Dienstag, 25.Juli

Heute haben
Max Dauthendey * 1867
Paul Raynal * 1885
Elias Canetti * 1905
Anders Cleve * 1937
Geburtstag
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Max Dauthendey
Sommer, der so fröhlich war

Sommer der so fröhlich war,
Er entlässt der Vögel Schaar,
Tausend Stare weiter ziehn,
Tausend Lieder jetzt entfliehn.

Auf der Wiese, die verblüht,
Noch der Himmel einsam glüht,
Wie die Sehnsucht, die nie stirbt
Und um neue Lieder wirbt.

Sitzt das Herz am rechten Fleck,
Fällt’s nicht wie ein Herbstblatt weg.
Wechselt auch der Baum sein Kleid,
Lieb kennt keine Jahreszeit.
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Unser Buchtipp:

Teresa Ciabatti: „Die schönen Jahre
Aus dem Italienischen von Christiane von Bechtolsheim
dtv € 25,00

„Mitreißend, eindringlich und verstörend.'“
L’Espresso

Teresa Ciabatti fordert uns LeserInnen einiges ab. Sie springt in ihrer Art des Erzählens in verschiedene Zeitebenen, lässt Gedankenfetzen stehen, wechselt von Erinnerungen in die Gegenwart des Romanes.
„Die schönen Jahre“ wurde in Italien für den Premio Strega nominiert und ist jetzt auf deutsch erschienen.
Die Ich-Erzählerin und ihre beste Freundin Federica haben sich seit ihrer Kindheit/Jugend nicht mehr gesehen. Es war das Rom der 80er Jahre. Federica wohlhabend, sie ein „dickes Landei“, wie sie selber sagt. Jetzt sind sie Ende 40, geschieden, die Kinder aus dem Haus, aber die Vergangenheit lässt die Ich-Erzählerin nicht los. Was ist mit Federicas schöner Schwester in dieser einen Nacht im Oktober 1988 passiert? Sie war das Idol der beiden Mädchen. Sie wollten so sein wie sie.
Teresa Ciabatti gräbt nun tief in den Erinnerungen der beiden Frauen, in dem Ungesagten, den Traumata, den Verlusten. Impulsiv, direkt, laut und intensiv, aber auch privat, intim nähern wir uns dieser einen Nacht und entdecken drei Frauenbiografien, bei denen auch am Ende des Romanes noch nicht alles geklärt ist.

Teresa Ciabatti, 1972 in Orbetello geboren und dort aufgewachsen, studierte Moderne Literatur in Rom. Heute ist sie eine der wichtigsten italienischen Autorinnen der Gegenwart. Als Drehbuchautorin ist sie unter anderem für den Kultfilm „Tre metri sopra il cielo“ bekannt, auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig wurde sie bereits für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Mit ihrem Roman „Die schönen Jahre“ war sie 2021 für den Premio Strega, den wichtigsten Literaturpreis in Italien, nominiert, nachdem sie bereits 2017 mit einem ihrer Romane den zweiten Platz erreichte. Teresa Ciabatti lebt in Rom.
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Heute abend, Dienstag, 25.Juli ab 19 Uhr
Sarah Lobenhofer und Sophia Zach berichten von ihrem Engagement bei der „Letzten Generation“.
Bei uns in der Buchhandlung
Eintritt frei

Freitag, 2.Dezember

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Heute haben
Botho Strauß * 1944
TC Boyle * 1948
George Saunders * 1958
Doron Rabinovici * 1961
Geburtstag
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Max Dauthendey
Solch ein lauer weißer Tag


Solch ein lauer weißer Tag
Mag die Hände gar nicht rühren,
Nur die Augen liegen wach.
Draußen welken gelb die Bäume,
In der stillen Esche nicken
Graue Blätter, altersschwach.
Graue Blätter, graue Träume.
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Adventkalender von Anke Raum.
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Juhu, ein neues Bilderbuch von Julia Donaldson und Axel Scheffler.

Axel Scheffler / Julia Donaldson: „Die Rüpelbande“
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Beltz & Gelberg € 15,00
Bilderbuch ab 4 Jahren

Der Troll, der Geist und die Hexe sind üble Rüpel. Sie haben nichts anderes im Sinn, als Angst und Schrecken zu verbreiten. Und können es kaum abwarten, das Mädchen, das in dem Haus im Wald wohnt, das Fürchten zu lehren. Allerdings haben sich die drei gewaltig verrechnet, denn das Mädchen dreht den Spieß um. Und so müssen selbst sie einsehen: Mut ist keine Frage der Größe und Bösewichte können nicht immer gewinnen.

Aber was soll ich groß erzählen, wo es doch eine prima Leseprobe und ein Video mit Axel Scheffler gibt, in dem er live zeichnet.

Leseprobe

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Am kommenden Dienstag, den 6.Dezember kommt nicht nur der Nikolaus, sondern auch Clemens Grote.
Und zwar zu uns in die Buchhandlung und liest wieder aus Neuerscheinungen.
Diese Mal hat er auch noch etwas Weihnachtliches mit im Gepäck.

Beginn ist 19 Uhr
Der Eintritt ist kostenlos

Samstag

Heute hat Alfred Wolfenstein (* 1883) Geburtstag
und dies hat er vor fast 100 Jahren veröffentlicht:

Alfred Wolfenstein
Städter

Dicht wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

(1914)
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Und weil Max Dauthendey (1867-1918) heute in meinem Lyrikkalender auftaucht, von ihm auch noch eins:

Max Dauthendey

Nie war die eine Liebesnacht in deinem Schoß
der andern gleich

Nie war die eine Liebesnacht
In deinem Schoß der andern gleich,
Dein Leib ist ein Septembermond
An immer neuen Früchten reich.

Die Brüste sind ein Traubenpaar,
Und drinnen pocht der junge Wein,
Die Augen sind ein Himmelstor
Und lassen meine Wünsche ein.
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Noch so ein Projekt, was ich endlich über die Feiertage geschafft/gelesen habe.

Alan Ilser: „Der Prinz von der West End Avenue“
Das Buch erschien im Berlin Verlag und später bei dtv. Isler hat dieses Buch mit 62 Jahren geschrieben und 1994 in London und ein Jahr später in Berlin veröffentlicht. Es ist längst vergriffen und ich frage mich wirklich warum. Es ist ein grossartiges Buch, ein Erstlingswerk, wie es selten zu finden ist. Und: Es ist in meinem Lesekanon verblüffenderweise mehrfach eingebunden.
Diese Woche hat der Arche Literaturkalender Tristan Tzara auf dem Kalenderblatt, der am 25.12. 1963 gestorben ist. Tzara spielt eine wichtig Rolle in der Zürcher Dada-Zeit der jungen Hauptperson.
Cherubino aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ singt auf Seite 170 „Voi che sapete“, das ich vor Wochen hier mit Christiane Schäfer verlinkt habe. Dazu kommen noch einige Nachnamen, die in meiner Familie mütterlicherseits geläufig waren. Solche Sachen sind mir mehrfach in diesem Buch über den Weg gelaufen. Das macht das Lesen noch viel spannender.
Aber zum Inhalt:
Otto Korner, eigentlich Körner, aber das ö hat er sich bei der Einreise in die USA gespart ist 83 Jahre alt und lebt im Emma-Lazarus-Altersheim, Manhattan, Upper Westside. Dort proben im Sommer 1978 gutbetuchte jüdische Rentner das jährliche Shakespeare Stück Hamlet. Und Korner ist die perfekte Hamlet Figur in seiner inneren Zerissenheit. Alan Isler stellt uns seine Personen in einem sehr witzigen, spritzigen Ton vor. Es ist dieser jüdische Humor, der das ganze Buch durchzieht. Die Treffen in der Lieblingskneipe „Goldstein’s Dairy Restaurant“ sind solche Höhepunkte. Diese schrägen Vögel mit ihren Macken, sind einfach köstlich. Der ewig junge 70jährige, der jedem Rock hinterhersteigt, der nichts dazulernende Revolutionär, die alten reichen Damen, die einer Liebschaft nicht aus dem Weg gehen. Die Gebrechen, die Toten, die Essensdüfte, die Dame am Empfang und der Arzt, der sich seine Liebe zu einer Krankenschwester nicht eingestehen will; erst als Korner ihm auf die Sprünge hilft, wird das was.
Über allem stehen die Proben zu Hamlet, die unter einem schlechten Stern stehen, da es zu sehr großen Zerwürfnissen unter den Rentner kommt. Es kommt sogar zu einem Toten, dessen Rolle neu besetzt werden muss.
Dies ist in dem schon erwähnten lockeren frechen Ton geschrieben und Otto Korner streut immer mehr aus seiner Kindheit in Berlin, seine Zeit bei den Dadaisten in Zürich hinzu. Wir erfahren stückchenweise über seine zwei Ehen, die beide gescheitert sind. Das dramatische Ende einer der Ehen endet im Zug Richtung Auschwitz. Diese Episoden kommen so ziemlich am Ende des Buches. Sie haben Korner geprägt und er hat sie ganz tief unten versteckt gehalten. Jetzt kommen sie hoch, nachdem ein alter Bekannter aus diesen Tagen im Altersheim auftaucht. Und somit wird auch klar, warum es zu einem dramatischen Zusammentreffen mit Korner und seiner Schwester kommt, als sie sich zum ersten Mal wieder in new York treffen können.
Ilser schafft es, so ähnlich wie Seethaler in seinem „Trafikant“ eine dramatische Geschichte mit viel Humor zu erzählen. Wobei Isler noch einen Schritt weitergeht. Er zeigt uns Seite um Seite das Innenleben einer zerbrochenen Figur, die es jahrzehntelang verdrängt hat. oder es zumindest versucht hat.
Selten so ein humorvolles Buch gelesen, in dem sich solche Abgründe auftun. Grossartig und leider vergriffen.
Leihen Sie es sich in der Bibliothek aus, oder suchen Sie im Netz nach gebrauchten Exemplaren. Es lohnt sich.