Freitag, 14.Oktober


Heute haben
Katherine Mansfield * 1888
E.E.Cummings * 1894
Geburtstag
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Risk! Risk anything! Care no more for the opinions of others, for those voices. Do the hardest thing on earth for you. Act for yourself. Face the truth.

Katherine Mansfield
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Der Oktober ist schon halb vorbei, die Gedichte passen jedoch immer noch.


Oktober
Gedichte
Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 6,00

Robert Walser, Carl Zuckmayer, Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann, Christoph Meckel, Friederike Mayröcker, Kaschnitz, Kunze, Jandl, Artmann, Rilke, Gernhardt, und und und.
In gewohnter Art führen uns die beiden Herausgeberinnen durch den Monat Oktober. Vom Spätsommer, bis zum kalten Herbst ist alles dabei. Nur kein Goethe. Den sie brauchen nicht, weil sie so viele andere AutorInnen haben.
Hier eine kleine Auswahl:

Detlev von Liliencron
Herbst

Astern blühen schon im Garten;
Schwächer trifft der Sonnenpfeil
Blumen die den Tod erwarten
Durch des Frostes Henkerbeil.

Brauner dunkelt längst die Haide,
Blätter zittern durch die Luft.
Und es liegen Wald und Weide
Unbewegt im blauen Duft.

Pfirsich an der Gartenmauer,
Kranich auf der Winterflucht.
Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
Welke Rosen, reife Frucht.

Theodor Fontane
Spätherbst

Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün,
Reseden und Astern sind im Verblühn,
Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht,
Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht, –
Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt!
Banne die Sorge, genieße, was frommt,
Eh’ Stille, Schnee und Winter kommt.

Christian Morgenstern
Oktobersturm

Schwankende Bäume
im Abendrot –
Lebenssturmträume
vor purpurnem Tod –

Blättergeplauder –
wirbelnder Hauf –
nachtkalte Schauder
rauschen herauf.

Donnerstag, 14.Oktober


Heute haben
Katherine Mansfield
E.E.Cummings
Geburtstag
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Katherine Mansfield
A Little Boy’s Dream

To and fro, to and fro
In my little boat I go
Sailing far across the sea
All alone, just little me.
And the sea is big and strong
And the journey very long.
To and fro, to and fro
In my little boat I go.

Sea and sky, sea and sky,

Quietly on the deck I lie,
Having just a little rest.
I have really done my best
In an awful pirate fight,
But we cdaptured them all right.
Sea and sky, sea and sky,
Quietly on the deck I lie–

Far away, far away
From my home and from my play,

On a journey without end
Only with the sea for friend
And the fishes in the sea.
But they swim away from me
Far away, far away
From my home and from my play.

Then he cried „O Mother dear.“
And he woke and sat upright,
They were in the rocking chair,
Mother’s arms around him–tight.
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Jetzt als Taschenbuch.
Eines der besten Bücher zur Klimakrise und über unsere aktuelle Gesellschaft.

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Maja Göpel: „Unsere Welt neu denken
Eine Einladung
Ullstein Verlag € 11,99

Eine Einladung steht als Untertitel auf dem Buch. Das klingt fast etwas makaber, wenn wir wissen, von was, über was Maja Göpel schreibt.
Es geht bei ihr nicht um mehr oder weniger, als eine große Wirtschaftskritik. Ein vernichtende Analyse der Marktwirtschaft (wir können auch Kapitalismus sagen) in der wir aufgewachsen sind, die als alleingültig dasteht. Diese Wirtschaftsform hat uns in Europa großen Wohlstand gebracht und gleichzeitig viele Länder in die Armut getrieben.
Dass dieser Wachstumswahn nicht anhalten kann, dürfte uns allen klar sein und trotzdem ist dieses „mehr mehr“ das oberste Credo unserer Politiker.

Unsere Welt steht an einem Kipp-Punkt, und wir spüren es. Nicht so stark, wie in den Ländern des Südens, da wir Hauptverschmutzer es immer noch am Angenehmsten haben. Aber den Klimawandel merken wir auch hier in Ulm.
Der us-amerikanische Autor Jonathan Franzen schreibt: „Game over“. Es ist nichts mehr zu retten und die Fakten, die Maja Göpel auflistet, gehen in die gleiche Richtung. Doch sieht sie immer noch Hoffnung, wenn wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Unser Denken, Tun, die Wirtschaft und Politik und technischen Inovationen müssen in die richtige Richtung gelenkt werden.
Diese Zukunft neu und ganz anders in den Blick zu nehmen – darin besteht die Einladung, die Maja Göpel ausspricht.

Ein Interview des Ullstein Verlages:

Wenn wir über den Klimawandel sprechen, denken wir an die Erderwärmung oder das Schmelzen der Gletscher. Sie zeigen in Ihrem Buch, dass es auch um Freiheit, Demokratie, Wohlstand, Armut und Migration geht. Wie hängt das zusammen?

Der Klimawandel ist wie alle globalen Umweltschäden die Folge einer Lebensweise, deren Ideen aus dem vergangenen Jahrhundert stammen. Damals dachte man, die Natur, die Ressourcen, die Widerstandsfähigkeit des Planeten seien endlos und damit auch das Wachstum der Wirtschaft. Heute wissen wir, der Kuchen kann nicht immer weiter wachsen. Dass jeder unterm Strich ständig mehr hat, geht nicht auf. Also müssen wir uns fragen, wie wir den Kuchen anders backen und verteilen. Unser Wohlstand darf nicht die Ursache für die Armut anderer Menschen sein, unsere Freiheit nicht der Grund dafür, dass andere ihre Heimat verlassen müssen.
Maja Göpel Unsere Welt neu denken

Was ist Ihr Appell an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft?

Die Diskussion darüber, was zu tun ist, wird mit großer Leidenschaft geführt. Gleichzeitig führt sie nicht zu Lösungen. Extreme Positionen bestimmen das Bild. Immer heißt es: Entweder Wohlstand oder Klimaschutz. Entweder Kapitalismus oder Ökodiktatur. Entweder Freiheit oder Verbote. Der Mittelweg hat kaum Fürsprecher, dabei würde ihn die Mehrheit der Leute vermutlich mitgehen. Worum sorgen wir uns wirklich? Was haben wir abseits der Extreme gemeinsam? Diese Fragen zu stellen und dann zu zeigen, dass viele Dinge, die angeblich einander ausschließen, sich gut kombinieren lassen – das ist mein Appell.

Und Sie fordern, dass wir das Soziale mit dem Ökologischen versöhnen, um bei der Klimadebatte voranzukommen?

Das Soziale und das Ökologische miteinander zu versöhnen würde uns nicht nur beim Klima helfen. Es ist die Grundlage dafür, dass die Menschheit überhaupt weiter in Frieden auf dem Planeten leben kann. Die künstliche Trennung – hier der Mensch, da die Umwelt – lieferte in der Vergangenheit die Begründung dafür, warum die natürlichen Ressourcen so rücksichtslos ausgeplündert werden durften, als könne der Mensch ohne Umwelt existieren. Heute beeinflusst die Menschheit die natürlichen Entwicklungsprozesse der gesamten Erde. Daraus entsteht eine neue Verantwortung. Wir brauchen ein neues Weltbild, aber auch ein neues Selbstbild, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.
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Montag, 18.Oktober um 19 Uhr
vh Ulm, Club Orange


Thomas Schuler: „Auf Napoleons Spuren“
In Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Jastram

Eine Million Bücher gibt es über Napoleon, mehr als über jeden anderen Menschen, der jemals gelebt hat! Der Napoleon-Experte Thomas Schuler unternimmt erstmals das faszinierende Abenteuer auf den Spuren des Kaisers von Trafalgar bis Moskau durch Europa zu reisen. Er wandert im Winter über den verschneiten St. Bernhard, spricht in Russland mit einer direkten Nachfahrin Tolstois und entdeckt auf dem Schlachtfeld von Waterloo einen Totenschädel. Der durchgehend bildbegleitete Vortrag »Auf Napoleons Spuren – Eine Reise durch Europa« öffnet in einem einzigartigen Zutritt ein Tor in die Vergangenheit.

Weitere Informationen unter:
https://aufnapoleonsspuren.de/
https://thomas-schuler.pageflow.io/auf-napoleons-spuren#290223

Dienstag

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Heute haben
Katherine Mansfield * 1890
E.E.Cummings * 1894
Péter Nádas * 1942
Geburtstag
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E. E. Cummings
I Like My Body When It Is With Your

i like my body when it is with your
body. It is so quite new a thing.
Muscles better and nerves more.
i like your body. i like what it does,
i like its hows. i like to feel the spine
of your body and its bones, and the trembling
-firm-smooth ness and which i will
again and again and again
kiss, i like kissing this and that of you,
i like, slowly stroking the,shocking fuzz
of your electric furr,and what-is-it comes
over parting flesh….And eyes big love-crumbs,

and possibly i like the thrill

of under me you so quite new
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Wolfgang Herrndorf: „Bilder deiner großen Liebe“

Rowowhlt Verlag € 16,95
E-Book €14,99

Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.

Vieles ist über den neuen, den letzten, den unvollendeten Roman von Wolfgang Herrndorf geschrieben und geredet worden. Jetzt taucht sein neues Buch auch noch hier auf. Das zurecht. Ich hatte bisher keine Zeit, das Buch zu lesen, habe immer die Ohren gespitzt, wenn im Laden darüber geredet wurde und war sehr gespannt, wie es denn nun wirklich ist. Grossartig kann ich nur sagen. Das, was uns Herrndorf hier hinterlassen hat, ist ein riesiger Grundstein für eine gekonnt komponierte Geschichte. Vieles hängt noch lose im Raum, es gibt jedoch jede Menge Formulierungen, Abschnitte und ganze Kapitel, die seine große Können zeigen.

Weil das viele Leute denken, dass die superkomplett be­scheuert sind, die Verrückten, nur weil sie komisch rum­laufen und schreien und auf den Gehweg kacken und was nicht alles. Und das ist ja auch so. Aber so fühlt es sich nicht an, jedenfalls nicht von innen, jedenfalls nicht immer.

Isa kann die Sonne stoppen und Zeit anhalten (und das mit ihrem rechten Daumen), sie kann das Tor der Anstalt in Gedanken öffnen und schlüpft neben einem Laster in die Freiheit, die allerdangs genau gleich, wie innerhalb der Anstalt aussieht und nicht etwa schwarz und dunkel. Isa ist verrückt, aber nur manchmal und in Schüben. Aber was heisst schon verrückt. Wir kennen Isa als das Müllhaldenmädchen aus „tschick“ in die sich Maik verlieben wird. Auch in diesem Roman kommt es zu einem Treffen der drei Jugendlichen, jedoch aus einer anderen Sicht erzählt. Herrdorf schickt Isa auf eine (romantische) Wanderung durch Wälder und Siedlungen und an der Autobahn entlang. Sie springt auf einen Lastkahn und weiss nicht, ob der Kapitän wirklich ein Bankräuber ist. Sie trifft einen Schriftsteller mit grüner Trainingsjacke (= Herrndorf) auf einem Friedhof. Sie mäht gekonnt den Rasen, obwohl sie das noch nie gemacht hat. Wie in „tschick“ ist die Reise ein Vehikel, um Menschen zu treffen. Ging es bei den Jungs darum, in die Walachei zu fahren, erhofft sich hier Isa ein Stück eigenes Glück. Diese Treffen sind sehr unterschiedlich. Es gibt einen Fernfahrer auf Abwegen, einen Jugendlichen, der die Klappe nicht aufbekommt, eine totkranke Frau im Schlafzimmer eines Hauses, in dem sie sich Kleider heraussuchen kann. Isa trifft auf sie, wie ein Meteoriteneinschlag, sie wird mit ihnen konfrontiert und könnte sich nun bei ihnen einschmeicheln, sich verbiegen und einen großen Nutzen daraus ziehen. Isa bleibt sich jedoch treu, hat eine große Klappe und immer einen rotzigen, frechen lauten Spruch auf den Lippen. Lieber verschwindet sie im Wald, als dass sie zu den Angepassetn gehören will.

Als wir anlegen, wirft der Käpt`n mir ein Tau zu, dasichum einen Poller legen soll. Ich lege es im den Poller und laufe davon, in die warme Nacht hinein.

Sie schläft viel am Tage und geht bei Nacht. Sie verletzt sich an den Füssen, da sie ohne Schuhe aus der Anstalt geflohen ist und nun barfuß unterwegs ist. Die Schmerzen bleiben, die Schmerzen in ihrem Kopf kommen und gehen. Es sind keine wirklichen Schmerzen, es ist das andauernde Hoffen, irgendetwas zu finden, was vielleicht ein zuhause sein könnte.

Ich halte das Tagebuch wie einen Kompass vor mich hin. Pappelsamen schneien um mich herum, und der süße Duft der Lichtnelken strömt durch die Nächte. Ich sehe einen Wald, aus dem vier hohe Masten aufragen über die Baumwipfel. Am Waldrand steht eine kleine Hütte, die Teil eines Wanderwegs ist, wie drei eingekastelte Zeichen verraten. Ein schwarzer Gedankenstrich, eine gelbe Schlange, ein rotes Dreieck. Mein Name.

Bei einem Supermarktdiebstahl wird sie festgehalten, kann sich losreissen und rennt wieder weg. Weg, einfach nur weg und befindet sich dann inmitten des Autoverkehrs. Sie dreht sich weg, damit niemand sie weinen sieht.

Ich steige über elektrische Zäune und Stacheldrahtzäu­ne oder krieche unter ihnen hindurch. Ich verdrille die Drähte oben und unten und steige durch die Raute. Ich gehe immer genau geradeaus. Wenn drei Meter neben mir ein Gatter ist, gehe ich da hindurch. Wenn es dreißig Meterentfernt ist, steige ich über den Zaun. Ich halte inne undsehe in einer Pfütze die Sterne sich spiegeln. Sie tanzenund zittern und kommen zur Ruhe. Regulus steht im Wes­ten, später steht Arktur im Westen, dann Gemma, M13 undWega. Ich gehe zwischen den stummen Schatten der Kühe und Pferde hindurch, im Kreis der Gespenster, im Heer derNamenlosen. Ich fühle scharfen Kies unter den Sohlen. Ich sehe keinen Mond. Wenn ich Lichter sehe, laufe ich einengroßen Halbkreis. Die meisten Dörfer sind dunkel.

Wolfgang Herrndorf hat einen sehr warmherzigen Roman geschrieben. Einen Roman über Menschen und die Menschlickeit. Aber auch über das Ausgegrenzsein, das Nichtverstandenwerden und Weggesperrtwerden.
Einige Passagen kennen wir aus seinem Buchblog und aus seiner Biografie. So auch auch die Schlusszene, als Isa mit einer Pistole hantiert. Was ihr dabei gelingt, ist wahre Magie.
Marion Braschs Roman: „Herr Wunderlich fährt nach Norden“ ist ein Seelenverwandter und beide Bücher würden sich sehr gut im Bücherregal vertragen. Die beiden hätten allein schon deshalb genug Gesprächstoff, da Herrndorf über Isa schreibt und Frau Brasch über Herrn Wunderlich. Verdrehte Rollen und zwei Reisen die sich ähneln, wenn auch die Sprache eine ganz andere ist.
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Mehr von schreibenden Frauen gibt es am kommenden Freitag ab 19 Uhr bei uns in der Buchhandlung.
Sicher Sie sich eingutes Plätzle. Der Eintritt ist frei.