Dienstag, 11.Juni


Ben Jonson * 1572
Gert Prokop * 1932
Athol Fugard * 1932
Diane Kempff * 1945
Richard Pietraß * 1946
haben heute Geburtstag
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Winfried Hermann Bauer
Nur ein Tropfen

Es ist immer nur ein Tropfen
Der das Fass zum Überlaufen bringt
Ein Tropfen
Trägheit
Der unser Mehr kippen lässt
Ein Tropfen
Gift und Galle
Der den Amoklauf in Gang setzt
Ein Tropfen
Verzweiflung
Der uns die mühsam aufrecht erhaltene Balance
Verlieren lässt
Der uns in den Abgrund stößt
Ein Tropfen nur
Was für ein Meer an Tropfen
Brauchen wir
Am Ende
Vielleicht
Für eine Heilung
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Hubert Wetzel: „Amerika – Land der unbegrenzten Widersprüche
Menschen und Mythen, Freiheit und Wahn
Goldmann Verlag € 22,00

Polizeigewalt, Rassismus, Opioidkrise, Amokläufe, ein skrupelloser Ex-Präsident, dessen fanatische Anhänger zu allem bereit zu sein scheinen. So sehen wir oft auf die USA. Nachdem aber Obama gewählt wurde, ist es für Europa das Land der Freien, des Fortschritts, der Veränderung.
Hubert Wetzel, ehemaliger USA-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, lebte dreimal in seinem Leben für je einige Jahre dort und zeigt uns die Menschen, die einzelnen Schicksale. Er begibt sich auf eine Wanderung mit einem Rechtsradikalen, redet mit Überlebenden eines Schulmassakers und mit einer Mutter, die von einem Mitschüler erschossen worden ist. Durch seine journalistische Schreibe zeigt er uns, dass wir unsere deutschen Scheuklappen wegnehmen sollten, um dieses Land besser verstehen zu können. Ohne dass er in irgendeiner Weise Rassismus, Waffenwahn, Polizeigewalt verniedlicht, uns aber Hintergründe diverser us-amerikanische Mythen erklärt.
Ein sehr persönliches hoch unterhaltsames politisch-kulturelles Porträts eines faszinierenden und auch fremden Landes.

Leseprobe
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Freitag, 11.Februar


Heute haben
Karoline von Günderrode * 1780
ElseLasker-Schüler * 1869
Georg Hirschfeld * 1873
Irène Némirowsky * 1903
Sidney Sheldon * 1917
Maryse Condé * 1937
Frank Schulz * 1957
Geburtstag
und es ist der Todestag von Sylvia Plath (+ 1963)
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Kurt Tucholsky

Ich gucke freundlich um die Oecke
und greife voller Seelenruh
der Muse unter ihre Röcke …
Und dabei, Leser, siehst du zu -?

Sie quitscht. Ich grinse. Sie verstehen:
Nicht immer gilt der Klassik Maß.
Dann was wir im Verborgnen drehen,
macht uns am allermeisten Spaß -!
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Claudia Wiltschek empfiehlt:


Isabelle Autissier: „Klara Vergessen
Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig
Goldmann Verlag € 12,00

Murmansk, nördlich des Polarkreises. Juri kehrt nach langer langer Zeit in seine Heimatstadt zurück. Sein Vater liegt im Sterben und er hat darum gebeten, seinen Sohn zu sehen, der damals vor ihm, einem herrischen und hartherzigem Vater nach Nordamerika geflüchtet ist. Juri, mittlerweile ein ambitionierter Ornithologe, betritt mit gemischten Gefühlen das Krankenzimmer. Sein Vater, ein immer noch verbitterter alter Mann, bittet ihn das Rätsel um seine damals verhaftete Mutter zu lösen. Als vierjähriges Kind wurde sie vor seinen Augen mitgenommen. Er blieb mit seinem Vater allein. Sie kam niemals mehr zurück. Juri sperrt sich, er möchte sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, verspricht es aber dann doch und macht sich auf die Suche nach alten Akten. Vor Juri öffnet sich allmählich eine Welt voller Entbehrungen, Unterdrückung und Verbannung.
Seine Großmutter war zur Zeit Stalins eine Geologin. Sie wird als Spionin verdächtigt und verhaftet. Russland sucht fieberhaft nach Uranvorkommen und sie wird auf eine Insel im höchsten Norden gebracht, um dort Bodenproben zu entnehmen und zu analysieren.
Juri wird in den Bann der Geschichte seiner Vorfahren gezogen und stößt schließlich auf eine Wahrheit, die ihm vor Augen führt, wie eng alle Schicksale seiner Familie miteinander verbunden sind.
Ein fesselnder Roman, der den hohen Norden in seiner Naturgewalt leuchten lässt, uns mitnimmt hinaus aufs kalte Meer und über einen Jungen, den die Liebe zu den Vögeln vieles ertragen lässt.
Ein Buch, das ich angefangen habe und nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Dienstag

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Heute haben
Charlotte Bronte * 1816
Peter Schneider * 1940
Geburtstag
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„Jeden Morgen betrittst du die übliche Bar, um zu frühstücken. Seit du allein lebst – eine ganze Weile schon – kannst du das zu Hause nicht mehr. Zu Abend essen ja, manchmal auch zu Mittag. Aber Frühstücken irgendwie nicht. Also gehst du jeden Morgen in die Bar. Mal stellst du dich an den Tresen, mal lässt du es gemütlicher angehen und setzt dich an ein Tischchen. Da bist du nicht festgelegt, es kommt ganz darauf an, wie du dich fühlst – oder wie du dich nicht fühlst – auf’s Wetter, darauf, ob du was zu tun hast oder nicht, auf den Zufall. Keine Ahnung, warum du dich mal hinsetzt und mal nicht.“

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Gianrico Carofiglio: „Am Abgrund aller Dinge“
Originaltitel: Il Bordo Vertiginoso Delle Cose
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Goldmann Verlag € 19,99
als eBook € 15,99

Gianrico Carofiglio wurde 1961 in Bari geboren und arbeitete in seiner Heimatstadt viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt. 2007 war er als Berater des italienischen Parlaments für den Bereich organisierte Kriminalität tätig. Von 2008 bis 2013 war Gianrico Carofiglio Mitglied des italienischen Senats. Berühmt gemacht haben ihn vor allem seine Romane um den Anwalt Guido Guerrieri, von denen wir die ersten drei immer auf Lager haben.

Carofiglio bleibt seiner Heimatstadt treu. In seinem neuen Roman kehrt Enrico Vallesi aus Florenz zurück nach Süditalien, weil ihm eine Zeitungsmeldung nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein ehemaliger linksradikaler Kämpfer, der auch längere Zeit im Gefängnis saß, wurde bei einem Bankraub erschossen. Beim Namen Salvatore klingeln bei ihm alle Glocken. Er erinnert sich an seine Schulzeit, an seine Zeit bei seinen Eltern daheim. Er war ein angepasster, schmächtiger Junge, der seine Zeit in seinen eigenen vier Wänden verbrachte und viel gehänselt worden ist. In der Schule ist er unauffällig und er wundert sich sehr, als ein deutlich älterer Schüler zu ihm in die 11.Klasse kommt. Salavtore sieht schon richtig männlich aus und nicht so knabenhaft wie er und seine Kumpels. Auch lässt sich dieser neue Schüler nichts gefallen, kontert den Aussagen des Lehrers mit linken Thesen, schimpft über die kommunistische Ikone Gramsci, der die kommunistische Partei verraten hätte. Alle Augen sind auf Salvatore gerichtet und das neue Schuljahr wird wohl einiges Neues bringen.
Carofiglio wechselt die Perspektiven vom heutigen Bari, in das während der Schulzeit Enricos. In der Gegenwart trifft er nach langer Zeit wieder seinen Bruder und seine Familie, die sich in der Stadt mit ihrem Wohlstand gut eingerichtet haben, er trifft auf ehemaligen Mitschüler, aus denen er mehr über Salvatore herausfinden will. Aber eigentlich will er mehr über sich herausfinden. Was ging ihm tatsächlich im Kopf herum? Wie sahen ihn seine Freunde und Bekannten? Wie sieht seine erste Freundin ihn heute? All diese Szenen sind eingebettet in Enricos Schulzeit, in der dann auch noch eine Aushilfslehrerin für Philosophie auftaucht, in die er sich als 16jährigen unsterblich verliebt. Natürlich nur im Kopf. Aber vergessen hat er sie nie.
Enrico ist fasziniert von Salvatore und als er Enrico zu sich einlädt, taucht er tatsächlich in seiner Wohnung auf. Dort trainiert Salavatore junge Männer für den Kampf gegen die Faschisten, die ihnen immer wieder auflauern. Diese Ausbildung ist äusserst brutal. Enrico bekommt alle Tricks beigebracht, wie er als Sieger aus einem Zweikampf hervorgeht. Salvatore bringt ihm bei Motorrad zu fahren, mit echten Pistolen zu schiessen, damit sie gemeinsam ein Attentat auf den berüchtigten Faschistenführer der Stadt verüben können. Dies geht schief, aber Enrico steckt mittendrin in dieser Untergrundgruppe. Er führt ein Doppelleben und kann sich niemandem mitteilen. Als er sich dann auch noch gegen Salvatore zur Wehr setzt, gewinnt er zwar das Ansehen der ganzen Schule, verliert jedoch seinen Freund aus den Augen.
Enricos Spurensuche im heutigen Bari bringt ihn immer näher an die damalige Zeit. Es öffnen sich immer mehr Türen und Fenster und er dringt in dunkle, vergessene Ecken in seinem Gehirn vor.
Gianrico Carofiglio hat auch hier wieder einen Protagonisten geschaffen, der als einsamer Cowboy durch die Straßen zieht, wie wir es aus seinen ersten drei Krimis kennen. Enrico ist voller Zweifel, eine leichte Melancholie schwebt über ihm. Deshalb will er auch so hartnäckig herausfinden, was damals geschah. Diese Atmosphäre hat der Autor hervorragend eingefangen und dem Roman eine ganz spezielle Note gegeben. Wer Guido Guerrieri gemocht hat, wird auch Enrico Vallesi ins Herz schließen.

Leseprobe
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Heute abend um 19 Uhr.
Das Theater Erbach ist zu Gast und bringt Thomas Glavinics „Lisa“ zu uns in die Buchhandlung.
Der Eintritt ist frei. Es gibt ein Spendenkässle.
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Ein kleines Video von Marco Kerlers
Buchvorstellung und Lesung bei uns in der Buchhandlung