Dienstag, 23.August

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Heute haben
Alfred Lichtenstein * 1889
Ephraim Kishon * 1924
Nelson DeMille * 1943
Ilija Trojanow * 1965
Geburtstag
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Alfred Lichtenstein
Punkt

Die wüsten Straßen fließen lichterloh
Durch den erloschnen Kopf. Und tun mir weh.
Ich fühle deutlich, daß ich bald vergeh –
Dornrosen meines Fleisches, stecht nicht so.

Die Nacht verschimmelt, Giftlaternenschein
Hat, kriechend, sie mit grünem Dreck beschmiert.
Das Herz ist wie ein Sack. Das Blut erfriert.
Die Welt fällt um. Die Augen stürzen ein.
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Größer geht nicht, so dachte ich. Bis ich das neue Bilderbuch noch Nikolaus Heidelbach in den Händen hatte.

9783407821454

Nikolaus Heidelbach: „Arno und die Festgesellschaft mit beschränkter Haftung
Beltz & Gelberg Verlag € 29,90
Bilderbuch ab 6 Jahren
und halt für alle Erwachsene, die noch träumen können/wollen.

Arno heißt der Junge in diesem Buch und sieht auch so aus wie der Einsiedler aus Bargfeld. Arno Schmidt diente Heidelbach als Vorlage. Arnos Bilderbuchvater ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Arno Schmidts Kosenamen taucht auch noch auf. Ansonsten fallen mir keine Schmidt’schen Bezüge auf. Ich bin gespannt, was die Buchbesprechungen der großen Zeitungen alles herausbekommen.
Denn zu übersehen, zu überlesen gibt es in dem übergroßen Bilderbuch so einiges. Heidelbach tobt sich in seiner Phantasiewelt wieder richtig aus. Ging es in seinem „Rosl“-Buch über das Sterben, die Ängste, um Alpträume und Freundschaft, nimmt er uns hier mit auf eine unglaubliche Reise in einem Lastwagen mit zwölf Anhängern. Arnos siebter Geburtstag steht bevor. Arnos Vater findet eine Visitenkarte der Fest GmbH und organisiert eine grandiose Überraschung für ihn. Oder kommt das gar nicht von ihm und wächst alles nur in Arnos Kopf? Ist der Schuhschnabel Vogel wirklich ein Tier, oder steckt ein menschliches Wesen drin? Und wenn ja, wer ist es?
Gemeinsam erleben sie unwahrscheinliche Abenteuer, finden einen unersättlichen Geldbeutel, Seekühe, die durch Reifen springen. Arno fliegt in einem Zeppelin mit, der verdammt nach einem menschlchen Wesen aussieht. Er sieht Fotos von sich als Baby und Schulanfänger, schwimmt mit einer Tigerbadehose mit einem Hammerhai im Wasser. Er kämpft mit einem schlabberigen rosa Etwas und muß durch einen ganz besonderen Tunnel kriechen, gehen, klettern.
Wenn ich noch etwas vergessen haben sollte, würde mich das nicht wundern. Denn staunen, wundern, überraschenlassen gehört wohl zu Heidelbach dazu. Allein schon der (lange) Text zeigt, wo die Reise langgeht. Heidelbach entführt uns in seine/unsere Traumwelten, läßt uns immer wieder auftauchen und gleich wieder versinken. Wieviele Welten gibt es und welche ist die richtige?
Richtig gut ist dieses Buch auf jeden Fall. Ich kann es zwar nicht richtig einsortieren und habe mich aber richtig verführen lassen.
Zum großformatigen Buch gibt es noch ein Tischset in gleichem Format, in dem wir den Geburtstagtisch von oben sehen. Mit Arno am Tischende mit dem Geldbeutel und seinem großen Maul, dem Polizisten, dem Schnabelvogel, dem Zirkusdirektor , dem Polizisten und dem Schokolinsenmonster.
Wer sich also am Frühstück verzaubern lassen will, sollte sich ganz schnell dieses kleine, große Kunstwerk besorgen. Zum Beispiel bei uns in der Buchhandlung.
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Werner Färber Ungereimtheit der Woche
Die Kegelrobbe

Die Kegelrobbe liegt entspannt
in ihrer ruhigen Bucht am Strand.
Als eine Yacht kommt übers Meer,
bedauert dies die Robbe sehr.



Mit den Gesäßen vorneweg
,
platschen die Segler bald von Deck
und stör’n die schöne Bucht-Idylle
mit übermütigem Gebrülle.



Für derlei rücksichtsloses Lärmen
kann man sich nur schwer erwärmen.
Deshalb geht die Robbe kegeln,
bis jene Störer weiter segeln.

Samstag

José Saramago * 1922
hat heute Geburtstag
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Unser Buchtipp des Tages ist heute ein Bilderbuch.
Ein trauriges, ein schönes, ein schön trauriges.

immer

Kai Lüftner / Katja Gehrmann: „Für immer
Beltz & Gelberg Verlag € 12,95
Bilderbuch ab 5 Jahren

Erst beim zweiten Mal Durchschauen sind mir all die Kleinigkeiten aufgefallen, die ich beim ersten Durchgang, auf Grund der bewegenden Geschichte, gar nicht wahrgenommen habe. So schon auf der ersten Seite , als der Junge mit seinem roten Drachen an der Hand,  mit seiner traurig dreinschauenden Mutter,auf dem Gehweg unterwegs ist. Jetzt sehe ich erst die Blicke der Menschen, die vorgehaltenen Hände. Sogar aus einem Ladenschäft wird den beiden hinterhergeschaut. Nur im Kindergarten scheint alle seinen normalen Gang zu gehen. Obwohl Egon sagt: „Aber jetzt ist sowieso nichts mehr, wie es war …“ Die ersten Zeilen des Buches jedoch lauten: „Die Blumen vor unserem Haus sind dieselben. Die Ampel an der Kreuzung ist dieselbe. Und auch der kleine Lotto-Laden auf der anderen Straßenseite sieht aus wie immer. Trotzdem ist der Weg in den Kindergarten ganz anders als sonst.“
Ja, alles ist anders, denn auf der nächsten Doppelseite sehen wir Egons Papa, wie er im Bett sitzend mit ihm zusammen einen Drachen bastelt. Die Infusionsflasche und die Glatze des Papas lassen es erahnen, warum alles anders geworden ist.
„Ich heiße Egon und bin ein Zurückgebliebener.“ Über dieses Wort bin ich gestolpert und wusste nicht, wie die Geschichte weitergeht. „Aber nicht so, wie ihr vielleicht denkt, denn zurückgeblieben hat nichts mit Dummheit zu tun.“ Die Beerdigung des Vaters sehen wir auf der nächsten Doppelseite und der Blick in eine dunkle, braune Grube folgt noch. „Zurück bleiben die, die jemanden verloren haben. Für immer.“ Und die Worte „Für immer“ beschäftigen den kleinen Egon. Was bedeuten die überhaupt und was heisst das für seinen Alltag. Was ist „Für immer“? Ist das für immer? Oder doch nicht so lange? Bleiben Sachen für immer und trotzdem geht es weiter? Bleibt etwas für immer, aber anderes ändert sich ständig? Egon macht sich viele Gedanken, da er den Verlust seines Vaters nicht einordnen kann.
Es gibt auch keine Tabletten gegen „Für immer“.
Egon erzählt uns über Menschen, die zu den Flüsteren gehören, die einen so seltsam anschauen und ihm über den Kopf streicheln. Aber auch die Grinser gibt es, die lustig sein wollen und dabei nur peinlich sind. Und es gibt die vielen vielen Sprachlosen.
Egon hat seinen roten Drachen, den er das ganze Bilderbuch hindurch nicht aus der Hand gibt. Es ist das, was er zuletzt mit seinem Vater gebastelt hat. Es ist das letzte gemeinsame Erinnerungsstück. Und als der Drachen dann am Himmel schwebt ist er selbst Papa. „Zumindest ein kleines Stück. Für immer.“
Sehr bewegend wird diese Trauergeschichte erzählt und, wie gesagt, erst bei mehrmaligen Durchblättern fallen einem noch Kleinigkeiten auf, obwohl es nun wirklich kein Wimmelbuch ist.
Die Pinnwand mit den vielen Schnappsschüssen, die das gemeinsame Leben als Familie zeigen, runden das Buch ab und lassen uns wieder schmunzeln.

Hier können Sie ins Buch reinblättern.

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