Mittwoch, 5.Juni


Heute haben
Federico Garcia Lorca * 1898
Otto F. Walter * 1928
David Hare * 1947
Ermanno Cavazzoni * 1947
Ken Follett * 1949
Thomas Kling * 1957
Geburtstag
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Was für ein schöner Abend.
Vielen Dank alle, die da waren. Dank für die Mitbringsel.
Danke an Marion und Clemens.
Und toll, dass wir noch so lange zusammen beim Plaudern, Essen und Trinken waren.
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Juni
Gedichte
Hrsg.: Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 7,00

Seit Jahren stellen wir Ihnen hier die Monatsgedichte aus dem Reclam Verlag vor.
Inhaltlich hat sich nichts geändert in den Heftchen. Und so wissen Sie ja auch, was Sie erwartet.
Jedoch sind die Preise in den letzten Jahren von € 5,00 auf € 7,00 gestiegen, was aber immer noch ein toller Preis für dieses breite Spektrum an Lyrik ist.

Klabund
Die Wirtschafterin

Drei Wochen hinter Pfingsten,
Da traf ich einen Mann,
Der nahm mich ohne den geringsten
Einwand als Wirtschafterin an.

Ich hab‘ ihm die Suppe versalzen
Und auch die Sommerzeit,
Er nannte mich süße Puppe
Und strich mir ums Unterkleid.

Ich hab‘ ihm silberne Löffel gestohlen
Und auch Bargeld nebenbei.
Ich heizte ihm statt mit Kohlen
Mit leeren Versprechungen ein.

Ich habe ihn angesch…
So kurz wie lang, so hoch wie breit.
Er hat mich hinausgeschmissen;
Es war eine wundervolle Zeit …
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Hier noch Gedichte von Winfried Bauer aus der Kategorie Sein, Zeit und Wunden:

Hoffnung

Verloren fühlte ich mich
Im endlosen Auf und Ab des Seins
In dieser grausamen Weite
In die mich meine Ahnen nichtsahnend warfen

In dieser Weite
Die alles eng macht
Die sich um meine Brust legt
Wie ein eiserner Reif

In dieser Weite
Die sich in ein finsteres Verlies verkehrt
Durch dessen blinde Bleiglasfenster
Kein Mond scheinen will

Verloren und verlassen
Wäre da nicht dieses Pochen in mir
Und jenes vielversprechende Leuchten
Das mich immer wieder aufrichtet

Ganz weit draußen

Müde
Hefte ich mein Auge an den Horizont über dem Meer

Aus meinem Rücken
Ragen Gesetzestexte
Wie stählerne Stützpfeiler
Während ich nach wilden Gerüchen giere
Und nach fremder Musik

Und ich frage mich
Trunken von Teer
Der aus den Planken
Tropft
Worauf warten wir bloß

Bis wir die Anker lichten endlich
Als wäre das Paradies irgendwo da draußen


Sonnenuntergang

Mein Schiff
Segelt über die Glut
Am Horizont
Nach innen
Der Alte spielt
Einen langsamen Walzer
Auf dem Schmerzpiano
Ich ahne schon
Die Nacht
Zieht mir das Fell über die Ohren
Dennoch halte ich
Still
Und warte auf ein Wunder
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https://www.tagesschau.de/kommentar/kommentar-gummistiefel-politik-100.html

Auftritte in Hochwassergebieten
Gummistiefel-Politik statt Klimaschutz

Ein Kommentar von Sabine Henkel, ARD Berlin

Wenn das Wasser steigt, sind sie schnell zur Stelle – die Politiker in Gummistiefeln. Diese Auftritte sind erbärmlich – denn sie wären nicht nötig, wenn mehr für den Klima- und Hochwasserschutz getan würde.
Jetzt wird also wieder Gummistiefel-Politik gemacht. Politikerinnen und Politiker laufen in Gummistiefeln durch die Hochwassergebiete. So war es allein in diesem Jahr in Niedersachsen, im Saarland und jetzt in Bayern und Baden-Württemberg. Es gilt: Anteilnahme zu zeigen und Hilfe zu versprechen. Das ist gut und wichtig, aber trotzdem ist das Gummistiefel-Schaulaufen auch ausgesprochen erbärmlich.
Es geht hier nämlich auch um eine politische Paradedisziplin, die nicht nötig wäre, würden Politiker alles daransetzen, Hochwasserkatastrophen zu verhindern.
Doch von wegen: Klimaschutz wird kleingeschrieben, Hochwasserschutz vernachlässigt. CDU und CSU wahlwerben sogar mitten in der Hochwasserkatastrophe für den Verbrennermotor, während Markus Söder durch die Fluten watet. Das kann man sich nicht ausdenken.
Bundeskanzler Olaf Scholz steht im Regenoutfit im Hochwasser, während ein Expertenrat aufzeigt, dass Deutschland seine Klimaziele verfehlen wird. Ein Armutszeugnis für den selbsternannten Klimakanzler. Und genau das zeigt das Erbärmliche: Sie kommen erst, wenn etwas passiert. Wenn den Leuten das Wasser bis zum Hals steht. In Gummistiefeln von einer Katastrophe zur nächsten. Und in der Zwischenzeit passiert zu wenig.
Sollen sie also wegbleiben, die politischen Wassertreter? Sie selber sind sehr sicher der Meinung: Nein. Sie wissen schließlich, dass Gummistiefeleinsätze darüber entscheiden können, ob man Bundeskanzler bleiben darf oder erst gar nicht wird. Nachfragen kann man bei Gerhard Schröder, dem „Role Model“ in dieser Disziplin. Oder bei Armin Laschet, der darüber sicher nicht mehr lachen kann.
Zum Lachen ist das alles sowieso nicht. Und klar: Die Betroffenen freuen sich auch über die Anteilnahme und die Rettungskräfte über Wertschätzung. Das ist natürlich wichtig. Nur nutzen sich diese Gummistiefelauftritte langsam ab. Sie verfehlen ihre Wirkung, wenn offensichtlich ist, dass ein konsequenter Klima- und damit Hochwasserschutz verschlampt wird.

Donnerstag, 2.November


Heute haben
Leo Perutz * 1882
Gyula Illyés * 1902
Odysseas Elytis * 1911
Hera Lind * 1957
Joey Goebel * 1980
Geburtstag
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Christian Morgenstern
Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
drängt die Welt nach innen;
ohne Not geht niemand aus;
alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
stiller die Gebärde.

Heimlich, wie auf Meeresgrund,
träumen Mensch und Erde.
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November
Gedichte
Zusammengestellt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Umschlaggestaltung von Nikolaus Heidelbach
Reclam Verlag € 6,00

Schon wieder ist ein Monat vergangen. Der November ist gerademal zwei Tage alt. Mit der Gedichtauswahl haben wir einen schönen lyrischen Querschnitt in der Tasche, der uns durch die immer kürzeren Tage begleitet. Schauen wir mal, was das Wetter in den nächsten Wochen für Kapriolen schlägt.
Sie finden das Reclam-Bändchen, wie immer, bei uns an der Kasse.

Gottfried Keller
Wie nun alles stirbt und endet

Und das letzte Lindenblatt
Müd sich an die Erde wendet
In die warme Ruhestatt,
So auch unser Tun und Lassen,
Was uns zügellos erregt,
Unser Lieben, unser Hassen
Sei zum welken Laub gelegt.

Reiner weisser Schnee, o schneie,
Decke beide Gräber zu,
Dass die Seele uns gedeihe
Still und kühl in Wintersruh!
Bald kommt jene Frühlingswende,
Die allein die Liebe weckt,
Wo der Hass umsonst die Hände
Dräuend aus dem Grabe streckt.
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Nikolaus Lenau
Herbstlied

Ja, ja, ihr lauten Raben
Hoch in der kühlen Luft,
’s geht wieder ans Begraben,
Ihr flattert um die Gruft!

Die Wälder sind gestorben,
Hier, dort ein leeres Nest;
Die Wiesen sind verdorben;
O kurzes Freudenfest!

Ich wandre hin und stiere
In diese trübe Ruh,
Ich bin allein und friere
Und hör euch Raben zu.

Auch mir ist Herbst, und leiser
Trag ich den Berg hinab
Mein Bündel dürre Reiser,
Die mir das Leben gab.

Einst sah ich Blüten prangen
An meinem Reiserbund,
Und schöne Lieder klangen
Im Laub, das fiel zu Grund.

Die Bürde muß ich tragen
Zum letzten Augenblick;
Den Freunden nachzuklagen,
Ist herbstliches Geschick.

Soll mit dem Rest ich geizen
Und mit dem Reisig froh
Mir meinen Winter heizen?
Ihr Raben, meint ihr so?

Erinnerungen schärfen
Mir nur des Winters Weh;
Ich möchte lieber werfen
Mein Bündel in den Schnee.
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Morgen, Freitag, den 3.November, liest Germana Fabiano aus ihrem Roman: „Mattanza„.
Beginn: 19 Uhr
Eintritt € 10,00
Bei uns in der Buchhandlung

So beginnt das Buch und gibt uns zunächst ein Rätsel auf, das die Autorin alsbald löst und uns durch die nächsten Jahre und Jahrzehnte auf der kleinen italienischen Insel im Mittelmeer führt.

1960

Wenn es Gott gab, hatte er diesmal einen Fehler begangen.
Dieser gotteslästerliche Gedanke stand allen sechs Tonna-
roti ins Gesicht geschrieben, die sich in der Bar Peppe Vino e Cu-
cina zu dieser späten Stunde eingefunden hatten, als hätte sie je-
mand gerufen, aber so war es nicht. Die Thunfischfänger waren
aus eigenem Antrieb hergekommen, durch die dunkle Nacht,
selbst auf die Gefahr hin, sich einen Fuß oder das Kreuzbein zu
brechen. In der allgemeinen Fassungslosigkeit mussten sie mit-
einander reden und Trost suchen. Der Fehler war geschehen, der
große Fehler, und es gab kein Mittel dagegen.
»Es gibt gegen alles ein Mittel«, sagte jedoch Nicola Valenti,
hüllte sich enger in seine Wolljacke und strich sich über den Bart.
Er war der Älteste von ihnen, und alle hörten auf ihn, ganz beson-
ders an jenem unglückseligen Abend, als niemand wusste, wie es
weitergehen sollte.
»Er ist ausgeblieben. Er hätte nicht ausbleiben dürfen, aber er
ist ausgeblieben. Nach vierhundert Jahren. Was für ein Mittel soll
es dagegen geben?«, wandte Saro Vitale ein, der zu jung war, um
mit Don Nicola in diesem Ton zu sprechen, aber es war eben eine
außergewöhnliche Nacht, und deshalb musste man ihm die Un-
höflichkeit verzeihen, dachten alle.

Dienstag, 31.Januar


Heute haben
Marie Luise Kaschnitz * 1901
John O’Hara * 1905
Benoite Groult * 1920
Kurt Marti * 1921
Norman Mailer * 1923
Kenzaburo Oe * 1935
Geburtstag
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Christian Morgenstern
Morgensonne im Winter

Auf den eisbedeckten Scheiben
fängt im Morgensonnenlichte
Blum und Scholle an zu treiben…

Löst in diamantnen Tränen
ihren Frost und ihre Dichte,
rinnt herab in Perlensträhnen…

Herz, o Herz, nach langem Wähnen
laß auch deines Glücks Geschichte
diamantne Tränen schreiben!
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Morgen geht es los:

978-3-15-019112-5


“Februar”
Herusgegeben von Christine Schmidjell und Evelyne Polt-Heinzl
Reclam Verlag € 6,00

Wieder sind es fast 70 Gedichte, die hier in das Februar-Heftchen aufgenommen worden sind und wieder ist kein Goethe dabei. Die beiden Damen halten an ihrem Prinzip fest.

Dafür dichtet sich Ringelnatz schon in den Karneval:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Berta, wir gehn zum Faschingsball,
Zu Karnevallerie Krawall,
Pot-Pickles, Mixed-Pourri und Drall.
Denn mancherlei im Leben
vielerlei!
Das man nicht sagt, läßt tanzen sich und gröhlen
Und köstlich ist ein unverbindlich Küssen.

In der Anthologie hat es Überschriften wie “Das wilde Treiben”, “Ballgeflüster”, “Frühlingserwartung” und “Vorfrühling”. Wir bleiben jedoch noch bei den Rubriken “Immer noch Winter” und “Stille Februartage”. Wer weiß, was noch alles vom Himmel fällt, oder wie lange der Winter noch andauert?


Christian Friedrich Hebbel
Winter-Landschaft

Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche,
bis auf den letzten Hauch von Leben leer;
die muntern Pulse stocken längst, die Bäche,
es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.

Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise,
erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab,
und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise,
so gräbt er, glaub’ ich, sich hinein ins Grab.

Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend,
wirft einen letzten Blick auf’s öde Land,
doch, gähnend auf dem Thron des Lebens sitzend,
trotzt ihr der Tod im weißen Festgewand.


Joseph von Eichendorff
Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seinen Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.


Richard Dehmel
Winterwärme

Mit brennenden Lippen,
unter eisblauem Himmel,
durch den glitzernden Morgen hin,
in meinem Garten,
hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied.

Alle Bäume scheinen zu blühen;
von den reifrauhen Zweigen
streift dein Frühwind
schimmernde Flöckchen nieder,
gleichsam Frühlingsblendwerk;
habe Dank!

An meiner Dachkante hängt
Eiszapfen neben Zapfen,
starr,
die fangen zu schmelzen an,
Tropfen auf Tropfen blitzt,
jeder dem andern unvergleichlich,
mir ins Herz.
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Das erste Konzert ist am Sonntag, 5. Februar 2023, 18 Uhr in der Wengenkirche Ulm.

Der Universitätschor Ulm singt als Hauptwerk von Wolfgang Amadeus Mozart das „d-moll Requiem“.
Die Solisten kommen aus den Reihen der beiden Unichöre. Begleiten werden ein Streichquintett mit Musiker:inen aus dem Ulmer Theater und an der Orgel Andreas Weil.
Die musikalische Leitung hat Manuel Sebastian Haupt.
Neben dem Requiem erklingt noch das „Nachtlied“ von Max Reger auf ein Gedicht von Petrus Herbert für fünfstimmigen Chor a cappella sowie das Andante non lento aus dem Streichquartett a-Moll von Felix Mendelssohn.

Sonntag, 5. Februar 2023, 18 Uhr in der Wengenkirche Ulm 
Eintritt 18,00 € / ermäßigt 9,00 €
Abendkasse ab 17:30 Uhr

Dienstag, 30.August

Heute haben
Mary Shelley *1797
Ivan Kusan * 1933
Libuse Monikova * 1945
Geburtstag
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Bald ist es soweit:

September
Gedichte ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 6,00

Kaum zu glauben. Jetzt hatten wir einen heißen Sommer, kaum Regen und doch bricht so langsam der Herbst an. Die Tage werden kürzer, morgens brauche ich Licht zum Arbeiten und abends zum Lesen ist es das Gleiche. Rote Tomaten, Zwetschgen in allen Farben gibt es zu kaufen und die Morgennebel hängen in den Ebenen.
Die Klimaveränderung zeigt sich bei uns immer deutlicher. Wassermangel in den Flüssen und Dürren auf den Feldern. In Ulm hat sich ein Klimabündnis gegründet, in dem viele Gruppierungen teilnehmen. Vielleicht ist es Ihnen auch ein Bedürfnis mitzumachen.
Doch zunächst zwei Gedichte auf den sich anbahnenden Herbst.

Rainer Maria Rilke
Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten reif zu sein
gib Ihnen noch zwei südlichere Tage
dräng sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Friedrich Hebbel
Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.
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Dienstag, 6.September, 19.00 Uhr
„Die erste Seite“

Wir stellen vier neue Bücher vor:


Eeva-Liisa Manner: „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“
Giulia Caminito: „Das Wasser des Sees ist niemals süß“
Shelly Kupferberg: „Isidor“
Kristina Gorcheva-Newberry: „Das Leben vor uns“

Es liest Clemens Grote
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Der Jastram-Blog macht ein paar Tage Ferien und Pause und meldet sich nächste Woche wieder.

Mittwoch, 2.Juni

Heute haben
de Sade * 1740
Thomas Hardy * 1840
Max Aub * 1903
Marcel Reich-Ranicki * 1920
Sibylle Berg * 1962
Geburtstag
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Unser Tipp für den ganzen Monat Juni:


Juni
Gedichte
Hrsg.: Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 5,00

„Frühling lässt sein blaues Band ….“
Naja, es war doch ein arg kühler Mai und es hat immer noch an Regen gefehlt, habe ich gelesen.
Und schon sind wir im Juni, die VerlagsvertreterInnen und -Vertreter scharren mit den Hufen und noch drei Wochen und wir haben den längsten Tag des Jahres.

Im bunten Wiesenstück
Blütenduft und erste Früchte
Düstere Junitage
Der Sommer ist da
Besondere Tage

So nennen die Herausgeberinnen die einzelnen Kapitel.
Herausgesucht habe ich drei Gedichte aus der bunten Auswahl in diesem Reclam Bändchen.

Christian Morgenstern
Butterblumengelbe Wiesen

Butterblumengelbe Wiesen,
sauerampferrot getönt –
o du überreiches Sprießen,
wie das Aug‘ dich nie gewöhnt!

Wohlgesangdurchschwellte Bäume,
wunderblütenschneebereift –
ja, fürwahr, ihr zeigt uns Träume,
wie die Brust sie kaum begreift.

Wilhelm Runge
Blumen flattern Sommer

Blumen flattern Sommer
Duften nimmt beide roten Backen voll
Falter wiegen Wald
Goldkäfer schreien
Mücken strampeln himmelauf und ab
heiß im Arm der Fische hängt das Bächlein
Unken patscht Libellenflügel wach

Zweige lachen
tuscheln
sonnen
strömen
Vögel wogen Wiesen
liegen flach
ziehn die Ahorndolden an den Händen
böse schelten Bienen in den Bart
Zwitschern streckt die sommerschweren Glieder
taumelnd tollt des Atems Flügelschlag
und der Augen wilde Rosen springen.

Das Denken träumt
Gelächter reimt die Straßen
zum Tanz des Blutes
schläfenaufundab
die Adern blinzeln Frühling durch die Knochen
und schlürfen tief den schweren Himmel ein
Wind spielt der Augen froh geschwellte Segel
der Stirne Knoten löst vom Tode sich
weiß über Wiesen schnattern Dörfer hin
die Städte fauchen
und zankend zerrn die Pulse ihre Zügel
nur deine Seele spielt im Sternjasmin
Lieb-Brüderchen Maßloslieb-Schwesterlein

Rosen nicken aus den Junistunden
trällern Sommerblau den Matten hin
mild aus tiefstem Herzen grünt die Heimat
ihre Lippen murmeln wälderschwer
überwelthin schwingt die Sterne Zeit
Kinderwangliebkinderwanggereiht
Krieg brüllt auf
die wilden Blumen schrein
Sonne leckt Gestöhn aus allen Poren
Frieden holt den tiefen Atem ein
und der Nächte durchgewühlte Locken

schmeicheln um der Seele zitternd Knie
Angst zerreißt der Sterne Himmelglanz
und der Abend drückt die Augen blind
einsam geigt
tief hinter Blut geduckt
ewger Kindheit wildumsehntes Glück
und der Sehnsucht über die Welt
hängende Herzen
schlagen

Klabund
Die Wirtschafterin

Drei Wochen hinter Pfingsten,
Da traf ich einen Mann,
Der nahm mich ohne den geringsten
Einwand als Wirtschafterin an.

Ich hab‘ ihm die Suppe versalzen
Und auch die Sommerzeit,
Er nannte mich süße Puppe
Und strich mir ums Unterkleid.

Ich hab‘ ihm silberne Löffel gestohlen
Und auch Bargeld nebenbei.
Ich heizte ihm statt mit Kohlen
Mit leeren Versprechungen ein.

Ich habe ihn angesch…
So kurz wie lang, so hoch wie breit.
Er hat mich hinausgeschmissen;
Es war eine wundervolle Zeit…

1.Dienstag im Monat = 1.Seite um 19 Uhr

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Heute haben
Gertrude Stein * 1874
Georg Trakl * 1914
Richard Yates * 1926
Andrzej Szczypiorski * 1928
Paul Auster * 1947
Henning Mankell * 1948
Sarah Kane * 1971
Geburtstag
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Auf unserem Büchertisch finden Sie den klugen Briefwechsel
zwischen Auster und Coetzee.

Und da Trakl heute Geburtstag hat, gibt es hier gleich etwas von ihm.

Georg Trakl
Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.
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2

„Februar“
Herusgegeben von Christine Schmidjell und Evelyne Polt-Heinzl,
wie alle anderen Monatsgedichte in dieser Reihe.
Reclam Verlag € 5,00

Wieder sind es fast 70 Gedichte, die hier in das Februar-Heftchen aufgenommen worden sind und wieder ist kein Goethe dabei. Die beiden Damen halten an ihrem Prinzip fest. Gut so! Goethe findet sich in vielen anderen Anthologien und zu allen Gelegenheiten. So kommen wir auch mal ohne ihn aus.

Ringelnatz dichtet sich schon in den Karneval:

„Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Berta, wir gehn zum Faschingsball,
Zu Karnevallerie Krawall,
Pot-Pickles, Mixed-Pourri und Drall.
Denn mancherlei im Leben
vielerlei!
Das man nicht sagt, läßt tanzen sich und gröhlen
Und köstlich ist ein unverbindlich Küssen.“

In der Anthologie hat es auch über Überschriften wie „Das wilde Treiben“, „Ballgeflüster“, „Frühlingserwartung“ und „Vorfrühling“. Wir bleiben jedoch noch bei den Wintergedichten, bei den Schneemassen vor den Häusern und so wie ich gestern Schneeschippen durfte. Wir bleiben somit bei den Rubriken „Immer noch Winter“ und „Stille Februartage“:

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Christian Friedrich Hebbel
Winter-Landschaft

Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche,
bis auf den letzten Hauch von Leben leer;
die muntern Pulse stocken längst, die Bäche,
es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.

Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise,
erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab,
und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise,
so gräbt er, glaub‘ ich, sich hinein ins Grab.

Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend,
wirft einen letzten Blick auf’s öde Land,
doch, gähnend auf dem Thron des Lebens sitzend,
trotzt ihr der Tod im weißen Festgewand.

IMG_2730

Joseph von Eichendorff
Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seinen Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

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Richard Dehmel
Winterwärme

Mit brennenden Lippen,
unter eisblauem Himmel,
durch den glitzernden Morgen hin,
in meinem Garten,
hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied.

Alle Bäume scheinen zu blühen;
von den reifrauhen Zweigen
streift dein Frühwind
schimmernde Flöckchen nieder,
gleichsam Frühlingsblendwerk;
habe Dank!

An meiner Dachkante hängt
Eiszapfen neben Zapfen,
starr,
die fangen zu schmelzen an,
Tropfen auf Tropfen blitzt,
jeder dem andern unvergleichlich,
mir ins Herz.

Mitte Februar ist dann wirklich Fasnet, Fasching, Karneval und vielleicht spitzeln auch schon die ersten Schneeglöckchen. Dann können wir uns dem zweiten Teil der Anthologie widmen.
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Fehlen dürfen natürlich auch nicht die wöchentlichen Gedichte von Werner Färber.

UNGEREIMTHEIT DER WOCHE
(aus meine UNGEREIMTHEITEN WOCHENKALENDER für Kinder – KW 06)
 

DAS FAULTIER

Das Faultier hängt faul im Baum,
unendlich lang ist seine Rast.
Es regt sich gar nicht oder kaum,
hängt bloß kopfüber von ’nem Ast.

„Was ist der Zweck des faulen Lebens,
wo liegt des Müßigganges Sinn?“,
fragt man das Faultier vergebens.
Es hängt bloß weiter vor sich hin.

UNGEREIMTHEIT DER WOCHE
(… von fies bis böse)
 
ABSEITS DER PISTE
 
Neuschnee hat’s heut‘ Nacht gegeben.
Der Skitourist findet das geil!
Pulvrig ist die Abfahrt neben
der Piste und er jauchzt: „Ski heil!“
 
Nach zwei, drei Schwüngen löst der Mann
jedoch ein fettes Schneebrett aus.
In kühner Schussfahrt rast er dann
bergabwärts fliehend gradeaus.
 
Voller Panik schießt ins Tal er,
die Lawine dicht im Nacken.
Im Gesicht wird mächtig fahl er,
weil sie könnte ihn ja packen.
 
Er rettet sich zum Gegenhang.
Mächtig zittern seine Glieder.
Da kommt die Pistenraup‘ entlang,
und planiert ihn einfach nieder.
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Dieser Spruch kommt leider einen Tag zu spät. Ihn hat mir eine Kundin zugerufen, als ich vor dem Buchladen am Schippen war:

Wenn es an Lichtmess stürmt und schneit,
dann ist das Frühjahr nicht mehr weit.

Na hoffentlich stimmt das auch, wenn ich die minus 17 Grad auf dem Termometer betrachte.

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