das Gemeine daran ist, nichts ist wirklich real in diesem Buch. Zumindest nichts steht auf sicherem Boden und verspricht eine vorhersehbare Zukunft. „In Love“ ist eines dieser schmalen Bändchen, von denen man den Autoren nicht kennt, von der Geschichte noch nie etwas gehört hat und eigentlich nur über das Titelbild, oder über eine Besprechnung drüberstolpert. Das Edward Hopper-Bild mit dem einsamen Pärchen am Tresen kennen wir alle. Und so können wir uns auch den Beginn der Geschichte vorstellen. Ist es nun eine Rahmenhandlung, oder steigt der Autor gleich ins Geschehen ein. So ganz klar war mir das zu Beginn nicht. Eines scheint jedoch klar zu sein: New York hat es dem gebürtigen Engländer angetan.
Ein Mann redet eine junge Frau an. Er ist Schriftsteller, sie lebt alleine in einer kleinen Bude, in die wir kurze Zeit später, mit den beiden eintreten dürfen. Es ist Winter, Schnee fällt vom Himmel und allein schon diese Taxifahrt von der Bar in die Wohnung lohnt sich zu lesen. Die ganze Geschichte erzählt uns dieser Mann. Sie bleibt sprachlos. Aus dieser Nacht wird eine Beziehung, eine Liebschaft. Sie sind „In Love“. Es gibt keine Zukunftspläne und keine Geschichten aus der Vergangenheit. Wobei wir erfahren, dass sie mit ihren 22 Jahren schon geschieden ist und ihr Kind bei ihren Eltern zu Pflege gegeben hat. Wie allerdings ihr Verhältnis zu ihnen ist, bleibt aussen vor. Wir sind hautnah bei dem Pärchen und erfahren kaum etwas, was links und rechts von ihnen vor sich geht.
Die Beziehung bekommt einen Sprung, als sie von einem älteren Herren ein „unmoralisches“ Angebot bekommt. 1.000 $ soll sie für eine Nacht mit ihm bekommen. Einerseits ist sie schockiert, andererseits auch geehrt. Ganz offen (zu Beginn) erzählt sie dies ihrem Freund. Doch ganz langsam bekommt dieses Angebot immer mehr Drive und verselbstständigt sich. Der Autor berichtet weiter. Allerdings nun nicht mehr hautnah, sondern von aussen und verzehrt sich nach seiner Geliebten. Trauer, Sehnsucht, Eifersucht und Hass mischen sich in seiner Gefühlswelt und lassen ihn an nichts anderes mehr denken.
Nun meinen Sie bitte nicht, dass sich diese Liebesgeschichte in einen Thriller verwandelt. Nein. Überhaupt nicht. Alfred Hayes versteht es, mit seinen Figuren und mit uns zu spielen. Er hält die Fäden wie ein unsichtbarer Puppenspieler in der Hand und lenkt und zieht und zerrt, bis wir uns praktisch wieder am Beginn des Buches befinden.
Nur gut, dass dieser Roman ins Deutsche übersetzt worden ist. Wenn Ihnen die Bücher von Gasdanow und Sándor Márai gefallen, dann greifen Sie zu. Es lohnt sich.

Leseprobe
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Werner Färbers UNGEREIMTHEIT DER WOCHE
(aus: UNGEREIMTHEITEN VON FIES BIS BÖSE – Kapitel BINSEN, MINIATUREN & ANDERE WEISHEITEN/ erscheint Juni 2015 s.u.)

ERFINDET!

Er findet!
Sie findet!
Es findet!
Wir finden!
Ihr findet!
Sie finden!
Du findest!
Ich finde, wir haben jetzt lange genug gesucht!

 

Dienstag

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Heute haben
Edmond Huot de Goncourt* 1822
Vitezslav Nerval * 1900
Erich Hackl * 1931
Geburtstag
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Heute auf dem Kalenderblatt des Harenberg Literaturkalender 2015 entdeckt:

Friedrich Hebbel
Der junge Schiffer

Dort bläht ein Schiff die Segel,
Frisch saust hinein der Wind;
Der Anker wird gelichtet,
Das Steuer flugs gerichtet,
Nun fliegt’s hinaus geschwind.

Ein kühner Wasservogel
Kreist grüßend um den Mast,
Die Sonne brennt herunter,
Manch Fischlein, blank und munter,
Umgaukelt keck den Gast.

Wär‘ gern hinein gesprungen,
Da draußen ist mein Reich!
Ich bin ja jung von Jahren,
Da ist’s mir nur ums Fahren,
Wohin? Das gilt mir gleich!

Und auf geht’s in die neue Woche!
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Buchtipp:

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Ruth Schweikert: „Wie wir älter werden“
S.Fischer Verlag € 21,99
als eBook € 18,99

10 Jahre musste wir auf den neuen Roman von Ruth Schweikert warten. Es hat sich gelohnt. Nachdem ich gelesen habe, dass die 49jährige Autorin fünf Söhne hat, wundert es mich sowieso, wie sie so einen verschachtelten, vertrackten Roman auf die Beine gestellt hat.

Auf dem Esstisch lagen die Carmina von Horaz. Jacques hatte nachts geblättert darin, als der Hustenreiz endlich nachließ, und wie so oft war er hängen geblieben an jenem Gedicht, das mit Integer vitae begann und von der Begegnung mit einem Wolf erzählte, der den Dichter nicht anfiel, obwohl (oder gerade weil?) er keine Waffen bei sich trug; seine einzige Waffe war das integere Leben, das der Erzähler offenbar führte, frei von Schuld und Frevel; darin stimmte Jacques mit Horaz überein; die Wölfe, die Bedrohungen und Gefährdungen, die Angriffe in seinem und auf sein Leben waren nie von außen gekommen, sondern hatten ihren Ursprung, die verborgene Höhle, in der sie heranwuchsen, stets in ihm selbst gehabt.

Die Wölfe von aussen und das Schweigen von innen, beherrschen dieses Buch, das mit unendlich vielen Erzählsträngen hantiert. Von den Nachkriegsjahren, über die Mondlandung, zur Olympiade in München geht es bis in die Gegenwart und zeigt, wie zwei Familien unzertrennlich miteinander verbunden sind und nicht voneinander loskommen. Die beiden alten Ehepaar hatten sich neun Jahre getrennt und in einer Familien enstanden drei Kuckuckskinder. Schweigen ist das oberste Gebot. Ein Schweigen, dass  kaum auszuhalten ist. Ein Schweigen zum Schutz der vielen Kinder und Enkelkinder, die jedoch nicht damit zurecht ommen und oft daran zerbrechen und scheitern. Ruth Schweikert erzählt diesen Roman nicht chronologisch, hüpft von einer Person zur anderen, nimmt Zeitsprünge in Kauf und macht uns das Lesen nicht leicht. Sie hat jedoch die Gabe, dies alles in einer einfachen Sprache zu erzählen, die in langen Sätzen münden und oft im letzten Nebensatz das Wichtigste präsentieren und unser Interesse wecken, wie es mit dieser Person weitergeht. Gerne würde ich ihren Schreibplan sehen, um zu schauen, wie sie dieses Personen und Handlungsstränge unter einen Hut bekommen hat.
Genau das macht auch diesen besonderen Roman aus. Wir lesen ein neues Kapitel, wissen im Moment gar nicht, wer denn dieses (Enkel)kind schon wieder ist und in welche Familie es gehört und doch lassen wir uns darauf ein, genießen die neuen Ideen und Finten der Autorin, entdecken die Zusammenhänge und bevor wir ausrufen: „Ja, jetzt weiss ich es!“, ist sie schon weiter, bei einer anderen Figur und einer neuen Geschichte. Ich ließ mich also fallen, genoß jede Seite und entdeckte immer wieder Anspielungen aus anderen Romanen, oder meinte zumindest, so etwas zu lesen. Ruth Schweikert hat mit diesem Generationenbuch einen neuen deutschen Roman hingelegt, der Maßstäbe jetzt und erst einmal eingeholt werden muss.
Lassen Sie sich auf dieses Abenteuer dieser drei Generationen und deren Wegen durch Irrungen und Wirrungen des Lebens und der Liebe ein.

Leseprobe

Vita

Ruth Schweikert wurde 1964 in Lörrach geboren und ist in der Schweiz aufgewachsen. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Zürich und ist als Schriftstellerin und Theaterautorin tätig. Von ihr erschien 1994 der vielbeachtete Erzählungsband „Erdnüsse. Totschlagen“ und 1998 ihr erster Roman „Augen zu“. 1994 erhielt sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb das Bertelsmann-Stipendium und 1999 den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung. Zuletzt erschien 2005 ihr Roman „Ohio“.
(Quelle: S.Fischer Verlag)
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Die Literaturwoche steht vor der Tür, die Handzettel sind gedruckt und werden verteilt.
Im Juni gibt es jede Menge Lesungen und Ausstellungen in Ulm und Neu-Ulm.
Kleine Verlage und große Autoren, KünstlerInnen und eine Bloggerin, ein Ingeborg-Bachmann-Preisträger und eine Theatertruppe und vieles mehr, stehen für Sie bereit.
Mehr dazu auf der Website der Literaturwoche:

Literaturwoche Ulm 2015

Bei uns in der Buchhandlung kommt es nach langer Zeit wieder zu einem Treffen mit unserem „Hausheiligen“ Arno Schmidt. Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach werden am Donnerstag, den 11.Juni aus Arno Schmidts Briefen vorlesen, die als Buch unter dem Titel: „Und nun auf, zum Postauto!!“ veröffentlicht worden sind.
Einen Tag später, am Freitag, den 12.Juni, liest Bernd Rauschenbach aus seinen Erzählungen, die gesammelt unter dem Titel: „Applausordnung“ erschienen sind.
Beginn ist jeweils 19:30

Samstag

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Heute haben
Harry Graf Kessler * 1868
Max Herrmann-Neiße * 1886
Pär Lagerkvist * 1891
Annemarie Schwarzenbach * 1908
Geburtstag

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Zeitschrift für Ideengeschichte
Heft IX/2 Sommer 2015
Das Dorf
C.H.Beck Verlag € 14,00

Jürg Beeler: „Das Rumoren des Dorfes“

Stadtluft macht frei.
Wer atmen will, braucht nicht saubere Luft. Wer atmen will, kehrt dem Dorf seiner Kindheit für immer den Rücken. Das Dorf ist eine eifersüchtige Mutter, besitzergreifend und rachsüchtig. Sie erstickt ihre Söhne. Die Menschen, mit denen ich mich verstand, waren Nomaden wie ich. In einem Dorf aufgewachsen, lebenslänglich auf der Flucht vor diesem Dorf. Dorfgeschädigte, wenn man so will. Es gibt zwei Gattungen von Menschen, sie haben nichts miteinander zu tun: Nomaden und Sesshafte. Mit den Sesshaften verband mich nie eine wirkliche Freundschaft. Der Nomade raucht vielleicht dieselben Worte wie der Sesshafte, aber er redet eine andere Sprache.

Und so erzählt Jürg Beeler über seine schöne Mutter und seinen Vater, dessen Vater Roma war und die Frauen mit seiner Klarinette verzauberte. Jürg Beeler ist im Dorf Aussenseiter und in der großen Stadt Nomade. Wobei sich Zürich später auch nicht gerade als Metropole erwiesen hat.
Oliver Müller schreibt über „Heideggers Dorf“ und Stefan Höhne über die „Idiotie des Stadtlebens“.

Kann man von den Städten sprechen und über die Dörfer schweigen? Glaubt man den Sozial- und Kulturwissenschaften, lässt sich dies verneinen.

Engels war ein vehementer Antiurbanist und Bismarcks Lieblingswunsch war der Untergang der großen Städte. Dies passt natürlich wie die Faust auf’s Auge auf den  Vortrag von Niklas Maak, vorgestern abend in der Ulmer Lichtburg. Dort berichtete er über die enorme Landflucht, das Anwachsen der Megazentren, das Fehlen von Millionen von Wohneinheiten und dass es noch nicht klar ist, wie das überhaupt zu bewältigen sei. Schon gar nicht mit unserer heutigen architektonischen Denkweise.

Christoph Engemann schreibt über „Die Farm der Daten und über den Auszug des Digitalen ins Grüne“. Was das nun wieder bedeutet ist ganz einfach. Je mehr Rechnerleistung, umso mehr Energie für die Kühlung der Rechnung. Und wo ist Strom und Grund billig? Auf dem Land und in ländlichen Gegenden, wo es auch noch eine kühle Brise vom Meer gibt. Und so ist Irland als Finanzoase auch von dieser Seite her der ideale Standort. Google besitzt weltweit etwa 50 dieser jeweils ca. 500 Millionen Kapital veranlagenden Anlagen.
Die Stadt bietet auch nicht mehr als das Dorf und wegen der Möglichkeit, man könnte, wenn man wollte, ist sie dem Dorf auch nicht überlegen.
So bietet dieses Sommerheft der Ideengeschichte eine ideale Ergänzung zu Niklas Maaks Buch „Wohnkomplex“ und dem heutigen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung zu Mikrowohneinheiten.
Ausserhalb des Themas „Dorf“ gibt es noch eine „Theologische Aufklärung“ von Friedrich Wilhelm Graf und
Fukuymas „Ordnung“
Dahrendorfs „Spuren“
Jägers „Witterungen“

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So sollte ich wohl ab jetzt neben „Sinn und Form“ auch die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ im Auge behalten und schauen, was die einzelnen Nummer zu bieten haben. Das Heft erscheint viermal im Jahr.

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Zum Thema
Jürg Beeler: „Das Rumoren des Dorfes“

Der Spiegel berichtet über eine Megacity in Saudi-Arabien.