Donnerstag, 11.Januar


Heute haben
Helmut Zenker * 1949
Diana Gabaldon * 1952
Jasper Fforde * 1961
und Katharina Hacker * 1967
Mathias Énard * 1972
Geburtstag
_______________________________

Franz Grillparzer
In der Fremde

Schon bin ich müd zu reisen,
Wärs doch damit am Rand!
Vor Hören und vor Sehen
Vergeht mir der Verstand.

So willst du denn nach Hause?
Ach nein, nur nicht nach Haus!
Dort stirbt des Lebens Leben
Im Einerlei mir aus.

Wo also willst du weilen,
Wo findest du die Rast,
Wenn übrall du nur Fremde,
Die Heimat nirgend hast.
_________________________________

Unser Buch-, Lese-, Veranstaltungstipp:


Elena Fischer: „Paradise Garden
Diogenes Verlag € 23,00

Am Donnerstag, den 22.Februar liest Elena Fischer ab 19 Uhr aus ihrem Debüt „Paradise Garden“ bei uns in der Buchhandlung. Die Platzreservierungsliste füllt sich schon.

Ab dem 8. Januar finden Sie „Paradise Garden“ als Fortsetzungsroman in der Südwest Presse.
Jürgen Kanold machte in der SWP vom vergangenen Montag ein Interview mit Elena Fischer das Sie hier in der Leseversion finden.
Vielen Dank an die Südwest Presse Ulm. Vielen Dank an Jürgen Kanold.

„Das Leben feiern“
Ein trauriges, ein tröstliches, ein tolles Buch über eine 14-Jährige, die ihre Mutter
verliert und ihren Vater sucht: „Paradise Garden“ von Elena Fischer.

Ein Beitrag von Jürgen Kanold / SWP

Elena Fischer hat gerade ihren dreijährigen Sohn im Kindergarten abgegeben, jetzt sitzt sie im Auto auf dem Parkplatz und hat Zeit für ein Telefongespräch. „Paradise Garden“ heißt ihr gefeiertes Debüt, das nominiert war für den Deutschen Buchpreis. Es ist ein wunderbar leicht und berührend geschriebener Roman über das Erwachsenwerden, über die Suche nach Glück: über eine 14-Jährige, die mit ihrer Mutter in einer Hochhaussiedlung lebt. Sie haben nicht viel Geld, aber sie machen es sich schön, mit viel Fantasie und Optimismus. Der erste Satz aber rüttelt sofort auf: „Meine Mutter starb diesen Sommer.“ Unter diesem Vorzeichen steht der Roman, dann erzählt Billie rückblickend: vom Leben mit ihrer Mutter, von ihren Träumen, bis die Großmutter aus Ungarn den Alltag durcheinanderbringt. Und nach dem Tod der Mutter beginnt ein Abenteuer: Billie macht sich in einem alten Nissan auf, ihren unbekannten Vater zu finden. Ein trauriges, ein tröstliches, ein mitreißendes Buch.
Wer ist Elena Fischer? Wer ihren Namen googelt, landet ganz schnell bei Schlagerstar Helene Fischer. Die Autorin lacht und nimmt’s gelassen, „ist eben so, diese Namensähnlichkeit“.
Sie stellt sich vor: „Ich bin 1987 in Speyer geboren, wuchs aber auf der baden-württembergische Seite des Rheins auf, in einem Einfamilienhaus mit jüngerem Bruder in Neulußheim. Fürs Studium bin ich 2007 in Mainz gelandet, Literatur- und Filmwissenschaft, denn in Hildesheim und Leipzig war ich für die Studiengänge Kreatives beziehungsweise Literarisches Schreiben abgelehnt worden.“

Jürgen Kanold: Sie wollten schon immer schreiben?

Elena Fischer: Ja, aber ich habe überhaupt nicht ans Veröffentlichen gedacht. Wenn man nicht in einer Großstadt, in einem Akademikermilieu groß wird, dann ist diese Welt der Bücher weit weg. Ich hatte keine Eintrittskarte in den Literaturbetrieb. Aber ich habe schon immer Tagebuch geschrieben und mache das bis heute.

Auch Billie, Ihre Heldin, schreibt ja alles auf. Diese Erzählperspektive einer 14-, 15-Jährigen ist Ihnen sehr überzeugend gelungen.

Vielen Dank! Wobei mir die Idee, dass Billie schreibt, erst spät gekommen ist. Sie kann mit dem Schreiben ihre Gefühle verarbeiten, lernt so, mit dem Tod ihrer Mutter umzugehen, ihren eigenen Weg zu finden. Diese Geschichte liest sich so fesselnd wie selbst erlebt. Ich kann mich mit den Gefühlswelten identifizieren, kann viele Entscheidungen, die meine Figuren treffen, gut nachvollziehen. Aber es ist klar, dass es keine autofiktionale Geschichte ist. Meine Eltern haben zwar ungarische Wurzeln, aber „Paradise Garden“ ist reine Fantasie. Meine Eltern haben schnell gemerkt, dass die Geschichte nichts mit unserem Leben zu tun hat. (lacht)

Der Titel bezieht sich auf einen Eisbecher . . .

„Paradise Garden“, so heißt der große Eisbecher, den Billie liebt, den sie sich aber nur selten leisten kann. Aber der Titel steht für viel mehr: dafür, wie gut es Billie und ihrer Mutter gelingt, das Beste aus allem zu machen, das Leben zu feiern. Es sich gut gehen lassen können, das ist eine bewundernswerte Eigenschaft. Auch spielt der Titel auf die Vertreibung aus dem Paradies an, und ich mag es, dass der Titel auf Englisch ist, weil Amerika für Billies Mutter ein Sehnsuchtsort ist, etwas Unerreichbares.

Ihre Sprache ist sehr bildhaft, filmisch geradezu. Kein Zufall?

Ich interessiere mich sehr für Filme, für ihre Ästhetik. Und liebe die Filme von Sofia Coppola oder Wim Wenders, die gleichzeitig eine Leichtigkeit und eine Schwere haben. Ich habe versucht, diese Stimmung in Literatur zu übersetzen.

„Paradise Garden“ schreit geradezu nach einer Verfilmung.

Dazu darf ich jetzt leider nichts sagen . . .

Wie gehen Sie damit um, dass Ihr Roman so erfolgreich ist?

Mein Leben fühlt sich nicht anders an. Ich sitze nicht im schwarzen Rollkragenpullover stunden-
lang in Berliner Cafés und mache auf Schriftstellerin, schaue dort tagträumerisch in die Luft. Was
da jetzt passiert, ist im Grunde das, was ich mein ganzes Leben schon mache: Ich strenge mich
an, weil es mir um die Sache geht, weil ich Lust dazu habe, einen Roman zu schreiben, und jetzt haben es halt die Leute mitbekommen, dass ich mich angestrengt habe.

Ihr Roman spricht ein Publikum aus drei Generationen an.

Ja, zu meinen Lesungen kommen auch Teenager mit ihren Eltern. Und sehr viele alte Männer, was
mich total erstaunt! Die sind superbegeistert.

Werden Sie oft darauf angesprochen, dass „Paradise Garden“ an Wolfgang Herrndorfs Bestseller
„Tschick“ erinnert?


In jedem Interview! Und ich sage auch Ihnen, dass ich „Tschick“ nicht gelesen habe und füge
nach wie vor hinzu, dass ich auch gar keine Lust mehr habe, das Buch zu lesen. Das Thema ist für
mich durch, einen Coming-of-Age-Roman habe ich jetzt selbst geschrieben. (lacht) Aber klar,
der Vergleich mit „Tschick“ ist natürlich ein Riesenkompliment.

Dienstag, 26.November

IMG_6868

Heute haben
Georg Forster * 1754
Franz Jung * 1888
Eugène Ionesco * 1909
und Charles M.Schulz * 1922
Geburtstag
______________________

Andreas Gryphius
Ebenbild unseres Lebens

Auf das gewöhnliche Königs-Spiel

Der Mensch das Spiel der Zeit / spielt weil er allhie lebt.
Im Schau-Platz diser Welt; er sitzt / und doch nicht feste.
Der steigt und jener fällt / der suchte der Paläste /
Vnd der ein schlechtes Dach / der herrscht und jener webt.

Was gestern war ist hin / was itzt das Glück erhebt;
Wird morgen untergehn / die vorhin grüne Aeste
Sind numehr dürr und todt / wir Armen sind nur Gäste
Ob den ein scharffes Schwerdt an zarter Seide schwebt.

Wir sind zwar gleich am Fleisch / doch nicht von gleichem Stande
Der trägt ein Purpur-Kleid / und jener grabt im Sande /
Biß nach entraubtem Schmuck / der Tod uns gleiche macht.

Spilt denn diß ernste Spil: weil es die Zeit noch leidet /
Vnd lernt: daß wenn man von Pancket des Lebens scheidet:
Kron / Weißheit / Stärck und Gut / bleib ein geborgter Pracht.
_____________________________

zoom_berenberg_book_043a4090cf7c


Katharina Hacker: „Darf ich dir das Sie anbieten?“

Minutenessays
Berenberg Verlag € 19,00

Das ist ein Buch für Leute, die gerne lesen:
es geht um Sprache.
Das ist ein Buch für Leute, die nicht gerne lesen:
die Texte sind sehr kurz.
Das ist ein Buch für Leute, die gern schreiben:
da ist genug Platz.
Das ist ein Buch für Leute, die nicht gern schreiben:
steht schon was drin.

Katharina Hackers neues Buch ist ein Notizbuch in kleinem Format. Passend für die Manteltasche, damit man es überall mitnehmen kann. Es ist ein Notizbuch von ihr, aber es birgt auch viel freien Raum für eigene Gedanken. Katharina Hacker schreibt über Alltäglichkeiten, die plötzlich kippen und aus eventuell Banalem wird ein Gedankenstrom in unserem eigenen Hirn.
Sie zitiert ihre eigenen Heiligen, wie zB. Martin Buber und Thomas von Aquin, lässt aber weiten Raum für Betrachtungen über Familie, die Kuscheliere der eigenen Kinder, über Liebe und Tod. Und halt über das Leben. Ihr Leben. Unser Leben.

Leseprobe
____________________________

Mittwoch, 27. November 2019, 19 Uhr,
Kulturbuchhandlung Jastram
Eintritt € 8,00

Wortreich

Von Auslöschern und Geistesmenschen
Eine Exkursiuon in Thomas Bernhardts Welt

Einst erregten seine Werke die Gemüter so heftig wie kaum die eines anderen deutschsprachigen Dichters nach 1945. Ihre Auslieferung wurde gerichtlich untersagt, sie lösten Skandale aus, Politiker ergingen sich in Beschimpfungen und Verdammungen des Autors. Mittlerweile ist der einst Geschmähte so etwas wie ein österreichischer Nationalheiliger. Dieses posthume Schicksal teilt er mit vielen anderen zu Lebzeiten Miss- oder Unverstandenen. Und der Reiz seiner Werke wirkt unvermindert, sie sind mittlerweile in 27 Sprachen übersetzt, die Sekundärliteratur über den Autor füllt zig Regalmeter, und an den Theatern weltweit werden längst nicht mehr nur seine Stücke gespielt, sondern auch Romane und Erzählungen für die Bühne adaptiert. Anlässlich der Inszenierung von „Alte Meister“ im Museum Ulm und der kunsthalle weishaupt begeben sich Christel Mayr, Markus Hottgenroth und Christian Katzschmann auf eine Exkursion ins Bernhardsche literarische Universum.

Mittwoch

Heute haben
Wilhelm Müller * 1794
Georg Hermann * 1871
Thomas Kennelly * 1933
Jesús Díaz * 1941
Geburtstag

Wilhelm Müller
Der Leiermann

Drüben hinterm Dorfe
Steht ein Leiermann,
Und mit starren Fingern
Dreht er, was er kann.

Barfuß auf dem Eise
Schwankt er hin und her;
Und sein kleiner Teller
Bleibt ihm immer leer.

Keiner mag ihn hören,
Keiner sieht ihn an;
Und die Hunde brummen
Um den alten Mann.

Und er läßt es gehen
Alles, wie es will,
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still.

Wunderlicher Alter,
Soll ich mit dir gehn?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier drehn?


Die Menschen, die nach Ruhe suchen…

Die Menschen, die nach Ruhe suchen,
die finden Ruhe nimmermehr,
weil sie die Ruhe, die sie suchen,
in Eile jagen vor sich her.
_________________________

DSC04574DSC04573

Katharina Hacker:Skip
S.Fischer Verlag € 21,99
als E-Book € 18,99

DSC04575

Der Umschlag des neuen Romanes von Katharina Hacker fällt ins Auge. Schwarz mit weißem Blitz. Dazu noch der kurze Titel „Skip“. Rätselhaft ist es schon immer in den Büchern von ihr. Auch ihre letzte, schmale Veröffentlichung „Eine Dorfgeschichte“ sah zwar idyllisch aus, hatte doch so seine Haken und Ösen. Mit „Die Habenichtse“ erhielt sie 2006 den Deutschen Buchpreis und las kurz vorher bei uns in der Buchhandlung. Lang ist es her und ich habe ihr Werk seidem den nicht mehr aus den Augen verloren, nicht alles kapiert und auch mal ein Buch weggelegt. Das hier interessierte mich allein wegen des Klappentextes. Skip ist der Name eines israelischen Architekten aus Tel Aviv. Somit kommt Katharina Hacker wieder zu ihren Ursprüngen zurück. Denn mit Skizzen aus dieser Stadt trat sie zum ersten Mal ins literarische Licht. Skip ist auch so ein Habenichts, einer, dem der feste Boden unter den Füßen fehlt. Wir haben hier also beide Hauptthemen aus Hackers Werk in einem Roman verbunden. Israel, bzw. das jüdischen Leben und die dazugehörende Vergangenheit und Menschen auf der Suche nach sich selbst.
Skip ist Architekt, der bekommt aber keine Aufträge für neue Häuser, sondern er darf nur renovieren. Er leidet unter seiner Familie, hat einen jüdischen Vater, aber eine nichtjüdische Mutter. Er selbst ist Vater zweier Kinder, hat sie aber nicht mit seiner Frau gezeugt, da er wohl unfruchtbar ist. Seine Frau stirbt an Krebs und er hat, während sie in der Klinik liegt, eine Affäre mit einer anderen jüngeren Frau. Katharina Hacker stellt diesen Skip in den Mittelpunkt ihres Romanes und wenn wir to skip aus dem Englischen übersetzen, heisst das soviel wie überspringen. Dieser Name nervt ihn selbst, seit er denken kann. Er weiss nicht, warum ihm seine Eltern einen solchen gegeben haben. Als Konstrukt und Teil eines Ganzen wird klar, warum die Autorin genau diesen Vornamen gewählt hat. Skip geht nicht geradlinig seinen Weg, hat keine genaue Biografie vor Augen. Skip ist hin und her gerissen zwischen seinen Zweifeln und auf der Suche nach sich, seiner Vergangenheit und auch seiner Zukunft. Er setzt seine Ehe aufs Spiel, seinen Beruf und alles, was ihm lieb ist.
Skip zieht es urplötzlich weg weit. Eine innere Stimme ruft ihn und er setzt sich in ein Flugzeug nach Paris. Nicht, um sich mit seinen Eltern zu treffen, die dort in der Nähe wohnen. Er weiss es selbst nicht, was er hier soll. Bis er mitbekommt, dass es ein großes Bahnunglück gegeben hat, mit vielen Toten. Das Gleiche passiert ihm mit einem Flugzeugabsturz in Amsterdam. Er wird an Orte gerufen, an denen großes Leid geschehen ist.
Katharina Hacker schickt diesen zerissenen Menschen auf verschiedene Reisen. Reale und fiktive im Kopf. Sie schreibt über die israelische Geschichte, jüdische Traditionen und Lehre, kommt ins Mythische, springt in den Handlungen. Skip bleibt uns immer etwas fern. Wir hoffen mit ihm, lesen aber, wie er von einem Unglück ins andere stolpert.
Katharina Hacker geht mit „Skip“ ein großes Wagnis ein, hat aber einen hochaktuellen Roman über uns Habenichtse und die Zerissenheit unserer Welt geschrieben, in dem ich nicht alles verstanden, ihn jedoch sehr gerne gelesen habe.

Leseprobe


______________________

Nachdem gestern abend bei uns in der Buchhandlung Tini Prüfert vom Theater Ulm ihr Knef-Lied a capella gesungen hatte, da das mit dem Playback nicht geklappt hat, versuchen wir es übermorgen mit Kai Weyand noch einmal live.
Er liest am Donnerstag ab 19 Uhr aus seinem Roman: „Applaus für Bronikowski“.
Hier ein weiterer Textauschnitt:

Jetzt gibt’s erst mal Nachtisch. Die Mutter stand auf, ging zum Kühlschrank, und bevor sie die Tür öffnete, drehte sie sich um und strich Nies übers Haar. Dann holte sie ein Tiramisu und stellte es auf den Tisch.
Der Vater stupste Nies an den Arm: Ich hätte was drum gegeben, in deinem Alter alleine wohnen zu dürfen.
Er lachte. Nies nicht. Er nahm das Schälchen mit Tiramisu und warf es aus dem gegenüberliegenden Fenster. Dann rannte er in sein Zimmer, schloss die Tür hinter sich, schmiss sich aufs Bett und ließ seinen Tränen freien Lauf. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so fremd und einsam gefühlt. Warum konnte er nicht einfach gut finden, was alle um ihn herum gut fanden? Hinter der Tür hörte er die Stimme seines Vaters.
Er wird sich beruhigen, wenn er erst die Vorteile sieht.
Es klang, als müsste Nies nur eine Rechenaufgabe lösen und eins und eins zusammenzählen. Aber wenn er das tat, eins und eins zusammenzählte, dann ergaben sich keine lustvollen Bilder eines jugendlichen Lebens ohne Eltern, sondern Vorstellungen, die er als qualvoll empfand: Kein Mittagessen, wenn er aus der Schule kam, keine saubere Wäsche, wenn er sie brauchte, dafür einen Bruder, der darauf bestand, dass er die Toilette öfter zu putzen hatte, weil er sie naturgemäß öfter benutzen würde als sein Bruder, der erst am frühen Abend von der Arbeit nach Hause kam und dementsprechend die Toilette prozentual weniger verschmutzte. Mathematisch konnte Nies seinem Bruder nicht das Wasser reichen, und da Bernd Gerechtigkeitsfragen zu Problemen mathematischer Verhältnismäßigkeiten erklärte, konnte Nies es sich sparen, darauf hinzuweisen, dass es gerecht wäre, einfach abwechselnd zu putzen.
Wer mehr isst, bezahlt mehr, wer mehr pisst oder scheißt, putzt mehr. Man konnte diese Sicht verachten, aber es war schwer, ihr etwas zu entgegnen. Bernd sah die Welt als etwas, das sich ausrechnen ließ. Jedes Ereignis ließ sich in Zahlen ausdrücken, und Gefühle waren für ihn Ausdruck von Unsicherheit, die sich leicht beheben ließ, wenn man die zugrunde liegenden Faktoren genau betrachtete. Gefühle, Meinungen waren keine Ergebnisse von Empfindungen, sondern Rechenleistungen. Wenn das Essen nicht schmeckte, rechnete Bernd nach, ob es ihm nicht doch schmecken müsste, weil es einem super Preis-Leistungs-Verhältnis entsprach. Deswegen war er vollkommen einverstanden mit der Entscheidung seiner Eltern, nach Kanada auszuwandern. Er sah den Lottogewinn als ertragreiche Geldanlage und die Auswanderung als Investment in Lebensoptimierung.

Samstag

Heute haben
Jasper Fforde * 1961
Katharina Hacker * 1967
und Wolfgang, Sidi und Andrea
Geburtstag.
_______________________

Wilhelm Müller
Erstarrung

Ich such‘ im Schnee vergebens
Nach ihrer Tritte Spur,
Hier, wo wir oft gewandelt
Selbander durch die Flur.

Ich will den Boden küssen,
Durchdringen Eis und Schnee
Mit meinen heißen Tränen,
Bis ich die Erde seh‘.

Wo find‘ ich eine Blüte,
Wo sind‘ ich grünes Gras?
Die Blumen sind erstorben,
Der Rasen sieht so blass.

Soll denn kein Angedenken
Ich nehmen mit von hier?
Wenn meine Schmerzen schweigen,
Wer sagt mir dann von ihr?

Mein Herz ist wie erfroren,
Kalt starrt ihr Bild darin:
Schmilzt je das Herz mir wieder,
Fließt auch das Bild dahin.

Gefunden im Gedichtebändchen:Januar“ aus dem Reclam Verlag.
__________________

Wie man in unserer kleinen Buchhandlung an mir vorbei ein Buch bestellen, es als Geschenk verpacken und dann noch eines findet, von dem ich noch nie etwas gehört habe, das ist schon beachtlich. So geschehen vor und zu meinem Geburtstag.

der_teufel_in_der_weihnachtsnacht-9783423214728

Charles Lewinsky: „Der Teufel in der Weihnachtsnacht
dtv € 7,95
Hier bestellen

Somit war die Freude natürlich groß, dieses Büchle auspacken zu dürfen. Noch dazu im buchhandelseigenen Geschenkpapier.
Schuld an allem war Schwester Innocentia, die den Papst, seit sie in Rom ist, kulinarisch verwöhnt. Und als alter Bayer kann er diesen Köstlichkeiten nicht entsagen. So lässt er auch heute Nacht keinen Krümel verkommen, obwohl er weiss, dass sein Körper nicht gut darauf reagiert. Eine Totsünde muss der Mensch ja begehen. Als der Papst jedoch sagt, dass der Teufel Schwester Innocentia holen solle, taucht der auch plötzlich mit seinem roten Ferrari auf. Und dass es der Teufel persönlich ist, erkennt seine Heiligkeit sofort. Wer schafft es schon in der Nacht vor Weihnachten mitten auf dem Petersplatz zu parken. Der Sportwagen ist natürlich rot, was denn sonst. „Ferrarirot ist die Lieblingsfarbe aller infernalischen Geschöpfe. Sie werden gerne daran erinnert, dass sie über ein Feuer verfügen, das auch der modernste Spritzenwagen nicht löschen kann. Aber warum gerade ein Ferrari? Warum auch nicht? Auch der Papst ist ja meistens ein italienisches Modell.“ Nun haben Teufel heutzutage keine Bocksfüsse und keinen Ringelschwanz. Sie kommen da schon im Maßanzug und Aktenköfferchen und erinnern sehr an Versicherungsvertreter. Warum auch nicht, bei Berufe sind darauf spezialisiert, „Policen für das Paradies auszustellen und das feurige Schwert ins Kleingedruckte wegzumogeln„.
Der Teufelkommt auch gleich zur Sache und gibt dem Papst Nachhilfe in Sachen Betriebswirtschaft und innovativer Personalführung. Um die Kirche ist es, wie wir wissen, nicht gut bestellt. (Jetzt haben sie sogar Weltbild hängen lassen und in die Insolvenz getrieben. Echt teuflisch!) Der Teufel schlägt vor, neue Marketingideen zu entwickeln, über Fusionen nachzudenken und endlich die Produktpalette zu überarbeiten. Und schon erlebt der Papst eine Musicalpremiere mit, ist Gast in einer Talkshow und gerät in die Fänge eines Kirchenmobiliarvertreters, der einen vollelektronischen Beichtstuhl präsentiert. Auch können gerne kleine Werbeblogs während der Messe eingebaut und statt Halleluja Coca Cola gerufen werden.
Ein Weckerklingeln weckt den Papst aus seinem Schlaf und er denkt: „Gottseidank nur ein Traum. Echt teuflisch“. Schwester Innocenti steht lächelnd vor ihm mit einem Tablett, auf dem eine Tasse Kaffee duftet. „Halleluja!“ sagt der Papst und die gute Schwester antwortet mit: „Coca Cola“.
Sie merken schon, ein netter Spaß auf 60 Seiten, von einem Autoren, der bekannt ist für seine dicken, guten Romane. Und: Sie können das Buch auch außerhalb der Weihnachtszeit lesen und verschenken. Das Verhältnis Papst und, Versicherunsgvertreter und wir bleibt das ganze Jahr das gleiche.
Und wie es mit Weltbild weitergeht, bleibt spannend. Wobei mir da ein teuflischer Gedanke kommt: Wenn Weltbild insolvent ist und mit 50% bei Hugendubel drinsteckt, ja dann, ja dann könnte diese Kette doch gleich mit verschwinden. Echt teuflisch. Ha!
____________________

Nicht vergessen: Am kommenden Freitag, den 17.1. liest Clemens Grote zu ehren von Arno Schmidts 100.Geburtstag die Erzählung: „Kühe in Halbtrauer“.
Beginn 19 Uhr. Eintritt frei.
Eine einmalige Gelegenheit.