Mittwoch, 6.April

Heute haben
Erich Mühsam *1878
Leonora Carrington * 1917
Günter Herburger * 1932
Friederike Roth * 1948
Brigitte Schwaiger * 1949
Geburtstag
_______________________________________________

Mirko Bonné
Johannisbeeren


Am Ende der Wiese, bei der kleinen Wasserstation,
stehen Männer im Blaumann, frühmorgens schon.
Sie haben einen Auftrag, wie Bauarbeiter immer.

Ein leichter Holzkohlegeruch weht in dein Zimmer.
Du stehst am Fenster, blickst verwundert hinaus.
Vor der Weite der Felder das letzte ist euer Haus …

So kannst du gut sehen, dass dort noch einer steht.
Er ist groß und trägt Schwarz, hat so ein Atemgerät
am Gürtel, aus dem Wasserdampf steigt, hat Flügel,

drei Paar, sechs dunkle Schwingen, fast wie Bügel,
die zittern und kurz schlagen, sobald jemand spricht.
Welches Gesicht er dabei macht, erkennt man nicht.

Da sind in den überall roten Johannisbeerbüschen
Kinder, die Fangen spielen, nur ständig entwischen.
Keiner fängt jemanden, und niemand wird gefangen.

Schon kommen sie gekrochen, die kleinen Schlangen.
Und die Bauarbeiter lachen hell am Ende der Wiese,
weil jede schwierigere Aufgabe sein sollte wie diese. ​

Einer isst von den Beeren. Er wir den anderen zu.
Gleich folgt die Pointe, die gute Moral. Meinst du?
Nichts da. Die am Leben sind – alle Gespenster –,

müssen warten, wie du, versteckt dort am Fenster.
Sie graben die Büsche aus, sie löschen alles Rot.
Und aus dem Gras zu dir hinauf blinzelt der Tod.

(aus: Jahrbuch der Lyrik 2022,
Herausgegeben von Matthias Kniep und Nadja Küchenmeister
Schöffling Verlag, 2022)
_______________________________________________


Kat Menschik: „Tomaten
Illustrierte Lieblingsbücher 13
Galiani Verlag € 20,00

Kat Menschik malt sich durch die Weltliteratur. Von Kafka, über Shakespeare. ETA Hoffmann, Poe, bis zu Aitamtows „Djamila“. Zwischendurch geht es um Tiere und ums Essen.
Jetzt aber sieht sie rot.
Im 13. Band ihrer Lieblingsbuchreihe stellt sie nämlich jede Menge verschiedene Tomaten vor, mit den ungewöhnlichsten Namen.
Am 8.März (dem internationalen Frauentag) beginnt sie mit der „Aufzucht“ mithilfe einer Wärmelampe. Dann wird pikiert und umgetopft, was das Zeug hält.
Denn, was gibt es Schöneres, als ein Körble voller unterschiedlicher Formen, Farben und Gerüchen und zwar alles von Tomaten.
Sie stellt die Vorzüge und Eigenarten vor, verrät kleine Tricks und Tipps, wie man sie am besten zur Ernte bringt. Aber vor allem zeigt sie, wie man sie wiedererkennt.

Kat Menschik versteigert, seit Beginn des Krieges in der Ukraine, Originaldrucke über Instagram. Unglaublich, wieviel Sie dadurch für die Ukrainehilfe spenden konnte.
Diese Solidarität, von allen, die dabei mitmachen, tut so gut, in diesen Zeiten.

Mittwoch, 10.März

Heute haben
Friedrich von Schlegel * 1772
Joseph von Eichendorff * 1788
Jakob Wassermann * 1873
Boris Vian * 1920
Ake Edwardson * 1953
Geburtstag
_________________________________


Mirkon Bonné
Nachtöffnung

Regen, ein Gefühl,
und die mageren Nebelpferde
knapp überm Erdboden.
Da sind wir aufgehoben, alle
traurigen Gestalten eines Lebens,
unter einem Baum, der bleibt,
und über den gelben Wassern.

Durch uns segeln
die Mauern hindurch
in die Nachtöffnung,
mit einem Mund, der aufgeht
und der uns sagt, die Brücke,
hier ist sie zu Ende. Und ins Moos
auf dem Handrücken kratzt der Wind
lesbare Regungen.

aus „Jahrbuch der Lyrik 2021„, Kapitel 11
Schöffling Verlag € 22,00

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages und der Vermittlung von Maria Leucht.
______________________________________

Förderpreis Junge Ulmer Kunst

Jetzt bis 30.04.2021 bewerben!
Du bist Künstler*in, nicht älter als 30 Jahre, kommst aus Ulm oder bist hier künstlerisch tätig?
Dann bewirb Dich jetzt für den Förderpreis Junge Ulmer Kunst 2021!
Alle wichtigen Infos für eine Bewerbung findest Du unter Bewerbung.

Was ist der Förderpreis Junge Ulmer Kunst?

Die Stadt Ulm schreibt im zweijährigen Turnus einen Förderpreis für junge Ulmer Künstlerinnen und Künstler aus. Der Preis ist mit Preisgeldern in Höhe von insgesamt 12.000 € dotiert, die jeweilige Einzelzuwendung beträgt 2.000 €. Schwerpunktmäßig sollen Nachwuchskünstlerinnen und -künstler gefördert werden, die sich an der Schnittstelle ihres Werdegangs, d. h. in einer künstlerischen Ausbildung befinden oder die am Übergang in eine künstlerische Berufstätigkeit stehen.

Der Preis wird in folgenden Sparten ausgeschrieben:
Literatur, Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Klassische Musik, Populäre Musik und Film.
Über die Vergabe der Förderpreise entscheidet jeweils eine spartenbezogene Jury, der überregional anerkannte Fachleute der jeweiligen Sparte angehören.

Wer kann sich bewerben?


Eingeladen zur Bewerbung sind alle Künstlerinnen und Künstler, die zum Bewerbungszeitpunkt nicht älter als 30 Jahre sind, deren Geburts- oder Wohnort Ulm ist oder deren künstlerisches Betätigungsfeld überwiegend in Ulm liegt. Interdisziplinär arbeitende Künstler*innen können sich ebenfalls bewerben und werden gebeten, sich einer Sparte zuzuordnen.

Preisverleihung am 29.10.2021

Die Förderpreise werden am 29.10.2021 um 19.00 Uhr in einer öffentlichen Veranstaltung im Stadthaus Ulm vergeben. Der Festakt wird von den Preisträgerinnen und Preisträgern mit Kostproben ihres Schaffens aktiv mitgestaltet.
_____________________________________

Noch etwas aus der Region:

Den 8-spurigen Ausbau der Adenauerbrücke in Ulm/Neu-Ulm stoppen.
Hier geht es zur Online-Petition.

Samstag

Heute haben
Choderlos de Laclos * 1741
Hilde Spiel * 1911
Geburtstag
__________________________

Unser Buchtipp fürs Wochenende:

Bonné

Mirko Bonné: „Nie mehr Nacht
Schöffling Verlag € 19,95
als eBook € 15,99

Mirko Bonné wurde 1965 in Bayern geboren, lebt in Hamburg und hat sich als Autor, Lyriker und Übersetzer einen Namen gemacht. Sherwood Anderson, E. E. Cummings, Emily Dickinson, John Keats und William Butler Yeats sind Autoren, deren Texte wir auf Deutsch von ihm lesen können. Seine Bücher im Schöffling Verlag tragen Titel, die alle nicht so lustig klingen: „Der eiskalte Himmel“, „Wie wir verschwinden“, oder auch „Der kalte Sturz“. Dagegen klingt der neue Titel „Nie mehr Nacht“ ja richtig fröhlich dagegen. Nie mehr Nacht, so hätte es gerne Markus Lee, dessen geliebte Schwester sich vor ein paar Monaten das Leben genommen hat. Die Trauer darum lässt ihn nicht los. Mehr als alle anderen, auch die Eltern, schafft er es nicht, sich von ihr zu lösen. Mit Jesse, dem 15jährigen Sohn seiner Schwester macht er sich in den Ferien auf, Richtung Normandie. Dort bewohnt eine befreundete Familie von Jesse ein leeres Hotel am Strand und Markus hat den Auftrag eines Kunstmagazins Brücken zu zeichnen, die während der Invasion wichtig waren. Die Fahrt im geliebten alten Mercedes fühlt sich an, wie ein gutes Roadmovie. Es wird nicht viel gesprochen. Jesse hat andere Sachen im Kopf und Stöpsel im Ohr. „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana, wird zum Auslöser eines heftigen Kraches, der auch erlösend wirkt. Beide sind mit dem Tod der Schwester und Mutter beschäftigt, thematisieren das aber erst kurz vor dem Ankommen am Meer. Die geplante Woche am Meer, eine Mischung aus Urlaub und Arbeit für Marko wird zu einem monatelangen Erkundung des Inneren und Äußeren. Wir merken so langsam, wie der Tod der Schwester sich durch viele Bereiche des Buches durchzieht. Das verfallene Hotel, die leeren Zimmer mit verbrauchten Biografien, die Strände an der die Invasion stattgefunden hat und wo tausende Männer (junge und alte) ihr Leben gelassen haben, der viele Metallschrott, der dort am Strand vergraben war, das Wetter, um nur ein paar Dinge zu nennen. Die Familie und Jesse fahren ab, Marko bleibt zurück und versucht Boden unter die Füsse zu bekommen. Er geht jedoch erst in die andere Richtung und er lässt los. In dem Sinne, dass er alles verkauft, auch den geliebten Mercedes. Nur mit dem Notwendigsten versucht er im Hotel zu leben. Nachdem der in einem Supermarkt ein Foto mit zwei Frauen sieht, von der eine genauso aussieht, wie seine Schwester, nimmt der Roman eine andere Wendung.
„Nie mehr Nacht“ ist kein düsterer Roman über Tod und Sterben, sondern von Mirko Bonné in einer großen Leichtigkeit geschrieben, die uns durch die Seiten treiben lässt. Hier kommt wohl der Lyriker zum Vorschein. Bonné versteht es Realität mit Tagträumen zu vermischen und uns mit auf die Reise in Markus Lees Gedanken zu nehmen.
Mirko Bonné Romans landete auf der sogenannten Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2013, also unter den letzten sechs Büchern, was meiner Meinung nach mehr als berechtigt ist in den Bergen all der hektischen, lauten Büchern, die wir auf den Bestsellerlisten finden.

Leseprobe