Mittwoch

Heute haben
Alfred Kubin * 1877
Claudi Magris * 1939
Geburtstag
und Stefan Heym wird heute 100 Jahre alt.
________________________

Gestern habe ich meinen Reisebegleiter kurz erwähnt; konnte ihn aber nicht länger besprechen. Das soll jetzt kommen.

Scherben

Ismet Prcic: „Scherben
Suhrkamp Verlag  € 21,95

Gestern schrieb ich schon, dass der Autor und sein gleichnamiger Protagonist im Roman vor einem Scherbenhaufen seines Lebens sitzt. Durch den miterlebten Bosnienkrieg ist er schwer traumatisiert. Er sitzt mitlerweile in den USA, lehrt Theaterpädagogik und sein Therapeut rät ihm, sich alles von der Seele zu schreiben. So weiss ich nicht, was ist Realität und was ist Fiktion. Das ist jedoch auch bei keinem Roman, bei keiner Biografie klar zu erkennen.
„Jeder ist der Held seiner eigenen Märchen. … Ich habe kein Heimweh, mati. Ich bin die ganze Zeit daheim. In der Vergangenheit. In der Fiktion.“
Schulabenteuer, erste Liebe, der verzweifelte Ruf an seine Mutter, der Krieg, die Spielchen; all dies wird in einzelnen Episoden erzählt. Ohne eine fortlaufende Chronologie. Der größte Teil des Buches sind die Jugendjahre von Ismet Prcic in Tuzla. „Chaos war die Normalität. Und die Normalität war unnatürlich, brüchig.“ Dieses Chaos überträgt sich auf den Schreibstil. Ismets Jahre dort sind auch noch kindlich naiv. Mit Abenteuerspielchen durchsetzt und über allem schwebt schon eine Vorahnung eines Krieges. Er ist 15, als 1992 der Krieg nach Tuzla und die bosnischen Serben die Stadt zu beschießen beginnen. Und er ist 18, als er 1995 auswandern kann, ehe er noch zum Kriegsdienst eingezogen wird.
„Zivilisten fällten Bäume im Park, wurden auf Fußballplätzen beerdigt, verfeuerten Bücher und Möbel, hielten Hühner auf dem Balkon, reparierten Schuhe mit Klebeband, jagten und aßen Tauben, bauten Öfen aus alten Waschmaschinen, züchteten Pilze im Keller, ersetzten kaputte Fensterscheiben durch schmutziges Plastik, drehten durch und sprangen von Hochhäusern, verdünnten Brennspiritus mit Kamillentee, damit er nicht mehr feuergefährlich war, und tranken ihn, drehten sich Kräuterzigaretten aus Klopapier, litten, hofften, warteten, fickten.“
Er erfindet sich eine weitere Figur, Mustafa, der vielleicht ein zweites Ich sein kann. Mustafa erlebt den Krieg, er kann nicht fliehen. Er bleibt zurück. „Mustafa geht mir nicht aus dem Kopf. Stundenlang träume ich im Wachzustand sein Leben, während ich darauf warte, dass meines einen Sinn ergibt“, notiert Ismet in seinem Tagebuch. „Ich wollte eine Figur, die weggeht und den Krieg von außen sieht; und eine andere Figur, die kämpft und den Krieg am eigenen Leib erfährt. Irgendwann kollabieren die beiden Figuren ineinander, ohne dass man wissen kann, welche wirklich ist.“
Zusammen mit seinen Kumpels versucht er in eine andere, heile Welt abzutauchen.
„Ich blendete einiges aus, wenn ich mit meinen Freunden zusammen war. Wir vermieden es, über Politik und Religion zu sprechen. Stattdessen zogen wir, allesamt geil und verliebt, durch die Straßen. Wir schrammelten auf verstimmten Gitarren, erzählten einander Lügengeschichten über sexuelle Erfahrungen, tauschten italienische Comics und deutsche Pornos, rissen eklige Witze und schimpften über die Schule.“
Das Leben erträglich macht Ismet eine Laientheatergruppe, der er sich anschließt. Durch diese Arbeit vergißt er die Greuel des Alltags. „Das Theater war Labor, Religion, Geheimkult. Es war alles. Es geht darum, der Welt zu zeigen, dass es in Bosnien Schönheit gab, und wir nicht nur die Opfer von Geisteskranken waren, Experten im Leiden, verzweifelt um Hilfe Bettelnde, die in ihren Städten vor sich hin vegetierten und darauf warteten, gerettet zu werden, während die Welt auf CNN zusah.“
Was sich nun als sehr sehr und grausam darstellt, ist im Buch witzig, frech auch rotzig aufgeschrieben. Voller Liebe zu bestimmten Personen und kindlich naiv. Ich habe das Buch atemlos gelesen und immer wieder geschmunzelt, mich gewundert und finde es großartig.

Leseprobe
Website des Autors, auf der ganz groß das Wort Izzy steht. So wird Ismet in den USA genannt.


Interview mit dem Autor


Lesung bei First Novel Fete 2011
________________________

Neues aus der Underground New York Public Library:

NY

„Notes from the Underground“ by Fyodor Dostoyevsky

NY2

„In Praise of Messy Lives“ Essays by Katie Roiphe