Donnerstag, 2.November

Heute haben
Jonathan Swift * 1667
Theodor Mommsen * 1817
Ippolito Nievo * 1831
Mark Twain * 1835
Winston Churchill * 1874
Thomas Hettche * 1964
Geburtstag
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Eintrag am 2.11.2018 im Duden Gedichtekalender

Else Lasker-Schüler
Klein Sterbelied

So still ich bin,
All Blut rinnt hin.

Wie weich umher.
Nichts weiß ich mehr.

Mein Herz noch klein;
Starb leis an Pein.

War blau und fromm!
O Himmel, komm.

Ein tiefer Schall –
Nacht überall.
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Unser heutiger Lesetipp:

Daniel Kehlmann:Tyll
Rowohlt Verlag € 22,95

„Der Tyll ist da!“

Der neue Roman von Daniel Kehlmann ist da und nach einer Woche Anlaufzeit wurde er hoch und runter besprochen. Danach gab es kein Halten mehr und mittlerweile ist er von 0 auf 2 der Spiegel Bestsellerliste gelandet. Was immer das zu bedeuten hat. Eines ist klar: Das Buch wird noch öfter bis Weihnachten verkauft und zu diesem Anlass verschenkt werden.

Tyll Ulenspiegel ist unsterblich und somit hat Kehlmann auch gar kein Problem den Schalk vom 14. ins 17.Jahrhundert zu transportieren. Die Menge schreit: „Der Tyll ist da!“ und somit ist er eingeführt in den Roman. Kehlmann benutzt ihn als roten Faden durch seinen Roman über den 30jährigen Krieg, als einen, der die Wahrheit sagt und dem die Könige nicht den Mund verbieten können. Tyll jongliert mit seinen Bällen, wie Kehlmann mit seinen Figuren. Die Geschichte wird nicht chronologisch und geschichtlich korrekt erzählt. Und genau das macht den Reiz der 500 Seiten aus. Kehlmanns Sprache ist eine heutige und hat einen humorvollen Unterton, obwohl er auch über das Grauen des Krieges, der Folter schreibt. Ein Menschenleben ist nichts wert und Könige schlafen unter freien Himmel im Dreck. Das Buch ist voller Trauer und Verlust und doch heiter und frech.
Kehlmann hat eine Sprache, die fließt, die einen dazu bringt, Seite um Seite zu verschlingen. Wenn Sie gleichzeitig in Sachbuch-Neuerscheinungen zum 30jährigen Krieg, der sich 2018 jährt, lesen, werden Sie vermutlich viele geschichtliche Ungereimt-heiten finden. Das jedoch kümmert Kehlmann nicht. Er will ein Erzähler sein. Und das gelingt ihm ausgezeichnet.
Was dies anbelangt, gibt es in diesem Herbst nicht viele Bücher, bei denen es mir so ergangen ist. Salman Rushdies „Golden House“ war so ein Werk und Mariana Lekys „Was man von hier aus sehen kann“ gehört auch dazu.
Lassen Sie sich von Tyll verführen und dass er nicht von dieser Welt ist, lässt Kehlmann immer wieder aufblitzen. Als Tyll in einem Stollen verschüttet ist, sagt er: „Ich geh jetzt. So hab ich’s immer gehalten. Wenn es eng wird, gehe ich. Ich sterbe hier nicht.“
Ganz zum Schluss hat Tyll die Chance auf ein friedvolles Lebensende bei der englischen Königin, oder dem ungewissen Leben auf der Straße. Tyll entscheidet sich jedoch für einen dritten Weg, denn er meint, dass das Beste doch sei, überhaupt nicht zu sterben.

Anstatt einer Leseprobe, hier ein paar Lesehappen:

Schuh
«Tyll Ulenspiegel über uns drehte sich, langsam und nachlässig – nicht wie einer, der in Gefahr ist, sondern wie einer, der sich neugierig umsieht. Der rechte Fuß stand längs auf dem Seil, der linke quer, die Knie waren ein wenig gebeugt und die Fäuste in die Seiten gestemmt. Und wir alle, die wir hochsahen, begriffen mit einem Mal, was Leichtigkeit war. Wir begriffen, wie das Leben sein kann für einen, der wirklich tut, was er will, und nichts glaubt und keinem gehorcht; wie es wäre, so ein Mensch zu sein, begriffen wir, und wir begriffen, dass wir nie solche Menschen sein würden.
‹Zieht eure Schuhe aus!›»

Der Krieg, der Tod
«Und ein gutes Jahr später kam der Krieg doch zu uns. (…) Die Söldner waren hungriger als üblich, und sie hatten noch mehr getrunken. Lange schon hatten sie keine Stadt betreten, die ihnen so viel bot. Die alte Luise, die tief geschlafen und diesmal keine Vorahnung gehabt hatte, starb in ihrem Bett. Der Pfarrer starb, als er sich schützend vors Kirchenportal stellte. Lise Schoch starb, als sie versuchte, Goldmünzen zu verstecken, der Bäcker und der Schmied und der alte Lembke und Moritz Blatt und die meisten anderen Männer starben, als sie versuchten, ihre Frauen zu schützen, und die Frauen starben, wie Frauen eben sterben im Krieg.
Martha starb auch. Sie sah noch, wie die Zimmerdecke über ihr sich in rote Hitze verwandelte, sie roch den Qualm, bevor er so fest nach ihr griff, dass sie nichts mehr erkannte, und sie hörte ihre Schwester um Hilfe rufen, während die Zukunft, die sie eben noch gehabt hatte, sich in nichts auflöste: der Mann, den sie nie haben, und die Kinder, die sie nicht großziehen, und die Enkel, denen sie niemals von einem berühmten Spaßmacher an einem Vormittag im Frühling erzählen würde, und die Kinder dieser Enkel, all die Menschen, die es nun doch nicht geben sollte. So schnell geht das, dachte sie, als wäre sie hinter ein großes Geheimnis gekommen.»

Claus und Tyll
«Nicht mehr lange, dann wird er die letzten Lücken geschlossen haben. Dann wird er selbst ein Buch schreiben, in dem alle Antworten stehen, und dann werden die Gelehrten in ihren Universitäten sich wundern und schämen und sich die Haare raufen.
Aber leicht wird das nicht. Seine Hände sind groß, und der dünne Federkiel zerbricht ihm immer wieder zwischen den Fingern. Er wird viel üben müssen, bevor er ein ganzes Buch mit den Spinnenzeichen aus Tinte füllen kann. Aber es muss sein, denn er kann all das, was er herausgefunden hat, nicht für immer im Gedächtnis halten. Es ist schon zu viel, es schmerzt ihn, oft ist ihm schwindlig von all dem Wissen im Kopf.
Vielleicht wird er irgendwann seinem Sohn etwas beibringen können. Er hat gemerkt, dass ihm der Junge beim Essen manchmal zuhört, wider Willen fast und bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Dünn und zu schwach ist er, aber er scheint klug zu sein. Vor kurzem hat Claus ihn dabei ertappt, wie er mit drei Steinen jongliert hat, ganz leicht und ohne Mühe – reiner Unsinn, aber doch auch ein Zeichen, dass das Kind vielleicht nicht so stumpf ist wie die anderen. Neulich hat der Junge ihn gefragt, wie viele Sterne es eigentlich gibt, und da er erst vor kurzem nachgezählt hat, hat er ihm nicht ohne Stolz eine Antwort geben können. Er hofft, dass das Kind, das Agneta trägt, wieder ein Junge wird; mit etwas Glück sogar einer, der kräftiger ist, damit er ihm besser bei der Arbeit hilft, und dem er dann auch etwas beibringen kann.»

Liz und ihr «Winterkönig»
«Auf der Bootsfahrt hatte Friedrich an der Reling gelehnt und versucht, sich die Seekrankheit nicht anmerken zu lassen. Ganz kindliche Augen hatte er gehabt, aber er hatte so aufrecht gestanden, wie nur die besten Hofmeister es einem beibringen können. Du bist sicher ein guter Fechter, hatte sie gedacht, und: Du bist nicht hässlich. Mach dir keine Sorgen, hätte sie ihm am liebsten zugeflüstert, ich bin jetzt bei dir.
Und jetzt, so viele Jahre später, konnte er noch immer perfekt dastehen. Was auch geschehen war, wie sehr man ihn erniedrigt und zum Gespött Europas gemacht hatte – aufrecht zu stehen, das vermochte er noch wie zuvor, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, das Kinn erhoben, die Arme auf dem Rücken verschränkt, und auch seine schönen Kälberaugen hatte er noch.
Sie mochte ihren armen König gern. Sie konnte gar nicht anders. All die Jahre hatte sie mit ihm verbracht, ihm mehr Kinder geboren, als sie zählen konnte. Ihn nannte man den Winterkönig, sie die Winterkönigin, ihrer beider Schicksale waren unauflöslich verbunden. Damals auf der Themse hatte sie davon nichts geahnt, da hatte sie bloß gedacht, dass sie dem armen Jungen ein paar Dinge beibringen müsse, denn wenn man miteinander vermählt war, musste man auch miteinander sprechen. Mit dem da konnte das schwierig werden, der hatte von gar nichts eine Ahnung.»

Hunderte Eimer Blut
«Vom Hradschin aus sah sie es marschieren, und mit kaltem Schrecken wurde ihr klar, dass diese blitzenden Lanzen, diese Schwerter und Hellebarden nicht einfach bloß irgendwelche glänzenden Dinge waren, sondern Klingen. Es waren Messer, geschliffen zu dem einzigen Zweck, Menschenfleisch zu schneiden, Menschenhaut zu durchstoßen und Menschenknochen zu zersplittern. Die Leute, die dort drunten so schön im Gleichschritt gingen, würden diese langen Messer anderen in die Gesichter stoßen, und selbst würden sie Messer in Bäuche und Hälse gestoßen bekommen, und so mancher von ihnen würde von gegossenen Stahlklumpen getroffen werden, die so schnell flogen, dass sie Köpfe abrissen, Glieder zerschmetterten, Bäuche durchschlugen. Und Hunderte Eimer Blut, das noch in diesen Männern floss, würde bald nicht mehr in ihnen sein, es würde verspritzen, verrinnen, schließlich versickern; was machte eigentlich die Erde mit all dem Blut, wusch der Regen es aus, oder war es ein Düngemittel, das besondere Pflanzen wachsen ließ? Ein Arzt hatte ihr gesagt, dass der letzte Samen der Sterbenden kleine Alraunenmännchen zeugte, lebendig zitternde Wurzelwesen, die wie Säuglinge schrien, wenn man sie aus dem Boden zog.»

Das Ende des Drachenzeitalter
«Im selben Jahr starb in der Holsteinischen Ebene der letzte Drache des Nordens. Er war siebzehntausend Jahre alt, und er war es müde, sich zu verstecken.
Also bettete er den Kopf ins Heidekraut, legte den Körper, der sich so vollständig seinem Untergrund anpasste, dass selbst Adler ihn nicht hätten ausmachen können, flach in die Weichheit der Gräser, seufzte und bedauerte kurz, dass es nun vorbei war mit Duft und Blumen und Wind und dass er die Wolken im Sturm nicht mehr sehen würde, nicht den Aufgang der Sonne und nicht die Kurve des Erdschattens auf dem kupferblauen Mond, der ihn immer besonders erfreut hatte.
Er schloss seine vier Augen und brummte noch leise, als er spürte, dass ein Spatz sich auf seine Nase setzte. Es war ihm alles recht, denn er hatte so viel gesehen, aber was mit einem wie ihm nach dem Tod geschehen würde, wusste er noch immer nicht. Seufzend schlief er ein. Sein Leben hatte lang gedauert. Nun war es Zeit, sich zu verwandeln.»
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Nicht vergessen:

Freitag, 3.November um 19:00 Uhr
Im Rahmen der Woche der unabhängigen Buchhandlungen

„Vom Dachzimmer zum Kurt Wolff Preis“
Ein Abend mit Benno Käsmayr und seinem Maro Verlag

Dienstag, 31.Oktober


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Heute Feiertag und morgen auch noch einer in Baden-Württemberg.
Deshalb gibt es einige Tage keine Buchtipps.
Ich wünsche Ihnen gemütliche freie Tage.
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Freitag, 3.November um 19:00 Uhr
Im Rahmen der Woche der unabhängigen Buchhandlungen

„Vom Dachzimmer zum Kurt Wolff Preis“
Ein Abend mit Benno Käsmayr und seinem Maro Verlag

Montag

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Heute haben
Andrej Belyi * 1880
Karin Boye * 1900
John Arden * 1930
Ulrich Plenzdorf * 1934
Carlo Lucarelli * 1960
Geburtstag

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Gert Heidenreich: „Nächte mit Leonard“
Erinnerungen zu Leonard Cohens 80. Geburtstag am 21.9.2014
Jahresgabe 2015
Für die Freunde des Maro Verlages
Maro Verlag je € 5,00

Version „Revolution“ von Carolin Flammang
Version „Zensur“ von Ines Korbacher
In Zusammenarbeit mit der Deutschen Meisterschule für Mode / Designschule München

Die Jahresgaben des Maro Verlages sind immer für eine Überraschung gut. Hier können Sie noch richtige Entdeckungen machen. Dass es dieses Jahr gleich zwei davon gibt, ist umso schöner, denn den wunderbaren Text von Gert Heidenreich hat Benno Käsmayr in zwei Versionen „Revolution“ und „Zensur“ drucken lassen. Die Gestaltung übernahm jeweils eine Studentin der Designschule München. Der selbe Text und doch zwei grundlegend andere Heftchen. Auf den ersten (und den zweiten) Blick würde man dies nicht vermuten.

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Gert Heidenreich hat mit dieser Erzählung einiges bei mir wieder wachgerüttelt, freigeschaufelt und nach oben gewühlt. Er ist zwar fast 15 Jahre älter als ich und doch machte ich sehr ähnliche Erfahrungen wie er.
Heidenreich beschreibt, wie es sich anfühlte, wenn man eine neu LP in Händen hielt, die Platte mit der weissen Hülle herausgleiten ließ, die schwarze Scheibe aus ihr zog und vorsichtig auf den Plattenteller legte. Das erste ganz leiste Knirschen beim Aufsetzen des Saphirs. Ja, Herr Heidenreich, so war das bei mir auch. Ich besaß (und besitze immer noch nicht) keine Cohen-Scheibe und doch begleitet er mich die vergangenen 40 Jahre. Auf jedem Fest, wenn die Gitarren herausgezogen wurden, wurden Lieder von ihm gespielt und es gab immer Fraktionen für und gegen ihn. Er war kein lauter Sänger wie Dylan, von ihm kam die Kraft aus seinen Texten. Darauf musste man sich zuerst einlassen. Aber dann war es um Einen geschehen. Heidenreich bringt Brassens, Moustaki und Brel ins Spiel und stellt doch die Einzigartigkeit von Cohen heraus.
Für Heidenreich war diese Musik zuerst nicht kompatibel mit der Nachkriegszeit, wie er sie erlebte. An die poltische und gesellschaftliche Situation, in der über die Zeit vor 1945 nicht (mehr) gesprochen wurde und Nazigrößen wieder in gehobenen Positionen saßen. Die daraus resultierende Radikalisierung und Politisierung der westdeutschen Studentenschaft erlebte er hautnah mit. Er schreibt von fast auswegslosen Situationen, die etwas von Depression und Lethargie an sich hatten. Dass dieses Gemisch dann bis zur RAF führte und der gnadenlosen, rasch und neu gesetzlich verankerten Jagd nach Intelektuellen, haben wir selbst mitbekommen. Und dabei gab es immer die ruhigen Lieder von Leonard Cohen, der sich nicht in den Vordergrund sang, oder laut, direkt, politisch auf der Bühne war, sondern seine Lyrik in den Raum, seine Zeilen zur Verfügung stellte.

Es waren sanfte Abende mit ihm, nach aufregenden Demonstrationen, geschrienen Protesten, gebrüllten Forderungen. Als hätte seine leise Nachdenklichkeit und volksliedhafte Musikalität uns zu uns selbst zurückgeführt. … Während ich das schreibe, brennen Kriege an zahllosen Plätzen unseres kleinen Globus. Man nennt sie Konflikte. Und ich erinnere mich, was Leonard im Jahr, als die Mauer fiel – befragt, was er von der Zukunft erwarte – geantwortet hat: Murder, Mord und Totschlag.

Wie gesagt: Ein toller Text in zwei Versionen. Jede kostet € 5,00 und sind mindestens das Doppelte wert. Sie können also, wenn Sie so rechnen, locker auch beide Heftchen kaufen. Wir haben sie vorrätig.

Montag

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Heute haben
Eugenio Montale * 1896
Ding Ling * 1904
Geburtstag
und Luciano Pavarotti feiert seinen 80.Geburtstag.

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Charles Bukowski: „Alle reden zu viel und andere Gedichte
Aus dem Amerikanischen von Esther Ghionda-Breger
Maro Verlag € 16,80

Eine schöne Überraschung. Neue, alte Gedichte von Charles Bukowski liegen vor mir. Nicht, dass ich der große Bukowski-Fan bin, aber seine genaue Beobachtungsgabe, sein frecher, manchmal derber Ton, und die Erinnerung an seine, mir schon bekannten, Gedichte, ließen mich gleich in das broschierte Buch reinschauen.
Ganz im Stil der anderen Bukowski-Bücher, hat Rotraut Susanne Berner die Illustration für den Umschlag gestaltet, ansonsten ist das Buch von aussen schwarz und leuchtet innen um so mehr.

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Leben am Rande der Mülltonne

Der Wind bläst heftig heute Nacht
es ist ein eisiger Wind
und ich denke
an die obdachlosen Jungs.
Ich hoffe, ein paar von ihnen haben eine Flasche
Rotwein.
Wenn man obdachlos ist,
merkt man, dass
alles jemandem gehört
und überall
ein Schloss dran ist.
So funktioniert
Demokratie:
man nimmt, was man kriegen kann
versucht, es zu behalten
und möglichst
noch mehr anzuhäufen.
Diktatur funktioniert
ähnlich,
nur dass die Obdachlosen
entweder
versklavt oder
vernichtet werden.
Wir haben unsere
bloß vergessen.
Wie dem auch sei
es bläst ein harter
eisiger
Wind.

Nur ein Vorschlag

Neben dem Hass und Neid einiger
meiner Kollegen
gibt es noch ein anderes Ungemach,
und das erreicht mich per Telefon oder Brief:
»Du bist der größte lebende Schriftsteller.«
Das gefällt mir gar nicht,
weil ich glaube,
dass etwas verdammt schief gelaufen ist,
wenn man der größte lebende Schriftsteller ist.
Ich will nicht einmal der größte tote
Schriftsteller sein.
Einfach nur tot zu sein
würde mir vollkommen reichen.
Außerdem finde ich die Bezeichnung »Schriftsteller«
völlig daneben.
Für mein Ego wäre es viel besser
zu hören:
Du bist der beste Billardspieler der Welt
oder
du bist der beste Ficker der Welt
oder
Du bist der beste
Pferdewetter der Welt.
Genau das ist es
was einen Mann
glücklich machen würde.

Diesen Mädchen sind wir
nach Hause gefolgt

Irene und Louise waren die
hübschesten Mädchen in der Junior Highschool
sie waren Schwestern;
Irene war ein Jahr älter,
ein bisschen größer,
und man hatte
die Qual der Wahl;
sie waren nicht nur hübsch, sondern
umwerfend schön
so schön,
dass sich die Jungs nicht an sie rantrauten,
denn obwohl Irene und Louise überhaupt nicht arrogant,
und sogar freundlicher als die meisten anderen waren,
jagten sie ihnen Angst ein,
sie kleideten sich anders als
die anderen Mädchen:
trugen immer High Heels,
Seidenstrümpfe,
Blusen,
Röcke,
jeden Tag ein neues Outfit.
Eines Nachmittags folgten mein Kumpel Baldy und ich
ihnen nach der Schule bis nach Hause;
wir waren der Schrecken des Schulhofs
und wie nicht anders zu erwarten,
hefteten wir uns an ihre Fersen.
Mann, war das aufregend:
wir liefen drei oder vier Meter hinter ihnen
sagten kein Wort
verfolgten sie
und hatten nur Augen für ihre
sinnlich wiegenden
Hinterteile.
126 Das fanden wir so aufregend,
dass wir ihnen jeden Tag nach der
Schule bis nach Hause
hinterherliefen.
Wenn die beiden ins Haus gingen
standen wir draußen auf dem Bürgersteig
rauchten unsere Kippen
und unterhielten uns.
»Eines Tages«, sagte ich zu Baldy,
»laden sie uns zu sich ins
Haus ein und dann werden wir sie
flachlegen.«
»Das glaubst du ja wohl selber nicht?«
»Wart’s ab.«
Jetzt,
50 Jahre später
kann ich verraten,
dass es dazu nie gekommen ist
– egal, welche Stories wir
unseren Kumpels aufgetischt haben;
aber damals wie heute
sind es Träume,
die einen
am Leben halten.

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Ich habe dem Verleger Benno Käsmayr ein paar Fragen gestellt und ich denke, seine Antworten sind sehr erhellend und animieren zur Lektüre.

Lieber Benno,
letzte Woche erschien „Alle reden zu viel und andere Gedichte“ von Charles Bukowski. Warum mussten wir so lange darauf warten? In den USA erschienen sie schon 1986.

Die Hälfte der amerikanischen Ausgabe erschien 1989 auf Deutsch unter dem Titel „Roter Mercedes“ – 160 Seiten.
Carl Weissner hatte das ausgewählt und übersetzt. Warum seinerzeit die zweite Hälfte dann nicht auch auf Deutsch erschien, weiß niemand mehr. Der Agentin ist es nicht aufgefallen, der Lektor nicht mehr im Verlag. Es mag vielleicht daran gelegen haben, dass bereits neue Titel von Bukowski erschienen waren und damit auch jährlich ein weiteres neueres Buch von Bukowski auf Deutsch.

Du hast nur eine Auswahl veröffentlicht. Warum? Wie umfangreich ist das Original?

Bei Maro erschien jetzt der bisher in D. unveröffentlichte Rest. Das Original hat 320 Seiten. Der „Rote Mercedes“ ist ja schon seit Jahren komplett vergriffen und erzielt bereits im Antiquariat hohe Preise. Das war ja der Grund, warum die Agentin auf Maro zu kam mit der Frage, den Roten Mercedes neu zugänglich zu machen. Der erscheint auch im Frühjahr 2016 in der Übersetzung von Weissner.

Carl Weissner ist tot. Es gibt eine neue Übersetzerin. Merkst du einen anderen Ton, eine andere Art der Übertragung bei Esther Ghiona-Breger?

Carl Weissner kann man nicht kopieren. Dass die Übersetzung von Esther anders klingt, vielleicht etwas „seriöser“, ist dem Autor durchaus entsprechend, da auch die Texte weniger den alten Klischees folgen.

Wie ist die Resonanz auf diese Bukowski-Neuerscheinung?

Bisher ist die Resonanz bescheiden. Wenn man berücksichtigt, dass wir ab 1974 von Bukowskis erstem Gedichtband 60.000 Exemplare verkauft haben (und DTV im Taschenbuch noch viel mehr), sind die vorbestellten 480 Bücher schon mickrig.

Wie treu ist überhaupt die Bukowski-Gemeinde?
Sind das die Alten, oder kommen da auch neue LeserInnen dazu?

Das werden wir sehen. Ich meine schon, dass die „Alten“ Fans kein großes Interesse mehr an Bukowski haben, ihn zu kaufen, sie erzählen vielleicht mehr von damals, als sie ihn verschlungen haben. Und die Jungen wachsen zwar nach, aber nur wenige steigen auf Bukowski voll ein.

Im Anhang hast Du vier Briefe von Bukowski an Dich veröffentlich.
Was war Hank für ein Typ? Entsprach er dem Mythos, der sich um ihn herum aufgebaut hat.

Ich habe Bukowski zweimal getroffen, auf mich wirkte er eher bieder (Morgens Müsli, tagsüber Rennbahn, abends beim Mexikaner, dann Fernsehen). Seine öffentlich wahrgenommenen Auftritte waren sicher zum Teil inszeniert, er hatte ja ein Image zu verteidigen, haha.

Du hast dem Buchpaket ein paar Postkarten mit Illustrationen zum Buch, zu Bukowski hinzugefügt. Unter anderem auch ein herrliches Foto von Charles Bukowski, wie er sehr locker im Regen tanzt. Wird es das als Poster geben?

Ja! Das soll A1 gedruckt werden. Wir warten noch auf die Daten. Das Dia ist so gewölbt, dass es bislang nur unscharf gescannt werden konnte.

Was ist denn Dein Lieblingsbuch von Bukowski?

Mein Lieblingsbuch ist: „Das schlimmste kommt noch“ (Roman) und „Irgendwo in Texas“ (Lyrik).

Danke und viel Erfolg mit dem Buch.

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Heute abend wir der Deutsche Buchpreis 2015 verliehen.
Ich bin sehr gespannt, welches Buch das Rennen machen wird.