Dienstag, 4.Juni


Heute haben
Karl Valentin * 1882
Yaak Karsunke * 1934
Margit Schriber * 1939
Ralf Thenior * 1945
Val McDermid * 1955
Marie NDjaye *1967
Geburtstag
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„Früher war selbst die Zukunft besser.“
„Heute ist die gute, alte Zeit von morgen.“
Karl Valentin
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Douna Loup: „Verwildern
Aus dem Französischen von Steven Wyss
Limmat Verlag € 26,00

Was für eine Entdeckung. Was für eine besondere Prosa.
Ein Mädchen wächst mit ihrer Mutter in der Wildnis, in der Natur, am Rande eines Sees auf. Wann und wo der Roman spielt, wird nicht thematisiert. Dass es große Städte, moderne Technik gibt, taucht erst in der Mitte des Buches auf. Die beiden, jedenfalls, sind sehr eng mit der Natur verbunden und haben kaum Verbindung zur Zivilisation. Als die Ich-Erzählerin erfährt, dass sie einen älteren Bruder hat, der mit ihrem Vater, kurz nach ihrer Geburt, verschwunden ist, begeben sich Mutter und Tochter auf die Suche nach ihm. Sie lassen sich treiben, haben keinen Plan, schlafen in Wäldern, arbeiten auf Bauernhöfen und Fabriken. Aus dem Mädchen wird eine junge Fraue und die Wege der beiden trennen sich. Es kommt zu einem Zusammentreffen der beiden Geschwister und einem Leben in Gemeinschaft mit einem Partner und auch mit der Trauer des Alleinseins.
Diese Inhaltsangabe klingt nicht besonders prickelnd. Wenn Sie jedoch eine Seite des Textes lesen, meinen Sie fast ein Langgedicht vor sich zu haben. Eine traumartige Prosa, in der viel über die Schönheit der Natur und über die Fragilität unserer Erde auftaucht. Der Lärm der großen Stadt steht im krassen Widerspruch zum Leben im Verbund mit der Natur. Als die junge Frau in einer WG dort unterkommen kann, verändert sich ihre Einstellung. Auf Dauer kann sie so nicht leben und zieht sich wieder zurück ans Wassers, ans Meer, in die Wälder.
Ein Buch, das fast aus der Realität fällt, obwohl genau darüber geschrieben wird. Über den Verlust der Schönheit der Welt und einem Weiterleben in dieser Situation.
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Heute Abend gibt es ein letztes Mal eine „Erste Seite“ mit Clemens Grote und Samy Wiltschek.
„Letzte Seiten“ haben wir das überschreiben und wollen, bei Sekt und Brot, Neuheiten vorstellen und letzte Seiten von Büchern vorlesen, die wir in den vergangenen Jahren sehr gut verkauft haben.
Wer errät die Titel?
Wir beginnen pünktlich um 19 Uhr.
Der Eintritt ist frei.

Wir freuen uns.

Samstag, 27.Mai


Heute haben
Max Brod * 1884
Dashiel Hammett * 1894
Louis-Ferdinand Celine * 1894
John Cheever * 1912
Andrei Bitow * 19367
Said * 1947
Geburtstag
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„Lernen kann man immer nur von dem, der seine Sache liebt, nicht von dem, der sie ablehnt.“
Max Brod
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Unser Buchtipp:

Charles Ferdinand Ramuz: „Sturz in die Sonne“
Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Steven Wyss
Limmat Verlag € 26,00

Ende Juli 1921 wird in Genf ein Temperaturrekord von 38.3 Grad verzeichnet. Was damals ein Jahrhundertereignis ist, sind wir inzwischen gewöhnt. Zu jener Zeit aber ist eine derartige Hitze aussergewöhnlich. Den waadtländischen Autor Charles Ferdinand Ramuz hat der Sommer 1921 zu einem Gedankenexperiment inspiriert: Was, wenn diese Hitze nie mehr weggeht? Was, wenn es immer heisser und heisser wird? Und: Wie reagieren Menschen im Angesicht einer Katastrophe?
Ausgangspunkt des Romans ist ein Gravitationsunfall im Universum. Wissenschaftler haben entdeckt, dass die Erde dabei ist, in die Sonne zu stürzen. Die Erde wird verglühen, alles Leben enden. Es bleiben nur noch wenige Wochen.Diese Nachricht geht um die Welt.
Was die Menschen nun tun? Zunächst ignorieren sie ihr Schicksal. Als sie merken, dass es tatsächlich immer wärmer wird, reden sie sich die Sache schön: Sie preisen das tolle Wetter, den blauen Himmel, hoffen auf guten Wein. Doch schon bald wird sich nichts mehr schönreden lassen. Die soziale Ordnung gerät aus den Fugen.
Bei Erscheinen des Romanes im Jahr 1922 wurde er von der Kritik nicht beachtet, oder verrissen. Vielleicht lag es am ungewohnten Thema, oder den unterschiedlichen Sprachvarianten, die Ramuz in seinem Buch benutzt. Auch gibt es keine stringente Handlung. Der Autor springt von Handlungsort zu Handlungsort und beschreibt aus unterschiedlicher Sicht, wie sich die Freude über den blauen Himmel in Gewalt verändert.
Aus heutiger Sicht, 100 Jahre später, ist dieser Text aktueller denn je. Aus einem Gedankenspiel, vor einem ganz anderen Hintergrund, wurde und wird Realität durch die heranrollende Klimakatastrophe.