Samstag, 25.November

Heute haben
Georg Kaiser * 1878
Ba Jin * 1904
Francis Durbridge * 1912
Maarten´t Hart * 1944
Connie Palmen * 1955
Georg Hens * 1965
Geburtstag
und es ist der Todestag von Elsa Morante und Peter Kurzeck
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Johann Wolfgang von Goethe
Freudvoll

Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.
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Unser Tipp, jetzt wo es Winter wird.


Sand
Ressource, Leben, Sehnsucht
Stiftung Kunst und Natur gGmbH
Hirmer Verlag € 30,00

Ob im Schuh nach dem Spielplatzbesuch, vom letzten Strandurlaub oder als Baumaterial – Sand kennt jeder. Wie vielfältig Sand sich in der zeitgenössischen Kunst und aus unterschiedlichen sozialen und ökologischen Blickwinkeln betrachten lässt, das zeigt der Katalog zur Ausstellung Sand – Ressource, Leben, Sehnsucht. Er zeigt Positionen internationaler Künstlerinnen und Künstler zu Sand. Ästhetisch, spielerisch und fragend, von der Skulptur bis in die Virtual Reality. Ergänzend finden sich aktuelle Expertenbeiträge über das Nomadenleben in der Sahara, den folgenschweren Sandraub, die kulturgeschichtliche Bedeutung des Strandes oder auch über die Bedeutung von Sand in der Kunstgeschichte.



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Oliver Lenzen: „Das große Buch vom Sand
Die Vielfalt im Kleinen
Haupt Verlag € 39,90

Sand – mit spannenden Geschichten und über 400 spektakulären Fotografien.
Mineralogische Zusammensetzung, ökonomische Bedeutung und weiteres Hintergrundwissen zu Sand. Sand ist allgegenwärtig. Aber wer hat schon einmal ganz genau hingeschaut und entdeckt, welche Schönheit sich in der Masse versteckt? Und wer hat sich schon mal Gedanken gemacht, welche Geschichte sich hinter einem Sandkorn verbirgt?
Oliver Lenzen führt uns in seinem Buch viele erstaunliche Facetten des bemerkenswerten Naturstoffs Sand vor Augen, bis hin zur Problematik eines unserer wichtigsten und mittlerweile knapper werdenden Rohstoffe. Und natürlich wird auch der Frage nachgegangen, wie viele Sandkörner es denn eigentlich gibt.

Ein Blick ins Buch

Samstag, 10. Juni

Heute haben
Saul Bellow * 1915
James Salter * 1925
Maurice Sendak * 1928
Peter Kurzeck * 1943
Mensje van Keulen * 1946
Geburtstag
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„Aufwachen und beim Aufwachen alles gleich wiedererkennen. Die Stille, das
Licht und die Vogelstimmen. Den Obstkorb. Die Farben der Tulpen. Den
abgetretenen hellen Fleck Zeit auf dem Fußboden. Jetzt fängt er zu wandern
an.“
Peter Kurzeck aus „Als Gast“
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Unser Kinderbuchfenster hängt voll mit wunderschönen Tiercollagen von Judith Happ.


Die zurzeit ausgestellten Bilder sind von Judith Happ. Mit den selbst gefärbten Papieren gestaltet sie in Collagen-Technik Fantasiewesen und der Natur nachempfundene Tiere, heimische wie exotische. Die Farbkombinationen entnimmt Judith Happ oft dem Kurs „Coloricombo 2023“ der britischen Künstlerin Esté MacLeod. Dort wird wöchentlich – angelehnt an ein Kunstwerk – eine Farbauswahl vorgegeben. Je nach Inspiration und den Eindrücken, die Judith Happ auf ihren langen Streifzügen in die Natur sammelt, entstehen dann die Collagen: eine Weinbergschnecke, ein tanzender Krake, ein güner Kauz oder ein Dinosaurier.

Das Schöne daran, im Schaufenster können Sie die Kunstwerke 24 Stunden am Tag anschauen.
Und: Kaufen können Sie die Tiere auch noch.

Dienstag, 28.Februar

Heute haben
Michel de Montaigne * 1533
Johann Beer * 1655
Marcel Pagnol * 1895
Erika Pluhar * 1939
Bodo Morshäuser * 1953
Colum McCann * 1965
Geburtstag
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Winfried Hermann Bauer
Strandläufer

Wenn ich über die endlosen Betonwiesen
Wandere
Wenn ich mich entlang der Kabelkanäle hangle
Oder mich unter abwegige Grünbrücken
Ducke
Wirkt ein Gedanke wie ein Brandbeschleuniger
Auf die Feuernester in mir
Wie es wohl wäre
Von der westlichen Klagemauer zu springen
Im Dschungel aufzuschlagen
Abseits allen keimfreien Geweses
Und mich der Gärsuppe hinzugeben
Der Auf-Lösung
Als unabdingbaren Voraussetzung einer neuen Ordnung…
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FrühNorma lingsgeschichten, wenn es draussen noch winterlich kalt ist.


Frühlingsgeschichten für glückliche Stunden
Herausgegeben von Norma Schneider
Fischer Verlag, Taschenbibliothek € 14,00

In der kleinen, gebundenen Ausgabe ist diese Textauswahl wirklich bestens für die Tasche geeignet. Mal eben kurz warten, in der Straßenbahn 12 Minuten sitzen, oder einfach mal so in der Mittagspause eine Geschichte lesen und dann den Blick schweifen lassen.
Es beginnt mit Peter Kurzeck und einem Regentag im März. „Geniesel, Märzregen, Regentage. Und am Abend die Amsel. Alle Tage. Im Regen, in einer Pause des Regens. Alles tropft.“ Aber Kurzeck schreibt auch: „Das Leben ruft. Hell liegt die Erde vor uns. Warum können nicht alle Tage so sein?“
Wir sind mit Stefan Zweig in der Provence, mit Thomas Mann auf dem Zauberberg, mit Kafka in Prag. Zsuzsa Bánk schreibt über einen Ostertag, Oscar Wilde über einen Riesen und Walter Benjamin über den Osterhasen. Die Geschichten von Lew Tolstoi und Iwan Bunin heissen nur „Frühling“. Und so geht es weiter mit Felicitas Hoppe, Judith Hermann, Christoph Ransmayr und vielen Klassikern.
„Sei gegrüßt! natürliche Sehnsucht! Sei gegrüßt! Glück! göttliches Glück! und Freuden aller Arten, Blumen und Wein, wenn auch die einen verblühen und der andere berauscht; und Fahrkarten zu einer halben Krone hianus aus London am Sonntag, und in einer dunklen Kapelle Hymnen singen vom Tod, und alles,, was das Klappern der Schreibmaschinen und das Abheften von Briefen und das Schmieden von Gliedern und Ketten, die das Empire zusammenhalten, durchbricht und zur Hölle schickt.“, schreibt Virginia Woolf in ihrem „Orlando“, aus dem hier eine kleine Passage abgedruckt ist.

Viel Vergnügen.

Hier geht es zur Leseprobe.
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Am 03. März findet auch bei uns in Ulm der nächste Global Strike statt. Auf dem Global Strike sind diesmal @parentsforfutureulm, @letztegeneration und @jugend.aktiv.in.ulm mit dabei. Wir starten Freitag, den 3. März, um 15 Uhr auf dem Münsterplatz.Lasst uns alle zusammen für eine bessere Klimapolitik auf die Straße gehen.

In den letzten Jahren haben wir mehr bewegt, als viele je gedacht hätten. Es gibt heute eine breite gesellschaftliche Mehrheit für mehr Klimaschutz – doch auf den großen Durchbruch warten wir bis heute. Weder an die Vereinbarungen aus dem Koalitionsvertrag noch an das Klimaschutzgesetz hält sich die Politik. Anfang März treffen sich die Ampel-Parteien zum Koalitionsgipfel. Kurz zuvor findet unser Klimastreik statt – auch in Deiner Nähe. Damit er sich auf die richtige Seite stellt, darf Scholz keine Sekunde lang glauben, die Menschen in diesem Land interessieren sich nicht mehr für das Klima. Dafür müssen die Demos wieder richtig groß werden. Gemeinsam machen wir klar: unsere Zukunft darf nicht an einer bockigen Politik scheitern.
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Klimakrise in Europa
Der nächste viel zu warme Winter

In vielen Teilen Europas sind die Winter zu warm: In den Alpen fehlt Schnee und in Frankreich befürchtet man den nächsten Dürresommer. In Deutschland melden Meteorologen den zwölften zu warmen Winter in Folge.
Der vergangene Winter hat vielen europäischen Ländern zu wenig Regen und Schnee gebracht, dafür aber zu hohe Temperaturen. In Deutschland melden Meteorologinnen und Meteorologen den zwölften zu warmen Winter in Folge. „Der Klimawandel lässt nicht locker“, sagte Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Die durchschnittliche Temperatur lag demnach bei 2,9 Grad – und damit 2,7 Grad über dem Wert der international gültigen Referenzperiode 1961 bis 1990. Es fiel zudem zu wenig Regen.

Den kompletten Artikel finden Sie auf tagesschau.de

Donnerstag, 13.Oktober


Heute haben
Christine Nöstlinger * 1936
D.B.Blettenberg * 1949
Geburtstag
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Selma Meerbaum-Eisinger
Kristall

Ganz still. Und viele welke Blätter liegen
wie braunes Gold, in Sonne eingetaucht.
Der Himmel ist sehr blau,
und weiße Wolken wiegen.
Ein heller Frost den Reif auf Bäume haucht.

Die Tannen stehen frisch und grün,
und ihre Wipfel zeigen in die Luft.
Und rote Buchen schlank und kühn
hör’n auf den Adler, dessen Flug sie ruft,
und steigen immer höher himmelan.
Einsame Bänke stehen dann und wann
und auch ein bißchen Gras, schon halb erfroren –
die Sonne hat’s zu ihrem Liebling auserkoren.

8.12.1940
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Unser Kalendertipp:

taschenGARTEN 2023
Gerausgegeben von Anja Banzhaf, Ann Kathrin Bohner und der GartenWerkStadt Marburg

Obst- und Gemüsevielfalt im Garten
Hardcover, 192 Seiten mit Lesebändchen und Gummiband
oekom Verlag € 20,00

Der taschenGARTEN sticht heraus aus den vielen Gartenkalendern. Allein schon die Aufmachung mit dem stabilen Umschlag mit Pappe und dem grünen Leinenrücken, dem roten Lesebändchen und dem roten Gummi. Keine Fotos, kein Glanzpapier, sondern, neben dem Kalendarium, mit Platz für persönliche Notizen, gibt es eine Vielzahl von Tipps zum Gemüse- und Obstanbau. Praxiswissen wird hier kurz zusammengefasst, Adresslisten sind für eine Vertiefung angefügt, diverse Kalendarien führen uns durch das Gartenjahr und helfen uns bei Anbau und Ernte. Gleichzeitig ist es auch ein politischer Kalender, der auf die Wichtigkeit von Biodiversität hinweist und zeigt, dass auch ein kleiner Garten für ein gesundes Ökosystem beiträgt.

Einfach mal in die Leseprobe schauen.
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Heute Abend um 19 Uhr bei uns in der Buchhandlung:
Rudi Deuble, seit 1990 für die Herausgabe der Werke von Peter Kurzeck zuständig, stellt dessen neuen Roman: „Und wo mein Haus?“ vor.
Einer der wichtigsten deutschen Autoren, vielfach ausgezeichnet, dem deutlich mehr Beachtung geschenkt werden sollte, steht am heutigen Abend im Mittelpunkt.


In der Buchhandlung, Beginn: 19 Uhr, Eintritt: € 8,00

Mittwoch, 12.Oktober

Heute haben
Eugenio Montale * 1896
Ding Ling * 1904
Wilhelm Muster * 1916
Alice Childress * 1916
Vladimír Körner * 1939
Geburtstag
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Klabund
Fluch des Krieges

Im Schnee des Tienschan grast das dürre Roß.
Drei Heere sanken vor dem wilden Troß.
Die gelbe Wüste liegt von weißen Knochen voll.
Der Pferde Schrei wie schrille Flöte scholl.

Es schlingen Eingeweide sich von Baum zu Baum in Schnüren,
Die Raben krächzend auf die Zweige führen.
Soldaten liegen tot auf des Palastes Stufen.
Es mag der tote General die Toten rufen.

So sei verflucht der Krieg! Verflucht das Werk der Waffen!
Es hat der Weise nichts mit ihrem Wahn zu schaffen.
Er wird die Waffe nur als letzte Rettung schwingen,
Um durch den Tod der Welt das Leben zu bezwingen.
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Unser Kinderbuch-Bilderbuch-Erwachsenen-Mutmachbuch:

Kobi Yamada (Text), Charles Santoso (Illustrationen): „Das Glück in dir
Wie du dein Leben lebendiger machst
Adrian Verlag € 14,95

Vielleicht ist es einfach mal gut in dieses Buch hineinzublättern.
In unseren Zeiten voller Zweifel, Trauer, Unsicherheit ist eine Geschichte über das Glück gar nicht so schlecht.
Eine Geschichte voller Weisheit und Wunder und eine zeitlose Einladung, mutig zu leben, sich fürsorglich zu kümmern und das Beste aus jedem einzelnen Moment zu machen.
Ein Buch für die Kleinen, die noch so viel vor sich haben, die Großen, die in der Verantwortung stehen und die Alten, die schon so viel erlebt haben.
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Morgen, am Donnerstag, den 13.Oktober ist Rudi Deuble bei uns in der Buchhandlung zu Gast und stellt Band 8 von Peter Kurzecks auf 12 Bände angelegtes Werk „Das alte Jahrhundert“ vor.
Peter Kurzeck, mit unzähligen Preisen geehrt, konnte sein Werk nicht vollenden. Seine Hinterlassenschaft ist jedoch enorm, so dass alle 12 Bände erscheinen werden.
Er ist der Meister des biografischen Romanes, des genauen Beobachtens und Archivierens und ein begnadeter Erzähler, wie seine Hörbucheinspielen beweisen.


Peter Kurzeck: „Und wo mein Haus?
Schöffling Verlag € 24,00

Bei uns in der Buchhandlung
Beginn: 19 Uhr
Eintritt: € 8,00

Dienstag, 11.Oktober


Heute haben
Conrad Ferdinand Meyer * 1825
Gertrud von le Fort * 1876
Francois Mauriac * 1885 (Nobelpreis 1952)
Boris Pilnjak * 1894
Hans Schiebelhuth * 1895
Christoph Peters * 1966


Hans Schiebelhuth

Da durch die Nacht der Duft von Rotdorn rief
Warst du vom Mond umworben und umwoben
Daß ich anfing dich wie im Traum zu loben
Die süß ermattet mir zur Seite schlief.

Und über allen Sternen war ein Toben
Und so viel Lust die uns im Blute lief
Daß ganz ich hinrann. Taumellos und tief
Vor mir erniedrigt doch zu dir erhoben.

So bin ich mit dem Augenblick vermischt
Mich auszuschütten statt mich auszuschwingen
Statt gen Flut dich tragend wie Gischt

Am Fels der Fügung brandend zu zerspringen.
Gefahr! Gefahr! Statt stete Luft zu bringen
Sternfunke nur zu sein der schnell auslischt.
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Florian Werner: „Der Stuttgart-Komplex
Streifzüge durch die deutsche Gegenwart
Klett-Cotta Verlag € 20,00

Wutbürger und ökologische Transformation, Querdenker und Willkommenskultur. So wie Athen der Inbegriff der antiken Demokratie war und Manchester die Schlüsselmetropole des modernen Industriekapitalismus, ist Stuttgart jene Stadt, die emblematisch für Deutschland am Beginn des dritten Jahrtausends steht. Der Regierungssitz mag sich noch in Berlin befinden: Wir leben schon längst in der Stuttgarter Republik.
Das ist natürlich eine steile Behauptung, aber Florian Werner geht diesen obengenannten Themen nach, dröselt sie auf und legt die Fakten sehr humorvoll auf den Tisch.
Wussten Sie dass Clara Zetkin in Stuttgart gewohnt hat, die ersten Frauentag-Demos in Stuttgart stattgefunden haben und dass Herr Zetkin einer der ersten war, der einen Mercedes besaß und mit seiner Clara damit spazierenfuhr? Ach übrigen: Rosa Luxemburg kam immer wieder mal zum Blumengießen vorbei.
Hier ist fast jeder Fünfte in der Automobilindustrie beschäftigt, die Region ist von den bevorstehenden Transformationen der Arbeitswelt daher besonders betroffen. Aber auch der tiefergelegte Hauptbahnhof erschüttert nicht nur die Erde, sondern auch die Bevölkerung. Dass die ersten großen Protestveranstaltungen im Zuge der Corona-Pandemie gerade in Stuttgart stattfanden, mag man gerne verdrängen, aber Florian Werner klärt uns auf, warum gerade hier. Und was ist mit Kretschmann? Einer Grüner, oder doch nicht?
Waldorfschulen und die Anthroposophie gingen von Stuttgart aus.
Übrigens hat dieser Stuttgarter Kessel mehrere besonderen Eigenschaften. Trennt er doch Reiche, die oben wohnen, und Arme, die unten am Feinstaub leiden. Aber das ist noch nicht alles. Kennen Sie den Nesenbach? Nein, den kennt fast niemand mehr. Er hat den Kessel vor vielen vielen Jahren geformt und die Stuttgarter haben ihn komplett überbaut, so dass wir ihn nur noch mit dem Ohr auf den Kanaldeckel hören und mit der Nase riechen können.

Ein wunderbares, sehr informatives, lustiges Buch über Stuttgart, die Schwaben, die ganze Republik, über Politik, mit vielen Geschichten, gespickt mit philosophischen Zitaten.
Ein großer Spaß.
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Am kommenden Donnerstag erzählt Rudi Deuble (seit vielen Jahren Herausgeber der Werke von Peter Kurzeck) über den Autor und liest aus dessen neuem Buch.

Bei uns in der Buchhandlung
Beginn 19 Uhr
Eintritt: € 8,00

Hier gibt es ein paar Links u.a. zu Besprechnungen zum Buch und einem Dossier zu Peter Kurzeck:

Dossier

Frankfurter Rundschau: Die Gespenster, die der Krieg hinterlässt

Die Zeit: Unter der Hand herausgewachsen

NDR: „Und wo mein Haus?“: Ein nuer Roman vom Meister der Erinnerung

Sonntag, 9.Oktober

Am kommenden Donnerstag, den 13.Oktober, haben wir ab 19 Uhr Rudi Deuble zu Gast, der seit Jahren das Werk von Peter Kurzeck betreut.


Peter Kurzeck: „Und wo mein Haus?

Band 8 von 12 aus : Das alte Jahrhundert
Schöffling Verlag € 24,00

Frankfurter Hauptbahnhof, Bahnsteige, Gleise, die Eisenbahn nach Gießen. Wie immer in Peter Kurzecks fließender Erinnerungsprosa lässt der Anblick der Züge innere Bilder aufsteigen. Hier nimmt er uns mit auf Bahnfahrten mit der Mutter in das zerstörte Gießen, noch vor der Währungsreform. Der Fünfjährige kommt vom Dorf und ist dort das Flüchtlingskind. Gießen, das heißt Trümmerlandschaften und Schwarzmarkt, beängstigend und aufregend zugleich. Zu Hause lernt die Schwester schreiben, liest der Vater Faust, näht die Mutter ununterbrochen. Die Familie immer nur geduldet, angewiesen auf das Wohlwollen der Hauswirte, böhmische Lieder im Ohr. Später geht der Erzähler bei der US Army zusammen mit Osteuropäern absurden Tätigkeiten nach, und so beginnt ein ganz anderes Leben.
In diesem von Rudi Deuble mit Originalnotizen aus dem Nachlass herausgegebenen, als Band 8 des »Alten Jahrhunderts« vorgesehenen Roman erzählt Peter Kurzeck aufregend und mit Witz aus dem Gießen der Nachkriegszeit und den Displaced Persons bei der US Army.

Rezensionen

»Eine Welt ohne Kurzeck ist, nachdem man ihn kennt, nicht mehr denkbar. Die Welt bekommt seinen Ton.«
Andreas Maier

»Was Kurzeck hier an Erinnerungsarbeit leistet, ist einmal mehr grandios, […] all das in seinem bekannt kurzatmigen Prosasound mit den vielen elliptischen Sätzen.«
Gerrit Bartels, Der Tagesspiegel

»In den [ersten] hundert Seiten steckt alles, was Kurzecks Sonderstellung in der deutschen Literaturgeschichte ausmacht: sein unnachahmlicher Gedanken- und Assoziationsfluss […] und eine […] rücksichtslose […] Selbstanalyse.«
Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Auch in diesem Band [gibt es] jene sanfte Melancholie, die dem Erinnernden eigen ist. So wird Kurzeck zum Bewahrer des Schwindenden, zum Chronisten.«
Ulrich Rüdenauer, Deutschlandfunk Büchermarkt

»Von den Überlebenden, von der Heimatlosigkeit: Peter Kurzecks Romanfragment Und wo mein Haus? ist ergreifend und sehr aktuell.«
Claus-Jürgen Göpfert, Frankfurter Rundschau

»Der Band sollte zur Pflichtlektüre in Schulen werden, hier erfährt man mehr zur Lebenswelt von Vertriebenen und ›Displaced Persons‹, als es der Unterricht je vermitteln kann.«
Dagmar Klein, Gießener Allgemeine

Hier gibt es ein paar Links u.a. zu Besprechnungen zum Buch und einem Dossier zu Peter Kurzeck:

Dossier

Frankfurter Rundschau: Die Gespenster, die der Krieg hinterlässt

Die Zeit: Unter der Hand herausgewachsen

NDR: „Und wo mein Haus?“: Ein nuer Roman vom Meister der Erinnerung


Freitag, 10.Juni

Heute haben
Saul Bellow * 1915
James Salter * 1925
Maurice Sendak * 1928
Mensje van Keulen * 1946
Geburtstag
und heute erst Peter Kurzeck, den ich gestern schon erwähnt habe.
Rudi Deuble, der Mitherausgeber seiner Werke, hat mich darauf hingewiesen.
Übrigens kommt Rudi Deuble am Donnerstag, 13.Oktober zu uns in die Buchhandlung und stellt ein weiteres Buch von Peter Kurzeck vor.
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Mittags ist das Licht so grell, daß du all deine Kraft zusammennehmen mußt,
nur um in diesem Licht zu sein. Aber mußt bleiben in diesem Licht. Hin und
her, auf und ab – du kannst dich nicht trennen! Wie das Leben selbst.
Erschöpft oder nicht, du findest kein Ende in diesem Licht. Im Licht und so nah
bist du dir und den Menschen und allem, was du siehst. Jedem einzelnen vonder Sonne beseelten Grashalm. So weit alle Wege, so eine Nähe zu dir selbst.
Jedes Ding als Erleuchtung in diesem Licht. Der längste Tag. Zwei oder drei
längste Tage.

aus: Peter Kurzeck: „Der vorige Sommer und der Sommer davor“
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Dieses Buch ist eine Wucht:


Ilya Kaminski: „Republik der Taubheit

Aus dem Englischen von Anja Kampmann
Hanser Verlag € 22,00

Was es doch für Zufälle gibt. Gestern nachmittag las ich das Buch und dann stellt sich heraus, dass es am selben Abend in der Kulkturzeit auf 3sat vorgestellt wird.
Ein paar Gedichte aus dem Buch habe ich, mit Genehmigung von Anja Kampmann, die das Buch übersetzte und auch bei uns schon in der Buchhandlung ihren Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ vorgestellt und zuvor ein paar ihrer eigenen Gedichte vorgelesen hat, hier auf dem Blog veröffentlicht. Damals haben mich die poetischen Zeilen sehr bewegt. Mir war aber nicht klar, dass dies Teile aus einem Ganzen waren. Einem Roman in Gedichten, einer poetischen Parabel über Krieg, über Liebe, über unser Zusammenleben und gegen das Schweigen.
Selten habe ich so starke, bewegende Zeilen gelesen, wie gestern Nachmittag.

In der Stadt Vasenka wird ein tauber Junge, der einem Puppenspiel zuschaut, von Soldaten auf offener Straße erschossen. Daraufhin schweigen alle Bewohner der Stadt, geben sich als taub aus, verständigen sich in Gebärdensprache und leisten in dieser Form Widerstand. „Deaf Republic“ heisst das Buch im Original, wobei da sicherlich die Verwandschaft von deaf und death zu lesen ist.
Neben den Grausamkeiten des Krieges gibt es eine herzzerreissende Liebesgeschichte zwischen Sonya und Alfonso und deren noch ungeborenes Kind („so groß wie ein Seepferdchen“) Anuschka.
Dass dies alles nicht gut ausgehen kann, dass das Puppenspiel in den Wirren des Krieges nicht übersteht und seine MitspielerInnen nicht überleben, ist zwar kaum auszuhalten, aber wenn wir die täglichen Nachrichten aus der Ukraine verfolgen, pure Realität.
Vielen Dank an Anja Kampmann, dass sie das Buch für uns entdeckt und übertragen hat. Von einer Übersetzung kann hier fast nicht gesprochen werden. Ich denke, dass nur eine Lyrikerin sich in diese poetische Form hineinversetzen kann.

Ilya Kaminsky
Wir lebten glücklich während des Krieges

Und als sie die Häuser der anderen zerbombten

protestierten wir,
aber nicht genug, wir waren dagegen, aber nicht 

genug. Ich lag
in meinem Bett, um mein Bett ging Amerika

zugrunde: unsichtbares Haus um unsichtbares Haus um unsichtbares Haus-

Ich stellte einen Stuhl hinaus und betrachtete die Sonne.

Im sechsten Monat
dieser verhängnisvollen Herrschaft im Haus des Geldes

in der Straße des Geldes in der Stadt des Geldes im Land des Geldes,
unserem großartigen Land des Geldes, lebten wir (vergib uns)

glücklich während des Krieges.

Ilya Kaminsky, geboren 1977 in der ehemaligen Sowjetunion, wanderte 1993 in die USA aus. Er ist ein ukrainisch-russisch-jüdisch-amerikanischer Dichter, Kritiker, Übersetzer und Lyrik-Professor. Bekannt wurde er durch die Gedichtsammlungen „Tanzen in Odessa“ und „Republik der Taubheit“, für die er zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Sein Werk wurde bislang in über zwanzig Sprachen übersetzt.
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Hardy on Tour

Tag 14
82 km bis nach Land’s End 

Die 42 km, von meinem Übernachtungsplatz in das sehr bekannte Küstenstädtchen St. Ives, waren trotz des Gegenwindes recht schnell zurückgelegt. Leider schlug, kaum dort angekommen, das Wetter um und es begann zu nieseln.
St.Ives ist nicht nur wunderschön gelegen, sondern auch bekannt für seine zahlreichen Galerien und seine beliebten Surfstrände. Es gibt wohl keinen besseren Ort um endlich mal ein Bad im Meer sich zu gönnen; immerhin hat das Wasser schon annehmbare 14 Grad, allemal erfrischend jedenfalls. 
Die Küstenstraße von St.Ives nach Land End ist eigentlich wunderschön und bietet eine prächtige Szenerie; nur bei Wind und Regen habe ich davon leider nicht allzuviel  mitbekommen. Da strampel ich die steilen Anstiege hoch, muß bei der Minimalgeschwindigkeit von grade mal 6 km/h eh schon schauen, daß ich in Balance bleibe mit dem Fahrrad, und dann spielt der Wind sein fieses Spiel, in dem er ordentlich Böen einem entgegenbläst. Aber ich habe mir die Laune nicht verderben lassen und habe mein gesamtes Liedgut dem englischen Regen gegengeträllert. Kurz vor Land’s End hatte schließlich auch der Regen genug und stellte sein Tagwerk ein. Am Abend gab es sogar noch richtig Sonne zu bestaunen. 
Land’s End – das erste Ziel meiner Tour habe ich nach ziemlich genau 1.600 geradelten km nun also erreicht und zugleich ist hier der Startpunkt der „End to End Tour“ hoch in den Nordosten der Insel nach John o Groats in Schottland und dorthin geht also ab morgen die Reise.

Donnerstag, 9.Juni

Corona!
Für alle, die bei der „1.Seite“ dabei waren, haben gemerkt, dass ich ordentlich gehustet hatte. Bis dahin war ich dreimal negativ getestet.
Heute geht es mir wieder gut, aber der heutige Test ist positiv.

Dies als Information. Ich hätte die Veranstaltung nicht gemacht, wenn die vorherigen Tests nicht negativ gewesen wären. So dachte ich, dass es auch noch normale Rotznasen gibt.
Passen Sie auf sich auf,
Samy
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Heute haben
Saul Bellow * 1915
Maurice Sendak * 1928
und
Peter Kurzeck * 1943
Geburtstag
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Heiß. Frankfurt. Heiß ist es. Mittag, Nachmittag. Blau, blaugrau und lila die Hitze und hat sich so angesammelt. Genau wie die Müdigkeit, schwer. Schläfrig die Stadt. Mittagsmatt. Und die Tauben gurren. Gerade jetzt ist wahrscheinlich die Hitze am größten. Schwül. Diesig das Licht. Heiß ist es. Frankfurt am Main. Schon halb? Halb zwei? Halb wie im Halbschlaf schon? Im Juli, im August. Lang wie ein Sommer dieser einzige heutige Nachmittag. Vielleicht stehengeblieben die Zeit? Wie wenn du träumst, daß du träumst, daß du träumst.

Peter Kurzeck: „Übers Eis“
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Eine neue Graphic Novel:

gg: „wie dinge sind
Aus dem englischen von Johann Ulrich
avant Verlag 14,00

Einen kleines Format, eine kurze Geschichte und doch ein großer Einblick in das Leben einer jungen Frau mit Migrationshintergund. Ein Einundherpendeln zwischen ihren kranken Eltern und den Erwartungen an ihr eigenes Leben, zeichnet die kanadische Autorin mit feinen Strichen und Andeutungen. So fehlen in den Gesichter manchmal die Augen, oder die Körper werden schemenhaft abgebildet. Ohne Sprechblasen, ohne Text ensteht eine besondere Stimmung beim „Lesen“, in der wir uns in die ungenannte Person hineinfinden können. Dass sie die Möglichkeit hat, in die Idendität einer ihr ähnlich sehenden Frau zu schlüpfen, gibt dieser traumhaften Geschichte eine neue Wendung.
Eine Entdeckung.
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Hardy on Tour

Tag 13
111 km bis Truro in Cornwall 

Heute in der Früh kam ich nicht richtig in die Gänge. Vielleicht lag es an dem einen Bier gestern Abend zuviel im Pub, vielleicht lag es am Regen oder kühlen Südwind. So genau kann ich es gar nicht sagen. Jedenfalls vertrödelte ich den Vormittag mit zwei Kaffeepausen und verradelte mich zudem noch mächtig in Plymouth. Von den Wirren der Großstadt entkam ich mit der Fähre hinüber nach Torpoint und landete dann auf den einsamen, engen Straßen in Cornwall nahe der Küste.
Das Navi spielte mir dort wieder mal Streiche, in dem es mich auf den South West Cost Wanderpfad führte und auf diesem, teils extrem steilen Pfad, mit seinen herrlichen Ausblicken über die Küste hinweg, ist Radfahren schlicht unmöglich. Also habe ich irgendwann dann das Navi abgeschaltet und bin nach der Landkarte auf größeren Straßen geradelt, was den Vorteil dann mit sich brachte, das ich doch noch Strecke machen konnte.
Samy hat mir das Buch „Der Salzpfad“ mit auf die Reise gegeben. Dieser Spiegel Bestseller beschreibt die eindrucksvolle Wanderung eines vom Schicksal getroffenen Paares auf diesem über 1000 km langen  South West Cost Path und soll sehr empfehlenswert sein.


Viel mehr Bilder finden Sie auf hardyontour.wordpress.com

Donnerstag, 10.Juni

Heute haben
Saul Bellow * 1915
Maurice Sendak * 1928
und
Peter Kurzeck * 1943
Geburtstag
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„Was tun? Wer bin ich? Was habe ich getan? Erst war ich der liebe Gott, dann haben sie mich in die Schule geschickt und von da an konnte ich mich nicht mehr um alles kümmern. So sind mir die Dinge entglitten. Wir fahren, wir fahren. … Träum nicht rum, zähl dein Geld nach! The writer has nothing to trade with, but his life. Der Zug rast der Nacht zu, wir fahren.”
Peter Kurzeck aus: „Das schwarze Buch“
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John Green: „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen
Notizen zum Leben auf der Erde
Hanser Verlag € 22,00

John Green kennen wir in Deutschland von seinen Jugendbüchern. In den USA ist er genauso bekannt durch seine Podcast und Shows, die er mit seinem Bruder Hank zusammen moderiert. Jetzt also sein erstes Fachbuch. Und gleich ein ganz großes Thema: Der Anthropozän. Sprich, das Zeitalter, in dem wir Menschen das Schicksal des Planeten Erde bestimmen und nicht irgendwelche Naturgewalten.
John Green wäre nicht John Green, wenn nicht auch mit Humor an die Dinge ranginge und sich schräge Ansichten auf bekannte Phänomene erlaubt. Hinzu kommt, dass er, wie es mittlerweile üblich im Internet ist, Sterne von 1 bis 5 vergibt. Green schreibt, dass es ja keinen Film, keine Musik, kein Buch, keinen Turnschuh ohne diese Bewertungsskale mehr zu sehen gibt. Also bekommt das Lied „You never walk alone“ 4,5 Sterne, ein Sonnenuntergang wird bewertet und alle Dinge über die er schreibt.
Das erste Kapitel beginnt mit dem Mai 2020. Das Jahr, in dem uns Covid 19 fest im Griff hatte und wir im Kopf noch nicht so weit waren. Green erzählt von sich, seinen Eltern, von Krankheiten, mäandert von hier nach dort, hält uns in seinen kurzen Kapiteln immer bei Laune und, zack, werden wieder ein paar Sterne vergeben. Klug, eloquent und auf der Höhe der Zeit, versteht er es bestens zu unterhalten, ohne den Zeigerfinger zu erheben und oberlehrerhaft zu wirken, aber die wichtigen Themen unserer Zeit, wie die Klimakatastrophe, zu bearbeiten.
„Was bedeutet es, in einer Welt zu leben, in der wir die Macht haben, Arten zu Tausenden auszurotten, in der aber auch ein einzelner RNA-Strang uns in die Knie zwingen oder sogar vernichten kann?“, so endet dieses Buch. Mit einer Frage und keiner endgültigen Antwort.
Das gibt Sternchen, Herr Green.

5 Fragen an John Green (entdeckt auf der Hanser Verlag Seite):

Lieber John Green, Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? ist Ihr erstes Sachbuch für Erwachsene. Wo lag für Sie der größte Unterschied dazu, Romane zu schreiben?
Für mich geht es beim Schreiben von Fiktion darum, mir das Leben anderer Menschen vorzustellen. In diesem Buch wollte ich versuchen, mein eigenes Leben besser zu verstehen. Ich wollte einige der großen Kräfte abbilden, die das Leben der Menschen heute prägen – und als ich mitten im Schreiben steckte, erschien die größte Kraft unserer Zeit in der Form eines neuen Coronavirus auf der Bildfläche.

In der Einführung schreiben Sie, dieses Buch sei für Sie der Versuch, Ihr Leben zu leben. Was meinen Sie damit?
Ich habe lange Zeit versucht, mich durch Ironie und sogar Zynismus zu schützen. In diesem Buch wollte ich so schreiben, wie ich gerne leben möchte – enthusiastisch und mit offenem Herzen. Aber vor allem will ich dem Leben aufmerksam begegnen, denn unsere Aufmerksamkeit ist letztendlich unsere einzige Ressource. Dieses Buch ist mein Versuch, der Außenwelt achtsam und stetig meine Aufmerksamkeit zu schenken. Aber auch der Welt in meinem Inneren.

In Wie hat Ihnen das Anthropozän bisher gefallen? stellen Sie verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens auf der Erde in den größeren Kontext unserer Zeit und ihrer Widersprüchlichkeiten – zum Beispiel der Frage, wie wir gleichzeitig so mächtig und so machtlos sein können. Wie unsere Spezies andere Spezies zu Dutzenden ausrotten kann, es aber nicht schafft, sich selbst zu retten. In welcher Hinsicht haben die Pandemie und der Klimawandel Ihr Buch beeinflusst?
Es ist schwierig, sich bewusst zu machen, welches Ausmaß unsere Dominanz über diesen Planeten angenommen hat. Wir greifen radikal in die Biodiversität und das Klima der Erde ein, bleiben aber gleichzeitig zerbrechlich und verletzbar. Wir können nicht verhindern, dass die Menschen leiden, die wir lieben. Ein einziger Strang RNA kann uns zerstören. Und deshalb müssen wir uns meiner Meinung nach im Angesicht der großen Herausforderungen, vor denen wir stehen – von Covid bis zum Klimawandel –, sowohl unsere Macht als auch unsere Machtlosigkeit eingestehen. Vor allem der Klimawandel verlangt die Art von kollektivem globalem Einsatz von uns, an dem wir bisher ziemlich krachend gescheitert sind. Ich will aber die Hoffnung nicht aufgeben. Grund zur Hoffnung gibt es meiner Ansicht nach immer. Aber ich habe dieses Buch auch geschrieben, weil ich untersuchen wollte, warum wir die Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, immer wieder unterschätzen.

Obwohl in Ihrem Buch menschliche Widersprüche und menschliches Scheitern eine große Rolle spielen, gibt es auch viele Momente voller Hoffnung und Schönheit darin – atemberaubende Sonnenuntergänge, Ihr Lieblingslied, Flüstern. Welches Kapitel mögen Sie am liebsten, und warum?
Für mich ist das ganze Buch um den Essay über Sonnenuntergänge herum aufgebaut. Sonnenuntergänge sind nicht nur einfach schön; ihre Schönheit ist allumfassend. Obwohl unsere fernen Vorfahren ganz anders lebten als wir, hat mit Sicherheit jeder, der jemals mehr als ein paar Jahre auf diesem Planeten gelebt hat, schon mal innegehalten, um die Schönheit eines Sonnenuntergangs zu bewundern. Gleichzeitig ist diese Schönheit aber auch zu einem kitschigen Klischee verkommen, also wollte ich einen Weg finden, Sonnenuntergänge mit neuen Augen zu betrachten und sie auf eine Art zu lieben, die weder sentimental noch kitschig ist.

Sie erzählen die Geschichte der Menschheit in persönlichen und tief bewegenden Worten. Was hat Sie dazu bewogen, ein so autobiographisches Buch zu schreiben?
Als ich begann, diese Essays zu schreiben, wollte ich zuerst sehr neutral und unpersönlich bleiben und als unbeteiligter Beobachter der menschlichen Geschichte auftreten. Aber als ich die Essays meiner Frau zeigte, sagte sie: »Im Anthropozän gibt es keine unbeteiligten Beobachter, sondern nur Teilnehmer.« Sie half mir dabei, zu verstehen, dass ich mich selbst in dieses Buch einbringen musste, weil meine Perspektive und meine Erfahrungen mein Verständnis von der Welt prägen, die mich umgibt. Es ist mit Abstand mein bisher persönlichstes Buch, und mein erster Versuch, wirklich über mich als Person zu schreiben.

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