Donnerstag

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Heute hat Julien Green (* 1900) Geburtstag
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Doug Adams
„But there are nights when the wolves are silent, and only the moon howls.“
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Ein weiteres Texthäppchen aus Stefan Plögers: „Der Klang der Hingabe“:

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Auf der Straße merkte er, wie sich sein Magen zusammenzog. Es fühlte sich an, als stünde er unter Hochspannung. Ein intensives Vibrieren nahm Besitz von seinem Körper, gegen das er sich nicht wehren konnte. Er wusste, er war nicht in unmittelbarer Gefahr. Um so erschreckender war der Angstzustand, der ihn jetzt mehr und mehr überfiel. Es gab keine Erklärung dafür. Eine hoch aufgerichtete Klapperschlange direkt vor ihm hätte nicht erschreckender sein können. Aber die gab es nicht. Gerade das machte es so bedrohlich. Er spürte den kalten Schweiß, der in feinen Rinnsalen seine Wangen hinab lief. Seine Gedanken rasten. Was war mit ihm los? Er konnte es sich nicht erklären. Er musste sich hinsetzen. Er hatte Angst, dass sein Kreislauf versagen und er umfallen würde. Einen Augenblick hielt er die Augen geschlossen, aber das hielt er nicht aus. Alles drehte sich. Er riss die Augen wieder auf und wusste: So musste es sich anfühlen, wenn es zu Ende ging. Wenn der Tod an seiner Seite war, ihn umschlich und auf den günstigen Moment wartete, wo er ihn überfallen und umreißen könnte. Claus suchte eine Parkbank. Die Banklehne drückte unangenehm in den Rücken. Er spürte, dass er sich gerne fallen lassen würde, aber genau das durfte er jetzt nicht. Er musste sich aufrecht halten. Sein Herz raste. Es schlug viel zu schnell. War das das Ende? Es war nur eine leise, kaum hörbare Stimme in ihm, die ihm sagte, dass er sich fügen und das akzeptieren müsse, was ihm vorbestimmt war. Es war wie ein Stillstand, der sich in ihm ausbreitete, wie das Schweigen der Tiere, wenn sich die Dämmerung auf die Erde senkt. Es war ein unerwarteter Frieden, der ihn umgab. Er merkte, wie die Verkrampfung nachließ. Erschöpfung überfiel ihn. Er zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, hatte Mühe, es in der Hand zu halten, und wischte sich zitternd den Schweiß von der Stirne.
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Hamid

Mohsin Hamid:So wirst du stinkreich im boomenden Asien
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
DuMont Verlag € 18,99

„Seien wir ehrlich, ein Selbsthilfebuch ist ein Widerspruch in sich, es sei denn, man schreibt selbst eines. Es ist doch so: Du liest ein Selbsthilfebuch, damit jemand, der nicht du ist, dir helfen kann, und dieser Jemand ist der Autor. Das gilt für das gesamte Selbsthilfegenre. Zum Beispiel für Ratgeberbücher. Und für Selbstverbessungsbücher.“
Ja was jetzt? Kommt da wirklich ein Ratgeberbuch auf mich zu? Erfahre ich nun wirklich, wie ich stinkreich in Asien werden kann? Und womöglich auch in Deutschland? Womöglich sogar als Buchhändler? Wenn ja, dann her damit!
„Zieh in die Stadt“ lautet die Überschrift zum ersten Kapitel, das dann, wie oben beginnt.
„Verschaff dir Bildung“ lautet die zweite Überschrift und beginnt dann so:Es ist beachtlich, wie viele Bücher in der Kategorie Selbsthilfe fallen. Warum liest du beispielsweise diesen Hochgelobten, atemberaubend langweiligen ausländischen Roman weiter, kämpfst dich von Seite zu Seite zu Bitte-aufhören-Seite teerträger Prosa und formaler Überspanntheiten, die einem die Röte ins Gesicht treiben, wenn nicht aus dem Drang, ferne Länder zu verstehen, die wegen der Globalisierung das Leben in dem deinen deinen zunehmend beeinflussen? Was ist dieser dein Drang im Kern, wenn nicht ein Wunsch nach Selbsthilfe?
Kapitel 5 „Lerne von einem Meister“
Kapitel 7 „Scheu nicht vor Gewalt zurück“
Bis hin zum letzten und 12.Kapitel, das so überschrieben wird: „Denk an ein Ausstiegsszenario“
So weit die Überschriften und ersten Sätze in den jeweiligen Kapitel. Aber was sich dazwischen alles tut, kann ich auf die Kurze gar nicht beschreiben. Moshin Hamid ist in Pakistan geboren und hat u.a. Jura und Literatur in Harvard und Princeton studiert. Nach Stationen in New York und London lebt er mit seiner Familie wieder in Lahore. Und dieses globale Wissen, was er in seinem Leben angehäuft hat, bekommen wir hier aufgetischt. Aber: Hamid hat einen so frechen Witz, einen schwarzen Humor, der sich gewaschen hat. Seine Hauptperson, ein unbenannter Mann, wird in den Slums geboren; bekommt alles mit, was es dort an legalen und illegalen Dingen zu sehen gibt. Er ist kränklich und seine Familie glaubt nicht an großes Glück für den Kleinen. Doch das, was er in diesen Jahren gesehen hat, prägt ihn und er zieht in die Grossstadt und macht eine Tellerwäscher – Millionärskarriere. Sein Gold ist Wasser. Das wichtigste Gut überhaupt. Und mit diesem Lebensspender baut er sich ein Imperium auf, das auf Korruption, Betrug und Gewalt beruht. Sein Herz hat er allerdings an ein junges Mädchen verloren. Beide werden erfolgreich in ganz unterschiedlichen Bereichen. Die Jahre vergehen, Hochzeiten und Scheidungen gehen ins Land, aber sein Herz gehört immer noch ihr, obwohl sie sich nicht oft sehen. Moshin Hamid hat es geschafft, diese Satire, diese Farce auf den Kapitalismus mit einer Liebesgeschichte zu vermischen. Und diese Liebeschichte und die Wendungen im Verhalten des Mannes kommen erst am Ende zu Tage. Gleichzeitig sagt Hamid in einem Interview, dass es auch ein spirituelles Buch ist. Es sei ein durch und durch säkularer Text, aber handelt von spituellen Krisen. Ein Thema: Der Verlust. „Verlust von Gesundheit, Verlust von geliebten Menschen, Verlust des eigenen Lebens. Diesen Verlusten hat die Religion einmal einen Sinn gegeben.“ Doch in unserer Zeit der Glaubenskriege und der Globalisierung ist auch das vorbei. Kurz hintereinander habe ich Abbas Khiders: „Brief in die Auberginenrepublik“ und dieses Buch gelesen und in meinem Kopf haben sich beide miteinanderverwoben und mir mehrfach die Augen geöffnet. Vielleicht lohnt sich dieser Doppelpack. Sie werden es nicht bereuen.

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