Dienstag, 16.März

Heute haben
César Vallejo * 1892
Sybille Bedford * 1911
Tiziano Scarpa * 1963
Zoe Jenny * 1974
Geburtstag
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Julia Trompeter
DieS Geringelte

Kringelig geSchwungen,
dieS Geringelte.
Schlingelig umSchlungen,
umSchmiegt &
eingewiegt – ein Kringeln
hier & dort ein Sinken
der MuSen:
die KabbelSee & Bojen bunt
& Möwen weiß & dieS Geringelte.
Ja, nichtS GeringereS
alS dieS & daS;
gekringelte Lungen
Summen verSunken,
die singen davon,
waS gelungen iSt.

aus: „Jahrbuch der Lyrik 2021
Schöffling Verlag € 22,00
Dank an Maria Leucht
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Unser Tipp:


Julia Friedrichs: „Working Class
Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können
Berlin Verlag € 22,00

„Ihr werdet es einmal schlechter haben!“
Das schreibt die Autorin und listet auf, warum die Generation der Babyboomer mehrheitlich nicht das wirtschaftliche Niveau ihrer Eltern erreichen werden. Die Verteilung von Vermögen ist auch in Deutschland in eine extreme Schieflage gerade. Zusätzlich werden diejenigen, die arbeiten mehr zur Kasse gebeten, als diejenigen, die Geld besitzen, oder vererbt bekommen haben.
Immer mehr Menschen driften in die Armut ab, da deren Arbeitenlöhne nicht dem Niveau der Lebenshaltungspreise angeglichen worden ist. Gleichzeitig gibt es immer mehr Superreiche.
Julia Friedrichs hat drei Personen über ein jahr lang begleitet, spricht mit Wissenschaftler:Innen, Expert:Innen und Politiker:Innen und unterfüttert die Berichte dieser Arbeitenden.
Ein hochaktuelles, gut zu lesendes Buch, das auf den Tisch legt, worüber schon lange Tacheles geredet werden sollte.

Leseprobe
Interview auf 3sat / Kulturzeit

Julia Friedrichs, 1979 im westlichen Münsterland geboren, studierte Journalistik in Dortmund und Brüssel. Seitdem arbeitet sie als Autorin von Reportagen und Dokumentationen für die ARD, das ZDF und die Zeit. Mit dem Redaktionsteam „docupy“ brachte sie den Film „Ungleichland“ heraus. Sie hat mehrere hochgelobte Bücher verfasst, darunter die Bestseller „Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“ (2008), „Deutschland dritter Klasse. Leben in der Unterschicht“ (mit Eva Müller und Boris Baumholt, 2009), „Ideale. Auf der Suche nach dem, was zählt“ (2011) und zuletzt im Berlin Verlag „Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht“ (2015).
Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Axel-Springer-Preis für junge Journalisten, den Nachwuchspreis des Deutsch-Französischen Journalistenpreises, den Dr. Georg Schreiber-Medienpreis sowie 2019 den Grimme-Preis. Julia Friedrichs lebt mit ihrer Familie in Berlin.


Dienstag

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Heute haben
William Wordsworth * 1770
Victoria Ocampo * 1890
Johannes Mario Simmel * 1924
Cora Stephan / Anne Chaplet * 1951
Geburtstag

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Eigentlich wollte ich in das Buch nur kurz reinschnuppern, um zu wissen, wie es geschrieben ist und um was es sich handelt. Dabei ist es leider nicht geblieben und es wurde mein Osterbuch.

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Gila Lustiger: „Die Schuld der Anderen“
Berlin Verlag € 22,99
auch als E-Book erhältlich

Wir verkaufen das Buch im Laden sehr gut, obwohl wir es noch nicht gelesen haben. Es wandert wie selbstverständlich an die Kasse und dann in diverse Taschen. Das ist mir aufgefallen und deshalb wollte ich mir einen kleinen Einblick verschaffen. Kurz nach Beginn der Lektüre wurde mir klar, dass wir den Roman gut zu den Thrillern, Krimis stellen können. Und als ich etwas später im Netz recherchierte, tauchte sehr bald ein langes Videointerview von Denis Scheck und der Autorin in Paris auf. Ah ha, daher weht der Wind. Die Sendung „druckfrisch“ hat also die Finger im Spiel.
Denis Scheck hat recht: Es ist ein wirklich tolles Buch. Ein brisantes Buch, ein spannendes Buch, in das Gila Lustiger viel verpackt und dennoch alles schlüssig miteinander verknüpft hat.
Um was geht es denn nun?
Es ist Sommer in Paris. Eine große Lethargie liegt über der Hauptstadt, nur Marc Rappaport hält es nicht auf seinem Büro. Er arbeitet als Gerichtsreporter für eine engagierte, überregionale Zeitung. Nach 30 Jahren scheint ein Mord an einer jungen Prostituierten dank einer DNA-Analyse aufgeklärt werden können. Der mutmaßliche Mörder ist gefasst und sitzt in Haft. Marc Rappaport gibt sich damit aber nicht zufrieden und forscht weiter. Sehr schnell findet er eine heiße Spur in einer Kleinstadt in Frankreich, irgendwo im Nirgendwo. Dort arbeitet ein Futtermittel-Konzern mit einem synthetisch hergestellten Vitamin A, in der landlosen Massentierhaltung billig, lukrativ und ein Zwischenstoff, der fatale Tücken hat. Er ist krebserregend. Marc Rappaport bohrt weiter, recherchiert auf eigene Faust, besucht die Frau des Inhaftierten, dringt in die Firma ein, besucht den ehemaligen Betriebsarzt und bleibt nicht immer auf dem ganz legalen Pfad. Aber er hat sich festgebissen und möchte wissen, wer dahintersteckt. Er glaubt nicht an einen einfachen Prostituiertenmord. Umso mehr er bohrt und aufdeckt, desto mehr taucht er ein in die Geschichte der 80er Jahre in Frankreich und in die Machenschaften der Chemieindustrie. Er beginnt ihre Macht zu spüren und erkennt immer mehr die Ohnmacht der Arbeiter und Angestellten. Unter Mitterrand wurden die Chemiekonzerne verstaatlicht. Es sollte nicht mehr auf Gewinnmaximierung, sondern auf Konsolidierung geachtet werden. Das Programm scheitert und das Rad wird wieder zurückgedreht. Mit noch größer Macht stehen nun diese Konzerne da und agieren mittlerweile weltweit. Gila Lustiger schreibt in dem Buch über französische Verhältnisse. Das gleiche ist jedoch auch unter der rot-grünen Regierung in Deutschland passiert. Die Autorin lebt seit 30 Jahren in Paris und hat zwei Jahre für dieses Buch recherchiert. Sie machte ein Praktikum bei der Polizei, um besser über deren Abläufe schreiben zu können. Korruption, Bestechung, Antisemitismus sind genauso Thema in diesem Roman, wie das Abtriften von Menschen aus Randgruppen in radikale Gruppierungen. Und nach den Anschlägen auf das Satiremagazin zeigt sich die große Aktualität dieser Arbeit, die sehr gut auch auf Deutschland übertragbar ist.
Marc Rappaport dringt immer tiefer in diesen unüberschaubaren Dschungel ein, ist wie vernagelt für andere Dinge und besessen, diesen Fall zu lösen. Dass dies natürlich zu Spannungen mit seiner Freundin führt ist klar. Auch mit seinem besten Freund und Chef in der Zeitung kommt es immer wieder zu großen Spannungen. Aber für Rappaport gibt es kein Zurück mehr. Er sucht und findet seine Täter in dan allerhöchsten Positionen in der Industrie und in der Regierung. Gleichzeitung kommt er auch aus großem Hause und sein Großvater war ein mächtiges Tier und hatte die Hebel in der Hand. Davon kann sich der Journalist nicht lösen. Immer wieder tauchen Gespräche mit dem Großvater und ihm als Junge auf. Er, der alte, weise Mensch, zeigt dem jungen Enkel, wie Politik fuktioniert und man mit Macht umgehen kann.
Gila Lustiger hat hier einen Krimi geschrieben, der weit mehr ist als das. Es ist die Geschichte der französischen Wirtschaftsgeschichte der letzten 30 Jahre. Spannend und packend geschrieben, dass ich nicht mehr weggekommen bin und das Buch auf zwei Sitzungen verschlungen habe. Das Buch hat mich immer wieder an die Romane von Schorlau und Manotti erinnert. Auch hier bleibt die Hauptperson, trotz aller Abwege, immer sympatisch und aus dem Buch tropft nicht literweise Blut, sondern fasziniert durch seine große Kenntnis und dadurch, dass die Autorin immer den Überblick behält, trotz aller radikaler Wendungen, die die Geschichte nimmt. Bis zum Schluß.

Interview mit Gila Lustiger im Deutschlandfunk

„druckfrisch“ mit Denis Scheck und Gila Lustiger
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Heute abend um 19 Uhr „Die erste Seite“.
Diesmal liest Clemens Grote aus:
„Butscher’s Crossing“ von John Williams
“Young Blood” von Sifiso Mzobe
“Tamangur” von Leta Semadeni
Als Gast haben wir Christine Langer, die aus ihrem neuen Gedichtband
“Jazz in den Wolken” lesen wird.

Freitag

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Mit Kaffee schaffen wir die letzten Tage noch.
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Heute haben
Gustave Flaubert * 1821
Hermynia zur Mühlen * 1883
Hans Keilson * 1909
Tschingis Aitmatow * 192
John Osborne * 1929
Geburtstag.
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Die beste Adventsmusik
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„Liebe und Gymnastik“= grossartig
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Ein super Jugendbuch. Sehr lustig.
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Der nützliche Jastram-2015-Jahresplaner-für die Wand/Tür.
Und wir empfehlen jetzt schon:

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da im Frühjahr 2015 die deutsche Übersetzung im Schöffling Verlag erscheint:

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Das Beste vom Besten von 2014.
Heute vom 24.März 2014.
Ein Buch, das ich zufällig gestern aus dem Regal im Laden gezogen habe und dabei dachte, dass es eine sehr angenehme Lektüre war und sehr gut in die adventliche Zeit passt:

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Edward Lewis Wallant:Mr Moonbloom

Aus dem Amerikanischen von Barbara Schaden
Berlin Taschenbuch € 9,99
Amerikanische Originalausgabe ca. € 14,00
als E-Book € 8,49
Mit einem Vorwort von Dave Eggers

Jede Woche klappert Norman Moonbloom die vier Mietshäuser in Manhattan ab, um die Miete von den Bewohnern zu kassieren. Moonbloom hat es in seinen über 30 Jahren zu nicht viel gebracht und sein Bruder, dem die Häuser gehören, hat ihm den Job verschafft. Er setzt ihn allerdings auch hier ordentlich unter Druck, lässt sich von Norman aber nicht überzeugen, dass er mehr in die Häuser investieren soll, da sie dringend Sanierungsbedarf haben. Er will von Norman nur den Scheck mit allen Mieten sehen. Norman klingelt sich durch die Mietwohnungen durch und bekommt zusätzlich zum Geld jede Menge Geschichte. Manchmal sind es auch nur Geschichten, die er bekommt. Er hört sich das Gejammer über defekte Wasserleitungen, kaputte Stromversorgung, verstopfte Toilettenspülungen und undichte Decken an. Die Aufzüge funktionieren nicht immer, Scheiben sind eingeworfen und Heizungen defekt. Wir sind im New York der 60er Jahre (1963 kam der Roman zuerst in den USA heraus) und die Adressen, die jetzt zu den teuersten der Stadt gehören, waren da noch heruntergekommene Ecken.
Da ist der 100-jährige Jude Karloff, der bis zur Besinnungslosigkeit Schnaps trinkt und seine Wohnung verkommenlässt, hier wohnen Hipster und Beatniks wie der Jazz-Trompeter Katz oder der homosexuelle Schriftsteller Paxton – aber auch der KZ-Überlebende Lublin, der die Hölle der Lager tief seinem Herzen mit in die Neue Welt getragen hat. Ihre Lebensgeschichten kennt Norman auswendig. Und trotzdem hört er immer wieder zu, setzt sich, trinkt Kaffee, Schnaps und isst mit ihnen. Nicht, dass er das unbedingt will, er wird genötigt dazu und kann sich dem oft nur durch eine panikartige Flucht entziehen. Er sieht, wie diese Menschen leben, die nicht viel besitzen und oft schwierige Biografien haben. Dass alles interessiert sein Bruder jedoch überhaupt nicht. So ist Norman auf seinen Hausmeister Gaylord angewiesen, der zumindest das Notwendigste repariert. Norman wird zum Archivar dieser Geschichten, dieser tragischen Schicksale und bietet immer wieder Hilfe an. Nicht nur für die defkte Wohnungen, sondern auch für die reparaturbedürftigen Seelen. Es passiert aber auch einmal, dass er von einer Mieterin verführt wird, während nebenan der alte Vater schnarcht.
Norman sagt einmal, dass er nicht Norman ist. Es auch nie war. Er ist nicht zufrieden mit sich und mit seinem Job und rafft sich auf, diesen Menschen zu helfen und vielleicht auch seine Seele zu retten. Mit seinen Ersparnissen, Gaylord und einem weiteren Bekannten zieht er los und nimmt sich der Wohnungen an.
Ein Roman mit vielen wilden Geschichten, irren Typen und einem unsichtbaren Menschen, der zum Helden für die Mieter wird.
Dave Eggers, der selbst Schriftsteller und unabhängiger, politisch engagierter Verleger ist, hat ein Vorwort zu dieser Neuausgabe geschrieben. Gut, dieses vor der Lektüre zu lesen. Sie stimmt ein und lässt uns eintauchen in die Atmosphäre der Geschichte.

Hier geht es zur Leseprobe und sie finden eine kurze Biografie über den Autoren, der damals zu den größten Hoffnungen der USA galt, jedoch sehr jung starb und hier völlig unbekannt ist.

Montag

1
Sonntag auf der Alb

Heute haben
Frederick Forsyth * 1938
Maxim Biller * 1960
Taslima Nasrin * 1962
Geburtstag
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Wir haben wohl wirklich den letzten Tag des Sommers verpasst und somit eine der Regeln aus dem Bilderbuch von Shaun Tan nicht beachtet. Dafür freut sich so langsam aber wieder der Herr Doktor aus dem Gedicht von Wilhelm Busch.

Wilhelm Busch
Im Sommer

In Sommerbäder
Reist jetzt ein jeder
Und lebt famos.
Der arme Dokter,
Zu Hause hockt er
Patientenlos.

Von Winterszenen,
Von schrecklich schönen,
Träumt sein Gemüt,
Wenn, Dank der Götter,
Bei Hundewetter
Sein Weizen blüht.
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besuch

Hila Blum: „Der Besuch“
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Berlin Verlag € 22,99

„Es gibt Dinge, die können nur in den schmalen Spalten der Nachlässigkeit geschehen, der Unaufmerksamkeit, in einem Wirbel aus Trägheit und Licht. Plötzlich entspringen sie der Phantasie und landen im gelebten Leben.“

In diesem Erstlingswerk der 1962 geborenen israelischen Autorin herrscht richtig Sommer. Hochsommer. Eine ungewöhnlich hartnäckige Hitze liegt über Jerusalem und es beginnt damit, dass ein Junge verschwindet. Die Nachrichten sind voll mit dieser Meldung. Dies hat mit dem Roman nichts zu tun, zieht sich aber wie ein roter Faden durch das Buch, bis es am Schluss zu einem glücklichen Ende mit dem Jungen kommt.
„Alles Mögliche passiert in diesem Sommer. Es ist der Sommer der nicht so fernen Katastrophen, einer Kette seltsamer Unfälle.“
Warum diese Episode? Vielleicht ist es die Nähe der Katastrophe, in der beiden Hauptpersonen Nili und Nataniel (Nati) leben. Ein Sommer kann schnell vorüber gehen, ein glücklicher Tag plötzlich schrecklich enden. Ein Kind geht über die Straße und wird von einem heranbrausenen Auto getötet, ein Sturz aus dem Haus kann zu einem langen Aufenthalt im Krankenhaus führen. Dies sind genau die Dinge, die irgendwann auch in diesem Roman passieren.
Nili und Nataniel sind kinderlos. Die ältere Tochter aus Natis erster Ehe ist bei ihrer Mutter in Amsterdam und die kleine Tochter mit der Schwester von Nili am Meer. Was könnte es also schöneres geben, als die wenigen freien Tage im Hochsommer zu genießen. Doch beide aufpassenden Frauen sind nicht richtig einzuschätzen. Die eine die Ex-Frau des Ehemannes, die andere die psychisch  labile Schwester. Somit sitzt Nili auf Kohlen und möchte fast ständig online mit den beiden Kindern sein. Der Anruf eines französischen Millionärs, der ihnen am letzten Tag ihrer Hochzeitsreise in einem Pariser Edelrestaurant aus der Patsche geholfen hat, bringt das eh schon fragile Gleichgewicht der Ehe schwer ins Wanken.
Hila Blums Debüt erzählt nicht nur die Geschichte von Nili und Nati, wie sie sich kennen und lieben gelernt haben. Sie zeigt ihre Sehnsüchte, ihre Fluchten und Hoffnungen, die sich nicht immer mit denen des Partners decken. Sie schreibt über dieses Paar um die vierzig, denen es so gut gehen könnte und die es sich selbst schwer machen. Hila Blum bohrt in den den Rissen und deckt unter der dünnen Oberfläche nach weiteren Rissen und Unebenheiten auf. Gleichzeitig wissen wir, dass damals vor 10 Jahren in Paris noch etwas geschehen ist, als Nili und Duclos, der Millionär, allein vor der Restaurant standen.
Während wir nun darauf warten, bis die beiden sich mit dem Fremden zum Abendessen treffen, erzählt uns Bila Blum die Jahre der Beziehung von Nili, Nati und ihren Kindern, aber auch die Zeit als Nili alleine in Jerusalem mit den Kleinen und Nati für einige Wochen in der Schweiz zum Arbeiten ist. Hier legt die Autorin noch eine weitere Ebene frei und schreibt sehr treffend Dialoge zwischen der Mutter, ihrer pubertierenden und der kleinen, fragilen Tochter, wie wir sie nur zu gut kennen.
Sie merken schon, Hila Blum hat sich viel vorgenommen. Ihr Schreibstil ist gekonnt flüssig, die Konstruktion des Romans verschachtelt, spannungssteigernd und wir lesen diesen Erstling in einem Rutsch durch. Einzelne Episoden sind vielleicht etwas zu lang geraten, das Geheimnis um Duclos fast eine Luftnummer, aber insgesamt finde ich, ist es ein mehr als gelungener Roman, der sich wirklich lohnt und augezeichnet auf hohem Niveau unterhält.

Leseprobe
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Werner Färber
UNGEREIMTHEIT DER WOCHE (… aus der Tierwelt):

PROBLEMKUH VERUNSICHERT LÄNDLE *

Im Wald zu Gaildorf gibt’s ’ne Kuh,
die ist seit Wochen nicht bereit,
zu leben friedlich und in Ruh –,
nein, sie sucht offensichtlich Streit!

Was macht die Kuh so aggressiv,
dass sie vollkommen ungeniert
(vielleicht sogar demonstrativ)
bisweilen den Verkehr blockiert?

Sie stellt sich Autos in den Weg,
statt sich zu laben an dem Grase.
Wenn ich mir das so überleg,
tut sie’s vielleicht, dass man nicht rase

(* Bildschirmtext ARD am 22.08.2014)

UNGEREIMTHEIT DER WOCHE: (aus der Reihe BEI HEMPELS UNTERM SOFA)

BEI HEMPELS UNTERM SOFA XLI

… liegt ein Stapel von Plakaten,
die Hempel an der Straße störten,
weil sie nach seiner ganz privaten
Meinung dort nicht hingehörten.

Parolen von der NPD
musst‘ vom Straßenrand er klau’n!
Auch jene von der AfD
war’n ihm schlichterdings zu braun!

Montag

Heute haben
C.F.D.Schubart * 1739
Fanny Lewald * 1811
William Morris * 1834
H.W.Longfellow * 1882
John Knittel * 1891
Dario Fo * 1926
Martin Walser * 1927
Peter Bichsel * 1935
Peter Waterhouse * 1956
Geburtstag
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Da es gestern bei uns nachmittags mehrfach irre Schneegestöber gab, passt das Gedicht von Longfellow:

Henry Wadsworth Longfellow
Snow-Flakes

Out of the cloud-folds of her garments shaken,
Over the woodlands brown and bare,
Over the harvest-fields forsaken,
Silent, and soft, and slow
Descends the snow.

Even as our cloudy fancies take
Suddenly shape in some divine expression,
Even as the troubled heart doth make
In the white countenance confession,
The troubled sky reveals
The grief it feels.

This is the poem of the air,
Slowly in silent syllables recorded;
This is the secret of despair,
Long in its cloudy bosom hoarded,
Now whispered and revealed
To wood and field.
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MoonbloomMoonbloom en

Edward Lewis Wallant:Mr Moonbloom

Aus dem Amerikanischen von Barbara Schaden
Berlin Taschenbuch € 9,99
Amerikanische Originalausgabe ca. € 14,00
als E-Book € 8,49
Mit einem Vorwort von Dave Eggers

Jede Woche klappert Norman Moonbloom die vier Mietshäuser in Manhattan ab, um die Miete von den Bewohnern zu kassieren. Moonbloom hat es in seinen über 30 Jahren zu nicht viel gebracht und sein Bruder, dem die Häuser gehören, hat ihm den Job verschafft. Er setzt ihn allerdings auch hier ordentlich unter Druck, lässt sich von Norman aber nicht überzeugen, dass er mehr in die Häuser investieren soll, da sie dringend Sanierungsbedarf haben. Er will von Norman nur den Scheck mit allen Mieten sehen. Norman klingelt sich durch die Mietwohnungen durch und bekommt zusätzlich zum Geld jede Menge Geschichte. Manchmal sind es auch nur Geschichten, die er bekommt. Er hört sich das Gejammer über defekte Wasserleitungen, kaputte Stromversorgung, verstopfte Toilettenspülungen und undichte Decken an. Die Aufzüge funktionieren nicht immer, Scheiben sind eingeworfen und Heizungen defekt. Wir sind im New York der 60er Jahre (1963 kam der Roman zuerst in den USA heraus) und die Adressen, die jetzt zu den teuersten der Stadt gehören, waren da noch heruntergekommene Ecken.
Da ist der 100-jährige Jude Karloff, der bis zur Besinnungslosigkeit Schnaps trinkt und seine Wohnung verkommenlässt, hier wohnen Hipster und Beatniks wie der Jazz-Trompeter Katz oder der homosexuelle Schriftsteller Paxton – aber auch der KZ-Überlebende Lublin, der die Hölle der Lager tief seinem Herzen mit in die Neue Welt getragen hat. Ihre Lebensgeschichten kennt Norman auswendig. Und trotzdem hört er immer wieder zu, setzt sich, trinkt Kaffee, Schnaps und isst mit ihnen. Nicht, dass er das unbedingt will, er wird genötigt dazu und kann sich dem oft nur durch eine panikartige Flucht entziehen. Er sieht, wie diese Menschen leben, die nicht viel besitzen und oft schwierige Biografien haben. Dass alles interessiert sein Bruder jedoch überhaupt nicht. So ist Norman auf seinen Hausmeister Gaylord angewiesen, der zumindest das Notwendigste repariert. Norman wird zum Archivar dieser Geschichten, dieser tragischen Schicksale und bietet immer wieder Hilfe an. Nicht nur für die defkte Wohnungen, sondern auch für die reparaturbedürftigen Seelen. Es passiert aber auch einmal, dass er von einer Mieterin verführt wird, während nebenan der alte Vater schnarcht.
Norman sagt einmal, dass er nicht Norman ist. Es auch nie war. Er ist nicht zufrieden mit sich und mit seinem Job und rafft sich auf, diesen Menschen zu helfen und vielleicht auch seine Seele zu retten. Mit seinen Ersparnissen, Gaylord und einem weiteren Bekannten zieht er los und nimmt sich der Wohnungen an.
Ein Roman mit vielen wilden Geschichten, irren Typen und einem unsichtbaren Menschen, der zum Helden für die Mieter wird.
Dave Eggers, der selbst Schriftsteller und unabhängiger, politisch engagierter Verleger ist, hat ein Vorwort zu dieser Neuausgabe geschrieben. Gut, dieses vor der Lektüre zu lesen. Sie stimmt ein und lässt uns eintauchen in die Atmosphäre der Geschichte.

Hier geht es zur Leseprobe und sie finden eine kurze Biografie über den Autoren, der damals zu den größten Hoffnungen der USA galt, jedoch sehr jung starb und hier völlig unbekannt ist.
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Ein paar Fotos von Indiebookday am Samstag finden Sie auf unserem Fotoblog.