Donnerstag

Heute haben
Peter Hille * 1854
O.Henry * 1862
D.H.Lawrence * 1885
Theodor W.Adorno * 1903
Joachim Fernau * 1909
Geburtstag.
Aber auch Asta Nielsen und Kaiser Franz Beckenbauer.
____________________

Peter Hille
Der Tag und die Sonne

Die Sonne:

Bin von Seimen überfließend!
Tag rings in Runde gießend,
Wohin meine Blicke schenkten.
Alles sprießend!

Der Tag:

Tagvergießerin,
Blumensprießerin,
Traubensüßerin,
Erdengrüßerin,
Glutansauserin,
Licht-Erbrauserin,
Raumaufspalterin,
Kraftzaumhalterin,
Siehe dein Sohn!

Der schlafende Blitz

Ganz durchzottet
Die heiße lungernde Luft:
Brünstiges Moos.
Und in ihrem Schoß
Da schläft ein bleicher Blitz:
Das kühlende Schwert
In der Scheide des Rächers
O wärest du nieder,
Du bleicher röchelnder Blitz –
Dann wär’s vorbei!
Der Odem der Natur
Ginge wieder frei!
____________________

Wie Sie nun alle mitbekommen haben, ist die Shortlist raus.
Hier nochmals die sechs letzten Bücher, die sich um € 25.000 streiten dürfen.

Thomas Hettche: Pfaueninsel (Kiepenheuer & Witsch)
Angelika Klüssendorf: April (Kiepenheuer & Witsch)
Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling (Suhrkamp)
Thomas Melle: 3000 Euro (Rowohlt.Berlin)
Lutz Seiler: Kruso (Suhrkamp)
Heinrich Steinfest: Der Allesforscher (Piper)

Eine wilde Mischung, wie ich finde. Verschiedenste Themen werden mit unterschiedlichen Sprachen und Techniken bearbeitet. Wir können gespannt sein und hoffen, dass der Roman den Preis bekommt, hinter wir Buchhandlungen stehen und dann auch gut an die LeserInnen verkaufen können.

Unser shortlistlesen findet morgen ab 19 Uhr statt.
Zuhören und abstimmen.
Eintritt frei.
__________________

Was ne Welt, wenn ich Bücher schon mit einem Filmchen ankündigen kann. Trailer gibt es mittlerweile für alles und jeden. Also auch für Romane.

Kruso

Lutz Seiler: „Kruso“
Suhrkamp Verlag € 22,95

Und eigentlich brauche ich gar nicht mehr viel über den Inhalt des Romanes schreiben, denn in den beiden Filmchen erzählt Lutz Seiler sehr viel über das, was dort passiert, fasst den Inhalt gut zusammen und zeigt am Strand anhand eines Brettchens und Inselsteinen, wer alles um den Personaltisch (Perso) des Gasthauses (Der Klausner) sitzt. Eine Art Tafelrunde und das nicht nur einmal am Tag.

Lutz Seiler wurde1963 in Gera geboren und ist mit seiner Schriftstellerei schon gut erfolgreich. Er bekam unter anderem den Ingeborg Bachmann Preis, Stipendiate in Los Angeles und Rom, wurde dieses Jahr mit dem Uwe Johnson Preis ausgezeichnet (was uns natürlich mit ihm verbindet) und steht ganz aktuell im September auf Platz 1 der Bestenliste des SWRs. Was kann man noch mehr wollen mit einem neuen Roman. Na klar, den deutschen Buchpreis. Ein Roman mit DDR-Geschichte im Hintergrund. Damit steht er in guter Tradition nach Tellkamp und Ruge und vielleicht ist das dann ein Hinderungsgrund, warum ihm die Jury den Preis nicht gibt. Wer weiss?!
Lutz Seiler ist ein grossartiger Fabulierer, ein Worterfinder und Personengestalter. Er modelliert sich seine Welt zusammen, er gestaltet sich den Ort, den er braucht und greift tief in die Literaturkiste. Trakl ist eine zentrale Figur und natürlich Robinson Crusoe. Dieses Inselleben auf Hiddensee (Hidden-see, Arno Schmidt lässt grüßen) erinnert natürlich an den großen Gestrandeten der Weltliteratur und birgt das zentrale Thema des Romanes: Die Freiheit.
„Kruso“ spielt im letzten Sommer der DDR und unsere Hauptperson, der junge Edgar Bendler (Edgar genau wie Edgar Wibeau in Ulrich Plenzdorfs: „Die neuen Leiden des jungen W.“, der auch auf der Suche nach Freiheit war) verdingt sich als Hilfskraft in der Küche des Klausners und bekommt hautnah den Zerfall seines Staates mit. Freiheit, die Sehnsucht nach Freiheit, und die nicht nur bei Abendrot mit Blick auf die ferne, fremde Küste. Die Hoffnungen der Menschen, dies alles spielt sich vor seinen Augen ab. Kruso, der sogenannte Inselpate hat anscheinend alles im Griff, bis sich auch bei ihm Geheimnis auftut. Lutz Seiler fabuliert mit sehr großer Meisterschaft, dass mir beim (schnellen) Lesen einiges fremd blieb, was aber der Lektüre überhaupt keine Abbruch getan hat.

„Es gibt sie, die Freiheit. Sie ist nämlich hier, auf der Insel. Denn es gibt diese Insel, oder?“ – „ Wer hier war hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten.“

Und ganz zum Schluss des Romanes:
Alle Grenzen waren offen. Offen seit Tagen.

Die Insel mit ihren klaren Grenzen, dem fast undurchdringlichen Wasser, das sie umgibt, als Symbol für die Suche nach Freiheit und den Versuch die Grenzen zu überschreiten. Diese Grenzüberschreitungen beziehen sich nicht nur auf das System DDR und dessen Untergang, sondern spiegeln sich auch im Zusammenleben der Menschen im „Klausner“ wieder. Dies alles hat Lutz Seiler gekonnt mit einander verwoben und Witz und Trauer, Hoffnung und Verlust miteingebaut.
Als Nachklapp begibt sich der Autor nach Dänemark in ein Forschungszentrum, in dem angeschwemmte Leichen „archiviert“ worden sind.
5.600 Flüchtlinge. 913 davon erfolgreich, 4.522 Festnahmen und mindestens 174 Todesopfer seit 1961, angeschwemmt zwischen Fehmarn, Rügen und Dänemark. Aus diesen „Fluchten wurden Fluchtgeschichten und aus Flüchtlingen Helden, Menschen, die alles riskiert und überlebt hatten.
Das ist die Grundidee das Buches und kein Mensch hat sich je für dieses Archiv interessiert.

Leseprobe

Clemens Grote liest aus dem Roman morgen beim shortlistlesen.