21.Türchen vom Besten das Beste

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Heute haben
Jean Racine * 1639
Isolde Kurz * 1853
Heinrich Böll * 1917
Felix Huby * 1938
Thomas Hürlimann * 1950
Rolf Lappert * 1958
Geburtstag.

 

 

Das 21.Türchen vom Besten das Beste bringt heute ein starkes Mädelsbuch.

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“Das Buch ist bombe”
taz

“Das Buch ist ne Wucht”
Samy Wiltschek

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Kisten Fuchs:Mädchenmeute
Rowohlt Berlin € 19,95
eBook € 16,95

“Kirsten Fuchs ist eine Meisterin in der Konstruktion einzelner Szenen und komischer Pointen. Schlagfertig, schnodderig, krawallig gehen daher auch die Mädchen miteinander um.”
Frankfurter Allgemeine Zeitung

“Sie lächelte, als hätte sie Zahnschmerzen. Diese Legomännchenfrisur war doch eine Perücke, oder? Bis auf eine Weste mit hundert Taschen sah sie überhaupt nicht survival aus. Sie gab meiner Mutter die Hand. Ihr gelber Nagellack leuchtete wahrscheinlich im Dunkeln. Da konnte sie im Camp nachts den Weg zum Plumpsklo finden oder die Wildschweine blenden. Sie war die totale Wildschweinscheuche. Und warum sah sie so angespannt aus?
Das sei der Bruno, sagte sie und zeigte auf den Busfahrer. Sie sei die Inken. Die Ansprechperson. Sie würde gut auf mich aufpassen. Wieso wusste ich sofort, dass das gelogen war, wohingegen mir meine Mutter ganz, ganz, ganz viel Spaß wünschte und mich zum Abschied drückte? Im Bus roch es nach Keller. Auf den Sitzen hinter dem
Busfahrer lagen lauter Beutel. Beutel mit Katzenmotiven. Fünfzehnmal der gleiche Beutel. Alle zugeknotet. Der Kellergeruch kam von den Beuteln.”

Charlotte, Bea, Anuschka, Rike, Antonia, Yvette und Freigunda haben sich im Wald versteckt. Nicht freiwillig, sondern sie sind auf der Flucht mit einem geklauten Kleinlaster, der mit Hunden und Käfigen gefüllt war. Sie suchen einen versteckten Stollen, sie suchen einen Unterschlupf und die einsame Gegend im Riesengebirge scheint ihnen der richtige Ort dafür zu sein. Gesucht werden sie auch noch, Hubschrauber kreisen über dem Gebiet, die Medienvertreter lauern auf die großen Berichte. Gleichzeitig haben sie aber auch heimliche Helfer.
Aber halt. Erst mal der Reihe nach.
Charlotte, groß, dünn, voll in der Pubertät, läuft bei jeder Bemerkung rot an (deshalb wird sie von den Mädels auch Leuchtturm genannt) ist die Erzäherin des dicken roten Buches von Kirsten Fuchs und soll/möchte an einem Mädchen-Sommercamp in der Natur verbingen. Doch schon nach sehr kurzer Zeit läuft alles aus dem Ruder. Die Baracken, in denen sie untergebracht werden sollen, sind marode, kaputt, verschmiert und voller Geräusche. Aus den versprochenen Tagen in der Natur, ohne Händi und Vollpension wird ein schneller, frecher Roadtrip. Wenn ich hier in der Buchvorstellung noch einmal “tschick” schreibe, werfe ich € 5,00 in unser soziales Centschwein. Aber es hat halt von der Grundidee so viel von Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman. Nur dieses Mal aus der Mädchensicht. Kirsten Fuchs, ein Star der Berliner Lesenbühnenszene hat hier einen dicken, knallroten Roman vorgelegt, an dem sie drei Jahre gearbeitet hat, der nur so sprüht von Wortwitz, Ideenreichtum und reiht sich in die ganz großen Coming-of-Age-Romane ein. “Mädchenmeute” muss sich nicht vor den Romanen von Harper Lee, Salinger, Mark Twain, bis Herrndorf verstecken. Das Buch fällt allein durch seine Dicke und Farbe in dieser illustren Reihe auf.
Ich möchte gar nicht so viel über das Buch schreiben, denn es verarbeitet so viel Stoff aus dem Leben und der Gedankenwelt dieser sechs Mädchen. Es geht um Freund-schaft, Selbstvertrauen, die eigenen Stärken, das Lernen von den Anderen. Es ist ernsthaft komisch und voller komischen Ernst. Wir entdecken mit den Mädchen alte Machenschaften in der DDR, wie man im Wald überleben kann, dass man viele Dinge zum ersten Mal macht und dass es wichtig ist, dass jemand einem vertraut und hinter einem steht. Es geht um Macht und Zusammenhalt und es geht einfach auch um ganz tolle Unterhaltung, bei der es immer etwas zu Lachen gibt und: Es bleibt spannend bis auf die letzten Seiten.
So! Nun aber Schluss!
Lesen Sie es selbst, geben Sie das Buch allen Mädels ab 14 Jahren. Aber nicht nur denen.

Leseprobe

Kirsten Fuchs hat eigens ein Blog für ihr Buch eingerichtet
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Werner Färbers Ungereimtheiten der Woche

Advent, Advent

Rundherum, auf einem Kranz,
stehen vier Kerzen – alle ganz.
Advent, Advent, es brennt ein Licht.
Und drei andre Lichter nicht.

Bald brennen zwei, drei Kerzen nieder.
Wie letztes Jahr – so dieses wieder.
Und kurz vor der geweihten Nacht
werden vier Kerzen angemacht.

Advent, Advent, im Lichterschein
werden alle Kerzen klein.
Sie brennen bis zu Stummeln runter.
Es zischt und knistert, flackert munter.

Ist den nimmersatten Flammen
das Kerzenwachs dann ausgegangen,
so naschen sie am Tannenkranz,
verzehren ihn am Ende ganz.

Das Feuer frisst mit Appetit
auch das neue Tischtuch mit.
Lässt man den Flammen freie Hand,
entwickelt sich ein Zimmerbrand.

Traurig ist, wenn man so pennt!
Advent, Advent, die Stube brennt.
Niemand merkt’s im ganzen Haus,
dann fällt Weihnachten wohl aus.

Schöne Bescherung

Nach dem Brand vom letzten Jahr
mied man diesmal die Gefahr.
Das große Kaufhaus Kleckermann
bot billig Lichterketten an.
So leuchtet im Bescherungsraum
mit 1000 Watt der Weihnachtsbaum.
Die Augen groß und weit die Herzen
entzündet man auch Wunderkerzen,
die mächtig stinkend Funken sprühen,
um rötlich gelb dann zu verglühen.
Doch nicht erahntes Unglück naht:
ganz oben glänzt ein blanker Draht.
Die Wunderkerzen sind längst aus,
da knallt die Sicherung heraus.
Die Familie sitzt im Dunkeln,
die Tannennadeln knistern, funkeln.
Entfacht durch jenes Drahtes Glut
brennt das Bäumchen schnell und gut.
Ganz oben in des Baumes Spitze
entwickelt sich gar große Hitze.
Doch rettend kommt der Weihnachtsmann
mit einem Eimer Wasser an.

17.Türchen vom Besten das Beste

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Die Laternen sind angezündet

Heute haben
Jules de Goncourt * 1830
Ford Madox Ford * 1873
Hans Henny Jahnn * 1894
Albert Drach * 1902
Daniil Charms * 1905
Jón Kalman Stefánsson * 1963
Geburtstag

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Das heutige Türchen bringt uns Geschichten von Joseph Mitchell. Im April haben wir eine weitere Sammlung von Erzählungen von ihm vorgestellt. Zum ersten Male lesen wir von ihm fiktive Erzählungen. Die anderen drei Buchsammlungen von ihm bestehen aus wahren Begegebenheiten, Reportagen. Als Jahresgabe verteilen wir in diesen Tagen die Geschichte über Santa Claus Smith mit seinen Schecks in astronomischer Höhe. Wir haben diesen Text aus:McSorley’s Wonderful Saloon, New Yorker Geschichten„, das auch im Diaphanes Verlag veröffentlicht worden ist und € 24,95 kostet.

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Joseph Mitchell:Old Mr. Flood
Geschichten von Fischessen, Whiskey, Tod und Wiedergeburt
Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf und Sven Koch
Diaphanes Verlag € 14,95

“Er hat viel gelacht und viel gegessen und seinen Whiskey unverdünnt getrunken. Er pflegte Barmännern gegenüber zu bemerken, dass er keinen Sinn darin sehe, ­Wasser in Whiskey zu schütten, da ­Whiskey doch sowieso nass sei.”

Joseph Mitchell wurde in Iona (North Carolina) geboren. Im Alter von 21 Jahren kam er einen Tag nach dem Börsenkrach 1929 nach New York und begann seine journalistische Laufbahn als Kriminalreporter bei verschiedenen Tageszeitungen. Er gilt als Mitbegründer des New Journalism. Als Chefreporter des New Yorker wurde er zur lebenden Legende.

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“Ich vertrag Muscheln nicht besonders‹, sagte er, ›aber sechs oder sieben Dutzend werd ich schon essen, um Ihnen Gesellschaft zu leisten.”

Der Diaphanes Verlag hat bisher drei dicke Bücher mit Joseph Mitchells gesammelten Reportagen veröffentlicht. Jetzt gibt es einen Nachschlag im kleiner Format für die Jackentasche. Die drei Geschichten um und über Mr.Flood sind fiktiv, setzen sich jedoch aus verschiedenen Typen zusammen, denen Mitchell auf seinen Reportagearbeiten um den Fulton Fish Market begegnet ist.
Mr Hugh G. Flood ist 93 Jahre alt, pensionierter Abbruchunternehmer und möchte gerne 115 Jahre alt werden. Sein Motto: Fisch. Nichts ist gesünder als Fisch und Meerestiere aller Arten. Austern helfen gegen jede Krankheit. Gut, es müssen dann schon drei bis vier Dutzend sein. Dazu noch Whiskey und die frische Luft vom New Yorker Hafen. Er verbringt seine alten Tage in einem einfachen Hotel, bewohnt dort ein kleines Zimmerchen, obwohl er sich doch mit seinem Geld ein sonniges Leben in Florida leisten könnte. Aber was will er im Süden, wenn seine Welt der Fischmarkt und die Kneipen drumherum sind. So begleiten wir Mr Flood auf seinen Gängen durch das Viertel, dürfen dabei sein, wenn er sich mit den Fischern, Händlern und Barkeepern unterhält und seine Weisheiten von sich gibt, die mitunter sehr an den Haaren herbeigezogen sind. Was jedoch seine Meinung zu Lebensmitteln anbelangt, so war er Ende der 40er Jahre, als die Geschichte entstanden, sehr aktuell. Fisch und Meerestiere seine die einzige Lebensmittel, die noch nicht verändert worden worden sind. Brot, Fleisch, Gemüse, alles nicht mehr das, es schmeckt nach nichts und Brot ist nur frisch getoastet genießbar.
Wir treffen mit ihm auf seine schrägen Kumpels, auf die anderen alten Männer, die im selben Hotel wohnen. Wir erfahren, was wir machen müssen, damit wir nicht krank werden und auch, dass die Schnecken, die die Austern zerstören, fast noch besser schmecken, als die Austern selber. Das merkte Mr Flood, als er kurzerhand einige dieser Schädlinge roh gegessen hat. Aber ein Verkaufsschlager würde das nie werden und im nächsten Jahr sind die Schnecken auch wieder verschwunden.

“Nimm dir Zeit und iss ein Dutzend Austern, iss zwei Dutzend, iss drei Dutzend, iss vier Dutzend. Dann lässt du dem Mann ein schönes Trinkgeld da, kaufst dir eine gute Zigarre, setzt dir den Hut schief auf und spazierst zum Bowling Green. Schau zum Himmel rauf! Ist er nicht blau? Und schau den Mädchen nach, die klapperdiklapp auf ihren niedlichen kleinen Füßen an dir vorbeilaufen!”

Verschwunden ist diese Gegend um den Fischmarkt. Es gibt sie nicht mehr, die knarzigen Typen und die alten Kneipen (ausser Mc Scorley’s. Die Kneipe gibt es immer noch und sieht wohl auch noch so aus, wie zu Mitchells Zeiten). Joseph Mitchell ist ein Chronist dieser Zeit, dieser Stadt, dieses Viertels und seiner Bewohner. Das hat er in seinen Reportagen jahrelang gezeigt. Wir sind hier mittendrin im Gewusel, riechen fast die vielen Fische, das Hafenwasser. Dass Mitchell irgendwann aufgehört hat zu schreiben und jahrelang zwar täglich in die Redaktion des “New Yorkers” kam, ohne etwas abzuliefern, ist verwunderlich, aber auch verständlich, wenn wir merken, wie stark diese Geschichten, Reportagen und Erzählungen sind. Vielleicht ging es einfach nicht besser.

“Schließlich sind wir nicht an der New Yorker Aktienbörse, wo ja jeder anständig und ehrlich und redlich ist, wie’s heißt – wir sind hier am Fischmarkt.”

Eine Leseprobe aus dem Buch als pdf: Mr Flood