Montag, 19.Juni


Heute haben
Blaise Pascal * 1623
Gustav Schwab * 1792
Salman Rushdie * 1947
Geburtstag
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Theodor Storm
Meeresstrand

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
und Dämmrung bricht herein;
über die feuchten Watten
spiegelt der Abendschein.

Graues Geflügel huschet
neben dem Wasser her;
wie Träume liegen die Inseln
im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
geheimnisvollen Ton,
einsames Vogelrufen –
so war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
und schweiget dann der Wind;
vernehmlich werden die Stimmen,
die über der Tiefe sind.
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Wir schauen in die Buchwerkstatt des Maro Verlages in Augsburg


Diane Seuss: „Frank: Sonette
Maro Verlag € 28,00

Einblicke in die Herstellung von »Frank: Sonette / frank: sonnets«

In unserem Augsburger Verlagsbüro – das auch eine Druck- und Buchbindewerkstatt ist – herrscht ein unüberhörbares Treiben: Die Druckmaschine läuft kontinuierlich. Gegenüber teilt die Schneidemaschine die Papierstapel. Im Klebebinder rotiert die Leimwalze. Bogenweise Papier wandert von A nach B zu C und D, wird bedruckt, gewendet, geschnitten, gefalzt, gebunden. Ist die Verarbeitung abgeschlossen, liegt sie vor uns – die Klappenbroschur »Frank: Sonette / frank: sonnets« der Pulitzer-Preisträgerin Diane Seuss mit 280 Seiten – inklusive dreier Ausklappseiten. 

Wie oft wir während der Produktion des Gedichtbands mit dem Papier in Berührung kamen, haben wir für Euch nachgezählt: Ganze 13 Mal. Die Zahlen in Klammern zählen im Folgenden mit.

Schneiden, Falzen, Einlegen 

Wir stehen vor mehreren Stapeln weißer Druckbögen, dem Ausgangsmaterial unserer Produktion. Vor dem Bedrucken werden alle Bögen auf dasselbe Format geschnitten. Wir nehmen einen etwa 7 bis 9 cm dicken Papierstapel und legen ihn in die Schneidemaschine (1). Je nachdem, ob alle vier Seiten begradigt werden müssen, geht das Papier bereits hier mehrfach durch unsere Hände. Nun kann die Schublade der Xerox gefüllt und der Innenteil der Broschur mit Diane Seuss’ Gedichten bedruckt werden: zunächst die Vorderseiten der Bogen (2) und nach dem Wenden deren Rückseiten (3). Acht Seiten befinden sich auf jedem Bogen: vorne 4 und hinten 4. Die bedruckten Bogen werden anschließend halbiert, sodass 4-Seiter entstehen, also jeweils 2 Seiten vorne, 2 hinten, die in der richtigen Seitenfolge aufeinandergelegt werden (4). 

Die 4-Seiter werden jetzt in der Falzmaschine einmal zur Mitte gefaltet (5). Nun ist schon leichter erkennbar, dass hier ein Buch entstehen wird. Die zwei schmalen Seiten eines jeden Buchblocks werden bereits jetzt auf Endformat geschnitten. Der Grund hierfür ist, dass es eine Klappenbroschur werden soll, also nach dem Binden kein Frontbeschnitt mehr gemacht werden kann (da sonst die Klappen abgeschnitten werden würden). Auch den Falz entfernt die Schneidemaschine bereits wieder – aber Dank dieses Arbeitsschritts liegen die Papierbögen nun schön plan aufeinander.


Gefalzte Bogen vor dem Schneiden in der Schneidemaschine 


Falzen der Bögen in der Falzmaschine

Vor uns liegen auch jetzt noch nicht die gesamten »Buchblöcke«, sondern es fehlen 6 Seiten. Der Grund hierfür ist, dass zwei der 14-zeiligen Sonette von Diane Seuss so lange Zeilen haben, dass sie den Satzspiegel, ja das Papierformat sprengen. Diese werden separat auf Ausklappseiten gedruckt. Da die Maro-Ausgabe zweisprachig ist und auf den linken Seiten die englischen, auf den rechten Seiten die deutschen Übersetzungen von Franz Hofner stehen, benötigen wir insgesamt 3 Ausklappbögen, die beidseitig bedruckt dann 6 Seiten des Buches entsprechen.

Auch das Falzen der Ausklappbögen übernimmt unsere Falzmaschine (6). Diesmal ist der Falz nicht mittig, sondern so versetzt, dass die längere Seite mitgebunden wird und die kürzere einen Abstand zum Bund hat. Das ist eine ziemliche Tüftelei, da die drei Falze an der Vorderkante des Buches nicht rausstehen sollen. In der Schneidemaschine werden die drei gefalzten Bogen auf das gewünschte Format geschnitten (7). Nun haben wir auf dem Tisch vor uns zwei Stapel liegen: rechts die Buchblocks mit den sortierten Einzelseiten und links die ebenfalls sortierten 3 Ausklappbögen. Wir suchen die richtige Stelle im Buch, um sie einzusortieren, legen dann sorgfältig jeweils drei der Ausklapper ein und vergewissern uns noch einmal, dass die Reihenfolge stimmt. Fertig ist der Loseblatt-Buchblock (8).


Ausklappbögen (links) und Einzelseiten (rechts)


Gestapelte Buchblocks vor dem Klebebinden 

Binden

Eine Broschur ohne Hülle – da sähe der Gedichtband nackig aus. Die Umschläge wurden bereits auf einer Offsetmaschine bedruckt – bei einer befreundeten Druckerei in Augsburg – und zugeschnitten und werden nun zweimal für den Buchrücken genutet (9). Jetzt kommt der Klebebinder zum Einsatz. In den Schlitten links wird ein Buchblock eingespannt, rechts wird ein Exemplar des genuteten Umschlags mit der Innenseite nach oben bereitgelegt (10). Der Schlitten wird nun per Knopfdruck auf seine Reise nach rechts geschickt. Dabei passiert der Buchblock zunächst das Fräsmesser – die Papierbögen werden zur besseren Haftung leicht aufgeraut – und dann das Leimbecken. Hier trägt sich nun eine feine Schicht des Dispersionsleim auf das Papier auf. Ist der Schlitten über dem Umschlagbogen angekommen, wird der Buchblock unter Druck gegen den Umschlag gepresst. Der Schlitten wird geöffnet, die Broschur herausgenommen und mit dem Finger erneut der Rücken fest – aber gefühlvoll – angedrückt (11). Nun heißt es geduldig warten, bis der Leim getrocknet ist und die Broschur weiterverarbeitet werden kann. Das Buch steht dabei zunächst für eine Zeit auf der Wärmeplatte, damit der Leim optimal trocknet und haftet, dann noch für einige Stunden – am besten über Nacht – auf einem Tisch neben der Bindemaschine.  


Klebebinder mit der Wärmeplatte rechts daneben 


Wärmeplatte, auf der die gebundenen Broschuren trocknen


Stapelung der Broschuren zur Trocknung

Nuten und Endbeschnitt

Am nächsten Tag schnappen wir uns die erste Broschur und nuten den Umschlag an einer definierten Stelle vorn und hinten für die Klappen (12). Hier ist sehr wichtig, die rechteckig Broschur sehr gerade zu nuten, damit die Klappen nicht krumm werden. Den Umschlagkarton falten wir an den beiden Nutungen sorgfältig ein. 

Abschließend erfolgt in der Schneidemaschine der Kopf- und Fußbeschnitt des Buches. Es ist nun bereit, gelesen zu werden (13). 


Nuten der Umschlagsklappen


Klappen einschlagen 

Stickern und Verpacken 

Jetzt wird noch ein Sticker auf das Cover geklebt und dann wartet das Buch in unserem Lager darauf, an Buchhandlungen oder direkt an Leser:innen versendet zu werden. 

Wie ihr seht, handelt es sich um einen aufwendigen Herstellungsprozess, aus dem auch immer neue und wertvolle Erkenntnisse resultieren. Doch nicht alle Titel aus unserem Verlag werden aus eigener Hand produziert. Hardcover zum Beispiel werden in gemeinsamer Arbeit mit externen Druckereien und weiterverarbeitenden Firmen aus unserer Region realisiert. 

Ihr seid neugierig auf den Gedichtband von Diane Seuss geworden? Hier! findet ihr nähere Informationen zum Lyrikband.

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Umweltwoche Ulm

Heute, Montag, 19.Juni, 19 Uhr
M25, Münsterplatz 25

Vortrag: „Handlungs­hemmnisse und -ansätze in der Klimakrise“
Psychologists for Future Ulm

Nachhaltigkeit und Klimaschutz – zwei Themen, über die zunehmend gesprochen wird. Beim Blick auf tatsächliche Veränderungen beim individuellen Verhalten und auf gesellschaftlicher Ebene wird jedoch deutlich, dass diese bisher nicht ausreichen, um angemessen auf das Ausmaß und die Dringlichkeit der ökologischen Krise zu reagieren. 
Aber woran liegt es, dass Menschen einerseits wissen, dass wir uns in einer globalen ökologischen Krise befinden und sie es andererseits nicht schaffen zu handeln? Wie lässt sich diese Diskrepanz psychologisch erklären? 
Der Vortrag versucht, theoretisch und praxisnah Antworten auf diese Fragen zu liefern und zeitgleich Handlungsansätze aufzuzeigen, die uns helfen können, vom Wissen ins Handeln zu kommen.

Hier geht es zum kompletten Programm: https://ulmweltwoche.de/

Donnerstag, 22. September


Heute haben
Hans Leip * 1893
Rosemunde Pilcher * 1924
Fay Weldon * 1931
Lutz Rathenow * 1952
Peter Prange * 1955
Geburtstag.
Und auch Hans Scholl * 1918 (Weiße Rose)
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Theodor Storm
Ein grünes Blatt

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf dass es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.
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Unser Buchtipp:

Dylan Thomas: „Unterm Milchwald
Ein Stück für Stimmen
Zweisprachige Ausgabe, aus dem Englischen und einem Nachwort von Jan Wagner
Plus einer Lageskizze von Llareggub von Dylan Thomas
Hanser Verlag € 27,00

„Von diesem grandiosen Klassiker des Wortweltmeisters Dylan Thomas waren sie alle begeistert- die Stones, die Beatles, Anthony Hopkins, Richard Burton, Igor Strwainsky – und ich auch!“
Elke Heidenreich

„To begin at the beginning:

It is spring, moonless night in the small town, starless
and bible-black, the cobblestreets silent and the hunched,
courters’-and-rabbits’ wood limping invisible down to the
sloeblack, slow, black, crowblack, fishingboatbobbing sea.
The houses are blind as moles (though moles see fine to-night
in the snouting, velvet dingles) or blind as Captain Cat
there in the muffled middle by the pump and the town clock,
the shops in mourning, the Welfare Hall in widows’ weeds.
And all the people of the lulled and dumbfound town are
sleeping now.

Hush, the babies are sleeping, the farmers, the fishers,
the tradesmen and pensioners, cobbler, schoolteacher,
postman and publican, the undertaker and the fancy woman,
drunkard, dressmaker, preacher, policeman, the webfoot
cocklewomen and the tidy wives. Young girls lie bedded soft
or glide in their dreams, with rings and trousseaux,
bridesmaided by glowworms down the aisles of the
organplaying wood. The boys are dreaming wicked or of the
bucking ranches of the night and the jollyrodgered sea. And
the anthracite statues of the horses sleep in the fields,
and the cows in the byres, and the dogs in the wetnosed
yards; and the cats nap in the slant corners or lope sly,
streaking and needling, on the one cloud of the roofs.“

Das legendäre Werk des walisischen Dichters Dylan Thomas in einer neuen Übersetzung von Jan Wagner, der „Unterm Milchwald“ als das schönste Stück Literatur bezeichnet, „das jemals über den Äther lief“.
Der Morgen beginnt in dem kleinen Fischerdorf Llareggub an der walisischen Küste und das, was Dylan Thomas und seiner kleinen Seestadt macht, ist so einzigartig, dass ich richtig süchtig geworden bin. Voller Wortwitz, mit verrückten Wortketten und Wortassoziationen lässt er die Einwohner der kleinen Stadt einen Tag lang zu Wort kommen. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht geht der Reigen an der wallisischen Küste. Es wird gelacht, geweint, gesungen und gebrüllt. Es werden Kartoffeln poliert und Bier gesoffen, der Teufel im Wald vertrieben und Orgel gespielt. Die Toten werden wieder lebendig und der Briefträger erzählt den Empfängern der Post gleich an der Türschwelle, was es alles Neues gibt auf den zugestellten Postkarten. Ich kann hier keine Inhaltsangabe schreiben, da das Stück voller überbordender Ideen ist. Was aber Gossamer Beynon, Orgel-Morgan, Mrs Ogmore-Pritchard, Mrs Willy-Nilly, Kapitan Cat, Mr Waldo, Mary Ann Seefahrer, Eli Jenkins, Lily Smalls, Boyo, Mrs Cherry Owen und Sinbad, auf den Straßen, in den Häusern, auf dem Friedhof und in der Kneipe treiben, ist einfach großartig.
Und damit auch der Autor Dylan Thomas.

Leseprobe

Dylan Thomas, 1914 in Swansea geboren, 1953 in New York gestorben, arbeitete ab 1934 für Zeitschriften und die BBC in London. 1949 zog er sich in den kleinen walisischen Fischerort Laugharne zurück. Er schrieb Gedichte, Essays, Briefe, Drehbücher, autobiographische Erzählungen und das Stück „Unterm Milchwald“, das postum mit dem Prix Italia 1954 ausgezeichnet wurde.
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Der Maro Verlag hat uns eine Kiste voll mit seiner unglaublichen schönen Anthologie „Marotte“ zugeschickt, die wir im Laden verschenken.
Wenn Sie ein Exemplar haben wollen – bitte melden.

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Wir haben während des Klimastreiks unseren Buchladen von 15 bis 17 Uhr geschlossen.
Danach ist bis 18 Uhr wieder geöffnet.

Montag, 16.Mai


Heute haben
Friedrich Rückert * 1788
Jakob van Hoddis * 1887
Juan Rulfo * 1918
Adrienne Rich * 1929
Geburtstag
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Ludwig Uhland
Frühlingstrost

Was zagst du, Herz, in solchen Tagen,
Wo selbst die Dornen Rosen tragen?
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Unser Buchtipp:


Wolfgang Martynkewicz: „Das Schwanken des Bodens unter den Füßen
Einstein im Badehaus 8
Mit Originaldruckgraphiken und beiliegendem Plakat von Gabriela Jolowicz
36 Seiten, Fadenknotenheftung
Maro Heft #7 € 16,00

Der Autor Wolfgang Martynkewicz, ein großer Kenner der 20er Jahre, hat Bücher über Jane Austen, Gottfried Benn, Arno Schmidt und viele andere veröffentlicht, zeigt uns hier auf wenigen Seiten einen hochinteressanten Ausschnitt aus Albert Einsteins Leben.
1920 war das Jahr, in dem Einsteins Relativitätstheorie in aller Munde war. Überall besprochen, wurde er zu einem Star am Physikerhimmel. Aber es gab auch die andere Seite,, denn Einstein war in vielen Dingen unorthodox und eckte immer wieder an. Nicht zu vergessen: Er war Jude. Seine Entdeckung hatte auch den großen Nachteil, dass sie nicht in einfache Worte zu fassen war. Sogar er selbst meinte, dass sie „gemein unverständlich“ sei. So war er Star und Reizfigur in einem. Die konservativen Kräfte in Deutschland nahmen immer mehr zu und fühlten sich durch diese neuen Erkenntnisse provoziert. Gleichzeitig nimmt der Antisemitismus in Deutschland zu. Aus dem Kreis der anerkannten Physiker gibt es Zustimmung, aber auch vehemente Ablehnung.
Im August 1920 kommt es zu einem Treffen auf einer Tagung in Bad Nauheim. Albert Einstein und sein stärkster Widersacher, der Nobelpreisträger Philipp Lenard sitzen sich zu einem Schlagabtausch gegenüber. Ein Showdown, moderiert von Max Planck, vor gebannten Zuschauern im Badehaus 8.

Freitag, 29.Oktober


Heute haben
Lena Christ * 1881
Ezra Pound * 1885
Georg Heym * 1887
Geburtstag
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Es gibt Leute, für die es überhaupt keinen Beruf gibt. Ich rechne mich dazu.
Georg Heym
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Gerade erschienen:


Der Herbst ist da und mit ihm zwei neue MaroHefte!

In Heft #5 verteidigt Bettina Fellmann die Traurigkeit in einer Welt, in der diese tabuisiert wird, obwohl sie eine logische Reaktion auf die Zumutungen der Gegenwart ist. Ein illustrierter Essay über Entfremdung, Erfahrung und die Gefahr »zu positiv« zu werden.

Heft #6 widmet sich in 13 Fakten Themen wie Artensterben, Waldvernichtung, Landraub und tödliche Grenzen – im Hinblick auf die letzten 50 Jahren. Was geschah in der Wirkungsspanne der sogenannten 68er? Und wie muss man den programmatisch einflussreichen »Bericht zur Lage der Menschheit« des Club of Rome von 1972 bewerten, der noch heute auf Wirtschaftswachstum und rigide Bevölkerungspolitik setzt? Talking ’bout Your Generation!
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Bettina Fellmann: „Zur Verteidigung der Traurigkeit
Ein erschöpftes Heft · MaroHeft #5 € 16,00

Mit Illustrationen von Rebekka Weihofen
36 Seiten, fadengeheftet mit Schutzumschlag und beiliegendem Plakat

Leseprobe

Traurigkeit wird in unserer Gesellschaft verdrängt und zum Krankheitssymptom erklärt, obwohl sie eine logische Reaktion auf die Zumutungen der Gegenwart ist. Bettina Fellmann formuliert die Paradoxie, dass angesichts der alles durchdringenden Verwertungslogik, nach der gewirtschaftet, gelebt und gestorben wird, kaum adäquate Empfindungen zum Ausdruck kommen. Stattdessen passen sich die Menschen an die verkehrten Gegebenheiten an und wiederholen sie in immer neuen Variationen. Das Erleben von Traurigkeit dagegen stärkt die Kritik an jenen Verhältnissen, an denen Menschen zerbrechen. Ein Aufsatz über Anpassung, Entfremdung und Erfahrung – zur Verteidigung der Traurigkeit.

Bettina Fellmann (*1978) arbeitet seit 1998 als Krankenschwester. Sie beschäftigt sich u. a. mit kritischer Theorie, wundert sich oft über die Praxis und schreibt Gedichte, Politisches und Philosophisches.

Rebekka Weihofen (*1991) arbeitet freischaffend im Bereich Illustration und Graphik. Sie beschäftigt sich u. a. mit der Abbildbarkeit von Absurdität, Traum- und Innenwelten und ist (fast) immer müde.
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Talking ’bout Your Generation
Wie die Welt den Bach runtergeht und dabei das Meer überläuft
Mit Texten von Kolja Burmester, Eileen Jahn, Sarah Käsmayr, Lena Schindler und Scherzad Taleqani
Ein katastrophales Heft · MaroHeft #6 € 16,00

Mit Illustrationen von Riikka Laakso
36 Seiten, fadengeheftet mit Schutzumschlag und beiliegender Postkarte

Leseprobe

1968 dröhnte aus den Lautsprechern: I’M NOT TRYING TO CAUSE A BIG SENSATION. I’M JUST TALKING ’BOUT MY GENERATION. Ihr wolltet also nicht viel Aufsehen erregen, sondern nur ein bisschen reden? Na dann reden wir jetzt mal!

In den letzten 50 Jahren hat sich der Tierbestand auf der Welt halbiert. Urwald auf einer Fläche von fast ganz Europa wurde zerstört. Tödliche Grenzen, Erd­erhitzung, Ausbeutung, Landraub, Trinkwassermangel: Wie konnten sich solche Entwicklungen derart verschärfen – ausgerechnet in der Wirkungsspanne der »68er-­Generation«, die sich als besonders solidarisch und nachhaltig versteht? Zeit für einen Blick in das program­matische Grundsatzprogramm der 68er, den »Bericht zur Lage der Menschheit« des Club of Rome, Zeit für eine Bilanz.

Riikka Laakso lebt und arbeitet als Illustratorin in Berlin. Sie studierte Illustration an der Universität der Künste Berlin, ist Mitglied des deutschen Illustrationskollektivs »Parallel Universe« und veröffentlicht ihre eigenen Zines und Bücher in kleinen Auflagen. riikkalaakso.com
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Nehmen Sie sich bitte eine Stunde Zeit und schauen Sie sich das Interview mit Harald Welzer in der Sendung „Sternstunde Philosophie“ an.

Mittwoch, 16.Juni

Heute haben
Liselotte Welskopf-Henrich * 1901
Joyce Carol Oates * 1938
Geburtstag
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Wanda Coleman: „Strände. Warum sie mich kaltlassen
Herazusgegeben und mit einem Vorwort von Terrance Hayes
Aus dem Amerikanischen von Esther Ghionda-Breger
Maro Verlag € 24,00

Dieser Band versammelt mehr als 120 Gedichte von Wanda Coleman (1946-2013), die in Los Angeles aufgewachsen ist. Sie war Lyrikerin, Verfasserin von Kurzgeschichten und Romanen. Insgesamt kommt sie auf 20 Buchveröffentlichungen, die immer wieder hochdekoriert worden sind und ihr diverse Stipendien eingebracht hat.
In diesem Gedichtband finden wir ein Spiegelbild des Rassismus in den USA, den sie als afroamerikanische Autorin miterlebt hat. Sie prangert messerschaft diese Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiss an, wobei ihre Gedichte klingen wie Liedtexte für Blues- oder Jazzstücke. Sie schreibt über Alltägliches, über Sex, Geburt, Tod, Liebe und Verlust. Sie ist dabei wütend, laut, voller Humor und dann wieder erfüllt von großer Zärrtlichkeit.
Eine wirkliche Entdeckung.

Leseprobe
(Hier finden Sie u.a. die deutsche Übersetzung des unten stehenden Gedichts)

Beaches. Why I Don’t Care For Them

associations: years of being ashamed/my sometimes
fat, ordinary body. years later shame passed
left a sad aftertaste. mama threatening to beat me if i got
my hair wet. curses as she brushes the sand out, „it’s gonna
break it off—it’s gonna ruin your scalp.“
or the tall blond haired gold/bronze-muscled
lifeguards who played with the little white ones but gawked at us like we were lepers
sound. the water serpent’s breath: a depth as vast as my hatred
skin. my chocolate coating. the rash gone now
as a kid i couldn’t stand the drying effect water had
coming out wet, cracked and sore all over. one time
i caught a starfish, second summer after my divorce
„i’m not into beaches, or riding waves these days.“ the only time
i like the beach is when it’s cold hostile and gray. i feel
kin to it then. or at night. when it speaks a somber tongue
only the enlightened perceive. when the ageless mouths joins
mine. when soft arms caress in timeworn gentleness. or the
poor man’s beach, where bodies echo my chromatic scheme
from just-can-pass to pitch-tar-black. at home among fleshy
rumps, tummys, thighs,
breasts jiggling a freedom our hearts will never know
sound. eternal splash. a depth as vast as my love
beached. i turn into the blanket. urge him to fuck me. he
thinks it’s corny. i get mad.  i get up, stomp away, kicking
the sand . . . while he was with her i was on
the beach wishing he was with me . . . at the beach
aware of his hands urgent to touch, take me before we
return to work/our separate lives . . . here. i watch
you swim into the crest. i’d rather sit and sip wine
enjoy the wind than swim or wade. i smile secretly
at thinly clad slappers-on of lotion/a potion to ward off
skin cancer. in my fantasy i would challenge the ocean
a feminist ahab stalking the great white whale. harpoon it
and ride down to meet davy jones, content
for my america dies with me
sound. swoosh swoosh the scythe. a depth as vast as my vision
i could live by it, pacifica. learn to like it. now that you’re
with me i might even let you teach me how to tread water

Donnerstag, 8.April

Täglich grüßt das Murmeltier

Heute haben
Johann Christian Günther * 1695
Emile Cioran * 1911
Christoph Hein * 1944
Eva Heller * 1948
Geburtstag.
Aber auch Jacques Brel, Kofi Annan, Vivienne Westwood.
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Johann Christian Günther

Mein Leben fällt in tolle Zeiten,
Wo niemand mehr als Geld regiert,
Und wo nunmehr bei allen Leuten
Die Mode fast den Besten schiert.
Mir aber wallt ein Trieb im Herzen,
Der Freiheit liebt,
Als die mein Geist im Ernst und Scherzen
Sich selber nimmt und andern gibt.
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Unser Tipp:

In den »MaroHeften« treffen Essays auf Illustrationen – zu Themen, die uns unter den Nägeln brennen: Populär-Relevantes, Abseitiges, Grundlegendes, Absurdes oder Tabubehaftetes. Jedes Heft wird besonders gestaltet und mit Originaldruckgraphiken mit bis zu 5 Sonderfarben gedruckt. 36 oder 52 Seiten, fadengeheftet im berüchtigten Maro-Format (13,5 x 20,5 cm), mit Schutzumschlag. Den Originalausgaben liegen Plakate oder Lesezeichen bei. Die Reihe wird herausgegeben von Kolja Burmester und Sarah Käsmayr.

Pro Jahr erscheinen 4 MaroHefte. Die Reihe kann auch im Abo bezogen werden. Abonnent_innen erhalten eine besondere Jahresgabe als Überraschung zusätzlich – ein nummeriertes und signiertes Druckerzeugnis. Weitere Infos und Bestellung des Abos direkt bei Maro – hier entlang.

Wie kam es zu den MaroHeften? Die Idee war, anlässlich des 50. Verlagsjubiläum 2020 an die Reihe »Die Tollen Hefte« anzuknüpfen. Die Ausgaben 1 bis 15 der »Tollen Hefte« erschienen in den 1990ern bei Maro (hg. von Armin Abmeier), die Folge­nummern in der Büchergilde Gutenberg (ab 2012 hg. von Rotraut Susanne Berner). Mit Heft 50 wurde die Reihe im Jahr 2018 eingestellt.


Jörn Schulz: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Quinoabällchen“

Warum nachhaltiger Konsum das Klima nicht rettet
Ein käufliches Heft · MaroHeft #1
Mit Illustrationen von Marcus Gruber

Oliwia Hälterlein: „Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“
Ein breitbeiniges Heft · MaroHeft #2
Mit Illustrationen von Aisha Franz

Felix Bork: „Aus den Ärschen aus dem Sinn“
Eine Odyssee durch Körper, Klo, Kanalisation, Kläranlage und Wolken
Ein zirkulierendes Heft · MaroHeft #3

Peter Bierl: „Die Legende von den Strippenziehern“
Verschwörungsdenken im Zeitalter des Wassermanns
Ein ideologiekritisches Heft · MaroHeft #4
Mit Illustrationen und einem Plakat von Katharina Kulenkampff

Infos zum Inhalt der vier Maro-Hefte und Leseprobe finden Sie direkt auf der Seite des Maroverlages.
Anschauen, in die Hand nehmen, kaufen können Sie die Hefte bei uns im Laden.

Donnerstag, 2.November

Heute haben
Jonathan Swift * 1667
Theodor Mommsen * 1817
Ippolito Nievo * 1831
Mark Twain * 1835
Winston Churchill * 1874
Thomas Hettche * 1964
Geburtstag
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Eintrag am 2.11.2018 im Duden Gedichtekalender

Else Lasker-Schüler
Klein Sterbelied

So still ich bin,
All Blut rinnt hin.

Wie weich umher.
Nichts weiß ich mehr.

Mein Herz noch klein;
Starb leis an Pein.

War blau und fromm!
O Himmel, komm.

Ein tiefer Schall –
Nacht überall.
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Unser heutiger Lesetipp:

Daniel Kehlmann:Tyll
Rowohlt Verlag € 22,95

„Der Tyll ist da!“

Der neue Roman von Daniel Kehlmann ist da und nach einer Woche Anlaufzeit wurde er hoch und runter besprochen. Danach gab es kein Halten mehr und mittlerweile ist er von 0 auf 2 der Spiegel Bestsellerliste gelandet. Was immer das zu bedeuten hat. Eines ist klar: Das Buch wird noch öfter bis Weihnachten verkauft und zu diesem Anlass verschenkt werden.

Tyll Ulenspiegel ist unsterblich und somit hat Kehlmann auch gar kein Problem den Schalk vom 14. ins 17.Jahrhundert zu transportieren. Die Menge schreit: „Der Tyll ist da!“ und somit ist er eingeführt in den Roman. Kehlmann benutzt ihn als roten Faden durch seinen Roman über den 30jährigen Krieg, als einen, der die Wahrheit sagt und dem die Könige nicht den Mund verbieten können. Tyll jongliert mit seinen Bällen, wie Kehlmann mit seinen Figuren. Die Geschichte wird nicht chronologisch und geschichtlich korrekt erzählt. Und genau das macht den Reiz der 500 Seiten aus. Kehlmanns Sprache ist eine heutige und hat einen humorvollen Unterton, obwohl er auch über das Grauen des Krieges, der Folter schreibt. Ein Menschenleben ist nichts wert und Könige schlafen unter freien Himmel im Dreck. Das Buch ist voller Trauer und Verlust und doch heiter und frech.
Kehlmann hat eine Sprache, die fließt, die einen dazu bringt, Seite um Seite zu verschlingen. Wenn Sie gleichzeitig in Sachbuch-Neuerscheinungen zum 30jährigen Krieg, der sich 2018 jährt, lesen, werden Sie vermutlich viele geschichtliche Ungereimt-heiten finden. Das jedoch kümmert Kehlmann nicht. Er will ein Erzähler sein. Und das gelingt ihm ausgezeichnet.
Was dies anbelangt, gibt es in diesem Herbst nicht viele Bücher, bei denen es mir so ergangen ist. Salman Rushdies „Golden House“ war so ein Werk und Mariana Lekys „Was man von hier aus sehen kann“ gehört auch dazu.
Lassen Sie sich von Tyll verführen und dass er nicht von dieser Welt ist, lässt Kehlmann immer wieder aufblitzen. Als Tyll in einem Stollen verschüttet ist, sagt er: „Ich geh jetzt. So hab ich’s immer gehalten. Wenn es eng wird, gehe ich. Ich sterbe hier nicht.“
Ganz zum Schluss hat Tyll die Chance auf ein friedvolles Lebensende bei der englischen Königin, oder dem ungewissen Leben auf der Straße. Tyll entscheidet sich jedoch für einen dritten Weg, denn er meint, dass das Beste doch sei, überhaupt nicht zu sterben.

Anstatt einer Leseprobe, hier ein paar Lesehappen:

Schuh
«Tyll Ulenspiegel über uns drehte sich, langsam und nachlässig – nicht wie einer, der in Gefahr ist, sondern wie einer, der sich neugierig umsieht. Der rechte Fuß stand längs auf dem Seil, der linke quer, die Knie waren ein wenig gebeugt und die Fäuste in die Seiten gestemmt. Und wir alle, die wir hochsahen, begriffen mit einem Mal, was Leichtigkeit war. Wir begriffen, wie das Leben sein kann für einen, der wirklich tut, was er will, und nichts glaubt und keinem gehorcht; wie es wäre, so ein Mensch zu sein, begriffen wir, und wir begriffen, dass wir nie solche Menschen sein würden.
‹Zieht eure Schuhe aus!›»

Der Krieg, der Tod
«Und ein gutes Jahr später kam der Krieg doch zu uns. (…) Die Söldner waren hungriger als üblich, und sie hatten noch mehr getrunken. Lange schon hatten sie keine Stadt betreten, die ihnen so viel bot. Die alte Luise, die tief geschlafen und diesmal keine Vorahnung gehabt hatte, starb in ihrem Bett. Der Pfarrer starb, als er sich schützend vors Kirchenportal stellte. Lise Schoch starb, als sie versuchte, Goldmünzen zu verstecken, der Bäcker und der Schmied und der alte Lembke und Moritz Blatt und die meisten anderen Männer starben, als sie versuchten, ihre Frauen zu schützen, und die Frauen starben, wie Frauen eben sterben im Krieg.
Martha starb auch. Sie sah noch, wie die Zimmerdecke über ihr sich in rote Hitze verwandelte, sie roch den Qualm, bevor er so fest nach ihr griff, dass sie nichts mehr erkannte, und sie hörte ihre Schwester um Hilfe rufen, während die Zukunft, die sie eben noch gehabt hatte, sich in nichts auflöste: der Mann, den sie nie haben, und die Kinder, die sie nicht großziehen, und die Enkel, denen sie niemals von einem berühmten Spaßmacher an einem Vormittag im Frühling erzählen würde, und die Kinder dieser Enkel, all die Menschen, die es nun doch nicht geben sollte. So schnell geht das, dachte sie, als wäre sie hinter ein großes Geheimnis gekommen.»

Claus und Tyll
«Nicht mehr lange, dann wird er die letzten Lücken geschlossen haben. Dann wird er selbst ein Buch schreiben, in dem alle Antworten stehen, und dann werden die Gelehrten in ihren Universitäten sich wundern und schämen und sich die Haare raufen.
Aber leicht wird das nicht. Seine Hände sind groß, und der dünne Federkiel zerbricht ihm immer wieder zwischen den Fingern. Er wird viel üben müssen, bevor er ein ganzes Buch mit den Spinnenzeichen aus Tinte füllen kann. Aber es muss sein, denn er kann all das, was er herausgefunden hat, nicht für immer im Gedächtnis halten. Es ist schon zu viel, es schmerzt ihn, oft ist ihm schwindlig von all dem Wissen im Kopf.
Vielleicht wird er irgendwann seinem Sohn etwas beibringen können. Er hat gemerkt, dass ihm der Junge beim Essen manchmal zuhört, wider Willen fast und bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Dünn und zu schwach ist er, aber er scheint klug zu sein. Vor kurzem hat Claus ihn dabei ertappt, wie er mit drei Steinen jongliert hat, ganz leicht und ohne Mühe – reiner Unsinn, aber doch auch ein Zeichen, dass das Kind vielleicht nicht so stumpf ist wie die anderen. Neulich hat der Junge ihn gefragt, wie viele Sterne es eigentlich gibt, und da er erst vor kurzem nachgezählt hat, hat er ihm nicht ohne Stolz eine Antwort geben können. Er hofft, dass das Kind, das Agneta trägt, wieder ein Junge wird; mit etwas Glück sogar einer, der kräftiger ist, damit er ihm besser bei der Arbeit hilft, und dem er dann auch etwas beibringen kann.»

Liz und ihr «Winterkönig»
«Auf der Bootsfahrt hatte Friedrich an der Reling gelehnt und versucht, sich die Seekrankheit nicht anmerken zu lassen. Ganz kindliche Augen hatte er gehabt, aber er hatte so aufrecht gestanden, wie nur die besten Hofmeister es einem beibringen können. Du bist sicher ein guter Fechter, hatte sie gedacht, und: Du bist nicht hässlich. Mach dir keine Sorgen, hätte sie ihm am liebsten zugeflüstert, ich bin jetzt bei dir.
Und jetzt, so viele Jahre später, konnte er noch immer perfekt dastehen. Was auch geschehen war, wie sehr man ihn erniedrigt und zum Gespött Europas gemacht hatte – aufrecht zu stehen, das vermochte er noch wie zuvor, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, das Kinn erhoben, die Arme auf dem Rücken verschränkt, und auch seine schönen Kälberaugen hatte er noch.
Sie mochte ihren armen König gern. Sie konnte gar nicht anders. All die Jahre hatte sie mit ihm verbracht, ihm mehr Kinder geboren, als sie zählen konnte. Ihn nannte man den Winterkönig, sie die Winterkönigin, ihrer beider Schicksale waren unauflöslich verbunden. Damals auf der Themse hatte sie davon nichts geahnt, da hatte sie bloß gedacht, dass sie dem armen Jungen ein paar Dinge beibringen müsse, denn wenn man miteinander vermählt war, musste man auch miteinander sprechen. Mit dem da konnte das schwierig werden, der hatte von gar nichts eine Ahnung.»

Hunderte Eimer Blut
«Vom Hradschin aus sah sie es marschieren, und mit kaltem Schrecken wurde ihr klar, dass diese blitzenden Lanzen, diese Schwerter und Hellebarden nicht einfach bloß irgendwelche glänzenden Dinge waren, sondern Klingen. Es waren Messer, geschliffen zu dem einzigen Zweck, Menschenfleisch zu schneiden, Menschenhaut zu durchstoßen und Menschenknochen zu zersplittern. Die Leute, die dort drunten so schön im Gleichschritt gingen, würden diese langen Messer anderen in die Gesichter stoßen, und selbst würden sie Messer in Bäuche und Hälse gestoßen bekommen, und so mancher von ihnen würde von gegossenen Stahlklumpen getroffen werden, die so schnell flogen, dass sie Köpfe abrissen, Glieder zerschmetterten, Bäuche durchschlugen. Und Hunderte Eimer Blut, das noch in diesen Männern floss, würde bald nicht mehr in ihnen sein, es würde verspritzen, verrinnen, schließlich versickern; was machte eigentlich die Erde mit all dem Blut, wusch der Regen es aus, oder war es ein Düngemittel, das besondere Pflanzen wachsen ließ? Ein Arzt hatte ihr gesagt, dass der letzte Samen der Sterbenden kleine Alraunenmännchen zeugte, lebendig zitternde Wurzelwesen, die wie Säuglinge schrien, wenn man sie aus dem Boden zog.»

Das Ende des Drachenzeitalter
«Im selben Jahr starb in der Holsteinischen Ebene der letzte Drache des Nordens. Er war siebzehntausend Jahre alt, und er war es müde, sich zu verstecken.
Also bettete er den Kopf ins Heidekraut, legte den Körper, der sich so vollständig seinem Untergrund anpasste, dass selbst Adler ihn nicht hätten ausmachen können, flach in die Weichheit der Gräser, seufzte und bedauerte kurz, dass es nun vorbei war mit Duft und Blumen und Wind und dass er die Wolken im Sturm nicht mehr sehen würde, nicht den Aufgang der Sonne und nicht die Kurve des Erdschattens auf dem kupferblauen Mond, der ihn immer besonders erfreut hatte.
Er schloss seine vier Augen und brummte noch leise, als er spürte, dass ein Spatz sich auf seine Nase setzte. Es war ihm alles recht, denn er hatte so viel gesehen, aber was mit einem wie ihm nach dem Tod geschehen würde, wusste er noch immer nicht. Seufzend schlief er ein. Sein Leben hatte lang gedauert. Nun war es Zeit, sich zu verwandeln.»
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Nicht vergessen:

Freitag, 3.November um 19:00 Uhr
Im Rahmen der Woche der unabhängigen Buchhandlungen

„Vom Dachzimmer zum Kurt Wolff Preis“
Ein Abend mit Benno Käsmayr und seinem Maro Verlag

Dienstag, 31.Oktober


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Heute Feiertag und morgen auch noch einer in Baden-Württemberg.
Deshalb gibt es einige Tage keine Buchtipps.
Ich wünsche Ihnen gemütliche freie Tage.
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Freitag, 3.November um 19:00 Uhr
Im Rahmen der Woche der unabhängigen Buchhandlungen

„Vom Dachzimmer zum Kurt Wolff Preis“
Ein Abend mit Benno Käsmayr und seinem Maro Verlag

Montag

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Heute haben
Andrej Belyi * 1880
Karin Boye * 1900
John Arden * 1930
Ulrich Plenzdorf * 1934
Carlo Lucarelli * 1960
Geburtstag

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Gert Heidenreich: „Nächte mit Leonard“
Erinnerungen zu Leonard Cohens 80. Geburtstag am 21.9.2014
Jahresgabe 2015
Für die Freunde des Maro Verlages
Maro Verlag je € 5,00

Version „Revolution“ von Carolin Flammang
Version „Zensur“ von Ines Korbacher
In Zusammenarbeit mit der Deutschen Meisterschule für Mode / Designschule München

Die Jahresgaben des Maro Verlages sind immer für eine Überraschung gut. Hier können Sie noch richtige Entdeckungen machen. Dass es dieses Jahr gleich zwei davon gibt, ist umso schöner, denn den wunderbaren Text von Gert Heidenreich hat Benno Käsmayr in zwei Versionen „Revolution“ und „Zensur“ drucken lassen. Die Gestaltung übernahm jeweils eine Studentin der Designschule München. Der selbe Text und doch zwei grundlegend andere Heftchen. Auf den ersten (und den zweiten) Blick würde man dies nicht vermuten.

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Gert Heidenreich hat mit dieser Erzählung einiges bei mir wieder wachgerüttelt, freigeschaufelt und nach oben gewühlt. Er ist zwar fast 15 Jahre älter als ich und doch machte ich sehr ähnliche Erfahrungen wie er.
Heidenreich beschreibt, wie es sich anfühlte, wenn man eine neu LP in Händen hielt, die Platte mit der weissen Hülle herausgleiten ließ, die schwarze Scheibe aus ihr zog und vorsichtig auf den Plattenteller legte. Das erste ganz leiste Knirschen beim Aufsetzen des Saphirs. Ja, Herr Heidenreich, so war das bei mir auch. Ich besaß (und besitze immer noch nicht) keine Cohen-Scheibe und doch begleitet er mich die vergangenen 40 Jahre. Auf jedem Fest, wenn die Gitarren herausgezogen wurden, wurden Lieder von ihm gespielt und es gab immer Fraktionen für und gegen ihn. Er war kein lauter Sänger wie Dylan, von ihm kam die Kraft aus seinen Texten. Darauf musste man sich zuerst einlassen. Aber dann war es um Einen geschehen. Heidenreich bringt Brassens, Moustaki und Brel ins Spiel und stellt doch die Einzigartigkeit von Cohen heraus.
Für Heidenreich war diese Musik zuerst nicht kompatibel mit der Nachkriegszeit, wie er sie erlebte. An die poltische und gesellschaftliche Situation, in der über die Zeit vor 1945 nicht (mehr) gesprochen wurde und Nazigrößen wieder in gehobenen Positionen saßen. Die daraus resultierende Radikalisierung und Politisierung der westdeutschen Studentenschaft erlebte er hautnah mit. Er schreibt von fast auswegslosen Situationen, die etwas von Depression und Lethargie an sich hatten. Dass dieses Gemisch dann bis zur RAF führte und der gnadenlosen, rasch und neu gesetzlich verankerten Jagd nach Intelektuellen, haben wir selbst mitbekommen. Und dabei gab es immer die ruhigen Lieder von Leonard Cohen, der sich nicht in den Vordergrund sang, oder laut, direkt, politisch auf der Bühne war, sondern seine Lyrik in den Raum, seine Zeilen zur Verfügung stellte.

Es waren sanfte Abende mit ihm, nach aufregenden Demonstrationen, geschrienen Protesten, gebrüllten Forderungen. Als hätte seine leise Nachdenklichkeit und volksliedhafte Musikalität uns zu uns selbst zurückgeführt. … Während ich das schreibe, brennen Kriege an zahllosen Plätzen unseres kleinen Globus. Man nennt sie Konflikte. Und ich erinnere mich, was Leonard im Jahr, als die Mauer fiel – befragt, was er von der Zukunft erwarte – geantwortet hat: Murder, Mord und Totschlag.

Wie gesagt: Ein toller Text in zwei Versionen. Jede kostet € 5,00 und sind mindestens das Doppelte wert. Sie können also, wenn Sie so rechnen, locker auch beide Heftchen kaufen. Wir haben sie vorrätig.

Montag

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Heute haben
Eugenio Montale * 1896
Ding Ling * 1904
Geburtstag
und Luciano Pavarotti feiert seinen 80.Geburtstag.

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Charles Bukowski: „Alle reden zu viel und andere Gedichte
Aus dem Amerikanischen von Esther Ghionda-Breger
Maro Verlag € 16,80

Eine schöne Überraschung. Neue, alte Gedichte von Charles Bukowski liegen vor mir. Nicht, dass ich der große Bukowski-Fan bin, aber seine genaue Beobachtungsgabe, sein frecher, manchmal derber Ton, und die Erinnerung an seine, mir schon bekannten, Gedichte, ließen mich gleich in das broschierte Buch reinschauen.
Ganz im Stil der anderen Bukowski-Bücher, hat Rotraut Susanne Berner die Illustration für den Umschlag gestaltet, ansonsten ist das Buch von aussen schwarz und leuchtet innen um so mehr.

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Leben am Rande der Mülltonne

Der Wind bläst heftig heute Nacht
es ist ein eisiger Wind
und ich denke
an die obdachlosen Jungs.
Ich hoffe, ein paar von ihnen haben eine Flasche
Rotwein.
Wenn man obdachlos ist,
merkt man, dass
alles jemandem gehört
und überall
ein Schloss dran ist.
So funktioniert
Demokratie:
man nimmt, was man kriegen kann
versucht, es zu behalten
und möglichst
noch mehr anzuhäufen.
Diktatur funktioniert
ähnlich,
nur dass die Obdachlosen
entweder
versklavt oder
vernichtet werden.
Wir haben unsere
bloß vergessen.
Wie dem auch sei
es bläst ein harter
eisiger
Wind.

Nur ein Vorschlag

Neben dem Hass und Neid einiger
meiner Kollegen
gibt es noch ein anderes Ungemach,
und das erreicht mich per Telefon oder Brief:
»Du bist der größte lebende Schriftsteller.«
Das gefällt mir gar nicht,
weil ich glaube,
dass etwas verdammt schief gelaufen ist,
wenn man der größte lebende Schriftsteller ist.
Ich will nicht einmal der größte tote
Schriftsteller sein.
Einfach nur tot zu sein
würde mir vollkommen reichen.
Außerdem finde ich die Bezeichnung »Schriftsteller«
völlig daneben.
Für mein Ego wäre es viel besser
zu hören:
Du bist der beste Billardspieler der Welt
oder
du bist der beste Ficker der Welt
oder
Du bist der beste
Pferdewetter der Welt.
Genau das ist es
was einen Mann
glücklich machen würde.

Diesen Mädchen sind wir
nach Hause gefolgt

Irene und Louise waren die
hübschesten Mädchen in der Junior Highschool
sie waren Schwestern;
Irene war ein Jahr älter,
ein bisschen größer,
und man hatte
die Qual der Wahl;
sie waren nicht nur hübsch, sondern
umwerfend schön
so schön,
dass sich die Jungs nicht an sie rantrauten,
denn obwohl Irene und Louise überhaupt nicht arrogant,
und sogar freundlicher als die meisten anderen waren,
jagten sie ihnen Angst ein,
sie kleideten sich anders als
die anderen Mädchen:
trugen immer High Heels,
Seidenstrümpfe,
Blusen,
Röcke,
jeden Tag ein neues Outfit.
Eines Nachmittags folgten mein Kumpel Baldy und ich
ihnen nach der Schule bis nach Hause;
wir waren der Schrecken des Schulhofs
und wie nicht anders zu erwarten,
hefteten wir uns an ihre Fersen.
Mann, war das aufregend:
wir liefen drei oder vier Meter hinter ihnen
sagten kein Wort
verfolgten sie
und hatten nur Augen für ihre
sinnlich wiegenden
Hinterteile.
126 Das fanden wir so aufregend,
dass wir ihnen jeden Tag nach der
Schule bis nach Hause
hinterherliefen.
Wenn die beiden ins Haus gingen
standen wir draußen auf dem Bürgersteig
rauchten unsere Kippen
und unterhielten uns.
»Eines Tages«, sagte ich zu Baldy,
»laden sie uns zu sich ins
Haus ein und dann werden wir sie
flachlegen.«
»Das glaubst du ja wohl selber nicht?«
»Wart’s ab.«
Jetzt,
50 Jahre später
kann ich verraten,
dass es dazu nie gekommen ist
– egal, welche Stories wir
unseren Kumpels aufgetischt haben;
aber damals wie heute
sind es Träume,
die einen
am Leben halten.

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Ich habe dem Verleger Benno Käsmayr ein paar Fragen gestellt und ich denke, seine Antworten sind sehr erhellend und animieren zur Lektüre.

Lieber Benno,
letzte Woche erschien „Alle reden zu viel und andere Gedichte“ von Charles Bukowski. Warum mussten wir so lange darauf warten? In den USA erschienen sie schon 1986.

Die Hälfte der amerikanischen Ausgabe erschien 1989 auf Deutsch unter dem Titel „Roter Mercedes“ – 160 Seiten.
Carl Weissner hatte das ausgewählt und übersetzt. Warum seinerzeit die zweite Hälfte dann nicht auch auf Deutsch erschien, weiß niemand mehr. Der Agentin ist es nicht aufgefallen, der Lektor nicht mehr im Verlag. Es mag vielleicht daran gelegen haben, dass bereits neue Titel von Bukowski erschienen waren und damit auch jährlich ein weiteres neueres Buch von Bukowski auf Deutsch.

Du hast nur eine Auswahl veröffentlicht. Warum? Wie umfangreich ist das Original?

Bei Maro erschien jetzt der bisher in D. unveröffentlichte Rest. Das Original hat 320 Seiten. Der „Rote Mercedes“ ist ja schon seit Jahren komplett vergriffen und erzielt bereits im Antiquariat hohe Preise. Das war ja der Grund, warum die Agentin auf Maro zu kam mit der Frage, den Roten Mercedes neu zugänglich zu machen. Der erscheint auch im Frühjahr 2016 in der Übersetzung von Weissner.

Carl Weissner ist tot. Es gibt eine neue Übersetzerin. Merkst du einen anderen Ton, eine andere Art der Übertragung bei Esther Ghiona-Breger?

Carl Weissner kann man nicht kopieren. Dass die Übersetzung von Esther anders klingt, vielleicht etwas „seriöser“, ist dem Autor durchaus entsprechend, da auch die Texte weniger den alten Klischees folgen.

Wie ist die Resonanz auf diese Bukowski-Neuerscheinung?

Bisher ist die Resonanz bescheiden. Wenn man berücksichtigt, dass wir ab 1974 von Bukowskis erstem Gedichtband 60.000 Exemplare verkauft haben (und DTV im Taschenbuch noch viel mehr), sind die vorbestellten 480 Bücher schon mickrig.

Wie treu ist überhaupt die Bukowski-Gemeinde?
Sind das die Alten, oder kommen da auch neue LeserInnen dazu?

Das werden wir sehen. Ich meine schon, dass die „Alten“ Fans kein großes Interesse mehr an Bukowski haben, ihn zu kaufen, sie erzählen vielleicht mehr von damals, als sie ihn verschlungen haben. Und die Jungen wachsen zwar nach, aber nur wenige steigen auf Bukowski voll ein.

Im Anhang hast Du vier Briefe von Bukowski an Dich veröffentlich.
Was war Hank für ein Typ? Entsprach er dem Mythos, der sich um ihn herum aufgebaut hat.

Ich habe Bukowski zweimal getroffen, auf mich wirkte er eher bieder (Morgens Müsli, tagsüber Rennbahn, abends beim Mexikaner, dann Fernsehen). Seine öffentlich wahrgenommenen Auftritte waren sicher zum Teil inszeniert, er hatte ja ein Image zu verteidigen, haha.

Du hast dem Buchpaket ein paar Postkarten mit Illustrationen zum Buch, zu Bukowski hinzugefügt. Unter anderem auch ein herrliches Foto von Charles Bukowski, wie er sehr locker im Regen tanzt. Wird es das als Poster geben?

Ja! Das soll A1 gedruckt werden. Wir warten noch auf die Daten. Das Dia ist so gewölbt, dass es bislang nur unscharf gescannt werden konnte.

Was ist denn Dein Lieblingsbuch von Bukowski?

Mein Lieblingsbuch ist: „Das schlimmste kommt noch“ (Roman) und „Irgendwo in Texas“ (Lyrik).

Danke und viel Erfolg mit dem Buch.

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Heute abend wir der Deutsche Buchpreis 2015 verliehen.
Ich bin sehr gespannt, welches Buch das Rennen machen wird.