Mittwoch, 15.Juni

„Die Telefonzelle am Ende der Welt“

Heute haben
Carlo Porta * 1775
William McFee * 1881
Ramón López Velarde * 1888
Trygve Gulbranssen * 1894
Silke Scheuermann * 1973
Geburtstag
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Silke Scheuermann
Die Alpen werden geschlossen

Es schneit Jahre lang Jahrzehnte lang
Ich senke meine Kopf tief unter
den Spiegel des Mittelmeers
während die Bäume rutschend
den Breitengrad wechseln

Der Wind der sich in einen
vollkommenen Zirkel verirrt hat
flüstert daß er gerne hilft
aber nicht glaubt es würde besser

Die Alpen werden geschlossen

Wir kehren als letzte
sehr zögernd nach Hause
zurück

(aus: Jahrbuch der Lyrik 2003, Hrsg. v. Christoph Buchwald u. Lutz Seiler
C.H. Beck-Verlag, München 2002)
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Jetzt als Taschenbuch

Michael Maar: „Die Schlange im Wolfspelz
Das Geheimnis großer Literatur
Rowohlt Taschenbuch € 16,00

Bücher über Literatur, einen Kanon der besten Romane, einen Romanverführer, das alles gibt es schon. Michael Maars 50 Porträts großer AutorInnen ist jedoch so klug, präzise, witzig, schlagfertig, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Eigentlich ist, während und nach der Lektüre, sofort ein Gang in die Buchhandlung, oder in die Bibliothek fällig, da fehlende Litertur sofort nachgelesen werden will. Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie ein Who is Who der deutschen Literatur. Von Nietzsche zu Herrndorf, Eckhard Henscheid zu W.G.Sebald und Stifter zu Ulrich Becher. Und und und. Großartig.
Jaaa: Ulrich Bechers „Murmeljagd“ ist für mich eines der besten Romane überhaupt. Auch den gibt es wieder als Taschenbuch im Diogenes Verlag. Erwähnung findet die „Murmeljagd“ bei Michael Maar auf Seite 535. Und beide Taschenbücher liegen bei uns auf dem Tisch.
Aber, lieber Michael Maar, dass Albert Vigoleis Thelens: „Die Insel des zweiten Gesichts“ nicht vorkommt, ist sehr schade. Wo der Roman doch genauso frech, witzig, klug ist, wie das Sachbuch von Ihnen.

Leseprobe
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Hardy on Tour


Das ist John John -so nennt er sich selbst. Er ist Franzose und läuft mit seinem Sackkarren als Transportmittel von Schottland in die Normandie, um Völkerverständigung und Erinnerungsarbeit zu leisten. Eine schöne Begegnung.

Tag 19 
134 km von Worcester über Kidderminster und Newport bis Autlem

Ich habe mein Zelt am hiesigen Sportgelände (Cricketfeld) aufgestellt und mache mir noch ne heisse Milch. Komisch, daß ich so gern Milch trinke, wenn ich auf Radreise bin.
Hier ist es nun 22:00 Uhr (in Deutschland somit 23:00 Uhr) und es ist noch hell, dazu absolut windstill. Es war ein prächtiger Radeltag. Sonnig, aber nicht zu warm, dazu ganz ohne Pannen. 
Den Nachmittag hab ich ziemlich verbummelt. Die Route führte lang am Kanal entlang (vor bald 200 Jahren als Handelsweg erschaffen), ein wunderschöner Weg, geschottert zwar, aber gut zu beradeln. Dieser Kanal, mit den  schmalen Booten drauf, hatte es mir angetan. Ich fand es total faszinierend, wie die Boote in die Schleusen fuhren und diese dann händisch, mechanisch bedient wurden. Ich habe selber einmal mit Hand angelegt. Früher haben Pferde die Boote gezogen. Deshalb auch der Weg unmittelbar am Kanal entlang.
Tja und wer den Nachmittag über die Beine baumeln lässt, der muß dann halt am Abend länger strampeln wenn er vorwärts kommen will. So einfach ist das.


8. Januar

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Heute haben
Wilkie Collins * 1824
Paul Scheerbart * 1863
Leonardo Sciascia * 1921
Juan Marsé * 1933
Stephen W.Hawking * 1942
Gudrub Mebs * 1944
Geburtstag
und David Bowie und Sarah.
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Paul Scheerbart
Dicker roter Mond

Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Über dem dunkelgrünen Myrtentor
Thront ein dicker roter Mond. —
Ob es später wohl noch lohnt,
Wenn man auf dem Monde wohnt?
Über dem dunkelgrünen Myrtentor?
Wär’s nicht möglich, daß uns drüben
»Längre« Seligkeiten küßten?
Wenn wir das genauer wüßten!
Hier ist alles zu schnell aus.
Jeder lebt in Saus und Braus.
Wem das schließlich nicht gefällt,
Hält die ganze große Welt
Auch bloß für ein Narrenhaus!
Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Alter Mond, ich lach dich aus!
Doch du machst dir nichts daraus!

Die große Sehnsucht

Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
Und ich möchte weinend niedersinken —
Und dann möcht ich wieder maßlos trinken.
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„Der Fanatismus gehört zu Extremformen menschlicher Konflikte, weil er anders als der Krieg weder Waffenstillstand noch Frieden kennt, sondern für absolute, unversöhnliche Gegnerschaft steht.“

Christophe Bouton: „Die Furie der Zerstörung
aus: Sinn und Form 4/2007
Das Heft ist vergriffen. Der Verlag stellt jedoch den obengenannten Artikel nochmals ins Netz.

Das aktuelle Heft ist erschieben und noch so neu, dass es nicht einmal auf der Website des Verlages auftaucht.

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Unscheinbar wie eh und je taucht es bei uns im Buchladen auf. Die Abonennten werden bedient, der Rest kommt an die Kasse. Bei genauer Betrachung fällt mir wieder auf, was für tolle Artikel sich wieder darin versammeln.

Pierre Mivhon (der wir von seinen Veröffentlichungen bei Suhrkamp kennen) trägt drei Wintermythologien bei. Und wenn Sie nun denken, dass das etwas Gediegenes, Getragenes ist – weit gefehlt. Der für mich unbekannte polnische Autor Tomasz Rozycki (* 1970) nimmt uns mit auf eine Reise durch Polen und die ganze Welt. Mittelpunkt, hier Haltepunkt, ist Tomis. Eine Stadt in der Provinz. Im Winter, mit Schnee und Kälte. Er beginnt mit der Idylle des nachts leuchtenden Schnee, dreht dann aber sehr schnell ab auf das Einfahren des Zuges in einen verdreckten Bahnhof während einer Silvesternacht. Und kaum haben wir ein paar Zeilen weitergelesen, so landen wir in New York und Rom. Lemberg, der Grossvater, eine wahnsinnige schwere Bücherkiste, Flucht und Rückbesinnung, sind weitere Haltepunkt für Rozyckis Jahresrück- und -ausblick.
Es folgen Auszüge aus dem Briefwechsel aus dem Jahre 1945 zwischen Gottfried Benn und Friedrich Wilhelm Oelze. Auch hier eine Ende und ein Anfang in der deutschen Geschichte. Jutta Hartwig überschreibt ihre Gedichte mit „Unsterbliche Einsamkeit“ und David Kehlmanns Text lautet: „Der Apfel, den es nicht gibt. Unordentliche Gedanken über Bilder und Wirklichkeit“. Schön, dass das einzige literarische Zitat, das er verwendet aus György Dragománs: „Scheiterhaufen“ kommt. Der Roman, der mich am Ende des letzten Jahres am meisten bewegt hat. Es folgen weitere Artikel über das Zeichnen, Malen, über Kunst und deren Betrachtungsweisen von Jan Brockmann und Hermann Pfütze.

Oktoberglast,
die Kähne
nehmen die Möwen
ins Schlepptau
auf den Kämmen
schilfiges Haar
und die Prismen der Ufer
wo um den nachblühenden Efeu
Satelliten im Safranpanzer summen:
gib mir Honig.

….

So beginnt eines der Gedichte von Walther Müller-Jentzsch, die er „Niederrhein bei Düsseldorf“ benennt und damit an Rolf Haufs erinnert.
Jonathan Böhm schreibt über Lenka Reinerová, Wulf Kirsten über die Deutsche Bücherei zu Leipzig, Irina Liebmann schreibt über den Geist, Tobias Lehmkuhl über den Langgedichtlyriker Paulus Böhmer und der bulgarischer Dichter Georgi Markov über das neue Jahr („Mit neuem Kredit auf dem Konto der Zukunft“)

Das und noch mehr befindet sich im ersten Heft (Januar/Februar) des Jahres 2016. Im März melde ich mich wieder mit dem nächsten Heft von Sinn und Form.

Freitag

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Heute haben
William Faulkner * 1897
Ernst von Salomon * 1902
Maj Sjöwall * 1935
Andrzej Stasiuk * 1960
Crlos Ruiz Zafón * 1964
Rebecca Gable´ * 1964
Tanja Dückers * 1968
Geburtstag

Unser heutiger Tipp:

Akzente3_24960_MR1.inddAkzente Heft 4/2015
„Es gibt Wörter, die machen mit mir, was sie wollen“
Herausgegeben von Jo Lendle und Herta Müller
Hanser Verlag € 9,60

„Es gibt Wörter“, sagte Oskar Pastior, „die machen mit mir, was sie wollen. Sie sind ganz anders als ich und denken anders, als sie sind. Sie fallen mir ein, damit ich denke, es gibt erste Dinge, die das Zweite schon wollen, auch wenn ich das gar nicht will.“

 

So startet das knallrote neue Akzente-Heft und wenn Herta Müller Herausgeberin ist, darf Pastior nicht fehlen. Gut so. Als Hanser-Autor kommt natürlich im Vorwort auch Patrick Modiano vor, dessen Wörter eng mit der Vergangenheit verwoben sind. Umso mehr wir selbst über Wörter nachdenken, desto spannender wird es, wenn wir neue/alte auf Plakaten, im Gespräch, in Büchern entdecken. Vor ein paar Wochen war eine Kundin im Laden und suchte ein Buch über verschwundene Wörter. So zum Beispiel Bandsalat, das heutzutage keiner mehr in den Mund nimmt, da es die teuflischen Musikcasetten nicht mehr gibt, die sich im Recorder verhedderten, die dann neu geschnitten und geklebt werden mussten. Und zack, sind wir schon in unseren eigenen Erinnerungen gelandet.
Georges-Arthur Goldschmidt beginnt seinen Text über „Die Wörter des Exils“ mit Abschied. Ohne auf seine Zeilen einzugehen, trifft diese Wort sehr tief. Wer hat nicht Erinnerungen an Abschiede, die einschneidend waren, die einen lange beschäftigten.
Herta Müller kruschelt in ihrer Kindheit und findet Tscharegl, Pitanger und Arschkappelmuster. So ist ein klappriges altes Fahrrad ein Tscharegl, aber Herta Müller benutzt diese schroffe Wort auch für wenn ein Schnürsenkel reisst, oder wenn bei der Brille der Bügel abkracht. Das Wort verlässt sie nicht mehr, obwohl es sich von der ursprünglichen Bedeutung längst gelöst hat. Am Ende ihres Textes kommt sie auch auf Sätze, die bei ihr hängen bleiben. Wenn man eine Schwalbe tötet, gibt die Kuh rote Milch. Und sie schreibt, dass heute Nachtichten und Zeitungen voll von roter Milch sind.
Die Übersetzerin Elke Erb schreibt über ihre drei Wörter: Verantwortung, Anstand und ritterlich. Alles Wörter, die sich im Laufe der Zeit sehr gewandelt haben, wie ihr Blick ins Grimmsche Wörterbuch zeigt. Bishin zu Bedeutungen, die uns gar nicht mehr geläufig sind.
Judith Kuckert geht mit einem Führer durch Istanbul und nennt ihren Text „Ich habe nicht verstanden“, denn der junge Mann, ein Türke, der gut deutsch spricht und dessen Traum eine neue Heimat in Kassel ist, wiederholt diesen Satz mehrfach, wenn er einfach nicht versteht, was die Schriftstellerin aus Deutschland von ihm will. Sie sprechen zwar die gleiche Sprache – er sehr gut deutsch, sie kann holprig türkisch lesen – aber es gibt Momente, in denen die Kulturen soweit auseinanderklaffen, dass es zum Achselzucken kommt. Wenn Sie nach Istanbul reisen, irgendwann, dann lesen sie kurz diesen Text durch. Er stimmt sie ein in die Atmosphäre der Stadt, obwohl er sich nicht als Reiseführer eignet.
Modiano habe ich zu Beginn schon erwähnt, der sich am Ende des Bandes mit der Kunst der Erinnerung befasst. Dass die Erinnerung uns jedoch immer wieder einen großen Streich spielt, haben wir in den letzten Jahren in der Literatur nachlesen können.
Das Akzente-Heft wäre nicht das Akzente-Heft, wenn keine Lyrik darin vorkommen würde. So haben wir hier (ins Deutsche übertragene Gedichte) von Liao Yiwu, Peter Nádas, Thomas Lehr, Charles Simic, Les Murray, die sich in anderer Form mit dem Thema Wörter befassen.
Gut, dass es noch solche Bücher und Zeitschriften gibt, die uns erden in der Flut der vielen Romane und Neuerscheinungen.

Leseproben

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Ist nicht Pfefferkuchen so ein Wort, das wir mit vielen Erinnerungen verbinden.
Das
sind übrigens meine ersten selbstgemachten.

Donnerstag, Welttag des Buches

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Heute haben
Wilkiam Shakespeare * 1564
Richard Huelsenbeck * 1892
Vladimir Nabokov * 1899
Haldor Laxness * 1902
Andrej Kurkow * 1961
Geburtstag.
Und es ist der Todestag von Shakespeare und Cervantes.

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Zum Welttag des Buches gibt es ein literarisches Rätsel.
In dem folgenden Text sind einige Buch- und DVD-Titel versteckt. Titel von Büchern, die aktuell auf unserem großen Tisch in der Buchhandlung liegen. Googeln hilft also nichts.
Zu gewinnen gibt es nix. Dafür aber morgen die Lösung.
Viel Vergnügen.

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„Ein Geschenk der Götter ist das“, sagt er und meinte, dass das Hotel du Nord das Salz der Erde sei. Wenn schon seine Ahnen im Alten Land ein Narrenleben führen und wenn es vor dem Fest hart auf hart kommt, ja dann helfe nur ein Anruf bei Catfish. Der traurige Prinz mit seiner California im Mundwinkel summt ständig diese Shotgun Lovesongs und war immer im Montecristo zufinden, wenn er nicht schon wieder die Ausfahrt Nizza genommen hat. Paddington, wie der Träumer auch genannt wurde, war ständig in Love. Wer es diesmal war – keine Ahnung. Vielleicht Esther. Er stand tatsächlich am Tresen, wie in einem anderen Leben und führte eine heftige Dikussion mit den Middlesteins, Oona & Salinger, die ständig am Abgrund aller Dingen standen. Das Gespräch klang eher wie ein Konzert ohne Dichter, als ein Ehespiel. Judas, der Barkeeper, mixte Oona gerade einen Tamangur, den Männern je einen Flammenwerfer. „Alles wird hell, wie in einem anderen Leben!“, sagte Pad und prostete Middlestein zu. „Auf die Unterwerfung!“ „Auf ein Narrenleben“ „Auf die Chronik meiner Straße“ waren die drei Trinksprüche, bevor sie austranken und wie mit einem Handkantenschlag am Abgrund aller Dinge landeten. Alles Licht, das wir nicht sehen, reichte nicht aus, um sie ins Abendland zurückzuholen. Es war das Gegenteil von Einsamkeit und glich einem Tod in Turin, was sie gerade getrunken hatten. Als die Nebel verschwanden, meinte Pad, sie sollten ins Suburra weiter ziehen, einem Club etwas außerhalb. „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren.“, sagte er und zog die Karte der Wildnis heraus. Als die drei die Kneipe verließen, meinte der Barkeeper: „Applaus für Bronikowski!“ und wischte den Tresen sauber.

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Wem ging ein Licht auf?
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WELTTAG DES BUCHES
(& TAG DES DEUTSCHEN BIERES am 23. April)

Weltweit ist heut der Tag des Buches.
Du hast schon eins? Dann geh und such es.
Wenn du’s gefunden hast, verlier es
bloß nicht am Tag des deutschen Bieres.
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Marco Kerler las bei Radio free/fm in Ulm.
Hier können Sie die Sendung nachhören:

Lesung

Montag

Heute haben
Paul Verlaine * 1844
Sean O’Casey * 1880
Jean Giono * 1895
Uwe Timm * 1940
Gert Heidenreich * 1944
Geburtstag
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Rasmus Gabriel Schöll empfiehlt:

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Rachel Kuschner: „Flammenwerfer“
Rowohlt Verlag € 22,95
als E-Book 19,99
„The Flamethrowers“ als TB € 14,99
als amerikanisches E-Book € 13,95

Cool, coolness, grandios am coolsten!
Ungefähr so lässt sich Rachel Kushners Roman: „Flammenwerfer“ zusammenfassen.
Das Cover Bild des Buches, hat Rachel Kushner, bevor auch nur ein Wort geschrieben war, an ihre Wand gepinnt und es hat sie dazu inspiriert, die Geschichte von Reno, der schnellsten Frau der Welt zu schreiben.
„Ich war, kaum zu fassen, die schnnellste Frau der Welt, 496,493 Stundenkilometer. Ein offizieller Rekord für das Jahr 1976…“
Es ist schon merkwürdig, dass so verdammt viele und so verdammt gute Bücher aus den USA kommen. Aber wir nehmens mit Freuden hin.
Zunächst, wir haben es mit keiner stringent durcherzählten Geschichte zu tun. Das Buch lebt und wird durchlebt in Vor- und Rückblenden, deren Bedeutung erst im Laufe der steigenden Seitenzahl ersichtlich wird. Also nicht unbedingt, die “ Ich lese noch fünf Seiten Bettlesegeschichte“.
Reno, so der Name der Hauptperson, ist jung und schön, nicht das Rachel Kushner dies erwähnen würde, nur man bekommt als Leser mit der Zeit so eine Ahnung. Sie liebt das Motorradfahren, sie liebt die Geschwindigkeit und ein freies Leben. Sie rast über Salzseen, verliebt sich in einen New Yorker Künstler, Sandro Valera, der ganz nebenbei Spross einer italienischen Reifen- und Motorrad-Dynastie ist. Sie braust durch die New Yorker Kunstszene der 70er Jahre, voller Leidenschaft und Feuer. Reno, auf der Suche nach ihrer eigenen künstlerischen Identität, nach ihrem eigenen Ausdruck. Um es so richtig krachen zu lassen, besucht sie mit Sandro zusammen dessen aristokratische Familie am Comer See und gerät mitten in die römischen Unruhen des Jahres 1977.
Die ganze Zeit dachte ich beim Lesen, oh mann, das ist ja wie wenn Godard und Fellini zusammen einen Film gemacht hätten.
Das Buch ist sicher nicht für jedermann und knapp 600 Seiten eignen sich nicht als Versuch. Und dennoch, allein die Geschichten in der Geschichte sind richtig gut.
„Es war ein Desaster. Ich hätte nicht fahren sollen. Aber er rief mich irgendwann an und klagt verzweifelt. Drei Uhr nachts, und er beklagt sich … Saul, hab ich gesagt, möchtest du, dass ich das Kaninchen hole und es dir bringe? Soll ich das tun? – Mensch, Ronnie, sagt er, ich will dir das nicht zumuten. Aber wenn ich ehrlich bin, würde es mir unheimlich viel bedeuten. Du könntest meinen Jaguar nehemen. Und ich dachte, scheiß drauf, warum nicht? …“

Ein Mann soll für einen anderen Mann ein Kaninchen durch halb Amerika fahren. Der Mann gibt sich sehr viel Mühe. Aber als er endlich ankommt, hört er ein Jaulen des anderen Mannes. Das Kaninchen ist tot!
Diese Geschichte ist mit soviel Humor, Witz und Charme erzählt. Vielleicht ist es auch Godard, Fellini und Tarantino, die da zusammen ein Buch geschrieben haben.
Sicher, es sind die 70er Jahre und man muss schon ein gutes Pfund geschichtliches Interesse mitbringen, Aber hey: Godard, Fellini und Tarantino!

Leseprobe

Ein kleiner Nachtrag:
In der Autobiografie von Kim Gordon, der Gründerin, Sängerin und Bassistin von „Sonic Youth“, einer unabhängigängen Alternativ-Rock-Punk-Band aus New York, steht folgender Satz:

„Als ich Rachel Kushners Roman „The Flamethrowers“ las, konnte ich das darin beschriebene Gefühl, jung zu sein in New York und am Rande der Kunstszene zu leben, sehr gut nachvollziehen. Und das U-Bahn-Foto bildete diese Ungewissheit und auch diese Zeit sehr ghenau ab. Ich liebe es.“

Gordon
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UNGEREIMTHEIT DER WOCHE (… aus der Tierwelt)
 
DIE LACHSFORELLE – CCLCXXXII
 
An eines Flusses Quelle
schoss die Lachsforelle
weit übers Ziel hinaus.
 
… aus!
SOMMERZEIT
 
Eingeführt vor vielen Jahren,
hat man dich, o Sommerzeit,
um damit Energie zu sparen.
Diese Idee schien blitzgescheit!
 
Längst ist inzwischen allen klar,
dass jener Spareffekt blieb aus.
Trotzdem heißt es auch dieses Jahr:
man muss ’ne Stunde früher raus.
 
Ein paar gibt’s, die es nie kapieren,
und die kommen am Montag dann,
weil sie vergaßen zu justieren
die Uhr, ’ne Stunde später an.
 
© Werner Färber

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Morgen abend um 19 Uhr:
Literalotto
Spaß und Literatur mit Florian Arnold und Rasmus Schöll

Montag

1
Sonntag auf der Alb

Heute haben
Frederick Forsyth * 1938
Maxim Biller * 1960
Taslima Nasrin * 1962
Geburtstag
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Wir haben wohl wirklich den letzten Tag des Sommers verpasst und somit eine der Regeln aus dem Bilderbuch von Shaun Tan nicht beachtet. Dafür freut sich so langsam aber wieder der Herr Doktor aus dem Gedicht von Wilhelm Busch.

Wilhelm Busch
Im Sommer

In Sommerbäder
Reist jetzt ein jeder
Und lebt famos.
Der arme Dokter,
Zu Hause hockt er
Patientenlos.

Von Winterszenen,
Von schrecklich schönen,
Träumt sein Gemüt,
Wenn, Dank der Götter,
Bei Hundewetter
Sein Weizen blüht.
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besuch

Hila Blum: „Der Besuch“
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Berlin Verlag € 22,99

„Es gibt Dinge, die können nur in den schmalen Spalten der Nachlässigkeit geschehen, der Unaufmerksamkeit, in einem Wirbel aus Trägheit und Licht. Plötzlich entspringen sie der Phantasie und landen im gelebten Leben.“

In diesem Erstlingswerk der 1962 geborenen israelischen Autorin herrscht richtig Sommer. Hochsommer. Eine ungewöhnlich hartnäckige Hitze liegt über Jerusalem und es beginnt damit, dass ein Junge verschwindet. Die Nachrichten sind voll mit dieser Meldung. Dies hat mit dem Roman nichts zu tun, zieht sich aber wie ein roter Faden durch das Buch, bis es am Schluss zu einem glücklichen Ende mit dem Jungen kommt.
„Alles Mögliche passiert in diesem Sommer. Es ist der Sommer der nicht so fernen Katastrophen, einer Kette seltsamer Unfälle.“
Warum diese Episode? Vielleicht ist es die Nähe der Katastrophe, in der beiden Hauptpersonen Nili und Nataniel (Nati) leben. Ein Sommer kann schnell vorüber gehen, ein glücklicher Tag plötzlich schrecklich enden. Ein Kind geht über die Straße und wird von einem heranbrausenen Auto getötet, ein Sturz aus dem Haus kann zu einem langen Aufenthalt im Krankenhaus führen. Dies sind genau die Dinge, die irgendwann auch in diesem Roman passieren.
Nili und Nataniel sind kinderlos. Die ältere Tochter aus Natis erster Ehe ist bei ihrer Mutter in Amsterdam und die kleine Tochter mit der Schwester von Nili am Meer. Was könnte es also schöneres geben, als die wenigen freien Tage im Hochsommer zu genießen. Doch beide aufpassenden Frauen sind nicht richtig einzuschätzen. Die eine die Ex-Frau des Ehemannes, die andere die psychisch  labile Schwester. Somit sitzt Nili auf Kohlen und möchte fast ständig online mit den beiden Kindern sein. Der Anruf eines französischen Millionärs, der ihnen am letzten Tag ihrer Hochzeitsreise in einem Pariser Edelrestaurant aus der Patsche geholfen hat, bringt das eh schon fragile Gleichgewicht der Ehe schwer ins Wanken.
Hila Blums Debüt erzählt nicht nur die Geschichte von Nili und Nati, wie sie sich kennen und lieben gelernt haben. Sie zeigt ihre Sehnsüchte, ihre Fluchten und Hoffnungen, die sich nicht immer mit denen des Partners decken. Sie schreibt über dieses Paar um die vierzig, denen es so gut gehen könnte und die es sich selbst schwer machen. Hila Blum bohrt in den den Rissen und deckt unter der dünnen Oberfläche nach weiteren Rissen und Unebenheiten auf. Gleichzeitig wissen wir, dass damals vor 10 Jahren in Paris noch etwas geschehen ist, als Nili und Duclos, der Millionär, allein vor der Restaurant standen.
Während wir nun darauf warten, bis die beiden sich mit dem Fremden zum Abendessen treffen, erzählt uns Bila Blum die Jahre der Beziehung von Nili, Nati und ihren Kindern, aber auch die Zeit als Nili alleine in Jerusalem mit den Kleinen und Nati für einige Wochen in der Schweiz zum Arbeiten ist. Hier legt die Autorin noch eine weitere Ebene frei und schreibt sehr treffend Dialoge zwischen der Mutter, ihrer pubertierenden und der kleinen, fragilen Tochter, wie wir sie nur zu gut kennen.
Sie merken schon, Hila Blum hat sich viel vorgenommen. Ihr Schreibstil ist gekonnt flüssig, die Konstruktion des Romans verschachtelt, spannungssteigernd und wir lesen diesen Erstling in einem Rutsch durch. Einzelne Episoden sind vielleicht etwas zu lang geraten, das Geheimnis um Duclos fast eine Luftnummer, aber insgesamt finde ich, ist es ein mehr als gelungener Roman, der sich wirklich lohnt und augezeichnet auf hohem Niveau unterhält.

Leseprobe
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Werner Färber
UNGEREIMTHEIT DER WOCHE (… aus der Tierwelt):

PROBLEMKUH VERUNSICHERT LÄNDLE *

Im Wald zu Gaildorf gibt’s ’ne Kuh,
die ist seit Wochen nicht bereit,
zu leben friedlich und in Ruh –,
nein, sie sucht offensichtlich Streit!

Was macht die Kuh so aggressiv,
dass sie vollkommen ungeniert
(vielleicht sogar demonstrativ)
bisweilen den Verkehr blockiert?

Sie stellt sich Autos in den Weg,
statt sich zu laben an dem Grase.
Wenn ich mir das so überleg,
tut sie’s vielleicht, dass man nicht rase

(* Bildschirmtext ARD am 22.08.2014)

UNGEREIMTHEIT DER WOCHE: (aus der Reihe BEI HEMPELS UNTERM SOFA)

BEI HEMPELS UNTERM SOFA XLI

… liegt ein Stapel von Plakaten,
die Hempel an der Straße störten,
weil sie nach seiner ganz privaten
Meinung dort nicht hingehörten.

Parolen von der NPD
musst‘ vom Straßenrand er klau’n!
Auch jene von der AfD
war’n ihm schlichterdings zu braun!

Mittwoch

Heute haben
Ivo Andric * 1892
Mercè Rodoreda * 1909
Claude Simon * 1913
Harold Pinter * 1930
John Lennon * 1940
Geburtstag

Wow! Drei Literaturnobelpreisträger haben heute Geburtstag. Gratuliere. Und morgen wird der diesjährige Namen bekannt gegeben.
Die Buchmacher von Ladbrokes führten gestern Abend diese Favoriten für den Literatur-Nobelpreis auf:

1. Haruki Murakami
2. Alice Munro
3. Svetlana Aleksijevitj
4. Joyce Carol Oates
5. Peter Nadas
6. Jon Fosse
7. Ko Un
8. Thomas Pynchon
9. Assia Djebar
10. Adonis

Schaumermal
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Und hier ein kleines Dankeschön an John Lennon und seine vielen guten Lieder

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=DVg2EJvvlF8]
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In der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung schreibt Christopher Schmidt, dass in Deutschland täglich durchschnittlich drei Buchpreise vergeben werden. Jährlich sind es weitmehr als tausend. „Und wer einmal das Preiskarussell erklommen hat, fliegt so schnell nicht mehr herunter. Kontuinuierlich durchgefördert, lassen sich dort viele Runden drehen, ohne eine nennenswerte Publikation vorzuweisen. Der Grund: Die meisten Buchpreise, die hierzulande ausgelobt werden, sind Förderpreise, und auch die, die es laut ihrer Statuten nicht sind, werden von den Juroren faktisch in solche umgewidmet.“ Er meint, dass Bücher, die einen Verdrängungscharakter haben, Bücher, die automatisch ganz oben mit ihren Verkaufszahlen landen, in den Vorrunden ausscheiden und das beste aus der zweiten Reihe nominiert wird. „So wird eine Elite des Mittelmaßes herangezüchtet, und Mittelmaß ist eben Konsens in der Blase des deutschen Literaturbetriebs.“ Er schreibt noch, dass es kaum noch Verrisse in den Zeitungen gibt, da sich kein Journalist zu weit aus dem Fenster lehnen will und somit angreifbar wird. Es kommt als darauf an, möglichst viele „likes“ zu verteilen. Alles andere stört die „Generation Facebook“.
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Seele

Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus
Hundert deutsche Gedichte
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Richard Wagner
Aufbau Verlag € 12,99

Das Lebensgefühl der Deutschen in 100 Gedichten.

Schon wieder eine Anthologie werden Sie vielleicht denken. Na und! Davon kann es nicht genug geben. Und schon gar nicht in dieser schönen, leinengebundenen Reihe aus dem Aufbau Verlag. Diesmal geht es um deutsche Gedichte, um Gedicht in deutsch, in deutscher Sprache. Gedichte, die das deutsche Gefühl weitertragen. Richard Wagner ist dafür wohl der richtige Mann, der sich sowohl in der Lyrik auskennt, als auch als Rumäniendeutscher einen besonderen Blick auf die deutsche Sprache hat. Schon die motivischen Kapitel dieser Sammlung schüren die Leselust: Trost, Eisenbahn, Italien, Automobil, Goethe und Heine. Doch nicht nur die Licht-, sondern auch die Schattenseiten dessen, was die deutsche Lyrik in sechs Jahrhunderten anspricht, kommen zur Geltung. So findet sich die Celan’sche „Todesfuge“ ebenso in der Anthologie wie das berühmte Gryphius-Poem „Thränen des Vaterlandes / Anno 1636“. Glaube, Krieg, Heimat, Stadt, Land, Laster – alles, was die deutschsprachigen Lyriker seit dem Barock über die Romantik zum Expressionismus bis in die Gegenwart beschäftigt hat, wird vorgeführt. Und so zeigt Wagners Gedichtsammlung alles, was deutsch ist, ein Lebensgefühl zwischen Vanitas und Vogelsang.
Mit Gedichten von Ingeborg Bachmann, Gottfried Benn, Johannes Bobrowski, Bertolt Brecht, Rolf Dieter Brinkmann, Wilhelm Busch, Matthias Claudius, Joseph von Eichendorff, Durs Grünbein, Georg Heym, Peter Huchel, Ernst Jandl, Marie Luise Kaschnitz, Erich Kästner, Sarah Kirsch, Ursula Krechel, Conrad Ferdinand Meyer, Helga M. Novak, Thomas Rosenlöcher, Peter Rühmkorf u.v.a.

Die Sammlung beginnt mit alten Texten und diesem Rätsel:

Flog ein Vogel federlos,
Auf einen Baum ganz blattlos,
Kam die Jungfer mundlos,
Frass den Vogel federlos,
fing ihn handlos,
briet ihn feuerlos,
fraß ihn mundlos.


Anonym

Es ist ein Schnee gefallen
Und es ist noch nit Zeit
Man wirft mich mit den Ballen
Der Weg ist mir verschneit.

Mein Haus hat keinen Giebel
Es ist mir worden alt
Zerbrochen sind die Riegel
Mein Stüblein ist mir kalt.

Ach Lieb, laß dich’s erbarmen
Daß ich so elend bin
Und schleuß mich in dein Arme!
So fährt der Winter hin.

„Was wäre die Lyrik ohne die Lyrik-Anthologie oder, wie sie früher einmal genannt wurde, Blütenlese“, so beginnt das Nachwort von Richard Wagner und er fragt sich: „Was aber ist letzten Endes ein deutsches Gedicht? Ist es nichts weiter als ein Gedicht in deutscher Sprache? Er stellt uns Walther von der Vogelweide vor, den er als ersten Dichter sieht, der die Macht des Wortes (im politischen Leben) erkannte. Er schreibt, dass dessen Lyrik Nachwirkungen bis heute hat und nennt dabei Namen wie Degenhardt, Biermann, bis Falco und Rühmkorf. Wagner meint, dass das Gedicht die konzentrierteste, die sozusagen dichteste Formel ist, die in einer Sprache Geltung hat. Er endet sein Nachwort so: „Das Gedicht spricht aus, was seine Sprache ihm erlaubt. Es ist die Sprache, wie wir sie sprechen. Das Deutsch, das wir verstehen und mit dem wir auszukommen haben. Wenn dieses Deutsch schön ist, so ist es nicht zuletzt dem Gedicht zuzuschreiben.“
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Auf unserem Fotoblog gibt es wieder neue Bilder zum Thema: „Lesen“.