Mittwoch, 5.April


Heute haben
Robert Bloch * 1917
Arthur Hailey * 1920
Hugo Claus * 1929
Bora Cosic * 1932
Jochen Ziem * 1932
Werner J.Egli * 1943
Geburtstag
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Selma Meerbaum-Eisinger
Spätnachmittag

Lange Schatten fallen auf den hellen Weg
und die Sonne schickt noch letzte Abschiedswärme
und das dünne Zwitschern eines Vogels ist, als ob es lärme
und als stehl‘ es etwas von der Stille weg.
Menschen auf zehn Schritt Entfernung
sind wie aus ganz andern Welten
und fast möchte man die welken Blätter schelten,
daß sie rascheln und die letzten Sonnenstrahlen stören.
Und man möchte nur die Veilchen wachsen hören.
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UInser Buchtipp:


Jannie Regnerus: „Das Lamm
Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure
Weidle Verlag € 20,00

Gestern noch spielte Joris einen Ritter, der gegen Drachen kämpft. Er sammelte Kaulquappen in Einmachgläsern und malte lustige Bilder. Heute sitzt der Fünfjährige vor der Kinderonkologin auf einem Krankenhausbett. Diagnose: Nierentumor. Das Leben von Joris und seiner Mutter Clarissa wird von einem Tag auf den anderen komplett umgekrempelt.
Was sich so brutal anhört, verarbeitet Jannie Regnerus in einen zarten, kleinen Roman mit vielen Bildern, wie auf Postkarten. Sie verändert für ihren Sohn und sich die Sicht auf alltägliche Dinge, um die Untersuchungen im Krankenhaus erträglicher zu machen.
Doch die Wochen und Monate sind zermürbend und Hilfe dabei ist das Bild des Genter Altars. Das Titelbild auf dem Buchumschlag ist ein kleines, zentrales Detail davon. Durch die Kraft und Schönheit dieses Kunstwerkes erhält Clarissa Kraft für sich, ihren Sohn und ihre Familie.
Dass es gut für Joris ausgeht, erwähne ich hier gerne, um Sie nicht vor dieser sehr feinen Lektüre abzuhalten.
„Der Titel des Buches bezieht sich auf den berühm­ten Genter Altar von Jan van Eyck. Ich werde die­ses Werk nie mehr sehen können, ohne an Jannie Regnerus‘ Roman zu denken.“
Cees Nooteboom

Jannie Regnerus, geb. 1971 in Oudebildtzijl, ist seit den 1990er Jahren als Künstlerin und Fotografin aktiv und erhielt für ihr Werk zahlreiche Preise, so 2007 den VPRO Bob­-den­-Uyl-­prijs für das beste Reisebuch des Jahres. Seit 2005 veröffentlicht sie zudem Romane, darunter Het geluid van valende sneeuw (2006), Nachtschrijver (2017) und Het Wolkenpaviljoen (2020). Das Lamm erschien 2018 auf niederlän­disch unter dem Titel Het Lam und wurde dort mehrfach aufgelegt.
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Auf tagesschau.de gefunden:

Folge des Klimawandels
Auch in den Wäldern sterben die Insekten

Die Zahlen sind alarmierend: Laut einer Untersuchung der TU Darmstadt geht die Population von 60 Prozent der Insekten in deutsche Wäldern zurück. Ein Grund für ihr Verschwinden sind die Veränderungen infolge des Klimawandels.
Nicht nur auf Feldern oder Ackerböden gibt es immer weniger Insekten, auch in deutschen Wäldern fehlen sie zunehmend. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie unter Leitung der Technischen Universität (TU) Darmstadt.
Demnach erlitt die Mehrzahl der analysierten Insektenarten in den Wäldern zwischen 2008 und 2017 Verluste. Insgesamt untersuchten die Darmstädter Forscher zusammen mit Kollegen der TU in München die Entwicklung von 1805 Insektenarten an 140 Standorten.
„Über 60 Prozent der untersuchten Insektenarten waren rückläufig“, erklärte Michael Staab, Hauptautor der Studie. Da sich hierdurch die Nahrungsnetze verschieben würden, werde sich das Artensterben „sehr wahrscheinlich“ auf alle Organismen in deutschen Wäldern auswirken, warnte der Biologe von der TU Darmstadt.  …

Den kompletten Artikel finden Sie hier.

Mittwoch, 18.August

Foto: Rudi Deuble

Heute haben
Elsa Morante * 1912
Alain Robbe-Grillet * 1922
Ulrich Woelk * 1960
Geburtstag
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Statt eines Gedichtes, der Beginn des neuen Romanes von
Ulrich Woelk: „Für ein Leben„, C.H.Beck Verlag € 26,00

1 Fehldiagnose

Als Nikisha Lamont ihrem späteren Ehemann,
Clemens Rubener, erstmals begegnete, hätte sie ihm um ein Haar die
Fruchtbarkeit geraubt. Das war im Winter 1989 / 90, kurz nachdem
die Mauer zwischen Ost- und Westberlin gefallen war, politisch aber
noch zwei deutsche Staaten existierten. Die geteilte Stadt, die ge-
schlossenen Grenzen kannte Niki nicht, sie war erst vor wenigen
Wochen aus Guadalajara in Berlin angekommen und hatte eine Stelle
als Ärztin in einem Krankenhaus im Bezirk Wedding angetreten –
nicht unbedingt dem attraktivsten Viertel der Stadt. Aber das wusste
sie nicht.
Das Krankenhaus lag in der Nähe der Grenzanlagen, und Niki
hatte als Ärztin vom ersten Tag an fast pausenlos zu tun. Die Öff-
nung der Mauer hatte den Notaufnahmen, die auch vorher schon
notorisch überfüllt gewesen waren, eine Menge weiterer Patienten
beschert. Überhaupt konnten sich sämtliche Westberliner Institutio-
nen und Geschäfte danach vor Publikum kaum retten – ganz gleich
ob Banken, Supermärkte, Autohäuser oder Sexshops. Überall stan-
den Neugierige und Schaulustige aus der Osthälfte der Stadt und des
ganzen Landes Schlange, und so herrschte in den Straßen Westber-
lins ein paar herbst- und frühwinterliche Wochen lang eine ungewöhn-
liche Mischung aus alltäglicher Geschäftigkeit, vorweihnachtlichem
Einkaufsgedränge und historischer Euphorie. Berlin hatte sich gleich-
sam verdoppelt, und ein Witzbold meinte, dass John F. Kennedy in
diesem beispiellosen Winter 1989 / 90 hätte sagen müssen: «Ich bin
zwei Berliner.»
Clemens Rubener kam mit akuten Schmerzen im linken Hoden in
die Notaufnahme. Draußen hatte es begonnen zu schneien, und jedes 10
Mal wenn die Automatiktür sich öffnete, wehte ein Schwall kalter
Luft mit nervösen Flockenwirbeln in den Korridor. Durch ein Fenster
im Anmeldungsraum konnte man den verwaschenen Schein der
Bogenlampen sehen, die den nahen Grenzstreifen beleuchteten, keine
fünfzehn Gehminuten vom Krankenhaus entfernt.

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1. Welches Buch lesen Sie gerade?
2. Welches Buch empfehlen Sie unbedingt?
3. Welches Buch wollen Sie schon immer mal (wieder) lesen

Barbara Weidle (Verlegerin, Weidle Verlag) empfiehlt:

1.Max Mohr: „Die Freundschaft von Ladiz
und ein Buch mit Interviews mit Etel Adnan. (Große Lyrikerin, Philosophin, Malerin)
2.Yvonne Adhiambo Owuor: „Das Meer der Libellen
3.Marcel Proust: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Vielen Dank!!
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Das Literarische Quartett
am Freitag, 27.August
Im TV-Programm um 23:10 – 23:55 Uhr
Als Video verfügbar ab 16:00 Uhr

In der Sommer-Ausgabe lädt Thea Dorn zum temperamentvollen Literaturtalk
mit Christian Berkel, Ijoma Mangold und David Schalko.
Über diese Bücher wird gesprochen:

Jenny Erpenbeck: Kairos.
Eva Menasse: Dunkelblum
Klaus Pohl: Sein oder Nichtsein
Sigrid Nunez: Was fehlt dir
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Die Klimakrise ist real.

Tornado in Berumerfehn
Nun beginnt das Aufräumen

Ein Tornado hat in der Gemeinde Großheide eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Die vorläufige Bilanz: 50 zum Teil nicht mehr bewohnbare Häuser und zerstörte Autos. Nun geht das Aufräumen los.

Kipp-Punkt überschritten
Dorsch in der Ostsee droht auszusterben

In der westlichen Ostsee sind die Dorschbestände so stark geschrumpft, dass sie sich vorerst nicht erholen können. Das geht aus einer neuen Studie hervor. Die Hauptgründe dafür: Klimawandel und Überfischung.

Waldbrand nahe Saint-Tropez
Tausende retten sich vor den Flammen

Seit Montag wütet ein Waldbrand bei Saint-Tropez an der Cote d’Azur. Tausende Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden, zahlreiche Campingplätze wurden evakuiert. Starke Winde fachen die Flammen weiter an.
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Donnerstag, 13.April

Heute haben
Roda-Roda * 1872
Samuel Beckett * 1906
Stephan Hermlin * 1915
Seamus Heaney * 1939
Gustave.Le Clezio * 1940
Zeruya Shalev € 1959
Geburtstag
und es ist der Todestag von Günter Grass.
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Alle Menschen sind Brüder. Daher der ewige Zank unter ihnen.
Alexander Roda-Roda
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Niroz Malek:Der Spaziergänger von Aleppo
Miniaturen
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Weidle Verlag € 17,00

Wertvolles Pfand

Ich weiß, daß meine Briefe Dich nicht erreichen. Dennoch schreibe ich Dir jeden Abend, um Dir zu sagen, wie sehr Du
mir fehlst. Am nächsten Morgen lege ich den Brief wie ein wertvolles Pfand in die Hände des Briefträgers.
Der nimmt ihn behutsam entgegen und seufzt: »Bete für mich, daß der Scharfschütze, der die ganze Nacht seine
Opfer gezählt hat, schläft, wenn ich am Checkpoint ankomme.«
Dann lächelt er und wiederholt: »Bete für mich!«
Ich sehe, wie er auf der Straße mit dem Fahrrad davonfährt. Er fährt immer weiter, bis er im Himmel verschwindet.

Niroz Malek lebt und schreibt in Aleppo. Er ist nicht geflohen und bleibt in der Stadt bei seinen Büchern und Schallplatten, bei seinen Freunden Kaffeehäusern und all dem Elend in diesem Krieg. Sechs Romane und viele Erzählungen hat er veröffentlicht und gilt, so habe ich gelesen, als der Meister der kurzen Form. So auch hier in diesem schmalen Band mit 55 Miniaturen, die zuerst auf Facebook veröffentlicht und dann in Frankreich als Buch veröffentlicht worden sind.
Malek geht durch seine Stadt, durch die Trümmer und Ruinen, steht Soldaten gegenüber, sieht die allgegenwärtige Gewalt und die Namen der Toten an den Häusermauern. Malek ist ein Intellektueller, der sich den Gang ins Kaffeehaus nicht nehmen lässt. Er beobachtet genau, nimmt Dinge aus dem Augenwinkel war. Man mag es kaum glauben, was und wie er es wiedergibt. Malek wehrt sich gegen die Verrohung, die Brutalisierung des Menschen. Er möchte sich seine Würde bewahren. Es ist ein Dasein zwischen Leben und Tod, eine Gratwanderung, von der niemand weiß, wie es morgen aussieht und weitergeht.
Wir reden und lesen über Giftgasanschläge und Raketenantworten und lassen die Menschen aus dem Blick. Malek ist mittendrin und schreibt über Menschen in einer unmenschlichen Welt.

Der Dialog des Spaziergängers

Nach dem Krachen einer heftigen Detonation, die die Fenster meines Zimmers erbeben ließ, hörte ich auf zu schreiben. In Erwartung einer zweiten Detonation horchte ich eine Weile, dann stand ich von meinem Tisch auf und fragte mich: »Wo mag die Bombe wohl explodiert sein?« Und gab sogleich die Antwort: »Offenbar ganz in der Nähe …«
Ich ging in die Küche, stellte mich in die Mitte und fragte mich wieder: »Was hat dich jetzt in die Küche verschlagen? Willst du dir selbst beweisen, daß die Kämpfe nun in deiner Wohnung stattfinden?« Ich wußte keine Antwort. Beunruhigt kehrte ich in mein Zimmer zurück, um weiterzuschreiben. Da fragte sie: »Und? Willst du nicht wie die anderen Menschen Dokumente und Habseligkeiten für die Flucht in deinen Koffer packen? Du unterscheidest dich doch nicht von all den anderen, die aus den zerbombten Stadtvierteln fliehen.«
Ich sah sie an und dachte über ihre Worte nach. Dann lächelte ich und erwiderte: »Kannst du etwa glauben, daß ich meine Wohnung verlasse? Daß ich meinen Tisch zurücklasse, an dem ich gearbeitet und meine Geschichten und Romane geschrieben habe? An dem ich die Cover für meine Werke entwarf und Hunderte und Aberhunderte Bücher las?« Ich sagte zu ihr: »Ich werde meine Wohnung nicht verlassen. Was immer auch geschieht, ich werde nicht fortgehen.«
Sie lachte – trotz eines Anflugs von Sorge, der sich auf ihrem Gesicht abzeichnete – und sagte: »Alles, was du erwähnt hast, ist ersetzbar. Nur das Leben nicht …«
»Von welchem Leben sprichst du?« fragte ich. »Sprichst du über die Tage, die vorbeizogen? Sprichst du darüber? Oder über jenes Leben, das ich in all diesen Büchern gelassen habe, die ich las? Und in all den Freundschaften, die ich schloß, nicht nur mit den Autoren, sondern auch mit den Protagonisten. Mit jenen Helden, mit denen ich viele Tage und manchmal sogar monatelang lebte … Mit einigen habe ich gar mehr als ein Jahr lang meine Abende verbracht. Sag es mir!« erwiderte ich. »Wie soll ich mich von Nagib Machfus verabschieden, wie König Lear seinem Schicksal überlassen? Wie sollte ich nicht versuchen, Hamlet zu überreden, sein Zögern zu überwinden oder seine Philosophie aufzugeben, an die ich keinen einzigen Tag glaubte? Wie kann ich all die Gespräche mit Raskolnikoff über die göttliche Strafe und die Strafe des Gesetzes vergessen, die ein menschlicher Richter verhängt? Und diese kleinen Statuen von Puschkin und Gogol, diese Fotos von Tschechow und Hemingway, wer wird sie verteidigen? Und wer wird diese Schallplatten von Beethoven, Tschaikowsky und Rachmaninow vor der Zerstörung retten? Sag es mir!« wiederholte ich. »Wie kann ich meine Wohnung verlassen, aus meinem Zimmer fortgehen?« Dann setzte ich hinzu, nachdem ich ein paar Mal geschluckt hatte: »Warum? Um meinen Körper zu retten? Du solltest wissen, daß das, was ich in diesem Raum zurücklasse, nicht nur Bücher und Antiquitäten und Fotos sind. Nein, ich lasse meine Seele zurück.« Schließlich erklärte ich: »Kann ein Körper ohne Seele leben? Aus diesem Grund werde ich meine Wohnung nicht verlassen: Weil ich meine Seele nicht in einen noch so großen Koffer stopfen kann. Meine Seele ist all das, was du in meinem Zimmer siehst … Tausende Bücher. Hunderte Schallplatten, Zeichnungen, Gemälde und Fotos.« Ich sagte zu ihr: »Geh du, rette du dich. Aber ich bleibe hier, in meiner Wohnung, solange meine Seele weiterlebt.«

Veröffentlich der beiden Texte mit freundlicher Genehmigung von Stefan Weidle.

Dienstag

Das Programm der Literaturwoche Ulm

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Heute haben
Marquis de Sade * 1740
Thomas Hardy * 1840
Max Aub * 1903
Marcel Reich-Ranicki * 1920
Sibylle Berg * 1962
Geburtstag

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Stefan Weidle kommt zur Literaturwoche Ulm und stellt seinen Verlag vor.
Zusammen mit Jörg Sundermeier, Leiter des Verbrecher Verlages, können Sie die Beiden am Montag, den 15.Juni ab 19:30 im Botanischen Garten erleben.
Aus diesem Grund stelle ich heute ein grandioses Buch des Neuseeländischen Autors Carl Nixon vor, dessen dritter Ronan gerade eben erschienen ist.

„I know you’ll never come to harm
Walking down Rocking Horse Road, it’s so peaceful“
Elvis Costello: Rocking Horse Road (1994)

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Carl Nixon: „Rocking Horse Road“
Aus dem Englischen von Stefan Weidle
Weidle Verlag € 19,90
als TB bei btb € 9,99
auch als eBook erhältlich

Es war Pete Marshall, der Lucys nackte Leiche am Strand fand, nicht weit vom Ende der Rocking Horse Road entfernt. Seit diesem Morgen sind fast drei Jahrzehnte vergangen, und ein Jahrtausend hat geendet, aber wir können immer noch ganz präzise sagen, wo Lucy gelegen hat. Ihre Leiche lag am Fuß der Dünen, dort, wo die Flut sie hingespült hatte, nahe dem Schild mit der Warnung vor Kabbelwellen und der Aufforderung, nicht zu dem tiefen Kanal zu schwimmen, der die Flußmündung mit dem Meer verbindet und das Ende von The Spit markiert. Sofort war klar, daß keine dieser alltäglichen Gefahren Lucy Ashers Tod verursacht hatte.
Es war der 21. Dezember 1980, ein Sonntag vier Tage vor Weihnachten. Halb sieben Uhr morgens. Der Sommer schickte sich bereits dazu an, einer der heißesten seit Menschengedenken zu werden. Der Himmel war wolkenlos, der Sand bereits warm. Von Anfang an stand fest, daß es ein verdammt heißer Tag werden würde.

Es ist 1980, kurz vor Weihnachten als am Meer vor Christchurch in Neuseeland die Leiche der 17jährigen Lucy Asher entdeckt wird. Der Strand ist nur ein schmaler Streifen Sand, auf dem die Rocking Horse Road verläuft, an der sich links und rechts Häuser reihen. Lucy war eine Mitschülerin, schön, anziehend und arbeitete nachmittags, nach der Schule, oft im Milchgeschäft ihrer Eltern.
Erzählt wird das Buch in der Wir-Form. Dieses Wir ist eine Gruppe von Jungs, die damals ca.15 Jahre alt waren und durch diesen Vorfall ihr Leben lang zusammengeschweisst worden sind. 1980 ist die Zeit lange bevor ein großes Erdbeben Christchurch zerstörte und es ist auch das erste Mal, dass ein Sexualmord hier in der Gegend stattgefunden hat. Es ist zwar keine heile Welt rund um die Rocking Horse Road. Die Menschen sind hart, gehen einfachen Arbeiten nach und sind vom Wind, dem Sand, dem Wasser geprägt. Eigenbrötlerisch und wortkarg.
Der Tod des Mädchens verändert viel. Die Familie von Lucy zerbricht, ihre kleine Schwester findet keinen Halt und lässt sich auf viele Liebschaften ein. Der Vater ist tagsüber nie zusehen und das Milchgeschäft muss irgendwann schließen, da die ersten Supermärkte auftauchen. Verändert hat sich auch das Leben der Jungs, die mitten in der Pubertät stecken und an nichts anderes, als an Mädchen und Sex denken. Und da liegt die nackte Lucy am Strand. Sie organisieren sich einen Raum, in dem sie alles über den Mord an Lucy (sie wurde tatsächlich vergewaltigt und erwürgt) sammeln, da sie den Recherchen der Polizei nicht trauen.
Wir haben es in diesem Roman nicht nur mit einem Kriminalfall zu tun, sondern auch dem Erwachsenwerden dieser Jungs, die ihr Trauma bis in die Gegenwart mitnehmen. Unlösbar sind sie miteinander verbunden. Und nur das Wegziehen aus Christchurch, oder ein früher Tod lässt sie aus diesen Banden entkommen.
Ein zweiter Strang ist die Tour des Südafrikanischen Rugby-Teams. Zum ersten Mal gibt es in Neuseeland Proteste und gewalttätige Ausschreitungen gegen das Apartheidsystem.

Wir hatten das Gefühl, daß da vor unseren Augen etwas sehr Wichtiges zerbrach. Wir konnten es nicht benennen, es war etwas, das uns zuvor selbstverständlich gewesen war und das, wie wir instinktiv wußten, niemals würde repariert werden können.

„Rocking Horse Road“ ist also kein Kriminalroman, sondern die Geschichte einer Wohnsiedlung, deren Bewohner sich durch den Mord und durch die Zeitläuften verändert haben. Die Idee, dies alles von einem unbenannten Chor von Jugendlichen erzählenzulassen, passt sehr gut zu diesem nie aufgeklärten Mordfall.
Ein toller Roman., der sehr aufwendig gestaltet ist. Der Weidle Verlag hat von Carl Nixon nach „Rocking Horse Road“ noch „Settlers Creek“ (grossartig!) veröffentlicht und, wie schon erwähnt, jetzt gerade den dritten Roman „Lucky Newman“.
Sind wir also gespannt auf den Abend im Botanischen Garten.

Leseprobe