Mittwoch, 3.August

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Wieder mit dem Geld unserer Sozialen Centtasse im Laden für den Tafelladen eingekauft.

Heute haben
PD James * 1920
Leon Uris * 1924
Véronique Olmi * 1962
Geburtstag

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Heute möchte ich Sie auf zwei aktuelle Ausstellungen in Ulm hinweisen, die im Rahmen des Cafe Beirut-Projektes der Griesbad Galerie zu sehen sind. Überwältigend gut, schockierend und frech lustig gehen die beiden Künstler mit dem Leben im Iran und in Palästina um.

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Azadeh Akhlaghi – By An Eye-Witness
Südwest Presse-Galerie, Olgastraße 129, Ulm
30.7. – 28.8.2016
Öffnungszeiten: Do.-Fr. 18 – 22 Uhr, Sa.-So. 14 -22 Uhr

Azadeh Akhlaghi arbeitet konzeptuell mit den Medien Fotografie, und Film. In Ihrer Fotoserie „By an Eye-Witness“ stellt sie Todesfälle und Attentate aus der iranischen Geschichte nach. Ihre fiktive Dokumentation erreicht dabei eine sehr spezielle Ästhetik.
Ihre nachgestellten, detailreich inszenierten Bilder zeigen uns Szenen, die nie dokumentiert worden sind. Wo doch heute also sofort per Handy und Twitter um den Weltball rast. Azadeh Akhlaghi stellt haargenau nach, fragte viele Menschen, ist auf jedem ihrer Bilder als Frau mit dem roten Kopftuch zu sehen. Auf einem Bild sehen wir einen Mann, der sich mit seinem Jacket das Gesicht verdeckt. Dabei handelt es sich um einen aktuell Gefangenen, der für seine Informationen zu dieser Installation kurzfristig frei kam.
Bitte fragen Sie beim Galerie Personal nach. Sie geben Ihnen ein paar kleine Tipps zum Verständnis.
Demnächst sollen auch Texte auf deutsch verfügbar sein.

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Wafa Hourani – Qalandia 2087
Stadthaus Ulm
27.7. – 14.8.2016
Öffnungszeiten: täglich von 10 – 18 Uhr

Wafa Hourani kommt aus Ramallah im Westjordanland. Er benutzt die Zukunftsutopie um sich in einem poetischen und philosophischen Ansatz mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzten. Seine Arbeit Qalandia besteht aus drei Installationen. Diese zeigen das gleichnamige Flüchtlingslager im Norden von Jerusalem jeweils 100 Jahre nach der Staatsgründung Israels, dem Sechstage-Krieg und der ersten Intifada. In Ulm ist mit Qalandia 2087 die letzte Stufe dieser fiktiven Entwicklung zu sehen. Als solche weist sie einen versöhnlichen Weg auf. Das begehbare Modell ist überwältigend detailreich und beansprucht alle Sinne. Der Betrachter findet sich in einer eigenen Welt aus Sound, Licht, Gerüchen, sogar lebenden Fischen. Die subtile, poetische Erzählung des Künstlers, die auch in Textform ausgestellt ist, wird somit zur Wahrnehmungserfahrung.
Die Ausstellung befindet sich im Untergeschoß des Ulmer Stadthauses. Sehr wichtig !!! Lesen Sie zu erst die beiden Wandtafeln, die sich in Richtung Toiletten befinden. Dort steht die Idee des Künstlers in Form einer Zeittafel. Mit diesen Informationen schauen Sie sich die Instalation an. Sie werden verstehen, warum sich in dieser Stadt Spiegel befinden, warum ein echter Goldfisch herumschwimmt und was die vielen Basketballkörbe bedeuten. Beachten Sie die vielen Dachantennen.
Wenn Sie in den zweiten Stock des Stadthauses hochwandern, hängt dort direkt über der Ausstellung ein Fernglas am Geländer. Einfach mal benutzen.

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Montag, 15.Februar

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Heute haben
Johann Jakob Wilhelm Heinse * 1746
Elke Heidenreich * 1943
Miranda July * 1974
Geburtstag
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Unser Büchertipp:

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Anthony Doerr:Memory Wall
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence,
der auch Doerrs Roman. Alles Licht, das wir nicht sehen“ übersetzt hat.
C.H.Beck Verlag € 14,95
Englische Ausgabe € 14,99 (Inkl. weiterer Erzählungen)

„Jede Stunde verschwinden auf dem dem Erdball unzählige Erinnerungen“, so oder ähnlich könnten wir das Werk von Anthony Doerr überschreiben. In Deutschland hat er den literarischen Durchbruch mit seinem oben genannten Roman geschafft, für den er auch den Pulitzer Preis 2015 erhalten hat. Im englischsprachigen Raum ist er jedoch genauso bekannt für seine Erzählungen. „Der Muschelsammler“ ist hier auch erschienen, wird aber nicht groß beachtet. „Memory Wall“ ist im Original eine Sammlung von Erzählungen, Short Stories, bei uns kommt es speperat heraus und wird Novelle genannt.
Was uns da auf etwas mehr als 130 Seiten vorliegt, ist ein kleines Meisterwerk. Sprache, Handlung, Komposition, alles passt. Es geht wieder ums Erinnern, um Alma Konachek, die im Alter dement wird. Erinnerungen halten unser Leben zusammen und sie verliert jeden Tag mehr den Überblick. Auf einer Wand in ihrem Haus in einem Vorort von Kapstadt, hat sie Fotos aus ihrem Leben aufgeklebt. Unsortiert, wild durcheinander, oder doch nach System? Niemand weiß es genau. Sie wird von einem Schwarzen betreut, der jeden Tag eine weite Reise von einem Township zu ihr unternimmt und seinen kleinen Sohn dort zurücklässt. Er kümmert sich um das Alltägliche, kocht für sie, putzt, liest ihr vor, kleidet sie an, bringt sie ins Bett. Er ist ein Wandler zwischen zwei Welten. Dort ein großzügiges Haus, das Alma selbst gestaltet hat und bei ihm Armut pur.
Almas Mann hat in seinem späten Leben Fossilien gesucht und gesammelt. Das Haus ist voll von diesen Fundstücken. Schön archiviert in Vitrinen. Es gibt jedoch einen Hinweis, dass er kurz vor seinem Tod einen gigantischen Fund gemacht hätte, der mehrere Millionen wert sein soll. Doch es findet sich in den Unterlagen von Alma keinen Hinweis.
Doerrs Text spielt in einer nahen Zukunft, in der sich Menschen mit Porten am Kopf mit Speichermedien ihre Erinnerungen immer und immer wieder anhören können. Somit soll auch der fortschreitenden Demenz Einhalt geboten werden. Tausender solcher Kassetten befinden sich im Haus von Alma und sie taucht auch täglich in diese Erinnerungesfetzen ab.
Da Almas Zustand jedoch schon so weit gediehen ist, macht ein Einbrecher sich auch gar nicht mehr die Mühe sich leise in ihrem Haus zu bewegen. Er ist auf der Suche nach Fossilien, die er an einen Sammler weiterverkauft. Aber eigentlich ist er auf der Suche nach dem großen Fund. Mit dabei hat er einen Jungen, der auch solche Ports im Kopf hat. Ihn lässt er alle Speichermedien durchhören, während er mit Alma Eier ist. Sie kann sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern.
Umso mehr wir lesen, merken wir, dass die beiden Jungs immer mehr in den Mittelpunkt geschoben werden. Wie schon in seinem „Licht“-Buch spielen Kinder, Jugendliche zentrale Rollen. (In der englisch sprachigen „Memory Wall“-Ausgabe gibt es noch mehr Kinder. So auch ein jüdisches Mädchen in Berlin).
Ich mag nicht mehr verraten. Die Handlung wird noch richtig turbulent. Sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart. Was die Zukunft bringt, erfahren Sie spätestens, wenn Sie das Buch gelesen haben.
„Memory Wall“ wünsche ich viele Leser, in der Hoffnung, dass es von einem Leser zum anderen weitergerreicht wird. Eines dieser Bücher, die nicht viel Werbung brauchen, da sie für sich sprechen und überzeugen.

Leseprobe
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Werner Färbers wöchentliche Ungereimtheiten

Ungleiches Paar – 112

Über die Alpen zieht der Föhn,
der Gletscher strahlt in Blaugetön.
Der Bergfreund steht mit seiner Alten
direkt vor einer Gletscherspalten.

Sie wäre jetzt lieber am Meer.
Berge zu lieben, fällt ihr schwer.
Im nächsten Nu sieht man sie stoßen
den Mann mit Händen, ihren bloßen.

Lebensmüde Lemminge

Als Gerücht kursiert seit Jahren,
dass die Lemminge in Scharen
stürzen sich mit Anlauf munter
von Klippen hoch ins Meer hinunter.
Es heißt, die kleinen Tiere springen,
des Lebens müd‘, sich umzubringen.

In Wahrheit wollen sie nur baden
und nehmen dabei keinen Schaden.
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Nicht vergesesen:
Donnerstag, 18.februar ab 19 Uhr.
Die Journalistin, Autorin, Weltreisende Zora del Buono kommt zu uns auf Besuch und erzählt und liest aus ihren Werken.
Ihr Roman „Gotthard“ ist übrigens auch im Beck Verlag erschienen.

1844

Samstag, 16.Februar

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Heute haben
Aleksandar Tisma *1924
Susan Sontag * 1933
Inger Christensen * 1935
Reinhard Jirgl * 1953
Geburtstag
und Gregor Gysi, der ja auch Bücher schreibt.

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Friedrich Hölderlin
Der Winter

Das Feld ist kahl, auf ferner Höhe glänzet
Der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,
Erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen
Ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzet.

Der Erde Stund ist sichtbar von dem Himmel
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,
Wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,
Und geistiger das weit gedehnte Leben.

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Der Winter

Wenn sich das Jahr geändert, und der Schimmer
Der prächtigen Natur vorüber, blühet nimmer
Der Glanz der Jahreszeit, und schneller eilen
Die Tage dann vorbei, die langsam auch verweilen.

Der Geist des Lebens ist verschieden in den Zeiten
Der lebenden Natur, verschiedne Tage breiten
Das Glänzen aus, und immerneues Wesen
Erscheint den Menschen recht, vorzüglich und erlesen.

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Ein Sommer am Meer, mitten im tiefen Winter.
Unser Filmtipp für Sie.

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Liebe auf den ersten Schlag
Originaltitel: Les Combattants
Regie: Thomas Cailley
Drehbuch: Thomas Cailley, Claude Le Pape
Darsteller: Adèle Haenel, Kévin Azaïs, Brigitte Roüan, William Lebghil, Antoine Laurent, Thibaut Berducat, Nicolas Wanczycki, Frédéric Pellegeay
Frankreich 2014
Produktion: Nord Ouest Production
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
€ 15,99

Sommer am Strand an der französischen Atlantikküste. Arnaud trifft Madeleine, wird von ihr aufs Kreuz gelegt und kann sich nur durch einen nichterlaubten Biss ins Hangelenk retten und den kleinen Zweikampf gewinnen.
Arnaud studiert, verbringt die Sommerferien bei seiner Mutter und seinem älteren Bruder, der die Schreinerei ihres gerade verstorbenen Vaters übernommen hat. Arnaud will in der Werkstatt helfen, sich ein bisschen was dazu verdienen. Am Strand hat die Armee ein Informationszelt aufgebaut und möchte Freiwillge rekrutieren. Sie haben ihr jährliches Schnupperangebot dabei: Zwei Wochen mit drei erfahrenen Soldaten raus in die Natur und Überlebenstraining absolvieren. Arnaud hat eigentlich keine große Lust, holt sich nur eine kostenlose Luftmatratze ab und trifft am Strand auf seine Kumpels und halt auch auf Madeleine. Hier kommt es zu diesem Kampf, unter Aufsicht eines soldatischen Trainers.
Arnaud ist unbedarft, schaut offen in die Welt, hat noch einiges vor. Er lässt sich treiben, verbringt die Tage und Abende mit seinen Kumpels mit Angeln und Biertrinken.
Ganz anders Madelaine. Sie kommt aus gutem Hause, hat ihr Studium abgebrochen, lebt im Moment bei ihren Eltern in einer Villa mit Pool. Sie ist ruppig, verschlossen und entschlossen, sich dem bevorstehenden Weltuntergang entgegenzusetzen. Das Ende kommt, das steht fest. Klar ist nur noch nicht, wer überleben wird und auch wie. Madeleine hat ihre eigenen Techniken entwickelt und trainiert wie eine besessene Überlebens- und Kampftechniken. Es ist schon sehr witzig anzuschauen, wie sie im Badeanzug am Pool steht, sich in ihren Rucksack zwei Dachplatten steckt und damit durch den Pool taucht. Oder wie sie sich einen kompletten rohen Fisch in den Mixer steckt und das daraus entstandene Getränk gleich an den Mund setzt.
Regisseur Thomas Cailley hat hier keine Hunger Games auf französisch gefilmt, sondern sein Augenmerk liegt auf die beiden sehr verschiedenen jungen Menschen, ihre apokalpytischen Ängste und über die unerwartete Wucht der Liebe, die plötzlich über sie hereinbricht, wie das Sommergewitter im Film, gelegt.
„Die Kämpfer“, so der französische Originaltitel, lässt die Beiden sich immer näher kommen. Beim ersten Discobesuch interessiert sich Madeleine allerdings nicht fürs Tanzen, sondern ist nur, wie man eine Bierflasche mit den Zähnen aufmachen kann. Als Sie sich für das Sommercamp angemeldet hat (sie will ja unbedingt zur Armee), entscheidet sich auch Arnaud spontan dazu, obwohl es gar nicht sein Ding ist. Für Arnaud ist dort vieles fremd, für Madelaine viel zu wenig Überlebenstraining.
Als sie sich gegenseitig im Gesicht mit Tarnfarbe anmalen, macht dies Arnaud bei ihr mit großer Liebe und Hingabe, betrachtet ihr Gesicht, ihre Nase, ihre geschlosssenen Augen, ihre Lippen genau und wirft noch einen Blick auf ihre Brust. Im Gegensatz dazu sie. Ruppig schmiert sie ihm die grünbraune Pampe ins Gesicht.
Madeleine bekommt Ärger mit den Ausbilder und verkracht sich mit Arnaud. Aber statt dieses Camp abzubrechen, stehen die beiden plötzlich alleine im Wald. Auf sich gestellt kommen sie sich nun wirklich näher und öffnen sich Schritt für Schritt. Dass es dann doch, kurz vor Schluss, noch anders kommt, möchte ich hier nicht ausbreiten.
Der Film ist gespickt mit Situationskomik, reiht sich nicht ein in das Jammern um die Umwelt, unsere Zukunft. Er lässt den beiden jungen Schauspielern viel Platz für ihr hervorragendes Spiel, bringt uns zum Schmunzeln. Es kommt zu keiner Symbolisierung der Protagonisten. Wir sehen, dass unter der aufgetragenenTarnfarbe viel Angst steckt und noch mehr unerwartetes Glück.
Und eigentlich geht es nicht darüber, zu überleben, sondern mit wem.


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Jürgen Grözinger meldet sich aus Berlin:

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Liebe Freunde,

es ist soweit: am am Sonntag den 17.1., 16h05 wird mein erster Radio -„Klassik-Klub“ auf WDR 3 zu erleben sein…
Ich möchte Sie einladen, sich mit mir auf eine Reise zu begeben in musikalische Galaxien, bestehend aus Werken der Renaissance bis in die Gegenwart.
Mein erster Mix legt ein subtiles Augenmerk Puls und perkussive Klänge im klassischen Kontext – eine kleine Brücke zu meiner Vita.
Künftig werde ich dieses neue Format im Wechsel mit 2 anderen DJs an Sonntagen und manchen Feiertagen gestalten.

Link zum wdr3klassikklub
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Detlef Surrey aus Berlin zeigt uns morgen wieder Sonntagsskizzen.
Lassen Sie sich überraschen.

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Das 22.Türchen vom Besten das Beste

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Heute haben
Ulrich Bräker * 1735
Hugo Loetscher * 1929
Renate Welsh * 1937
Margit Schreiner * 1953
Felicitas Hoppe * 1960
Geburtstag
und vor 157 Jahren wurde Giacomo Puccini geboren.

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Hinter dem 22.Türchen versteckt sich ein ukrainischer Autor, den ich dann gleich mal so vorstellte:
Und warum geben wir ihm nicht einfach den Nobelpreis für Literatur?
Der Nobelpreis ging dann allerdings nach Weissrussland und nicht in die Ukraine.

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Serhij Zhadan:Mesopotamien
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr
Suhrkamp Verlag € 22,95
als E-Book € 19,99

Der ukrainische Autor Serhij Zhadan ist in seiner Heimat sehr bekannt, hat er doch schon mehrere Romane und Gedichtbände veröffentlicht und er sagt, dass Zuhörer in seinen Lesungen zu weinen beginnen. Dies liegt sicherlich nicht daran, dass seine Bücher traurig sein. Nein, genau das Gegenteil ist der Fall. Zhadans Bücher sind voller Witz und versteckter und offener Ironie. Viele seiner Figuren leben am Rande der Gesellschaft und es geht nicht immer sehr fein zu. Aber Zhadan versteht es, mit einer sehr großen Empathie für seine Personen zu schreiben. Wir lieben sie, obwohl wir ihnen nicht unbedingt nachts auf der Straße begegnen wollen. Dass er gleichzeitig noch in einer Band spielt, die zu deutsch “Hunde im Weltall” heisst, zeigt, dass er eng mit der Lyrik verbunden ist. Sein Vorgängerroman “Die Erfindung des Jazz im Donbass” (der übrigens sehr witzig und schräg ist) wurde von der BBC zum Roman des Jahrzehnts gewählt. Das will etwas heissen. Der Suhrkamp Verlag bemüht sich seit Jahren um diesen jungen, frechen Autoren. Als Suhrkamp Taschenbuch finden wir seine Romane, oder in der Edition Suhrkamp. Und nun der zweite Roman in gebundener Form.
Charkiw ist die Hauptperson und das ist kein menschliches Wesen, sondern Zhadans Heimatstadt. Schon immer wollte er einen Roman über eine Stadt, über seine Stadt schreiben.
“Mein Ziel war es, einen Roman zu erschaffen, in dem nicht die Menschen, sondern meine Heimatstadt selbst die Hauptrolle spielt”
Gleichzeitig zeigt sich wieder einmal die Hellsichtigkeit des Autors. Denn wenn wir im Text schon vom Heraufkommen von Gewalt lesen, so schrieb Zhadan diesen Roman, bevor es zum Krieg in der Ukraine kam. Während er dann auf Lesereise ging (mit 100 Lesungen in 30 Städten) wurde schon an der Rändern der Republik geschossen.
“Alles, was ich über diese Stadt wusste, wusste ich von ihr. Sie […] erzählte mir von den unterirdischen Gängen, beschrieb die metallenen Drachen, die in den Straßenbahndepots Feuer atmeten, […] Sie berichtete von Messern und Schwertern, die in alten Fabriken hergestellt wurden, […] Sie erzählte, wie das Wasser im Frühjahr die Fundamente der alten Sanatorien unterspülte, die Flüsse rot wurden und nach Medikamenten rochen. Außerdem sagte sie, dass auf der Straße wieder geschossen werde, …. und niemand die Absicht habe, sich zu ergeben.”
Zhadan erzählt uns aus dem Leben von neun Personen in seiner Stadt. Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können und doch irgendwie miteinander verkettet sind. Immer wieder tauchen Personen auf, die wir in der Geschichte vorher schon getroffen haben. Da ist ein junger Student, der sich in seine ältere Nachbarin verliebt und in seinen Träumen die schönsten Phantasien hat. Es gibt den Boxer, dem übel mitgespielt wird. Wir lernen die Freunde von Murat kennen, die sich 40 Tage nach dessen Tod nach orthodoxem Brauch zu einem Fest zusammenfinden. Sie kommen aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion und leben jetzt in diesem “Zweistromland” zwischen dem ukrainischen Dnjepr im Westen und dem russischen Don im Osten. Sie sind Verlierer, ihnen wurde übel mitgespielt. Gleichzeitig versuchen sie mit allen legalen und illegalen Tricks, sich über Wasser zuhalten. Saufen und rauchen, landen im Krankenhaus und wollen möglichst schnell wieder von dort verschwinden, um in ihrem eigenen, jämmerlichen Zuause zu leben und zu sterben.
Dies alles schreibt Zhadan in einem lockeren, frechen, witzigen Stil und lässt uns die Not der Menschen vergessen. Sie haben immerhin noch sich und ihre Freunde. Es gibt viel Sätze in diesem Roman, die ich gerne unterstreichen und weitergeben würde. Dass der Roman (in neun Novellen) am Ende in einem langen Gedicht endet, ist dann fast schon logisch.

Leseprobe

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für “Die Erfindung des Jazz im Donbass” wurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum “Buch des Jahrzehnts”. Zhadan lebt in Charkiw.

Donnerstag

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Heute haben
Hans Sachs * 1494
John Berger * 1926
Sam Shepard * 1943
Ulla Berkéwicz * 1948
Hanns-Josef Ortheil * 1951
Geburtstag
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„With the lights out, it’s less dangerous“
Nirvana

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Michael Wollny: „Nachfahrten“
Act CD € 18,00
Vinyl € 20,00 mit Download Code

Besetzung:

Michael Wollny / piano
Christian Weber / bass
Eric Schaefer / drums

Produziert von Siggi Loch, 2015

Am Anfang stand ein Buch. So schreibt es die Plattenfirma. „Nachtmeerfahrten“ von Simone Stölzel, erschienen in der Anderen Bibliothek, aus deren Reihe wir ja gerade ein Buch vorgestellt haben. „Die dunkle Seite der Romantik“ heisst der Untertitel des Buches und enthält eine literarische Reise durch die dunkle Seele der Romantik – von Lüsten, Wahn und anderen Zwängen. Die Visionen der Romantik haben die europäische Kultur der vermeintlich aufgeklärten Moderne geprägt – so viel epochaler Anfang war nie. Ob in der Philosophie, der Literatur oder der Kunst, die Romantik war eine wunderbare Neuaneignung unseres Welt- und Selbstverständnisses. Zu ihrer Konsequenz geführt aber wird die romantische Idee erst in der Schwarzen Romantik – erst diese leuchtet die Abgründe der Seele, das uns Fremde, die andere Seite der Vernunft aus und lässt die Utopie vom besseren Menschen brüchig aussehen.
Gefunden habe ich auch eine Dokumentation über C.G.Jung mit dem selben Titel.
Das könnte alles zusammenpassen und die Musik, die wir auf dieser Produktion hören, ergänzt genial Buch und Film.
(Vielleicht sollte ich alle drei Sachen in einem Päckle verkaufen?)
Für Wollny spielt die Nacht schon immer eine wichtige Rolle in seiner Musik. Hat er doch mehrfach schon Nosferatu mit Musik unterlegt.  Der 37jährige war auch schon in der Nähe und wer ihn dort erlebt hat, wird seine Virtuosität nicht vergessen.
Nachts sind zwar alle Katzen grau, Wollny bleibt jedoch auch in diesen 14 Musikstücken ein Meister der schwarz-weissen Tasten. Der Begriff Nocture lässt sich hier einfügen und das Stück Nr.10 heisst dann auch so.
Wollny und seine Mitspieler bedienen sich verschiedener Vorlagen, improvisieren darauf. Wir entdecken Musik, die zu Filmen passen würde. Wir haben plötzlich eine Melodie aus „Twin Peaks“ im Ohr, kommen zum verwandelten Kinderlied „Au clair de la lune“, entecken ein Musikstück, das nach einem Buch von Edgar Allan Poe („Metzengerstein“) benannt wurde und kommen nach den Eingangsstücken „Questions in a World of Blue“ und „Nachtmahr“ wieder zurück zu den „Nachtfahrten“. Der Reigen der Nocture schliesst sich. Wollny beginnt sehr ruhig und endet in dieser Art auch wieder.
Hier ist eine andere Seite des besten Pianisten Deutschlands zu entdecken, die zwar schon immer vorhanden war, aber nicht in dieser Intensität.

Dienstag

Heute haben
Arhtur Rimbaud * 1854
Paul Valéry * 1871
Otfried Preußler * 1923
Oskar Pastior * 1927
Elfriede Jelinek * 1946
John von Düffel * 1966
Geburtstag
und wir würdigen das Geburtstagskind Preußler mit einem Jim Knopf-Fenster.

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Unser heutiger Buchtipp:

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Liliana Corobca:Der erste Horizont meines Lebens
Übersetzt aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Zsolnay Verlag € 18,90
als E-Book € 14,99

Die Zecke klebte am Bauch, gleich neben dem Nabel, trank das Blut des Kindes. Das Mädchen, eher vom Gebrüll des Bruders verängstigt denn von jenem schwarzen Punkt, machte sich auf, Hilfe zu holen. Normalerweise hätten die Schreie, wenn nicht das halbe Dorf, so doch zumindest den ganzen Dorfrand herbeieilen lassen, aber nun war niemand gekommen. Sie hätte die Zecke zwar herauslösen können, aber wenn der Kopf stecken blieb und eine andere nachwuchs, eine viel größere … oder, Gott bewahre, sie schlüpft ganz hinein und lebt dort, wo sie niemand herausholen kann, und der Bruder stirbt, ausgesaugt von einer Zecke.

Warum Christinas kleiner Bruder wegen einer Zecke nicht mehr zu beruhigen ist, erfahren wir etwas spät. Dann schreibt nämlich Liliana Corobca, dass die drei Kinder, die drei Hauptpersonen des Romanes, meinen, dass Zecken das komplette Blut aus einem Körper saugen, riesengroß werden und man natürlich dann tot ist. Dies haben sie vom Vater gehört, als er Zecken aus einem Schaf entfernte. Die zwölfjährige Christina und ihre Brüder Dane (6) und Marcel (3 leben in einem Bauerndorf im Nirgendwo von Moldawien. Das ist an sich nichts besonderes. Erschreckend ist jedoch, dass sie ohne Eltern dort leben. Und nicht nur sie allein. Im ganzen Dorf gibt es keine Eltern mehr, denn die sind im Ausland, um Geld für ihre Familien für’s Überleben, für ein Studium zu verdienen. Das „lange Geld“ wird es im Roman genannt. Dies ist kein Einzelfall, habe ich in der Zwischenzeit herausbekommen. Es gibt einige Reportagen über diesen Zustand. Christinas Mutter arbeitet als Haushaltshilfe und Kindermädchen in Italien, ihr Vater schuftet in einem sibirischen Bergwerk, dass ihm die Zähne ausfallen. Einmal im Jahr kommen sie ins Dorf zurück, zu ihren Kindern, zu ihrem Haus und Grund. Dann kocht die Mutter für das ganze Jahr vor, gefriert ein, kümmert sich um den Garten und anstatt eines Urlaubes, werden diese Tage für sie eine unglaubliche Schufterei.
Christina ist mit ihren zwölf Jahren auf sich gestellt. In ihrer altklugen Art beschreibt sie den Alltag im Dorf mit ihren kleinen Brüdern. Sie ersetzt Vater und Mutter, andere Verwandte haben sie kaum. Ihre Grossmutter gleitet in die Demenz und nur ein ferner Onkel hilft hin und wieder. Christina betrachtet die Welt sowohl aus naiver kindlicher Sicht, als auch aus einem sehr großen Erfahrungsschatz, der dem eines Erwachsenen gleicht. Sie ist machtlos und voller Kraft, sie ist traumatisiert und gefühlslos. Sie träumt von einem ersten Kuss und zieht sich in die Natur zurück. Sie ist die Stütze der Familie, organisiert, kocht, putzt und wäre eine tolle Schülerin, müsste sie nicht so viel daheim arbeiten. Sie haben Glück im Unglück, so sagen sie sich, denn Schulkameraden von ihr, werden von ihren Verwandten, bei denen sie wohnen, bis aufs Blut verprügelt.
Dies hört sich alles sehr dramatisch an, Liliana Corobca schreibt jedoch in einem leichten Ton, der dies in einem anderen Licht erscheinen lässt. Wir sind nicht einem einem Pippi Langstrumpf-Land, die ja auch gut ohne Eltern auskommt, aber ihre Beschreibungen des Alltags haben auch etwas Beruhigendes an sich. Sie schreibt mit einer großen Zärtlichkeit und Empathie über den Schmerz in den Herzen dieser Kinder, die jeden abend auf Befehl der großen Schwester heulen. „Und jetzt heulen!“, heisst es und es bedarf keiner weiteren Worte. Diese Einsamkeit der Kinder, ihre Angst bei Nacht, die Furcht vor anderen Erwachsenen zieht sich durch das Buch und doch habe ich ich es gerne gelesen, ohne nachts davon geträumt zu haben. Und in Träume rettet sich Christina immer wieder. Sie träumt von den Tagen, wenn ihre Eltern um sie herum sind. Sie träumt sich weg vom tristen Alltag. Sie rächt sich bitter an einem Schulkameraden und träumt gleichzeitig von der Nähe zu einem Jungen. Sie riecht an den parfümierten Damenbinden, die ihre Mutter ihr zur Seite gelegt hat, die sie jedoch noch gar nicht benötigt.
Dass die Realität noch viel dramatischer ist,lässt sich leicht nachlesen. Moldawien wurde und wird von allen Seiten ausgebeutet, das dörfliche Leben verschwindet und in einem Land, das nur einen Katzensprung von uns entfernt liegt, herrscht bittere Not. Das Land wurde von einer korrupten Regierung um ein Drittel des Staatshaushaltes betrogen, das sich die Führungsriege auf die Seite schaffte. Und wenn dann das Wort „Wirtschaftsflüchtling“ fällt, bekomme ich einen ganz dicken Hals.
Liliana Corobcas „Der erste Horizont meines Lebens“, der im Original „Kinderland“ heisst, ist ein Buch voller Hoffnung. Denn der Traum nach dem Horizont, ist das, was Christina am Leben hält. Immer wieder begibt sie sich auf ihren Wanderungen auf die Suche nach ihm. Vielleicht gibt es ihn auch gar nicht, sagt sie. Aber sie lässt nicht locker.

Mein Brüder suchen vom Hausflur aus keinen Horizont. Ich kann ihnen nicht einmal sagen, dass es ihn gibt. Vielleicht sind sie noch klein. Es gibt Dinge, zu denen gelangt man allein, ohne Ratschläge, Hinweise und allerlei vorgekaute Antworten. Wenn du ihn nicht sehen willst, wenn du ihn nicht suchst und von ihm träumst, sit der Horizont ein Wegrand und nicht mehr.

Leseprobe

Donnerstag

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Heute haben
Sofia Tolstaja * 1844
Ernst Meister * 1911
Alison Lurie * 1926
Fritz J.Raddatz * 1931
Kiran Desai * 1971
Geburtstag.
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Neu im CD-Regal:

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„Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“
Regie: Wash Westmoreland und Richard Glatzer
Schauspieler: Julianne Moore, Alec Baldwin, Kirsten Stewart u.a.
USA 2014
DVD € 12,99
Blu-Ray € 16,99
Buchvorlage von Lisa Genova
Lübbe Verlag € 8,99
Simon & Schuster € 10,99

Julianne Moore bekam für die Rolle von Alice Howland den Golden Globe und den Oscar für die beste Hauptrolle. Zurecht, wie alle Kritiken meinen. Beim Film  gehen die Meinungen weit auseinander.
Ja, es ist ein typisch konstruierter US-Film, der ohne Altersbeschränkung angeboten wird. Wie die beiden Regisseure, von denen einer auch das Drehbuch zum Roman geschrieben hat, uns langsam an den Gedächtnisverlust von Alice heranfühen, fand ich schon sehr gelungen. Sie führen uns in eine Szene eine und erst nach einiger Zeit, merken wir, warum sie sich gerade diese Episode herausgesucht haben. Es ist nicht immer so, dass wir sofort erahnen, dass, wenn Alice eine Rede vor Studenten hält, ihr plötzlich Wörter fehlen werden. Nein, der Film führt uns oft um ein paar Ecken und machtuns aufmerksam auf Kleinigkeiten. Genau das, was Alice nach und nach verliert, puzzeln wir uns im Film zusammen.
Alice ist Hochschulprofessorin an der Columbia in New York. Ihr Mann forscht dort,  die beiden beiden älteren Geschwister stehen gut in der Gesellschaft. Nur die jüngste Tochter ist ausgebrochen, wohnt an der Westküste und lebt als unabhängige Schauspielerin mehr schlecht als recht, st damit aber sehr zufrieden. Alice merkt, wie sie immer öfter Wörter vergisst, wie sie auf dem Campus die Orientierung verliert, wie sie Dinge nicht mehr findet. Nach einigen Gesprächen mit einem Neurologen, eröffnet er ihr, dass sie an Alzheimer erkrankt ist. Und zwar in einer erblichen Form. Der Schock sitzt tief, aber Alice trägt es zuerst mit Würde. Ihr Mann schwankt zwischen großer Zuneigung und der Vertiefung in seine eigene Arbeit. Alice sorgt vor, bespricht ein Video auf ihrem PC, in dem sie für später, wenn sie noch mehr vergessen hat, sich selbst den Tipp gibt, wo sich die Dose mit den Tabletten befindet. Sie trainiert sich auf verschiedene Weise, macht Worträtsel am Smartphone und doch bricht immer der große, graue Schleier über sie herein. Diesen verschlungenen Weg ins Vergessen zeigt der Film mit großer Zuneigung, lässt Hoffnungen entstehen und zeigt die folgenden Abstürze. Es sind Szenen von großer Verzweiflung, in der Alice ihr Vorhaben fast gelingt, bis ein „Hallo“ aus dem Erdgeschoss, ihre  Arbeit auf einen Schlag wieder zunichte macht.
Ein Indipendent-Film, bei dem die Weltstars auf große Gagen verzichtet haben. Wohl wissend, dass solche Themen gerade hoch im Kurs stehen. Für Julianne Moore ging die Rechnung doppelt auf. Alec Baldwin spielt sehr gekonnt die ganze Bandbreite des hin und her gerissenen Ehemanns und Kirsten Stewart (aus der Twilight-Serie) die anders lebende Tochter, die die größte Zuneigung zu ihrer Mutter entwickelt.
Ein lohnenswerter US-Film, der zwar viele Klischees mit im Boot hat, aber doch zu überzeugen weiss. Nicht nur durch die schauspielerischen Leistungen.

Website von „Still Alice“
Trailer auf deutsch
Trailer auf englisch

Samstag

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Heute haben
Herman Melville * 1819
Rose Macaulay * 1881
Mahmud Doulatabadi * 1940
Ernst Jandl * 1925
Geburtstag
und morgen
Isabel Allende * 1942
und James Baldwin * 1924

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Unser Musiktipp für ein entspanntes Wochenende:

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Cantar d’amore
Italian Lovesongs from Renaissance and Folk Tradition
Ensemble Oni Wytars
deutsche harmonia mundi € 19,99

Das Ensemble Oni Wytars hat sich 30 Jahren auf alte Musik spezialisiert und stehen somit in der gleichen Tradition wie Christina Pluhar und Jordi Savall. Auf alten Instrumenten bewegen sie sich mit großer Spiellaune durch die Musik von Vivaldi, alte Madrigale oder die Carmina Burana.
Auf dieser aktuellen CD haben sie sich den Liebesliedern der Renaissance aus Neapel, Saelnto, dem Gargano und der Toskana verschrieben. Wobei nicht ganz klar ist, welche Lieder von Unbekannten komponiert und auf Handzetteln verbreitet worden sind und welche Aufträge für königliche Höfe waren. Es sind liebevolle Melodien über das Thema Liebe, aber auch schwermütige über das vergehen derselben. Wilde Gesänge zum Tanzen und rührende Kinderlieder. Anklänge an eine Tarantella und Musik, die sich ausgezeichnet für einen lauen Sommerabend eignen. Mit oder ohne Rosé. Mit der römischen Sängerin Gabriella Aiello haben sie einen Gast mit dabei, die sich auf alte italienische Musik spezialisiert hat und zwei Lieder ohne Instrumentalbegleitung singt.
Diese Lieder der Troubadoure und fahrenden Sängern haben immer noch eine unglaubliche Kraft und Schönheit, dass es eine wahre Freude ist, dieser Neueinspielung zuzuhören.
So haben wir zweimal in dieser Woche das Thema: „Liebe“ auf unserem Blog. Einmal in der Sammlaung: „Liebeslyrik“ im Reclam Verlag und jetzt noch in musikalischer Form vom Ensemble Oni Wytars.

Eines meiner Lieblingslieder auf der CD ist folgendes, das in einer sehr ruhigen Weise a capella gesungen. Wobei die catanelle kleine Goldkettchen sind, die sie sich von ihrem Herzen zu seinem gesponnen hat. (So habe ich es wenigstens verstanden)

E cinquecento catenelle

E cinquecento catenelle d’oro
Hanno legato lo tuo cuore al mio

E l’hanno fatto tanto stretto il nodo
Che non si scioglierà né te né io

E l’hanno fatto un nodo tanto forte
Che non si scioglierà fino alla morte

Iersera posi un giglio alla finestra
Iersera ‘l posi e stamani gli è nato

O giglio giglio quanto sei crescente
Ricordati del ben ch’io ti vo’ sempre

O giglio giglio quanto sei cresciuto
Ricordati del ben ch’io t’ho voluto

E cinquecento catenelle d’oro
Hanno legato lo tuo cuore al mio

E l’hanno fatto un nodo tanto forte
Che non si scioglierà fino alla morte

Die Website des Ensemble Oni Wytars mit vielen Infos, Bilder, Terminen und einigen Musikvideos.

Montag

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Heute haben
Wilhelm Heinrich Wackenroder * 1773
Gustav Freytag * 1816
Isaak Babel * 1894
Georg Hensel * 1923
Wole Soyinka * 1934
Helga Königsdorf * 1938
Milena Moser * 1963
Geburtstag

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Unser Buchtipp:

9783219116328

Sophy Henn: „Ein Platz für Bär“
Annette Betz Verlag € 12,95
Bilderbuch ab 4 Jahren

Ein schneeweißer Bär und ein Junge im Ringelpulli stehen im Mittelpunkt dieses Bilderbuches. Die beiden machen alles gemeinsam. Sie sind die dicksten Freunde, trinken und feiern zusammen und alles könnte so prima sein, wenn der knuddelige Bär mit den süßen Knopfaugen nicht immer größer werden würde. Der Junge wächst natürlich auch, aber der Bär wird so richtig groß. Wie Bären halt so sind. Dazu kommt noch, dass er natürlich auch jede Menge Unfug macht. Wie zum Beispiel, den Kühlschrank plündern und im Gartenteich plantschen. Als der Bär dann auch noch die Nachbarn erschreckt, überlegt sich der Junge, dass er einen besseren Platz für seinen Freund finden muss. Allerdings gibt es in der Straße kein passendes Geschäft, in dem der Bär bleiben mag. Auch nichtim Spielzeugladen. Der Zoo ist zu traurig, der Zirkus zu wild. Im Wald ist es zu gruseilg, in der Höhle viel zu dunkel und im Urwald zu gefährlich. Was tun? Wohin mit dem Bären? Wir sehen, wie der Junge mit seinem Bären vor dem Kühlschrank steht und wie sie gemeinsam ein kaltes Eis essen. Da hat der Junge eine prima Idee.
Wohin die Reise geht, das schauen Sie im Buch nach. Es ist eine weite Reise an einen abgelegenden Ort unserer Erde. Aber dort fühlt sich der weiße Bär sehr wohl. Wir sehen ihn glücklich im Kreis seiner neuen Familie. Auch der Junge ist glücklich mit seinen Freunden und einem kleinen Hund, der bei ihnen steht.
Auch wenn die Entfernung noch so weit ist, die beiden plaudern stundenlang am Telefon und ab und zu verreisen sie gemeinsam an einen besonderen Ort.
Sophy Henn hat ein sehr freundliches Bilderbuch über Freundschaft, aber auch sich trennen müssen und trotzdem in Kontakt bleiben, geschrieben und gemalt. Der Text ist so einfach, dass sich die kleinen Zuschauer gut in die Gefühlslagen der beiden Freunde hineindenken können.

Ah, vergessen: Das Buch beinhaltet noch eine gefaltete Messlatte.

Auf der Website von Sophy Henn gibt es jede Menge Bilder.
Und sie zeigt uns, wie man einen Bären malt.

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Mit dem Beginn der neuen Woche, kommen auch wieder Ungereimtheiten
von Werner Färber.

Und diesmal passt das erste Gedicht haargenau.

Nichts für schwere Bären

Wenn ein großer, schwerer Bär
einen Baum, der ungefähr
zwölf Zentimeter dick, besteigt,
sich dieser schnell zur Seite neigt.

Neulich im Netz

Kunden, die diesen Artikel
gekauft haben, kauften auch:
eine Creme gegen Pickel
und einen Holunderstrauch.

Außerdem noch Senf und Socken,
einen Kühlschrank und ein Pferd.
Eine Kiste Riesling trocken
sowie einen Ceranfeld-Herd.

Im Übrigen sahen die Kunden
nebenher noch dies und jenes …
Merkten dann jedoch nach Stunden,
dass darunter war nix Schenes.

Die meisten werden ahnen schon,
wo ich all jene Infos fand:
Ich war zu Gast bei Amazon.
(Angeblich ein Buchversand …)

Montag

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Die Kröten sind wieder da und im Teich wimmelt es von ihnen.
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Heute haben
Alexander Roda Roda * 1872
Samuel Beckett * 1906
Stephan Hermlin * 1915
Seamus Heaney * 1939
Zeruya Shalev * 1959
Geburtstag
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Barbara Honigmann: „Chronik meiner Straße“
Hanser Verlag € 16,69
Als eBook € 12,99

Barbara Honigmann verließ mit ihrer Familie 1984 die DDR und zog Richtung Westen. Und zwar gleich soweit, dass sie zwar aus Deutschland rausging und in Frankreich landete. Allerdings dort ganz im Osten, in Straßburg und da auch im Osten, wiederum in Richtung Deutschland. Sie fanden eine Bleibe in der Rue Edel, eigentlich ein Profisorium, wie sie immer wieder im Buch betont, eine Straße für den Anfang. Wenn dann mal alle Koffer ausgepackt sind, dann würden sie sich etwas Besseres suchen. Mittweile leben sie seit 30 Jahren in der gleichen Straße, im gleichen Haus, dem Zweithäßlichsten. Das Hässlichste steht gegenüber und gehört der Telekom. Es sind immer noch nicht alle Koffer ausgepackt, die Kinder sind längst aus dem Haus, aber das Ehepaar Honigmann zieht wohl nicht mehr aus. Obwohl? Eine Grabstätte haben sie sich schon gekauft. Es war ein Schnäppchen, wie ihr Mann meinte. 30 Jahre sind eine lange Zeit, eine Generation und Barbara Honigmann kann viel berichten über die Straße des Anfangs, die eingezwängt zwischen Schulen und großen Alleen liegt und an der man sicherlich nicht vorbeikommt, wenn man Straßburg einen Besuch abstattet. Naja, jetzt vielleicht.
Sie berichtet über die Menschen auf der Straße, die sie von ihrem Schreibtisch aus beobachtet. Sie erzählt Begebenheiten mit Menschen, die aufgetaucht und wieder verschwunden sind. Von Menschen, mit denen sie eine enge Beziehung einging und sie dann tragischerweise wieder verlor. Es gab drei jüdische Witwen, denen sie half Eingaben zur Wiedergutmachung zu schreiben, mit denen sie zu Anwälten und Behörden ging. Es gibt die Jungen auf der Straßen, mit den Kapuzen, die trinken und laute Musik hören. Es gibt die komplett verschleierten Frauen, die meist im Pulk auftreten und den gesamten Gehweg beanspruchen, so dass ihr nur die Flucht auf die Straße bleibt. Kommt jedoch ein dazugehörender Mann, bilden sie schnell eine Gasse, durch die er elegant gleiten kann. Es gibt den Verrückten, der sein nacktes Hinterteil zum Balkon hinaushängt und die Besitzer, der kleinen Läden, die eröffnen und plötzlich wieder geschlossen, oder weiterverkauft sind. Jahrelang trifft sie einen grantigen, stillen Mann, der oft stundenlang an einem alten Mercedes schraubt. Mit laufenden Motor und lauter Musik. Erst als ihr Mann ihn provozierend oft grüßt, fängt er an seine traurige Geschichte zu erzählen. Barbara Honigmann erzählt die Geschichten der einfachen Menschen aus verschiedenen Nationalitäten, ohne auf dem Begriff Multikulti herumzureiten, der auch hier in ihrer Straße nicht existent ist. Neu dazugekommen ist eine neue Nationalität, die sie nicht zuordnen kann. Sie tauchen mit fetten Autos auf, die sie nicht einparken, sondern auf der Straße abstellen. Die Motoren laufen, die Radios brüllen. Die dazugehörenden Typen könnten einem Mafiafilm entsprungen sein und die Damen stolzieren geschickt mit ihren High-Heels zu den passenden Schlitten. So plötzlich, wie er aufgetaucht ist, verschwindet der Convoi und es herrscht wieder Ruhe in der Straße.
Ich könnte noch viele Episoden aus dem Roman erzählen, möchte aber, dass Sie das Buch lesen und sich dabei genau so wohlfühlen, unterhaltenlassen, wie es mir ergangen ist.
Die „Chronik meiner Straße“ ist sicherlich nicht die große Literatur, aber eine gekonnte literarische Verarbeitung ihrer 30 Jahre in Frankreich, im gleichen Haus, in der selben Straße, in der Hoffnungen auftauchen, Träume verfliegen und Enttäuschungen zwangsläufig sind.

Leseprobe

Barbara Honigmann, 1949 in Ost-Berlin geboren, arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin. 1984 emigrierte sie mit der Familie nach Straßburg, wo sie noch heute lebt. Honigmanns Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Kleist-Preis und dem Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich.

Die Rue Edel auf google maps.