Donnerstag, 31.Mai

Heute haben
Ludwig Tieck * 1773
Georg Herwegh * 1817
Walt Whitman * 1819
Saint-John Perse * 1887 (Literaturnobelpreis 1960)
Konstantin Paustowksi * 1892
Leonid Leonow * 1899
Judith Wright * 1915
James Krüss * 1926
Rainer Werner Fassbinder * 1945
Swetlana Alexijewitsch * 1948 (Literaturnobelpreis 2015)
Frank Goosen * 1966
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James Krüss
Kleine Katzen

Kleine Katzen sind so drollig
und so wollig und so mollig,
daß man sie am liebsten küßt.
Aber auch die kleinen Katzen
haben Tatzen, welche kratzen.
Also Vorsicht! Daß ihr’s wißt!

Kleine Katzen wollen tollen
und wie Wolleknäuel rollen.
Das sieht sehr possierlich aus.
Doch die kleinen Katzen wollen
bei dem Tollen und dem Rollen
fangen lernen eine Maus.

Kleine Katzen sind so niedlich
und so friedlich und gemütlich.
Aber schaut sie richtig an:
Jedes Sätzchen auf den Tätzchen
hilft, daß aus dem süßen Kätzchen
mal ein Raubtier werden kann.
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Fee Katrin Kanzler: „Die Schüchternheit der Pflaume
und „Sterben lernen
Ausverkauf je € 15,00

Fee Katrin Kanzler Romane bieten wir hier zu einem Sonderpreis an, da sie nicht mehr lieferbar sind.
Aus beiden Büchern hat sie bei uns im Buchladen schon vorgelesen und wir konnten ihre dichte Sprache bewundern. Der Roman über eine Künstlerin in „Die Schüchternheit der Pflaume“ ist voller Musik und Gedankenspielen, Phantasien, Träumen und Wünschen und war für den aspekte-Literaturpreis nominert,
Eine weitere Biographie findet sich in „Sterben lernen“, in der Henry als Kind Superheld werden wollte, jetzt aber in einer Biolimonadenfirma arbeitet. Sein Leben hat sich anders entwickelt, als er sich erhofft hat. Als er auf die junge Joe trifft, kippen seine Vorstellungen und Hoffnungen in eine andere Richtung.

Zwei starke Bücher, die leider etwas untergegangen sind, wie es immer wieder mit Neuerscheinungen von noch nicht bekannten AutorInnen geschieht.
Jetzt gibt es eine weitere Möglichkeit Fee Katrin Kanzlers Romane zu entdecken.
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Sehr geehrte Damen und Herren,
der Countdown läuft – es sind nicht mal mehr zwei Wochen bis zur Europawahl am 9. Juni! Aus diesem Anlass möchten wir Sie an unseren Workshop „Nutze Deine Stimme – Baden-Württemberg wählt Europa“ erinnern, zu dem wir Sie herzlich einladen:
Dienstag, 4. Juni, 18:00 Uhr, m25, Münsterplatz 25, 89073 Ulm

Nur wenige Tage vor dem Wahltermin erfährt man hier alles Wichtige zur Europawahl und erarbeitet gemeinsam Wünsche und Ideen für die Zukunft Europas. Ihre Ideen stehen im Mittelpunkt – diskutieren Sie mit uns über:  

  • Demokratie in Europa – braucht es das noch oder kann das weg?
  • Wie soll die EU die aktuell wichtigsten Herausforderungen in den nächsten fünf Jahren lösen?
  • Was ist Ihre Vision für Europa 2045?

    Nutzen Sie die Chance, Ihre Gedanken einzubringen und Europas Zukunft mitzugestalten! Die Ergebnisse der Veranstaltung werden in einem Abschlussbericht festgehalten und an die neu gewählten Abgeordneten des Europäischen Parlaments aus Baden-Württemberg übermittelt.
    Zu Beginn der Veranstaltung gibt Nina Poppel, Journalistin und Influencerin mit Schwerpunkt auf politische Themen, im Gespräch mit Moderatorin Dana Hoffmann Einblicke rund um ihre Arbeit und die Europawahl: Warum ist EU-Politik interessant und wichtig? Was muss man für die Europawahl am 9. Juni unbedingt wissen und wie relevant sind diese Wahlen? Welche Rolle spielen Fake News bei der Wahl? Mit ihrem Kanal „Nini Erklärt Politik“ vermittelt Nina Poppel Politik auf Instagram und TikTok einfach, sachlich sowie humorvoll.

Bei „Nutze Deine Stimme – Baden-Württemberg wählt Europa “ handelt es um eine gemeinsame Veranstaltungsreihe des Europe Direct Netzwerks Baden-Württemberg mit dem Staatsministerium Baden-Württemberg.

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme! 

Herzliche Grüße
Katharina Lauhöfer
Leitung Europe Direct Zentrum
Donaubüro Ulm/Neu-Ulm
Kronengasse 4/3 | 89073 Ulm
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Der Jastramblog macht eine kleine Pause und meldet sich Mitte nächster Woche wieder.
Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute.

Samstag, 17.September

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Heute haben
Kurt Wolfskehl * 1869
Hugo Hartung * 1902
Frank O’Connor * 1903
Horst Krüger * 1919
Karin Reschke * 1940
Geburtstag
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Michael Beyer:Papa Dictator – Weltherrschaft
Hardcover mit Goldprägung
Jaja Verlag € 15,00

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Der Jaja Verlag feiert sein Fünfjähriges und dazu erscheint der fünste Band von Papa Dictator. Dieses Mal nicht im etwas größeren Pixi-Format, sondern festgebunden mit Goldprägung. Na, wer hat der hat.

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Papa Dictator hat es ganz dick hinter den Ohren. Oder ist er nur ein großes Kind?
Was er will? Nichts weniger als die Weltherrschaft. Und das erinnert uns schwer an Vorgehensweisen von großen Politikern und Konzernen. Mit großes Lust und Laune über Leichen gehen und verbrannte Erde hinter sich lassen.
So geht es in diesem neuen Band um Umweltkatastrophen, Ballerspiele für das reale Leben, Meinungsfreiheit, oder vielmehr die Zerschlagung derselben. Er überzieht seine Nachbarn mit Krieg, tritt Menschenrechte mit Füßen und seine finsteren Schergen knechten das Volk. Aber wir lernen den Despoten auch ganz privat kennen. Als empathischen Tierfreund, als Hobbygärtner im protzigen Palastpark oder als fürsorglichen Familienmenschen, der den arbeitslosen Vetter zum Propagandaminister macht. Manchmal muss man Papa Dictator einfach lieb haben.
Aber Achtung: Michael Beyer fährt ganz schwarze Geschütze auf. Humor von der dunkelsten Sorte. Daß uns dabei Papa Dictator manchmal ein klein wenig sympatisch vorkommt (im Gegensatz zu seinem Sohn), verschweigen wir lieber.
Ein Bilderbuch für Erwachsene, die mal so richtig schön politisch unkorrekt sein wollen.

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Die Veranstaltung mit Fee Katrin Kanzler und der Vortrag aus ihrem neuen Romen „Sterben lernen“ war großartig.

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Freitag, 16.September

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Heute haben
Hans Arp * 1887
Werner Bergengruen * 1892
Friedrich Torberg * 1908
Esther Vilar * 1935
Breyten Breytenbach * 1939
Geburtstag

Hans Arp
Die Herzen sind Sterne

.
Die Herzen sind Sterne,
die im Menschen blühen.
Alle Blumen sind Himmel.
Alle Himmel sind Blumen.
Alle Blumen glühen.
Alle Himmel blühen.
.
Ich spreche kleine, alltägliche Sätze
leise für mich hin.
Um mir Mut zu machen,
um mich zu verwirren,
um das große Leid, die Hilflosigkeit,
in der wir leben, zu vergessen,
spreche ich kleine, einfältige Sätze.
.
Die Meere sind Blumen.
Die Wolken sind Blumen.
Die Sterne sind Blumen,
die im Himmel blühen.
der Mond ist eine Blume.
Der Mond ist aber auch eine große Träne.
.
Alle Blumen blühen für dich.
Alle Herzen glühen für dich.
.
Ich spreche kleine, einfältige Sätze
leise für mich hin,
immerfort für mich hin.
Ich spreche kleine, alltägliche, geringe Sätze.
Ich spreche wie die geringen Glocken,
die sich wiederholen und wiederholen.
.
Sophie ist ein Himmel.
Sophie ist ein Stern.
Sophie ist eine Blume.

Alle Blumen blühen,
blühen für dich.
Alle Herzen glühen,
glühen für dich.

Nun bist du fortgegangen.
Was soll ich hier gehen und stehen.
Ich habe nur ein Verlangen.
Ich will dich wiedersehen.
.
Wir zogen hell
durch Glanz und Duft.
Nun tut das Licht mir weh
und niemand ruft
und zeigt mir eine Blume
oder einen Stern.
.
Es blüht im Himmelsgrund
zwischen Dunkelheit und Licht
strahlend wie ein Stern
dein gütiges Gesicht.
.
Du bist ein Stern
und träumst in Gottes lichter Blume.
Ich mag nicht weitergehen.
Ich will auch schlafen.
So wie du schläfst
in Gold und tiefer Ferne
in einem reinen Wiegen.
.
Verloren wie der alte Mond,
der schon viel tausend Jahre stirbt,
ist dieser arme Tränenmensch,
der um die tote Rose wirbt.
.
Wie schnell vergeht ein Leben
in Gottes lichtem Dunkel.
Kaum ist heute gesagt,
ist morgen schon vergangen.
Und so vergehen die Jahre
mit Spielen, Träumen, Säumen.
Und so vergeht die Zeit,
in der die Blumen schweben.
.
Wann blühen wir wieder
vereint an Gottes lichtem Strauch?
Wann ruhe ich für immer
in deinem reinen Hauch?
.
Du lächelst,
um nicht zu weinen.
Du lächelst,
als würden lange noch
die guten Tage scheinen.
Deine Flügel glänzten
wie junge Blätter.
Dein Gesicht
war ein weißer Stern.
.
Seitdem du gestorben bist,
danke ich jedem vergehenden Tag.
Jeder vergangene Tag
bringt mich dir näher.
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Heute gibt es zum letzten Mal eine Leseprobe aus Fee Katrin Kanzlers Buch
Sterben lernen„.

Sie liest heute aus diesem Buch bei uns in der Buchhandlung .
Beginn ist 19 Uhr.

Orangenmarmelade

Familienporträt, imaginär, alle drei stehen auf Plastikfolie, seine Frau, seine dreizehnjährige Tochter und Henry. Falls jemandem schlecht wird. Falls einer den anderen aufschlitzt. Darunter der Nepalteppich, den seine Frau sorgfältig und passend zum Parkettfarbton ausgewählt hat. Julia bohrt ihren dreizehnjährigen Blick in diesen Teppich, Bettina hält ihre Hand und sieht vorwurfsvoll in die Kamera. Zwischen Henry und den beiden Frauen, zwischen seinem Arm und der Schulter seiner Tochter, klaffen zwanzig Zentimeter. Läppische zwanzig Zentimeter, und doch eine unüberwindliche Distanz. Statt in die Kamera, schaut Einstein aus dem Fenster, sucht den Morgenstern, wünscht sich einen Aste roiden herbei, der auf die Erde zurast. Die Hoffnung, ihm würde schlagartig klar, worin sein Superheldentum bestehen könnte, steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Jetzt, unglaubliche Intensität der Wahrnehmung, messerscharf, Henry sieht wie mit hundert Augen, hört glasklar, ohne Ohren zu haben, saugt Luft in riesige Lungen, körperlose, und fühlt sich, als könnte er an zehn oder
zwanzig Orten zugleich sein. Keine Dunkelheit, keine Stille. Nicht die süße Selbstvergessenheit des Bewusstlosen. Was da tobt, ist eine neue Art von Leben, mehr als Leben, eine gewaltige ealitätssteigerungsmaschine. Allein das Sonnenlicht sprengt ihm alle optischen Kanäle. Ein Himmel im Fenster, ein Faustschlag Blau, zwei Quadratmeter Küchenfliesen, ein Tango verschiedener Grüntöne. Henry wundert sich über die Zuckerkristalle auf den Lippen, über den Duft warmgeschlafenen Haars, das Gewahrwerden, wie es sich anfühlt, Zehntausende von Haaren zu haben. Dass er jetzt zu solch verschärfter Empfindlichkeit der Sinne fähig sein soll, kommt ihm wie ein schlechter Witz vor. Er lacht, bis er merkt, dass er nicht lachen kann, da ist kein Kehlkopf, durch den Luft strömen, keine Brust, in der sein grimmiger Spott widerhallen könnte. Stattdessen das Flattern von Wimpern. Schweiß, der von der Haut verdunstet.
Ein Körper von innen. Nur ganz langsam wird Henry klar, dass es nicht sein Körper ist. Nicht sein Dreitagebart, nicht sein Hackklotz von einem Kinn. Sondern eine schmale Frauengestalt, die auf einem Holzstuhl sitzt, die Beine angezogen bis zum Bauch. Hervorstehende Wangenknochen, das Haar in wirren Dreads, ein Mädchen, lebendig, unversehrt. Er schmeckt den Kaffee auf Joes Zunge, den Nachgeschmack, die Überreste seiner Bitterkeit. Er weiß minutiöse Kleinigkeiten über das Mädchen. Wie oft sie in ihrem Leben in einem Flugzeug saß. Wovon sie nachts träumt. Dass das Gefühl von Nieselregen auf der Haut sie an portugiesischen Weißwein erinnert und um-
gekehrt. Eine fremde Zunge wandert in den Mädchenmund. Schmeckt nach Zigarettenrauch und herber englischer Orangenmarmelade. Verschwindet wieder. Joe zieht an einer Zigarette, knisternde Glut, atmet ein, atmet aus. Als die fremden Lippen wiederkommen, setzt das Mädchen ihnen nichts entgegen, fühlt die einzelnen Knospen
auf dieser Männerzunge, den Pelz dieses ungewaschenen Gutenmorgenkusses. Joe denkt nicht an den Stierschädel, nicht an die blutige Szene der Nacht. Aggression
quillt in Henry hoch. Nicht nur, weil er, in Joe verfangen, die Intimitäten dieses anderen Mannes mitfühlen muss. Sondern weil alles nur Show, nur Geste ist, das Rauchen,
das Küssen.
»Hohler Fotzgockel«, sagt sie.
Das macht den Kerl nur noch dreister. Henry wünscht sich, dass sie dem Raubauz eine scheuert, dass sie ihm in die Eier tritt. Aber sie macht brav weiter, wischt eine Filzlocke aus ihrem Gesicht, legt zur Seite schielend ihre Zigarette in den Aschenbecher. Aus dem Augenwinkel sieht sie eine Graugans, die am Küchenfenster vorbeifliegt und den Hals verrenkt, nur für sie. Plötzlich wird es dunkler. Der Kreis von Henrys Wahr-
nehmungen verengt sich wie der Lichtkegel einer heruntergedrehten Petroleumlampe. Gleich ist es vorbei. Die ganze Zigarettenkussgeschichte nur ein kurzes Aufflackern, denkt er, ein letztes Neuronenfeuer. Verzweifelt sucht er einen Gedanken, der imstande ist, ihn wachzurütteln, aufzustacheln, zurück ins Licht zu schocken. Nach Sekunden lautloser Panik findet er ihn. Julia ist dieser Gedanke oder zumindest der Schreck,
nicht früher an sie gedacht zu haben. Sie ist wie abgedämpft, wie ausgegraut in seinem Gedächtnis, die eigene Tochter. Er erinnert sich kaum an die Farbe ihrer Augen, obwohl er gestern Morgen auf ihrem Bett saß, auf der zitronenfalterfarbenen Decke. Zitronenfalter farben, ein Wort, das ihm unter gewöhnlichen Umständen nicht
über die Lippen gekommen wäre, für das er keine Zeit gehabt hätte. Der flüchtige Abschiedskuss, die Origamikraniche an Julias Zimmertür, es war zu dunkel für das
Blau der Tochteraugen und Henry zu sehr in Eile. Unter einiger Anstrengung ruft er sich die Umrisse unter Julias Bettdecke in Erinnerung. Sie sollte diejenige sein, zu der seine verlöschenden Gedanken eilen. Ihr Herzschlag sollte es sein, den er besorgt verfolgt, ihre Stimme, die durch den letzten Rest seines Bewusstseins dringt, ihr Fragen, ihr sanftes Unverständnis für die Welt. Aber die Seufzer, die ihn wach halten, entfahren
den Lungen eines anderen Mädchens. Der Herzschlag, der ihn mitreißt, ist ein forderndes Pochen, wilder als der Julias, und die Stimme, die er hört, sagt Worte,
die die Tochter im Traum nicht in den Mund nehmen würde. Unter Joes Schlüsselbein sind Buchstaben tätowiert, ein Schriftzug, den Henry irgendwann lesen wird. Falls es
noch einmal hell wird. Falls sich sein Blick noch einmal klärt. Wippende Dreadlocks, graue Augen und die Glasperlen um ihren Oberarm sind alles, was er sieht. Immer eine weiße Anthurie im Schlafzimmer, immer. Henry will Bettina sehen, am Telefon, den dunklen Blazer übergeworfen, den sie beim Tod ihrer Mutter gekauft, den Platinschmuck an den Ohren, den er ihr zum ersten Hochzeitstag geschenkt hat. Will hören, wie sie in Julias Schule anruft, wie sie bei seinem Chef durchklingelt, alles erklärt. Den Fall ruhig und mit fester Stimme vorträgt. Erst wenn der Hörer wieder auf der Ladestation steht, würde sie sich einen Moment der Ruhe gönnen und weinen. Sich auf die Wohnzimmercouch setzen, auf dieses drei Meter lange Rindslederschiff mit der Unterkonstruktion aus Kernbuche, das wie die anderen Massivholzmöbel Henrys und Bettinas Beziehung Festigkeit gab. Die Möbel waren etwas, in das sie investieren, worüber sie sich einig sein konnten.
Seine Frau, die Spange im Haar gelockert, ihre Wimperntusche verwischt. Nur eine Vorstellung, eine Fantasie, die nicht die Penetranz, nicht die stechende Realität der
Joewelt hat. Henry weiß nicht, ob Bettina gerade weint, ob sie in Julias Schule angerufen hat oder bei seinem Chef oder ob sie es im Schock einfach vergisst. Ob der
bärtige Jablonski es für sie übernimmt. Über Joe hingegen weiß er viel zu viel. Dass sie kritische Mengen an Restalkohol im Blut hat. Dass ihr der Kerl, der gerade seinen Finger in ihren Mund steckt, letzte Nacht einen Cuba Libre nach dem anderen hinstellte.
Dass sie angesichts nur dreier Stunden Schlaf eigentlich müde und überempfi
ndlich sein müsste. Aber das junge Ding fühlt sich aufgeräumt. Leichtfüßig geradezu. Der Duft der Orangenmarmelade und eine Tasse Kaffee genügen, um sie in den Tag hineinzuretten. Neunzehnhundertsechsundachtzig, der Garten von Caspars Eltern. Dort ist der Kaulquappenteich, dort das Mauerloch, in dem Henry und sein  Grundschul- freund ihre Schätze versteckten, dort die Stelle, wo Caspars Nymphensittiche begraben liegen. Aus der Außenvoliere dringt das Trällern und Schnattern derjenigen Vögel,
die noch am Leben sind. Gelbe Federhauben leuchten in der tiefstehenden Sonne, Hirsegeruch. Ein junger Mann spielt ein Rennspiel, mitreißender Beat, eine futuristische Stadt zerreißt vor Geschwindigkeit in bunte Schlieren. Andere Antigravitationsgleiter donnern an ihm vorbei. Er feuert Raketen, sie lassen Minen fallen. Neonfarbene Explosionen. Er umklammert die Steuerung fester.  Joe riecht nach Chrysanthemen, Astern und Thuja. Unter ihren Fingernägeln klebt eingetrockneter Pflanzensaft. Die Haut auf ihren Schultern ist sonnenverbrannt und schält sich. Ihre flatternden Wimpern, ihr zittern des Zwerchfell, der fast vergessene Schmerz in ihrer Magen grube.
Gegen elf Uhr verschwindet die Männerzunge aus Joes Wohnung, zurück in ihre eigenen vier Wände oder in den Roten Pf lug, eine alternative Kneipe am Mark-
heimer Marktplatz. Die Bar gehört dem Kerl und die Longdrinks, die er Joe verabreichte, hat er selbst und extra stark gemixt. Endlich, ein Poltern die Holztreppe
hinunter, Henry verspürt eine lähmende Erleichterung. Er kann nicht sagen, ob es seine oder Joes Erleichterung ist. Das Mädchen zündet die erloschene Zigarette wieder
an, klemmt sie sich zwischen die Lippen und bindet ihre Dreads hinterm Kopf zusammen. Sie geht aus der Küche zur Grünlilie, von der Grünlilie zur Schlafecke.
Legt die Zigarette ungeraucht in einen anderen Aschenbecher. Gegen elf Uhr, denkt Einstein, und fragt sich, ob solche Zeitangaben noch Bedeutung haben. Er ist ans Ende der Zeit gelangt. Wenn er sich anstrengen würde, könnte er sie überblicken, diese Zeit, wie einen soliden Block Holz, wie ein geädertes Ganzes, äonenschichtig, Anbeginn
und Weltende und alles dazwischen. Aber er hat keine Kraft für Anstrengungen, ist müde. Joe lässt sich aufs Bett fallen und starrt die Dachschräge an, während aus
dem Aschenbecher eine dünne weiße Linie steigt, zu schlingern beginnt und sich verliert, bevor sie den Schlitz des gekippten Fensters erreichen könnte.

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Die Augsburger Allgemeine schreibt über „Sterben lernen“

Mittwoch, 14.September

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Heute haben
Theodor Storm * 1817
Michel Butor * 1926
Ivan Klima * 1931
Eckhard Henscheid * 1941
Uli Becker * 1953
Geburtstag
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Theodor Storm
Abseits

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen,
Die Vögel schwirren aus dem Kraut –
Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus
Steht einsam hier und sonnbeschienen;
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
Behaglich blinzelnd nach den Bienen;
Sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
– Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.
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Jetzt als Taschenbuch:

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Adelle Waldman:Das Liebesleben des Nathaniel P.
Aus dem Amerikanischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
Piper Verlag € 10,00

Adelle Waldman hat mit ihrem Buch in den USA, in New York, in Brooklyn für Aufsehen gesorgt. Es wurde als das beste Debut des Sommers 2013 ausgezeichnet. Naja, Auszeichnungen gibt es. Ich bin über diesen schmalen Roman über diverse Blogs gestolpert und dachte, dass mir dieses Buch gefallen könnte. Und das hat es auch. Adelle Waldmans Protagonist Nathaniel, genannt Nate, ist einer dieser vielen Mitdreißiger, die durch die Großstädte tigern. Er hat vor Jahren ein erfolgreiches und schwer beachtetes Buch geschrieben und hält sich in den letzten Jahren mit Buchbesprechungen über Wasser. Seine Wohnung könnte eine Aufräumaktion gut vertragen, doch bekommt er für vieles sein Hinterteil nicht hoch. So läuft er auf dem Weg zu einer Party seiner Ex über den Weg und der Roman nimmt seinen Lauf. Nate verliebt sich schnell. Leider nicht immer in die Richtige. Und so entsteht eine kleine Ansammlung von Frauen, wie wir sie auf dem Umschlag sehen. Na, so viele sind es nun auch wieder nicht, da Adelle Waldman ihren Focus auf ein Jahr legt. Es wird viel geredet, viel getrunken. Große Diskussionen über Nichtigkeiten. Große Hoffnungen auf neue Buchprojekte. Neid und Getratsche gehören hier genauso zum Alltag dieser Jungdynamischen, wie schon bei den Romanen von Charlotte Bronte. Es wird viel über Schuld geredet, aber unser Nate versucht nicht gerade aktiv an seiner Situation etwas änden. Adelle Waldman erzählt mit großer Nähe über diesen kleinen Freundeskreis, wie er auch in Paris, Berin und Ulm sein könnte. Und trotzdem behält sie genau die richtige Distanz und überlässt uns als Leser die einzelnen Typen zu bewerten. Mit ihrem Witz, der sich hinter dem Text versteckt, gibt sie der Handlung Schwung und lässt uns die vorgestellten Menschen mit einer guten Portion Ironie betrachten.

Leseprobe

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Am Freitag liest Fee Katrin Kanzler bei uns in der Buchhandlung aus ihrem neuen Roman.

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2.Teil der Leseprobe

Noch bevor seine Fußspitze die erste Treppenstufe berührte, zuckte er zusammen, erstarrte mitten in der Bewegung und ein erstickter Laut drang aus seiner Kehle.
Ein knotiger Schatten, ein vielbeiniges Tier regte sich neben ihm, schmiegte sich in der Dunkelheit an den Putz. Der Schemen sog Henrys blauäugigen Blick in sich hinein und ließ ihn nicht mehr los. In der Fensternische saß ein Mädchen mit wild ab stehenden Dreadlocks. Ihre Umrisse weckten in Henry ein Gefühl von Sturz und Festhaltenwollen, als sei er ausgeglitten und fiele in einen tiefen Brunnen. Von draußen kroch etwas Nachtlicht auf ihre Lippen, die von Gänsefett glänzten. Die Schweigende betrachtete den Gebannten, erst teilnahmslos, dann amüsiert. Ein Biss in die Geflügelkeule, um deren Schaft sie eine Serviette gewickelt hatte, ein Kauen, Schlucken, Lippenlecken.
Henry versuchte, seine angeknackste Contenance mit einem Räuspern zu kitten, mit einem flotten Spruch, mit Smalltalk. Hätte er gewusst, dass dieses Mädchen ihm bald übel mitspielen würde, um kein einziges Wort hätte er gerungen, hätte all seine Neugier und Brunnensturzgefühle an den Mast gebunden, wäre schleunigst weitergesegelt. Aber er wusste nichts, wollte nichts außer dem Arbeiten seines Herzens und diesem schwarzen Gänseblümchen, das vor ihm saß. Er wollte es beeindrucken.
»Gestatten, Henry Jean-Toussaint Einstein«, stellte er sich vor.
»Joe«, sagte das Mädchen.

Dienstag, 13.September

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Grüße von Jürgen aus dem Engadin

Heute haben
Marie von Ebner-Eschenbach * 1830
Sherwood Anderson * 1876
Roald Dahl * 1916
Geburtstag
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Marie von Ebner-Eschenbach

Der Ruhm der kleinen Leute heißt Erfolg.

Nenne dich nicht arm, wenn deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.
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Tipp der Woche:

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Fee Katrin Kanzler: „Sterben lernen

Gänsefett
Ein Luftzug kroch in ein Ohr, wie ein Tropfen Gift, wie ein kalter Wurm. Von der Decke hingen weißer Floristenkrepp und Weinreben aus Polyurethan, bewegten sich in der Brise, die ein paar Regentropfen mitbrachte. Stimmengeklirr und Gläserkreischen, Stühle knackten,auf dem Grund eines Planschbeckens trudelten versunkene Papierschiffe.Jemand hatte das große Holztor geöffnet. Die zum Gastraum umgebaute Scheune leuchtete innen gelb und rot, Lichterketten, Ochsenjochlampen, der Wind blies
ein paar Kerzen aus. Draußen grollte ein Gewitter, draußen war Nacht und Frühsommer.Henry saß im Bauch der Feierstube, lachte und betrank sich. Eine Frau im weißen Kleid fiel in das Plansch becken. Ihr Schuh wurde versteigert, ein Mann im schwarzen Anzug gefesselt, verbundene Augen, den Mund schaumkuss verschmiert. Reime wurden deklamiert, Nägel eingeschlagen, leere Schneckenhäuser, Klosteine und
Wurstbrote verlost. Die Braut war eine Freundin von Henrys Frau, der Bräutigam Kollege Frank aus derBuchhaltung.
Hätte es nicht geregnet, wäre die Hochzeitsgesellschaft im Biergarten untergebracht gewesen und Henry hättedas Toilettenhäuschen auf der Wiese benutzt, diese
Holzkabine mit dem ausgesägten Herzchen. So aber war der Rasen voller Schlamm, und er ging durch den Flur,der die Scheune mit dem alten Gutshaus verband, wei-
ßer, unebener Putz, dann eine Treppe nach oben. Als er die Hände gewaschen, sein Gesicht im Spiegel betrachtet, erst das eine Auge, dann das andere mit Daumen
und Zeigefinger weit aufgezogen hatte, machte er sich auf den Rückweg.
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Fee Katrin Kanzler liest am kommenden Freitag ab 19 Uhr bei uns in der Buchhandlung aus ihrem gerade erschienenen Buch „Sterben lernen“.

Der Eintritt ist kostenlos. Bücher der Autorin dürfen/sollen natürlich gekauft werden.
In den nächsten Tagen werden ich noch weitere Leseproben hier veröffentlichen.

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Werner Färbers Ungereimtheit der Woche
Kleine Verwechslung CCCXXIII

Wenn eine Schlange hüpft durchs Gras,
während ein Frosch kriecht an sie ran,
beschleicht mich das Gefühl, dass das,
was hier passiert, nicht stimmen kann.