Montag

Erasmus von Rotterdam
Der Umgang mit Büchern führt zum Wahnsinn
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Heute haben Walden * 1878
Hans Arp * 1886
W.Bergengruen * 1892
Friedrich Torberg * 1908
Geburtstag
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Robert Walser
Gelassenheit

Seit ich mich der Zeit ergeben,
Spür ich etwas in mir leben,
Wärme, wundervolle Ruh.
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Gestern war ein passender Lesetag, bei dem Wetter vor den Fenstern.
Etwas Sonne, viel Regen und Nebel, der aus dem Tal heraufzieht.
Und so kam ich endlich dazu, ein Buch zu lesen, das uns schon länger vom Verlag als Leseexemplar geschickt worden ist und das wir als amerikanisches Taschenbuch seit Wochen im Regal stehen haben.
Ab diesem Monat nun also auch in deutschen Buchhandlung erhältlich:

Ward

Jesmyn Ward:Vor dem Sturm
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Becker
Kunstmann Verlag € 21,95
als eBook € 17,99
Salvage The Bones € 11,99

Vor ein paar Jahren im Mississippi-Delta: Das Mädchen Esch, ihr kleiner und ihre zwei größeren Brüder wohnen sehr ärmlich in einem Holzhaus, das schon bessere Tage gesehen hat. Genauso wie die Familie insgesamt. Ihre Mutter ist bei der Geburt des letzten Kindes Junior gestorben und ihr Vater säuft sich durch die Tage. Das Anwesen besteht aus alten Autowracks, ein paar Hühnern, ein paar Bäumen und die Jungs versuchen durch Diebstähle ihren Alltag etwas aufzubessern.
Es ist Sommer und das Radio meldet einen heraufziehenden Hurricane. Diese Meldungen werden immer dringlicher, bis dahin, dass das Gebiet evakuiert werden soll. Das heisst, dass die Menschen auf den Weg machen sollen. Aber wohin?
Dies allein würde schon genügen. Aber Jesmyn Ward erzählt uns, was diese schwarze Familie im Innersten bewegt und warum sie sich nicht richtig entscheiden können, den Regierungsanweisungen zu folgen.
Ihr größerer Bruder Skeetah liebt seine Pitbull-Hündin China abgöttig. Nun hat sie auch noch Welpen bekommen, von denen er sich viel Geld verspricht, wenn er sie verkaufen kann. Seine ganze Liebe, seine Zuneigung, seine Gedanken und auch seine Zeit sind bei seinem Hund. Skeetah richtet China für Hundekämpfe ab, von denen das Buch auch noch erzählt. Sein Tagesablauf richtig sich nach seiner Hündin. Sein Bruder Randall könnte Profibasketballer werden und wird zu einem Auswahlspiel eingeladen. Er hat gute Chancen, wird aber von seinem Coach rausgeschmissen, da am Spielfeldrand Skeetah mit einem Freund einen handgreiflich Streit anfängt. Und genau in diesen Tagen merkt die fünfzehnjährige Esch, dass sie schwanger ist. Schwanger von einem Jungen, der, nachdem er es erfahren hat, nichts mehr von ihr wissen will. Der Vater, der als einziger versucht, etwas gegen den Sturm zu unternehmen, verliert bei diesen Vorbereitungen drei Finger einer Hand.
Schlimmer könnte es also für diese arme schwarze Familie nicht kommen.
Jesmyn Ward, lässt uns durch Esch die Geschichte erzählen und es ist verrückt, wie wir mit allen Personen eine große Empathie entwicklen. Ich habe mit Hundekämpfen wirklich nichts am Hut; wie Ward sie aber beschreibt, die Gefühle von Skeetah, ist schon groaßartig. Auch das Innenleben von Esch, die eigentlich noch ein Kind ist und keines mehr sein kann/darf, beschreibt sie großartig. In all dieser Derbheit, in dieser Armut und versteckter Gewalt, steckt eine große Portion Wärme. Fast poetisch ist Wards Sprache in Passagen, wie sie den Pittbull beschreibt, oder wie sie in die griechische Mythologie abtaucht, da Esch gerade ein Buch über die alten Götter in der Schule liest und daraus große Kraft schöpft. Der Zusammenhalt der Familie macht das Buch aus. Ein Zusammenhalt von Personen, die ganz eigene Vorstellungen von ihrem Leben haben. Es beginnt mit einer Geburt unter einer nackten Glühbirne. Aber es ist kein Mensch, der hier geboren wird, sondern die fünf Welpen. Wir erfahren jedoch, dass Eschs Mutter auch unter einer nackten Glühbirne ihre Kinder bekommen hat und bei Esch wird es nicht viel anders sein.
Der Sturm Katrina kommt mit aller Macht und die zusammengerückte Familie merkt sehr schnell, dass sie in ihrem Haus keine Chance haben. Zuerst wird der Fussboden nass, dann stehen sie bis zu den Hüften im Wasser. Die Flucht auf den Dachboden bringt auch keine Sicherheit. So fliehen sie in ein Nachbarhaus und überleben diese Naturgewalt. Nicht alle, denn die Hündin China und die Welpen sind verschwunden. Danach scheint die Sonne, sie werden von einer befreundeten Familie aufgenommen und können sich ausruhen. Alle, bis auf Skeetah, der verzweifelt auf seine Hündin wartet.
Gerade dieser Schluss ist so bewegend, nach all den Seiten zuvor. Eschs Vater, der meist im Suff herumbrüllt, sagt zu ihr, dass er es nicht gewusst hat, dass sie schwanger ist und dass man etwas machen muss. Also sich darum kümmern, dass sie und das Ungeborene gesund sind. Das ist sei jetzt das nächste.
Jesmyn Ward, die für diesen Roman 2011 den National Book Award (der USA) bekommen hat, erzählte in einem Interview, dass es ihr und ihrer Familie während des Sturms Katrina nicht so gut ergangen sei. Sie hätten bei einer weißen Familie geklingelt, die hätten ihnen jedoch keine Hilfe angeboten und so mussten sie auf offenem Feld das Ende des Hurricanes abwarten.
Ein starker Roman mit viel Herzenwärme für die Personen. Ganz im Gegensatz zu Kehlmanns „F“, der genial komponiert ist, jedoch seine Figuren als Schablonen für sein Konstrukt braucht. Für mich ein Leseerlebnis, das aus den vielen Neuheiten heraussticht.

Leseprobe

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