Mitwoch

Heute hat Peter Huchel (* 1903) Geburtstag.
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Coppola

Somewhere
Regie: Sofia Coppola, USA 2010
DVD € 14,99

Der Film könnte auch „Chateau Marmont“ heissen, denn dort spielt er die meiste Zeit.
Johnny Marco, ein (im Moment) sehr angesagter Schauspieler hängt in seinem Zimmer herum, verkatert, lässt sich von zwei jungen Damen aufmuntern und pennt dabei ein. Johnny hat einen neuen Film abgedreht und weiss nun nichts mehr mit sich anzufangen. Er geht auf Parties. In seinem Zimmer finden häufig welche statt und er steht wie fremd daneben. Frauen machen ihn an, oder er schleppt sie ab. Er kommt einem dabei weder traurig noch frustriert vor, er hat keine Starallüren, und man muss nicht eine Sekunde befürchten, dass er den wilden Mann spielen könnte. „Für mich lebt er in einer Art Nebel“, sagt Sofia Coppola. Man könnte auch sagen, er sei wohl ein ganz netter Kerl, nur ein bisschen langweilig.
Doch keine Ablenkungen, die sich mit Geld erkaufen können, befriedigen ihn wirklich. Auch nicht sein schwarzer Ferrari mit dem er dauernd unterwegs ist.
Vieles erinnert an Sofia Coppolas Vorgängerfilm „Lost in Translation“. Auch hier meist Hotelszenen. Die Langeweile, das Verlorensein in der Zeit und im Ort. Alles hinterlegt mit starker unaufdringlicher Musik, die im Nachspann einigen Platz einnimmt.
Johnny Marcos Leben ändert sich leicht als seine (Ex)-Frau ihre gemeinsame 11jährige Tochter für einige Zeit abliefert, bis sie ins Feriencamp gehen kann. Hier entdecken wir bei Johnny so etwas wie Zuneigung. Eine ehrliche, die sich aber schwer aus ihm herauswindet. In den ersten gemeinsamen Szenen wird er imer wieder vom Mobiltelefon abglenkt. Das ändert sich jedoch später. Dieses Zusammenspiel der Beiden ist wirklich großartig, obwohl sich in der Grundeinstellung des Vaters nichts ändert. Sofia Coppola versteht es ausgezeichnet ganz kleine Gesten groß und lange ins Bild zu setzen. Und obwohl wir manchmal beim Anschauen denken: „O Mann, da passiert ja gar nichts!“, ist es wirklich großes Theater. Bei Tschechow wird auch viel geredet und hätten sie damals schon Computerspiele gehabt, wären sie wahrscheinlich auch davor und vor ihren Mobiltelefonen gehangen.
Auf die Frage nach einem großen Plot im Film sagt Sofia Coppola: „Das ist einfach nicht meine Art. Es ist ja auch eine Herausforderung, wie minimalistisch man eine Geschichte erzählen kann. Mich ziehen Momente im Leben mehr an als große dramaturgische Bögen.“
Genug geschrieben über diesen ruhigen, anrührenden Film, auf dessen Hülle sogar die anderen Menschen am Pool wegretuschiert worden sind. Ein Irgendwo, oder Nirgendwo in der Sonne.
Ein Grund mehr die anderen Film von Sofia Coppola wieder anzuschauen. „Lost in Translation“ gehört eh zum meinen Lieblingsfilmen und „Marie Antionette“ hat mich nach langem Zögern richtig umgehauen.


Trailer

Fotogalerie
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Noch ein weiterer Text aus
Bernd Schmitts neuem Buch: „Lückentexte“,
das bei uns in der Buchandlung ausliegt.

Der Bahnhof
Schwer zu sagen, warum die Junginger ihren Bahnhof eines Tages abgerissen haben. Vielleicht hatten sie einfach kein Fernweh mehr verspürt, waren des Reisens müde geworden, wollten oder konnten ihren Ort nicht mehr verlassen.
Dabei war dieser Bahnhof der beste Ort der Welt um aufzubrechen, fort zu gehen und nie mehr wieder zu kommen. Der Wartesaal war kalt, feucht und finster. Die Bänke waren hart und man hatte den Eindruck sie über Gebühr zu belästigen, wenn man sich länger als einen kurzen Augenblick nur auf sie niederlassen wollte. Der einzige Ziehrat an den Wänden bestand aus einem Plakat voller Zahlen und Namen, das in einer gewissen Unerbittlichkeit und auf die Minute genau Auskunft gab, wann einen ein Zug wohin bringen konnte. Doch stand jeder dieser Möglichkeiten des Fortgehens eine genauso exakte Angabe gegenüber, die einem ins Gedächtnis rief, zu welcher Uhrzeit man unweigerlich wieder hierher zurückgekehrt sein würde.
Das Gebäude selbst war umstellt von einem Labyrinth aus Absperrgittern, durch dessen vorgegebene Bahnen die Reisenden gingen wie Tiere zum Schlachthof.
Kaum je ein Bahnhof, der weniger nach Freiheit gerochen hätte als dieser. Und weil er diese seine wichtigste Funktion am schlechtesten erfüllte, ja, vielleicht genau deshalb, wurde er abgerissen und geschleift und die Stelle getilgt in der Topographie eines Ortes, der beschlossen hatte, von nun an sich selbst genug zu sein.
Lediglich einige Balken des Dachgestühls stehen wie ausgebleichte Walkiefer im einen oder anderen Garten, zu einer Pergola oder einem Vordach zusammengeschraubt. Sie gemahnen als stumme Zeugen an die Zeit, als es noch die Möglichkeit gegeben hatte, auch diesen Ort zu verlassen.