Samstag

Heute haben
ETA Hoffmann * 1776
Edith Wharton * 1862
Vicki Baum * 1888
Eugen Roth * 1895
Geburtstag
________________________

“… dann die wunderbare Gabe, durch das einzige Wörtchen “Miau” Freude, Schmerz, Wonne und Entzücken, Angst und Verzweiflung, kurz alle Empfindungen und Leidenschaften auszudrücken. Was ist die Sprache der Menschen gegen dieses einfachste aller einfachen Mittel, sich verständlich zu machen!”
ETA Hoffmann
________________________

Manchmal bin ich wirklich sprachlos. Da fällt mir die Klappe runter und ich denke, dass das alles gar nicht wahr sein kann. Ist es aber doch. Und genau das macht das Lesen von Romanen so spannend. Aber wie jetzt mit Erzählen anfangen.
Seit ein paar Tagen ordne ich die Buchregale im Laden, ziehe alte Bücher raus, sortiere um, stelle Bücher von hier nach dort. Das übliche Ritual nach dem Weihnachtstrubel. Dabei fiel mir der Erzählband „Ungeheure Veränderungen in letzter Minute“ von Grace Paley in die Hände. Da ich die Entstehungsgeschichte der „Middlesteins“ von Jami Attenberg im Schöffling Verlag miterleben durfte, da das Buch vorgestern im Laden eingetroffen ist, schaute ich kurz in den Erzählband, da Grace Paley eine der Lieblingsautorinnen von Jami Attenberg ist und beide in Deutschland bei Schöffling erscheinen. Einen anderen Erzählband der Autorin hatte ich auf dem Blog schon vorgestellt, mit samt Interview und Rede der Autorin, die schon ein paar Jahre tot ist. Hier nun fällt mir im Inhaltsverzeichnis gleich der Titel einer Erzählung auf. „Die Langstreckenläuferin“ heisst sie und nachdem es noch eine Erzählung mit Namen „Samuel“ gibt, die mir ins Auge fällt, war es klar, dass ich das Buch mitnehmen und reinlesen werde. Paleys Erzählungen, die Mitte der 70er Jahre in den USA herauskamen, sind meist kurz und knackig. Mit großem Witz und irren Wendungen macht sie dem deutschen Titel des Buches alle Ehre. Die Langstreckenläuferin ist überhaupt nicht drahtig, sondern moppelig und noch blutige Anfängerin. Und doch macht sie sich auf, läuft Strecke um Strecke, bis sie in die Gegend ihrer Kindheit anlangt und dort von schwarzen Jugendlichen in die ehemalige Wohnung ihrer Familie geführt wird. Dass sie allerdings dort einige Wochen verbringt und deutlich später als erwartet daheim ankommt, macht den Ehemann stutzig, der von dem alles nichts mitbekommen hat und an der großen Phantasie seiner Frau verzweifelt. In „Samuel“ geht es um ein paar Jungs, die zwischen den Wagons der U-Bahn stehen und während der Fahrt Blödsinn treiben. Bis ein Fahrgast die Norbremse zieht und es zum großen Unheil kommt. Paley schreibt über einen Café-Besitzer, der sein Zimmer einem Freund überlässt und danach mit der Polzei in Konflikt kommt. Es geht um Einwanderer und große Hoffnungen und es geht in der ersten Geschichte um eine Frau, die nach Jahren zwei Bücher in der Bibliothek abgibt, über 30 Dollar Gebühren bezahlt und sie dann gleich wieder mitnimmt, da sie schon so lange nicht mehr darin gelesen hat. Es sind Bücher von Edith Wharton, die heute Geburtstag hat.
Bevor ich mich allerdings in Paleys Geschichte vertiefte, schaute ich in das neue Buch von Arno Geiger, das heute vom Hanser Verlag als Leseexemplar, inkl. eines Interviews mit dem Autor im Buchladen ankam. Auf eine Frage von Zita Bereuter was ihn daran reizt, aus der Sicht eines jungen Mannes mit 22 Jahren zuschreiben, sagt er u.a.: „Von Grace Paley, einer amerikanischen Shortstory-Autorin, gibt es eine schöne Erzählung über einen alten Schauspieler. Der alte Schauspieler sagt sinngemäß: Man muss so alt werden wie ich, um den jugendlichen Liebhaber gut spielen zu können. – Der Satz hat nicht aufgehört, mich zu beschäftigen.“ Und das alles lese ich genau an dem Tag, an dem ich beide Bücher mitgenommen habe.

IMG_2663

Dass ich gestern das schöne Montaigne-Buch vorgestellt habe, das von Hans Stilett vor Jahren neu übersetzt worden ist, und dass gestern Hans Stilett gestorben ist, wusste ich beim Schreiben nicht, macht aber meine Verwunderung nicht kleiner.
Sie merken, ich bin mitten im literarischen Strudel, freue mich über die Verknüpfungen und bin gespannt, welche weiteren Vernetzungen auf mich warten. Jetzt erst mal Arno Geiger. Ich halte Sie auf dem Laufenden und berichte spätestens nach Erscheinen des Romanes.

IMG_2662

Grace Paley: „Ungeheure Veränderungen in letzter Minute“
Übersetzt von Sigrid Ruschmeier
Schöffling Verlag € 19,95

Arno Geiger: „Selbstporträt mit Flusspferd“
Hanser Verlag € 19,90
Das Buch erscheint am 2.Februar
und Arno Geiger ist am 9.2. im Literaturhaus Stuttgart.

Mittwoch

CIMG1284

Heute haben
Raymond Chandler * 1888
Elio Vittorini * 1908 (siehe unten)
Hubert Selby * 1928
Alex Capus * 1961
Kai Meyer * 1969
Thea Dorn * 1970
Geburtstag.
Gestern hatte ich Arno Geiger und Oskar Maria Graf vergessen.
______________________

Lesen Vittorinis „Gespräch in Sizilien“, wenn es Sie im Urlaub dorthin verschlagen sollte. Ein großes Stück Weltlitertaur aus den 30er Jahren.
______________________

0429

Stewart O’Nan: „Die Chance“
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel
Rowohlt Verlag € 19,95
als eBook € 16,99
als Hör-CD gelesen von Christian Brückner € 24,99
als englisch sprachiges Taschenbuch „The Odds. A Love Story“ € 12,99

Ganz neu auf unserem Büchertisch liegt nun endlich der neue Roman von Stewart O’Nan. Und wieder verblüfft er mit seiner Geschichte. War erfrüher der Typ, der harte Geschichten erzählte, wird er von mal zu mal ruhiger und einfühlsamer mit seinen Personen. Er lässt uns teilhaben am Leben einer alten Dame, wie in seinem letzten Roman, oder nimmt uns mit auf eine letzte, verzweifelte Reise eines langverheirateten Paares, das sich komplett verschuldet hat und nur noch den Ausweg sieht, sich in der Spielbank das nötige „Kleingeld“ zu besorgen.
Gemeinsam machen Marion und Art Fowler eine Pauschal-Busreise zu den Niagarafällen, wohin sie dreißig Jahre zuvor auch ihre Hochzeitsreise führte. Im Gepäck befindet sich ihr gesamtes Barvermögen, denn Art glaubt zu wissen, wie man beim Roulette gewinnen kann. Sie schmuggeln das Geld nach Kanada ein, wechseln es in Jetons und beziehen in einem Casino eine teure Hochzeitssuite, die sie sich leisten, weil es ja ohnehin egal ist. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Gleichzeitig plant Art die Scheidung nach diesem Wochenende. Er aus finanziellen Gründen, damit nicht beiden alles genommen werden kann. Sie sieht darin jedoch eine persönliche Befreiung.
O’Nan nennt seinen Roman eine Liebesgeschichte, was sie tatsächlich auch ist. Denn sein Ton ist nicht derjenige, der mit dem Seziermesser an die Sache herangeht und eiskalt dieses Paar auseinandernimmt und sie vor dem Nichts zurücklässt. Nein, es ist fast heiter, etwas skuril und liebenswert, wie er die Episoden an den Niagarafällen, im Bus und im Hotel in Worte fasst. Obwohl Marion Art sich nicht mehr viel zu sagen haben, obwohl Marion die Annäherungsversuche ihres Mannes eher lästig sind, obwohl ihre Ehe und ihr weiteres Leben auf der Kippe stehen, hält O’Nan zu ihnen und schreibt einen fast tröstlichen Roman über Zuversicht, Hoffnung und „Die Chance“, die einem im Leben oft bleibt.So nutzen die beiden diese Gelegenheit, setzen ihr komplettes Barvermögen an diesem Wochenende in der Spielbank ein.

Leseprobe