Samstag, 12.August

Heute haben
Jacinto Benaventa * 1866 (Nobelpreis 1922)
Alfred Kantorowicz * 1899
Miguel Torga * 1907
Karl Mickel * 1935
Ulrich Treichel * 1952
Geburtstag
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Carl Busse
Im August

Moorblüthe leuchtet im Purpurkleid,
Singende Bienen weit und breit.

Badende Kinder, sonnenbetaut,
Plätschern im Flusse mit jubelndem Laut.

All die Lerchen aus Rand und Band,
Wanderlieder durchklingen das Land.

Und vom Himmel das leuchtendste Stück
Blieb in den Blicken der Menschen zurück.
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Eine Entdeckung:


Yevgeniy Breyger: „Frieden ohne Krieg
Gedichte
kookbooks € 24,00

Auf diesen Lyrik-Band, auf diesen Autor, bin ich durch eine Buchbesprechnung gekommen.
Unglaublich starke, emotionale, aktuelle und wohl auch sehr biographisch-persönliche Texte finden sich in dem schön gestalteten Band.
Yevgeniy Breyger hat einen Gedichtband fertig, ist mit dem Lektorat im Gespräch, letzte Änderungen stehen an. Dann fällt Russland in die Ukraine ein, tötet und mordert. Jetzt kann er den vorgelegten Gedichtband nicht veröffentlichen. Ein Buch voller Lyrik, in denen dieser Krieg nicht vorkommt.
Also zieht er alles zurück und beginnt neu zu schreiben. Wie soll das gehen, in der Schnelle?
Das Ergenis sehen wir hier. Texte über den Überfall, über Literaturveranstaltungen in Deutschland, in der viel geredet wird, aber nicht über den Krieg. Nicht über Mord, Folter und Vergewaltigung.
Für den Autor ist es nicht zum Aushalten. Aber er schreibt es auf.

Dies schreibt der Verlag:

Der Gedichtband „Frieden ohne Krieg“ von Yevgeniy Breyger beginnt mit einem tagebuchartigen erzählenden Langgedicht in einfacher mündlicher Sprache, das die Geschichte seiner jüdischen Familie während des Holocausts bis hin zur Flucht aus der Ukraine nach Beginn des russischen Angriffskriegs beschreibt. Dieses und die folgenden zahlreichen Erzählepisoden verbinden dabei stets aktuellste Ereignisse aus dem Krieg mit unmittelbaren Erfahrungen des Dichters und seiner Familie, die damit in Kontext gesetzt werden. Die Gedichte sind hochgradig emotional, privat und autobiographisch. Es entsteht der Eindruck eines nicht-fiktionalen persönlichen Kriegsjournals, einschließlich der Auseinandersetzung mit den zwei Muttersprachen Deutsch und Russisch, die der hadernde Dichter als russischsprachiger ukrainischer Jude nun als kontaminiert begreift, um im letzten Gedicht doch einen Ausblick auf die Möglichkeit von Glück, Frieden und dem Entwachsen von Neuem aus Altem zu bieten. Folgerichtig schließen sich an diesen etwa 50-Seitigen-Zyklus zwei weitere Teile an – eine wieder klassisch gedichthafte leise und feine Auseinandersetzung mit der Tatsache, das Ukrainische Mütter während des Kriegs in die Idee entwickeln, Kontaktadressen auf die Rücken ihrer Kinder zu schreiben, sollten sie selbst im Zuge der Angriffe umkommen, um den Kindern ein Weiterleben zu ermöglichen; sowie ein dreisprachiges Langgedicht, zu gleichen Teilen Deutsch, Russisch und Englisch, das Verbindungen zu T.S. Eliots „The Waste Land“ herstellt und Parallelen zu den Ereignissen aufzeigt die 2022 inzwischen ihr 100-jähriges Jubiläum fristen und damals zu Faschismus, Krieg und Massenmord geführt haben. Bei aller Verzweiflung dieser Gedichte, scheint jedoch stets Ergriffenheit und damit Hoffnung aus ihnen hindurch. „Frieden ohne Krieg“ ist ein tröstendes aktuelles Werk, eines, das in diesen Zeiten dringend gebraucht wird.

#reite den weg

liebes tagebuch, kriegsbuch, asbestbuch und schwefelbuch dampf-
schwadenbuch über panzerkarossen, das kind
rollt in den haufen fallobst. die botschaft auf seinem rücken
wird lesbar. neben mir sitzt die lampe, denn jedes
bescheidene ding ist ausgezogen. rette weiter! reite den weg
du flüsterst: wir treten den weg, wir malträtieren den weg
verschwinde weg, verschwinde phosphor, greller als wort
und idee. du flüsterst dem kind: dreh dich um, schöner stein°

Montag

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Sonntagmorgen
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Heute haben
Wolfgang Amadeus Mozart * 1756
Lewis Carroll * 1832
Ilja Ehrenburg * 1891
Mordecai Richler * 1931
Ismael Kadaré * 1936
Benjamin von Stuckrad-Barre * 1975
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Sonntagnachmittag
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Uljana Wolf:meine schönste lengevitch
Kookbooks € 19,90
Hier reservieren

„sist zappenduster im gedicht, welche sprache es wohl spricht?“
Uljana Wolf bringt jedoch Licht ins Gedicht. In allen Sprachen und allen Variationen. Sie mixt, schüttelt und rührt. Damit verliert sie nicht den Rhythmus, den Fluss (flow), die Form. Wenn die Texte (halb)laut gelesen werden merken wir das viel besser, als beim stillen Genießen.

DOPPELGEHERREDE

ich ging ins tingeltangel, lengevitch angeln. an der garderobe bekam jede eine zweitsprache mit identischen klamotten, leicht gemoppeltes doppel. die spiegel aber zeigten nur eine von uns, ich schluckte: kalte spucke, spuk. hinten hoppelten wortkaninchen aus ashberys hut. zum ballsaal dann, mit meinem zwilling zirkumstanzen, am tresen ein köpfchen kaffee mit mrs. stein. dass ich gespenster seh!, rief plötzlich aus der nische, wo das denken dunkeldeutsch blieb, mr. veilmaker im schlafanzug der philosophen. ein kressekästchen vor der brust, verblüfft: wächst auf einem weißen blatte! ohne alle erde! wurzellos! ich wollte nach paar samen fragen, doch mein zwilling sprang, ging schwofen mit dem mann. wer schatten hat, muss für die spots nicht sorgen, sagte mrs. stein, packte ihre knöpfe ein.

Uljana zitiert, klaut, trägt zusammen. Der Esel aus dem Märchen der Brüder Grimm taucht auf. Genauso wie der Schnee vor meiner Haustüre. Unsere Kanzlerin, „deren sache es ist, sich in gehauchtes nichts zu verwandlen?“ darf auch mitmachen.
„wenn es zeit ist für orangen, ist keine zeit, no time at all, für nichts. ich esse nur orangen, at least they exist, wenn sonst nicht viel ist.“, passt gut in meine Orangenzeit.

KLEINE STERNMULLREDE

sist zappenduster im gedicht, welche sprache es wohl spricht? sternnase anstellen, tasten, fahnden. schmale fläche hier, seidene falz. könnten tofuwürfel sein. oder toffee, wenn die ränder schroffer wären. an den rändern liegt so manches, nur wo lieg ich? verweilung, auch am vertrautesten nicht. lange gänge, mischung der schichten, luft rundum – will sagen: terrine. oder terriersnack. ach käm ich weg, nach draußen, wo die fahnen der namen wehen, ich fänd ein wort für meine lage. aber wo nehm ich, wenn in dunklen regalen, wo so ein sauberes sprechen, eigen rechts und feigen links? ich höre husten, dumpfes traben. naht er schon, der hundefreund? ein grenzermund? oder trecker, ja: verkauf die mal.

Die Texte von Iljana Wolf machen einfach Spaß, sind aktuell und unverständlich. Glasklar und witzig und in diesem schmalen Büchle finde ich Zeile, die ich beim ersten Lesen nicht bemerkt habe. Tauchen die ungefragt auf? Ich traue der Autorin alles zu, da hinter den Buchstaben immer ihre schelmische Art zu entdecken ist. Sie hat ein feines Gewebe, ein Spinnennetz produziert, das einen gefangen hält, nicht so schnell losslässt. Das Netz lässt sich aber auch als Tache benutzen, in die wir unsere eigenen Fundstücke packen können.

„diese sprache war mal firn, dann feriendings, die leuchtet jeden heim. und wo soll das sein: ‚schnurz‘.“