Montag

Dienstag, 3.September um 19 Uhr „Die erste Seite“.
Wir stellen vier neue Bücher vor.
Es liest Marion Weidenfeld.
Gast: Stefan Plöger mit seinem neuen Roman.
Der Eintritt ist frei.
Wir beginnen pünktlich.
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Donnerstag, 26.September um 19 Uhr Lesung mit
Jgoda Marinic: „Restaurant Dalmatia“
Eintritt € 10,00
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Erste Ergebnisse unseres Pixi-Wettbewerbs finden Sie
auf dem Pixi-Blog
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Bilder aus der Jastram-Welt gibt es auf dem
Jastram-Fotoblog
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Nun zu unseren Geburtstagskindern:
Caroline Schelling * 1763
Paul Bourget * 1852
Joseph Roth * 1894
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Caroline Schelling
„Jeder angenehme Augenblick hat Wert für mich – Glückseligkeit besteht nur in Augenblicken. Ich wurde glücklich, da ich das lernte.“
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Paulo Scott: „Unwirkliche Bewohner
Aus dem Brasilianisch-Portugiesischen von Marianne Gareis
Wagenbach Verlag € 19,90

Brasilien steht in den nächsten Jahren immer wieder im Mittelpunkt des Weltgeschehens, wobei die Literatur die unbedeutende Angelegenheit sein wird. Brasilien ist das Schwerpunktland auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt. Danach finden dort in den folgenden Jahren die Fussball-WM und die Olympiade statt. Aber wen interssiert schon Literatur, im Gegensatz zu Fussball?
Na mich natürlich und Sie hoffentlich auch.
Paulo Scott war mir gänzlich unbekannt und ich bin froh, dass ich dieses Buch gelesen habe. Zu Beginn war ich etwas irritiert, da das Buch mit einer seitenlangen „Einführung“ zu seiner Hauptperson Paulo beginnt. Hier wird jedoch auch die Jahreszahl 1989 erwähnt und wir wissen danach wann und wo wir uns befinden. Schön auch die erste Oberüberschrift: „von allem was passiert, bleibt immer etwas übrig, das noch einmal passiert„. Das trifft schön auch zum ganzen Roman zu.
Paulo, ein junger Student und Sohn aus einer engagierten, wohlhabenden Familie in Brasilien, trifft auf einer Autofahrt von einem politischen Treffen, auf dem er sich von Vielem losgesagt hat, auf die 14jährige Maína, die in einem Indianercamp lebt. Das Unmögliche passiert: Beide kommen sich näher, verlieben sich ineinander und versuchen sogar gemeinsam zu leben. Die Initiative geht zunächst von Paulo aus, der sein Hab und Gut verkauft, um ein illegales Haus für sich und Maína bauen zu lassen. Das Glück hält wirklich nicht lange. Die Polizei taucht auf, schiesst aus Unachtsamkeit auf Paulo, der am Bein verletzt wird. Im Buch gibt es nun einen radikalen Schnitt und wir finden Paulo mitten in London lebend. Seine Eltern haben ihn aus der juristischen Affäre herausgeboxt und er versucht sich in dieser neuen Metropole neu zu finden. Zurück bleibt Maína, die einerseits schwanger ist und einen Sohn Donato gebiert und andererseits immer mehr an Persönlichkeit gewinnt. War sie zu Beginn eher ein Anhängsel und ohne Sprache, beherrscht sie nun das Portugiesische soweit, dass sie Diskussionen führen und ihre Meinung kundtuen kann. Auch hier gibt es wieder einen Schnitt und wir haben Donato, der mehr oder weniger alleine heranwächst und unbewusst vieles auslebt, was seine Eltern ihm mitgegeben haben. Paulo und Maína haben es nicht geschafft, die gesellschaftlichen Schranken zu überwinden und etwas ganz Neues zu beginnen. Donato versucht sich mit seiner neuen Situation auseinanderzusetzen, sich zurecht zu finden. Aber so einfach ist das nicht für ihn, der indianisches Blut hat und an immer mehr Verlusten leidet. Durch den Trick sich nur noch hinter einer Maske zu verstecken, erweckt er großes Aufsehen. Er hat in seinem Gepäck Tonbandaufzeichungen seiner Mutter, auf der sie Legenden und Geschichten ihrer Vorfahren, der Guaraní, erzählt. Damit schafft er den nächsten Schritt in eine Zukunft und in unsere Gegenwart. Er entlarvt mit seiner künstlerischen Arbeit und mit seinen Aktionen die jetzige Gesellschaft in Brasilien. Selbstzufriedenheit in einer Zeit, in der es viele zu persönlichen Wohlstand geschafft haben, die wahren Probleme aber nicht angepackt worden sind, lesen wir in dem, was Donato zu zeigt. Paulo Scott lässt seine Personen immer wieder auftauchen, bringt Einschübe, mal ein Gedicht, wechselt von der Dialogform, in Kapitel mit Beschreibungen und hat mich trotz seiner sehr zurückhaltenden Art, sehr gefesselt. Gerade der Schluss, der für ein großes, sehr unerwartetes Zusammentreffen sorgt, ist fulminat komponiert. Für mich war dies ein ganz besonderer Roman, der mich einerseits sehr mit den Personen mitfühlen ließ und andererseits sehr politisch ist. Gerade diese Seite ist mir sehr fremd. Was weiß ich schon von Brasilien? Und dabei hat mir dieser Roman, mit seiner Zeitreise durch die letzten 25 Jahre, sehr geholfen.
Wie ich zu Beginn schon geschreiben habe, bin ich froh, dieses Buch gelesen zu haben und wünsche ihm sehr viele gute Besprechungen. In Brasilien hat er den Preis der Brasilianischen Nationalbibliothek für den besten Roman 2012 erhalten.

Interview mit Paulo Scott auf dem Blog der Frankfurter Buchmesse.