Montag

DSCF6432

Heute haben John Dos Passos * 1896
und
Anatolij Rybakow * 1911
Geburtstag

DSCF6431

Und mein Gedichtekalender bringt ein Heine Gedicht:

Heinrich Heine
Jetzt wohin?

Jetzt wohin? Der dumme Fuß
will mich gern nach Deutschland tragen;
doch es schüttelt klug das Haupt mein Verstand
und scheint zu sagen:

Zwar beendigt ist der Krieg,
doch die Kriegsgerichte blieben,
und es heißt, du habest einst
viel Erschießliches geschrieben.

Das ist wahr, unangenehm
wär mir das Erschossenwerden;
bin kein Held, es fehlen mir
die pathetischen Gebärden.

Gern würd ich nach England gehen.
wären dort nicht Kohlendämpfe
und Engländer – schon ihr Duft
gibt Erbrechen mir und Krämpfe.

Manchmal kommt mir in den Sinn
nach Amerika zu segeln,
nach dem großen Freiheitsstall,
der bewohnt von Gleichheitsflegeln –

doch es ängstet mich ein Land,
wo die Menschen Tabak käuen,
wo sie ohne König kegeln,
wo sie ohne Spuknapf speien.

Rußland, dieses schöne Reich
könnte mir vielleicht behagen,
doch im Winter könnte ich
dort die Knute nicht ertragen.

Traurig schau ich in die Höh,
wo viele tausend Sterne nicken –
aber meinen eignen Stern
kann ich nirgends dort erblicken.

Hat im güldnen Labyrinth
sich vielleicht verirrt am Himmel
wie ich selber mich verirrt
in dem irdischen Getümmel.

DSCF6433

Der Arche Kinderkalender hat diese Woche ein spanisches Wolkenkratzer-Gedicht, das man von unten nach oben lesen soll, da die Person gleichzeitig von unten nach oben hochsteigt.
So habe ich ein Gedicht auch noch nie gelesen.

DSCF6431

Ich habe es ja gestern schon erwähnt, dass heute noch eine Filmbesprechung kommt. Nicht, dass ich im Moment nicht lesen würde. Es sind aber meistens Leseexemplare von Büchern, die erst erscheinen und noch nicht vorgestellt werden dürfen. Unabhängig davon ist dieser Film wirklich etwas ganz Besonderes. Er ist in schwarz-weiss und ein Debut des Regisseurs, bei dem einige hochkarätige Schauspieler mitspielen. So zum Beispiel der gestern erwähnt Michael Gwisdek, aber Katharina Schüttler, Ulrich Noethen und natürlich Tom Schilling, der Jungstar ohne Schauspielausbildung, der schon einigen großen Kinofilmen mitgemacht hat (z.B.“Napola“).

boy
„Oh Boy“
von Jan Ole Gerster

Ja, getrunken wird viel in diesem Film, der an einem Morgen beginnt, einen Tag und eine Nacht und noch einen Morgen dauert. Schauen Sie sich das Flugzeug zu Beginn an, wenn es von rechts kommt, über die S-Bahn-Szenerie fliegt, und schauen Sie, wo es am Ende des Films in der gleichen Szene ist.
Niko bekommt zwar einen Kaffee, trinkt aber sonst so einiges weg. Aber: Er isst nichts. Fast möchte man sagen: So ess halt mal was! Er schaut, er lässt die anderen reden, er kommt kaum zu Wort. Und wenn, dann kommt es oft zu Missverständnissen. Ganz so wie es in der letzten Kneipenszene von Michael Gwisdek gesagt wird: „Keiner versteht mich, keiner hört mir zu“.
Jazzige Musik und Straßenszenen erinnern sehr stark an alte Woody Allen-Filme, was sicherlich bewusst gemacht worden ist und sich auch stimmig zwischen die einzelnen Episoden geschnitten worden sind.

Niko trifft an diesem langen Tag auf seinen Vater, der ihm den Geldhahn zudreht, er unterhält sich mit seinem Nachbarn, der ihm etwas wegen seiner Ehe vorheult, er muss aufs Amt, damit er seinen Führerschein wieder bekommt (grausam witzig), er trifft eine Schulfreundin wieder, die in alten Wunden kratzt und nie so richtig einzusortieren ist. Er besucht mit einem Freund einen Drehset, an dem ein Nazifilm gedreht wird. Allein das lohnt sich. Sehr stark aber auch die oben erwähnte Kneipenszene, die an den Filmset inhaltlich anschließt. Sie merken schon, ich könnte den ganzen Film nacherzählen.

Dieser Film von Jan Ole Gerster, der auch das Drehbuch geschrieben hat, ist voller schöner Bilder, auch im übertragenen Sinn, hat viele lustige, schräge Szenen, aber genauso traurige, nachdenkliche, die einen nach dem Kinobesuch nicht mehr loslassen.
Also: Reingehen!