Dienstag

Heute haben
Egon Erwin Kisch * 1885
Walter Janka * 1914
Walter Kempowski * 1929
Bjarne Reuter * 1950
Lilian Faschinger * 1950
Geburtstag
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Heute kommt mein Eintrag etwas später, da ich nicht daheim bin, sondern auf einem halbjährliche Treffen mit befreundeten BuchhändlerInnen aus dem Ländle. So sitze ich im Frühstrücksraum, habe endlich Internetzugang und sehe den Montagearbeitern zu, wie sie so langsam eintrudeln.

Heute hat Egon Erwin Kisch Geburtstag und der Autor des heutigen Buchtipps erhielt 2006 der renomierten Kisch-Preis für eine Reportage über den Freitod seines Bruders.

Grill

Bartholomäus Grill: „Um uns die Toten“
Meine Begegnungen mit dem Sterben
Siedler Verlag € 19,99

Bartolomäus Grill, Jahrgang 1954, in Oberaudorf am Inn geboren, studierte Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte. Ab 1993 berichtete er als Korrespondent der ZEIT aus Afrika, seit Anfang 2013 ist er Afrika-Korrespondent des SPIEGEL, wo er zuletzt über den Tod Nelson Mandelas schrieb.
In dieser Neuerscheinung schreibt er über den Tod, der uns alle begleitet und dem er schon so oft begegnet ist. Seine eindringlich geschilderten Begegnungen mit dem Sterben, vom frühen Tod der Schwester über das Lebensende der Eltern bis hin zum Massensterben in Afrika und dem Freitod des unheilbar kranken Bruders, machen dieses Buch zu einer ganz persönlichen und zugleich allgemeingültigen Auseinandersetzung mit dem Tod. Grill schafft es von seinen ganz persönlichen Aufzeichnungen über den Tod seines Grossvaters, seine streng katholische Kindheit, sein Ausbrechen aus dieser Enge, einen ganz großen Bogen zu schlagen, zu seiner journalistischen Arbeit in Afrika. Dort, wo es Massenmord und Massentod gab, wo Krieg herrschte und Hungersnöte und Epidemien ausgebrochen sind. Er findet aber den Weg wieder zurück in sein Heimatdorf und eröffentlicht zehn Jahre nach seinem Bericht über den Tod seines Bruders, diesen Text hier und unterfüttert ihn zum Beispiel mit einem aufwühlenden Streitgespräch mit Robert Spaemann.
In Grills Familie starb seine schwerstbehinderte Schwester ein Jahr nach ihrer Geburt. Grills Vater lehnte es ab, dass die Kleine im Familiengrab beigesetzt wurde, vielmehr, dass ihr Name auf den Grabstein kommt. Der Vater stirbt einsam und nicht geliebt und dann erkrankt 2004 Grills jüngerer Bruder an Zungenkrebs. Er entschließt sich, nachdem alle ärztlich Hilfen fehlgeschlagen sind, er nur noch unter heftigsten Schmerzen lebt und keine Chance auf eine Besserung sieht, den Weg in die Schweiz, um dort, in Zusammenarbeit mit der Organisation Dignitas, seinem Leben ein Ende zu bereiten.
Grill beschreibt dieses Monate der Qualen für den Bruder und seine endgültige Entscheidung. Er schildert uns den Zwiespalt zwischen den Meinungen der Freunde des Bruders und denen des Dorfpfarrers, der beteiligten Ärzte und natürlich der Mutter. Auf der einen Seite eine wohlwollende Zustimmung zur Entscheidung des Bruders, auf der anderen Seite die komplette Ablehnung. Für die Mutter ist es eine unvorstellbare Vortsellung, einerseits ihr zweites Kind zu verlieren und dann noch auf diese Art und Weise. Bartholomäus Grill unterbricht diese Aufzeichnung mit der letzten Fahrt des Bruders, der hinten in einem Bulli mit Vorhängen liegt und an der Schweizer Grenze von den Beamten gar nicht bemerkt wird. Dieser letzte Tag ist bewegend aufnotiert, hat aber auch eine ganz besondere Art von Witz (entschuldigen Sie diesen Ausdruck, aber es wirkt immer wieder traurig skuril).
Das Streitgespräch mit Robert Spaemann, der auch als Berater von Papst Benedikt XVI. fungierte, folgt auf den Bericht und hier treffen nun zwei konträre Meinungen aufeinander. Grill gilt mittlerweile als „Experte“ für den gewählten Freitod, wie ihn sein Bruder gewählt hat. Er könnte in allen Talkshows der Republik auftreten, lehnt dies aber kategorisch ab und trifft hier nun auf einen vehementen Gegner dieser Meinung. Dass Spaemann die Rechte für diese Veröffentlichung gab, zollt ihm hohe Achtung.
Grill schließt sein Buch mit dem Tod seiner alten Mutter ab. Ganz persönlich, ganz nah und sehr bewegend, schildert er diese letzten Tage und Stunden. Und wer dies schon erlebt hat, merkt wie genau Grill beobachtet.
Was das Besondere an diesem Buch ist, dass Grill seine Texte immer wieder mit Texten von Philosophen unterfüttert, dass er sich Unterstützung aus der Weltliteratur jeglicher Art holt. Damit schafft er einen weiteren Bogen, weg vom persönlichen Berichten, hin zu einer Aufzeichung, was der Tod in unserer Gesellschaft bedeutet, wie er sich gewandelt hat und welche Meinungen immer noch vorherrschen. Leben mit dem Tod, das Verneinen der Endlichkeit des Lebens, die vielen Ikonographien in den katholischen kirchen Europas sind einige der Themen, die er so nebenbei einfügt. Ein Zitat fällt mir noch ein, allerdings habe ich den Verfasser vergessen: „Langfristig gesehen sind wir alle tot“.

Leseprobe

Montag

Heute haben
Octavio Paz * 1914 (100.Geburtstag)
John Robert Fowles * 1926
Geburtstag
und es sind die Todestage von
John Donne (1631)
Charlotte Bronte (1855)
Christian Morgenstern (1914. 100.Todestag)
Egon Erwin Kisch (1948)
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Das ist doch das Schöne am Lesen von Romanen. Umso mehr man um sich herumsammelt (im Kopf, nicht unbedingt im Regal), umso mehr Verknüpfungen gibt es.
Am Samstag stellte ich Volker Weidermanns Buch „Ostende“ vor, in dem unter anderem Irmgard Keun (als Freundin von Joseph Roth) eine wichtige Rolle spielt. Ich habe mir dann sofort eines ihrer Bücher besorgt (s.u.), in dem dann eine Straße in Köln vorkommt, in der mein Sohn heute lebt. Nach dieser Lektüre kam gestern nachmittag Szczepan Twardoch: „Morphin“ dran, das im selben Jahr 1937 spielt, als Keuns Roman „Nach Mitternacht“ herauskam. Allerings spielt er in Polen, hat aber viele gleiche Themen. Nicht zu vergessen, dass unser Besteller im Laden („Der Trafikant“) auch um dieses Jahr herum in Wien spielt und den gleichen Hintergrund hat.
Dann ist heute der Todestag von Egon Erwin Kisch, der natürlich mit Zweig, Roth und Keun in Ostende sitzt und redet und trinkt.
Abends dann noch Ruth Ozekis neuen Roman: „Geschichte für einen Augenblick“ angefangen. Da taucht öfter der Name Marcel Proust und seine Suche nach der verlorenen Zeit auf, den ich gerade als Hörbuch höre und Ruth Ozekis Mann, der im Roman, genau wie sie selbst, auftaucht kommt aus Stuttgart. Beide leben aber auf einer kanadischen Insel.
Vielleicht alles etwas weit hergeholt, diese Bezüge; trotzdem lassen sie für mich ein besondere Nähe zu den Büchern entstehen.

Keun

Irmgard Keun: „Nach Mitternacht
List Taschenbuch € 9,99

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Was für ein Romananfang! Ich kannte bisher noch keine Zeile von Irmgard Keun, habe über den „Ostende“-Roman etwas über sie erfahren und danach noch über sie nachgelesen. Aber so einen Start hatte ich nun gar nicht erwartet.

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Der Roman spielt in Frankfurt und Köln zwischen den Jahren 1933 und 1935. Die Nazis kommen an die Macht und alle Menschen, die nicht in deren Denkweise passen, haben darunter schwer zu leiden. So auch die (am Anfang) 16jähre Sanne, die von zu Hause nach Köln zu ihrer Tante zieht. Von ihr soll sie monatlich Geld bekommen, das sie aber in kostenloses wohnen verwandelt. Zwei Jahre lang lebt sie bei der nazibegeisterten Tante und verlobt sich gegen Ende mit deren Sohn Franz. Das ist der Tante zu viel und sie verleumdet sie bei der Gestapo. Nach einer Nacht mit Verhören kommt Sanne wieder frei. Als Sanne und Franz gemeinsam einen Zigarettenladen eröffnen wollen und sie nach langem Sparen tatsächlich einen Raum plus Wohnung, plus Einrichtung und guten Verbindungen zu Händlern haben, kippt die Gesichte wiederum durch Denunziation. Was dann auch dem Roman den Titel gibt.
Das ist in Kurzform der inhaltliche Rahmen des schmalen Romans. Irmgard Keun hatte mit ihrem Roman „Das kunstseidene Mädchen“ als sehr junge Frau einen großen Erfolg und schildert in diesem Roman hier den Alltag im Nazideutschland. So direkt und frech, wie sie das schreibt, wundert es mich nicht, dass ihre Bücher verboten wurden und sie ins Exil gehen musste.

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Dieses Leben in den Kneipen, auf Parties, das Zusammenleben von Intellektuellen, die keine Anstellung mehr haben und statt bei der Tageszeitung als Redakteuer zu arbeiten, sich mit Singen zur Gitarre über Wasser halten, macht deutlich, auf welchem schmalen Grat diese Menschen damals gelebt haben. Immer im Hinterkopf, dass am Nachbartisch jemand sitzt, der plaudert. Auch das Miteinander mit jüdischen Freunden wird zur täglichen Gefahr. Aber Keun dreht den Spieß um und schreibt fast satirische Szenen, wie zum Beispiel mit dem „Stürmermann“, auf Grund der intensiven Lektüre des „Stürmers“ ganz wild auf Ahnenforschung ist und in der Kneipe eine Wünscherute auspackt, mit der er Juden erkennen kann. Nun sitzt neben Sanna tatsächlich ein Jude, dem es ganz anders wird. Sanne dreht die Schraube aber noch weiter, als der Stürmermann erklärt, dass er im Sternzeichen des Löwen geboren und dass das etwas ganz beonderes sei; sie erzählt nämlich, dass der Herr neben ihr auch im selben Sternzeichen geboren wurde. Es kommt also zu einer Verbüderung des dumpfen Nazis mit dem eingeschüchterten Juden und Keun pervertiert diese ganze Nazidenke innerhalb weniger Zeilen.

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Irmgard Keun zeigt in ihrer schnoddrigen Art zu schreiben, in ihrer leichten Art die ganze Grausamkeit des aufkeimden Nazideutschlands. Sie schreibt über den unmöglichen Widerstand des Einzelnen gegen das Regime, das große Unterstützung in der Bevölkerung hat.
Ein großes Lesevergnügen und eine wirkliche Bereicherung in meinem Lesekanon.
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Nicht vergessen:
Morgen, Dienstag um 19 Uhr stellen wir wieder vier Romane vor.
Es liest Clemens Grote.
Der Eintritt ist wie immer kostenlos.
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Neue Bücherbilder gibt es auf unseren folgenden Seiten zu sehen:
jastram.tumbl.com
und
wiebuecherleben.tumblr.com

Montag

Ein grauer, nasser Morgen.

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Heute haben
Konstantinos Kavafis * 1863
Egon Erwin Kisch * 1885
Walter Mehring * 1896
Walter Kempowski * 1929
Geburtstag.
Und: Kavafis ist an seinem Geburtstag im Jahre 1963 gestorben.
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Nachdem wir in den letzten Einträgen öfters über’s Trinken und Essen geschrieben haben, gibt es heute ein ungemein schön illustriertes Bilderbuch über 100 Obst- und Gemüsesorten.

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Virginie Aladjidi
Cornelia Panzacchi (Übers.)
Emmanuelle Tchoukriel (Illustr.)

Kiwi, Kürbis, Kokosnuss
100 x Obst und Gemüse
Gerstenberg Verlag € 13,95
Bilderbuch ab 5 Jahren

Sind Tomaten und Auberginen von Obst oder Gemüse? Was ist einen Bananenhand? Wie heisst der deutsche Name für „Lycopersicon esculentum“ und wie wächst die Pflanze? Woran hängt eigentlich eine Cashew Nuss? Und was hat es mit Pilzen auf sich?
Diese 100 hier vorgestellten und herrlich illustrierte Früchte machen Lust, mehr über die wunderbare Welt der essbaren Pflanzen zu erfahren. Eine Mischung aus Bilderbuch und Nachschlagewerk für die ganze Familie. Es sind zwar kleine Tipps enthalten, was wir mit den Früchten machen können, leider nicht sehr viel. Also keine Anleitung zum Kochen und Backen.
Es ist ein klassisches Pflanzenbestimmungsbuch im Stile historischer Farbtafeln, die einfach beeindruckend sind.

In ähnlicher Aufmachung sind im Gerstenberg Verlag auch folgende Bücher erschienen:

Pyra

Pyramiden, Kreml, Kölner Dom
Die schönsten Bauwerke der Welt

Katze

Käfer, Katze, Krokodil
100 tolle Tiere
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Heute abend um 19 Uhr liest Jochen Schmidt bei uns in der Buchhandlung aus seinem neuen Buch: „Schneckenmühle“
Eintritt € 7,00.
Sie sind herzlich willkommen.
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