Sonntag

Heute kommt der Blog etwas später.
Zuerst eine kleine Runde durch den Wald, dann etwas später noch „Literatur im Foyer“ mit Thea Dorn und Christoph Ransmayr. Ein grossartiger Kerl, dieser Ransmayr. Sein Buch „Atlas eines ängstlichen Mannes“ haben wir ja an einer „Ersten Seite“ vorgestellt, aber ihn sprechen und vorlesen hören, gibt der Sache noch einen extra Kick.
Hier können Sie diese Sendung nochmals anschauen.
Es lohnt sich.
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Gestern abend eine Neuerscheinung durchgefressen und erst nach der letzten Seite des Buches das Licht ausgemacht.

Flucht

Jesús Carrasco: „Die Flucht
Klett-Cotta Verlag € 18,95
als eBook € 14,99
Aus dem Spanischen von Petra Strien

Im spanischen Original heisst das Buch: “ Intemperie“.
Normalerweise bin ich kein so ein Pedant und nehme die Übersetzungen, wie sie sind.
Hier jedoch hat mich im Nachhinein der reisserische Titel gewundert.
„Intemperie“ heisst laut leo.org u.a.: „Die Unbilden“.
Es hat auch etwas mit der Witterung zu tun. Es kann auch obdachlos, im Freien übernachten heissen. Wetterfest und wettergeschützt.
Der Duden schreibt zu „Unbilden“:
Unangenehme Umstände, Auswirkungen, Begleiterscheinungen von etwas, was jemandem schicksalhaft widerfährt.
Beispiele:
– den Unbilden der Zeit, des Alters, des Lebens, der Natur ausgesetzt sein
– die Unbilden des Wetters ertragen müssen.

Natürlich haben beide Sprachen recht. Es geht um eine Flucht, aber vielmehr geht es um die verschiedenen Formen der Bedeutung des spanischen Wortes „Intemperie“.
Auch das Titelbild deutet eher auf einen amerikanischen Western, als auf die karge, hügelige spanische Landschaft.
Fast hätte ich mir ein Bild von Antoni Tàpies gewünscht, der mit seinen Erdfarben und Kreuzmotiven eine unglaubliche Symbolik und archaische Verstörung und Ruhe ausstrahlt.

Ein Junge ist auf der Flucht und hält sich in einem Erdloch versteckt. Es wurde mir nicht klar warum. Was auch nicht so wichtig ist. Sicherlich spielt der Polizeichef eine große Rolle und eventuell auch sexueller Missbrauch.
Auf jeden Fall kriecht der Junge (der auch nur so benannt wird) nach vielen Stunden aus seinem Versteck und versucht ungesehen aus der Gegend seines Dorfes zu verschwinden. Dies ist alles nicht so einfach, da die Landschaft sehr karg ist und kaum Unterschlupf bildet. So bewegt sich der Junge viel bei Nacht. Er trifft auf einen alten Schäfer, dessen Hund ihn entdeckt. Aber anstatt zu bellen und ihn anzugreifen, kommt es hier zu einer sehr schönen liebevollen Szene. Der alte Ziegenhirte nimmt den Jungen mit auf seine Reise, zeigt ihm das Nötigste, was er über die Ziegen wissen muss, fragt aber nicht weiter nach, warum der Junge alleine unterwegs ist. Gleichzeitig weiss der Junge nicht, wie er den Alten einschätzen kann/soll. Dieses sehr sehr einfache, durch Hunger und Armut gezeichnete und duch dauernden Durst geprägte Leben ist das Faszinierende an diesem Buch. Es wird kaum gesprochen und auch wenig gehandelt. Es ist wie ein verblichenes Graffity an einer alten Wand, auf die die südliche Mittagssonne brennt.
Es kommt in der Mitte des Buches zu einem großen Showdown, von dem sich alle Personen nicht mehr erholen. Oder zumindest verändert daraus hervorgehen. Es geht wirklich um Leben und Tod. Eigentlich geht es in den Seiten zuvor um’s Überleben und jetzt scheint es um den Tod zu gehen und wie ihm zu entrinnen ist.
Extrem starke Bilder, die auch an „Winter’s Bone“ erinnern, oder an den Roman „Die Straße“.
Wenige Personen in einer fast unwirklichen, zumindest sehr unwirtlichen Landschaft.
Gemeinsam starten der Alte und der Junge eine sehr gefährliche Aktion und nur gemeinsam können sie diese durchstehen.

Nun werden Sie denken: Oh Mann, der Wiltschek hat wieder ein Buch gelesen / beschrieben, das einen vollkommen runterzieht. Nein, das ist nicht der Fall.
Es ist kein Krimi, kein Thriller, keine Sozialkritik an der spanischen Gesellschaft.
Es ist fast so etwas wie eine Meditation, wenn ich dieses Wort für seine Situation benutzen darf.
Es sind messerscharfe Beobachtungen, Andeutungen und Handlungen, die plötzlich ganz anders weitergehen, als wir als Leser vielleicht denken.
Eine kleine Passage im ersten Drittel des Buches mag dies verdeutlichen.
Die Beiden finden einen Kuhkadaver, auf dem ein Rabe sitzt und in dem eine Ratte innendrin herumnagt. Der Hirte treibt die Ratte aus dem Leichnam in einen Sack und erschlägt sie mit seinem Knüppel. Na klar, denke ich, die Ratte hätte sich wahrscheinlich über die Vorräte des Alten hergemacht. Wahrscheinlich schon. Jedoch landet die Ratte sehr schnell auf dem Grill als Abendessen. Dies wird alles so schlüssig und ohne Vorbehalte erzählt, dass es gar nicht grausam, eklig daherkommt.

Ein sehr bewegendes Buch, das viel mit dem Thema Hoffnung und Vorhersehung spielt. Dem Vorgegebenen und dem was Personen daraus machen (können).

Hier kommen Sie zur Leseprobe.

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Jesús Carrasco 1972 in Badajoz geboren. »Die Flucht« ist sein erster Roman, der sich auf Anhieb in insgesamt acht Länder verkauft hat. Er gilt als die literarische Neuentdeckung Spaniens. Der Autor lebt in Sevilla.

Pressestimmen aus Spanien:

»Ein Mann und ein Kind nehmen uns mit auf eine Reise, die an Hemingways ›Der alte Mann und das Meer‹ erinnert. Mit seiner außergewöhnlichen Sprache schafft Carrasco neue Welten.«
El País

»Ein moderner Klassiker: … Die Flucht wird uns sehr lange begeistern.«
El Placer de la Lectura

»Ein Roman voller Poesie.«
Página 2

»Das beste Debüt der Saison«
ABC Cultural

»Eine der größten Überraschungen der literarischen Saison.«
El Periódico de Extremadura

»Jesús Carrasco liefert ein blendendes Romandebüt.«
Noticias de Álava

»Carrasco geht unter die Haut: Mal scharf wie ein Messer, mal zart wie Balsam.« Diario de León

»Eines der besten Bücher des Jahres … Die Flucht wartet mit allem auf, was einen Roman der Spitzenklasse ausmacht.«
Papel en Blanco
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Ich wünsche Ihnen einen geruhsamen Sonntag.
Genießen Sie die Natur und Ihre Bücher.

CatFLICKR
(gefunden auf flickr.com)
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„Swans Way“ von Marcel Proust
(gefunden bei unypl.tumblr.com)