Freitag, 4.August

Heute haben
Percy Bysshe Shelley + 1792
Knut Hamsun * 1859
René Schickele * 1883
Witold Gombrowicz * 1904
Liao Yiwu * 1958
Geburtstag.
Aber auch Barack Obama.
______________________

René Schickele
Mondaufgang

Verschüttet Herz, du Mond noch nicht im Klaren,
brich durch, das letzte Licht erlosch im Abendwind …
Bald werden alle meine Gedanken, die Verdammte waren,
strahlen, weil sie schwebend und einsam sind.

Nie mehr vor fremden Seelen betteln gehn!
Nie mehr um die Erfüllung werben!
Nicht mehr mit jeder Sehnsucht sterben
und falschen Herzens auferstehn.

Gefäß der Zuversicht, du Mond im Klaren …
Die Welt verlor den Glanz im Abendwind.
Es kam die Nacht. Nun strahlen, die erblasste Sklaven waren,
die Gedanken, weil sie über Meer und Erde mächtig sind.
__________________________

Sophie Janjanin empfiehlt:

Sylvain Prudhomme:Ein Lied für Dulce
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Unionsverlag € 20,00

I muri. Sie ist tot. Mitten in der Dunkelheit der Nacht verstirbt Dulce. Sängerin, Geliebte und Hoffnung einer Nation. Ihr Tod lässt Couto, ihre Jugendliebe und Gitarrist der legendären Band Super Mama Djambo, sein Leben rekapitulieren.
Was bleibt, sind Erinnerungen an ein paar Musiker mitten in den Wirren von portugiesischer Herrschaft und Militärherrschaft, aber auch an die Liebe zur Musik und die Loyalität zueinander. Denn Couto zieht durch seine Stadt in Guinea-Bissau und besucht seine Freunde. Authentisch beschreibt Sylvain Prudhomme den Kampf um Freiheit, das Loslösen von der Elite: „Autos unseres Volkes, Autos mit den schicken Knöpfen, Lasst mir meinen Teil der Straße!“, heißt es in einem der Lieder. Die Handlung im Roman spielt sich vor der Situation im Land im Jahr 2012 ab, in dem es tatsächlich einen Militärputsch gab, der die Hoffnungen der Bevölkerung auf eine Beendigung der Herrschaft der Armee zunichte machte.
Und wie Couto so von Bar zu Bar zieht, zieht auch die Geschichte seines Landes und seiner Band an ihm vorbei. Bis die Band beschließt, noch am selben Abend ein Konzert zu Ehren der großen Dulce zu geben. Und davon lassen sie sich weder von einem Staatsstreich, noch von einer Hip-Hop-Band abhalten, deren Musik sowieso nur aus Boxen kommt. Ein Gänsehaut-Buch, das mich mit seiner unaufgeregten und selbstverständlichen Erzählweise sehr angerührt hat.

Auszeichnungen für diesen Roman:
Grand Prix des Lectrices de ELLE 2015
Prix littéraire Georges-Brassens
Prix littéraire de la Porte Dorée

Musik ist das Herzstück meines Romans

Freitag, 13.Januar

img_1563

Heute haben
Michael Bond * 1926
Daniel Kehlmann * 1975
Geburtstag
________________________

Heute im Gedichtekalender

Annette von Droste-Hülshoff
Mondesaufgang

An des Balkones Gitter lehnte ich
Und wartete, du mildes Licht, auf dich.
Hoch über mir, gleich trübem Eiskristalle,
Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle;
Der See verschimmerte mit leisem Dehnen,
Zerfloßne Perlen oder Wolkentränen?
Es rieselte, es dämmerte um mich,
Ich wartete, du mildes Licht, auf dich.

Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm,
Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm;
Im Laube summte der Phalänen Reigen,
Die Feuerfliege sah ich glimmend steigen,
Und Blüten taumelten wie halb entschlafen;
Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen,
Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid
Und Bildern seliger Vergangenheit.

Das Dunkel stieg, die Schatten drangen ein –
Wo weilst du, weilst du denn, mein milder Schein?
Sie drangen ein, wie sündige Gedanken,
Des Firmamentes Woge schien zu schwanken,
Verzittert war der Feuerfliege Funken,
Längst die Phaläne auf den Grund gesunken,
Nur Bergeshäupter standen hart und nah,
ein düstrer Richterkreis, im Düster da.

Und Zweige zischelten an meinem Fuß
Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß;
Ein Summen stieg im weiten Wassertale
Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale;
Mir war, als müsse etwas Rechnung geben,
Als stehe zagend ein verlornes Leben,
Als stehe ein verkümmert Herz allein,
Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein.

Da auf die Wellen sank ein Silberflor,
Und langsam stiegst du, frommes Licht, empor;
Der Alpen finstre Stirnen strichst du leise,
Und aus den Richtern wurden sanfte Greise,
Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken,
An jedem Zweige sah ich Tropfen blinken,
Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein,
Drin flimmerte der Heimaltlampe Schein.

O Mond, du bist mir wie ein später Freund,
Der seine Jugend dem Verarmten eint,
Um seine sterbenden Erinnerungen
Des Lebens zarten Widerschein geschlungen,
Bist keine Sonne, die entzückt und blendet,
In Feuerströmen lebt, im Blute endet –
Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht,
Ein fremdes, aber o! ein mildes Licht.
____________________

Unser heutiger Buchtip:

700x500xfit

Niki Glattauer:Flucht
Illustriert von Verena Hochleitner
Tyrolia Verlag € 14,95
ab 5 Jahre

Katzen haben sieben Leben, heißt es, darum haben sie mich mitgenommen. Vater hat gesagt: Das wären dann elf. Die können wir auf dem Meer gut brauchen.

Die Katze erzählt die Geschichte der Familie, die übers Mittelmeer flüchtet. Dahin, wo es eine bessere Zukunft geben soll. Wir kennen die Bilder, die Szenen, die Bücher und auch die wirklichen Menschen dazu, die sich in den letzten Jahren auf solche Reisen gemacht haben.
Was passiert, wenn das Unheil im Inneren einer Familie angekommen ist, und sie keinen Ausweg, als die Flucht hat? Was ist, wenn es keine Zukunft mehr in der eigenen Heimat gibt und Eltern und Kindern alles verlassen und sich aufmachen, mit einem kleinen Boot das große Wasser zu überqueren?
Muß das schon als Bilderbuch für den Kindergarten sein?
Ja. Niki Glattauer und die Illustratorin Verena Hochleitner haben viel gewagt und ganz klar gewonnen. Der feine, poetische Text, die stimmigen Bilder fügen sich zu einem schönen Ganzen zusammen, das auch schon Kindergartenkinder gut verstehen können. Der dunkle Meeresgrund, die furchterregenden Wellen(monster) gehören genauso dazu, wie die hoffnungsvollen Stellen in Text und Bild. Daß die Katze die Geschichte erzählt, ist natürlich ein toller Trick. Erstens hat der Vater damit noch ein paar Leben mehr für seine Familie und, wie wir wissen, sind Katzen sehr selbstständig und distanziert. Dadurch sind wir zwar bei der Familie, aber doch nicht so eng emotional, daß es nicht zum Aushalten wäre.
Der zweite Trick besteht darin, daß es eine Flucht nicht von Süd nach Nord ist, sondern genau in die andere Richtung. Im reichen Norden gibt es keinen Strom, kein Wasser mehr, kein Internet und keine Schule. Und damit haben wir die kleinen Zuhörer genau dort, wo sie verstehen können, was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen. Wenn wir uns im Eigenen gut auskennen, ist es anderes, als wenn von fremden Städten in Syrien oder Ghana die Rede ist. Und so erzählt dieses Bilderbuch von einem Schicksal, das uns alle erreichen kann. Überall auf der Welt.
Trotz des Themas macht das Buch keine Angst. Man spürt das Nebeneinander von Verlust, Angst, Spannung, Verlorenheit und Verletzlichkeit, aber auch Hoffnung, Erleichterung und Zuversicht.
„Refugees welcome“ sehen wir auf einem Transparent, als die Familie endlich landet.

normal-4

normal-7

normal-10

Niki Glattauer, geb. 1959, ist Buchautor, Kolumnist und Lehrer. Seine Kinderbücher wurden mehrfach ausgezeichnet, seine Sachbücher zum Thema Schule stehen regelmäßig monatelang auf den Bestsellerlisten.

Verena Hochleitner, studierte Grafik Design an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Seit 2009 konzentriert sie sich auf das Illustrieren und Schreiben von Büchern, seit jüngerer Zeit auf das Bewegen ihrer Figuren (Stop-Motion-Animationsfilme). 2013 wurde sie mit dem Outstanding Artist Award für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.