Dienstag

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Heute haben
Simon Dach * 1605
August Stramm * 1874
Dag Hammarskjöld * 1905
Chester Himes * 1909
Mikis Theodorakis * 1925
Harry Mulisch * 1927
Sten Nadolny * 1942
Ulrich Tukur * 1957
Geburtstag
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Michel Bergmann: „Alles was war“
Arche Verlag € 14,00

Der Verlag nennt es eine Erzählung, und hat den Text von Michel Bergmann in ein schönes gebundes Buch verpackt und in seiner „kleinen Reihe“ veröffentlicht. Es sieht fast so wie ein Verschenkbuch aus, das neben der Kasse liegt und Sommergedichte beinhaltet. Aber irgendwie liegt der Verlag hier nicht ganz richtig.
Michel Bergmann wurde 1945 als Kind jüdischer Eltern in einem Internierungslager in der Schweiz geboren. Nach einigen Jahren in Paris ziehen die Eltern nach Frankfurt am Main. Wir kennen ihn von seiner Teilacher-Trilogie, die auch zuerst im Arche Verlag und dann als Taschenbuch bei dtv erschienen sind. Sie werden alle drei im Moment verfilmt. Mit diesen humorigen Beschreibungen der deutschen Juden in Frankfurt nach dem Krieg und wie sie trotz ihres Leid, ihrer Traumata wieder ihrer Arbeiten nachgehen, hat ihnen der Autor ein wichtiges Denkmal gesetzt.
Hier nun vermuten wir den gleichen Stil. Es würde so schön passen. Lustige jüdische Geschichten aus dem Nachkriegsdeutschland. Aber genau das will wohl Michel Bergmann nicht. Er erzählt Episoden aus seiner Familie und betrachtet von aussen den kleinen Jungen, wie er aufwächst mit seinen Eltern, seinem Onkel und der anderen Verwandschaft, die alle eine große Last auf dem Rücken haben und ihren Kindern weitergeben. Dieser Junge ist anders und wird immer noch besonders betrachtet. Die Vorurteile gegenüber den Juden scheinen sich wohl auf ewig festgebrannt haben. Sein Vater ist schwer krank und stirbt, als er noch klein ist. Seine Mutter nimmt das Heft in die Hand und bringt den Betrieb mit Weisswäsche wieder in Schwung. Bis sich auch hier die Zeiten ändern. Bergmann schreibt über die Schulzeit, über die Kameraden des Jungen, über Feste mit der Familie und wird immer wieder sehr aktuell und politisch. Fast erschrecken wir, wenn er sich bitter beklagt, dass sich die Vorurteile nicht abbauen, sondern immer mehr festsetzen. Er klagt an und wir merken, wie sehr wir geprägt sind durch Medien und das, was wir täglich hören.
Sie merken schon, der Begriff „Erzählung“ trifft den Kern des Buches nicht. „Alles was war“ heisst der Titel und doch sind es nur Ausschnitte einer Kindheitund Jugend in Frankfurt. Wir begleiten den Jungen bis zum Tod seiner Mutter, bis zur Ausbildung bei der „Frankfurter Rundschau“, genau wie im wahren Leben des Autors. Wir bgeleiten ihn auf eine besondere Weihnachtsfeier und lesen bewegende Zeilen über Fritz Bauer, dem der junge Mann als Zeitungsmensch bei den Auschwitz-Prozessen begegnet und merken daran, wie wichtig diese Texte dem Autor sind, wie er das Leben der Juden in Frankfurt, in Deutschland nicht nur in einem humorigen Licht zeigen will.
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Unser Sommerwettbewerb läuft und hier zeige ich Ihnen ein paar aktuelle Einsendungen.
Mehr finden Sie auf jastrammeinbuch.tumblr.com

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Montag

Heute hat Christoph Hein Geburtstag (* 1944)
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Eine schöne Entdeckung am Wochenende, die ich gerne weitergeben möchte:

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Susanne Schedel: „Wer soll denn das anziehen, bitteschön
Rowohlt Verlag € 18,95
als eBook € 16,99

„Die Krägen, die Knöpfe, die Muster reihten sich zu Sätzen über das, was in der Luft lag, was um uns war. Sätze einer Sprache, die ich mit dem ganzen Körper verstand.“

1998 bekam Susanne Schedel den Förderpreis der Stadt Ulm.
Davor machte sie 1992 in Ulm das Abitur, lebt jedoch in Düsseldorf.
Jetzt hat sie ihr zweites Buch veröffentlicht.
Erst auf der Innenseite steht neben dem Titel der Vermerk: Erzählungen.
Sind es nun Erzählungen, oder doch acht Episoden eines Romanes?
Egal! Durch die einzelnen Texte zieht sich ein roter Faden, gibt dem Buch einen inneren Halt und eine Struktur. In allen Texten geht es um normale Menschen, die unbewusst ihrem Leben eine Wendungen geben (können/könnten). Sie handeln, ohne über Tragweite nachzudenken. Es gibt eine junge Frau, die ihren Freund in den USA beucht, der dort an einer Uni forscht. bei einem „Ausbruchsversuch“, einer Fahrt mit dem Auto zu einem Traumort, kommt sie gerade noch rechtzeitig zum vereinbarten Treffen mit einem Uni-Professor zurück.
Eine alte Dame, die bei ihrem Sohn mit Familie untergekommen ist, wird einmal die Woche ins nahegelegene Spielcasino gefahren und hat bis auf 30 Euro nie etwas gewohnen. Nun hat sie plötzlich 4.000 in der Tasche.
Eine Studentin bricht heimlich ihr Medizinstudium ab und versucht sich als Modedesignerin in Amsterdam.
Es geht um eine junge Frau, die einem Pärchen Deutschunterricht gibt. es entsteht eine vermeintliche Nähe zwischen den Dreien, bis auch die plötzlich verpufft.
Das klingt nach ausweglosen Situationen? Susanne Schedel sieht das nicht so: „Ich habe versucht, zu den Erzählungen zum Ende einen Ausweg oder wenigstens eine Art Wegweiser zu bieten. … Schlussendlich soll aber jeder seine eigene Botschaft und eigene Schlüsse aus dem Buch ziehen. … Das ist der Vorteil an der Literatur.“
Susanne Schedel lässt uns diese Personen unterschiedlich lange verfolgen, bis zu einer Wegkreuzung, an der wir und die Personen (noch) nicht wissen, wie es weitergeht.
Schön, denke ich, dass dies nicht auch nicht ausgearbeitet ist, sondern dass dieser Freiraum bleibt, in dem wir uns selber unsere Gedanken machen können. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen dann zu einem Ganzen.
Eine sehr angenehme Lektüre, die eine schöne Leichtigkeit verströmt, wie wir sie auch aus Episodenfilmen kennen.
Mit Sätzen, die nachklingen und Bildern, die nicht so schnell verschwinden.

Leseprobe
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Und hier noch das heutige Gedicht aus meinem Kalender.

August Graf von Platen

Wohl mit Hafis darf ich sagen:
Ewig trunken ist mein Mut!
Nimmer könnt’ ich es ertragen,
Diesem Rausche zu entsagen,
Dieser Liebe, dieser Glut!

Magst du, Freude, mir gesellen
Deinen sprudelnden Pokal!
Mich verleumden, mich entstellen
Mögen nüchterne Gesellen,
Ihre Liebe wäre Qual!

Keiner wird es mir entwinden,
Dies unsägliche Vertraun:
Menschen hoff ich noch zu finden,
Die mich, wie sich selbst, empfinden,
Die mich, wie sich selbst, durchschaun.

Gern als Opfer sei gespendet
Dieser Erde Ruh’ und Glück:
Kehrt doch stets, von Gott gesendet,
Jenes Glück, das nimmer endet,
Ins zerrißne Herz zurück!

Wohl ein Glück ist’s, laut zu sagen,
Was das Innre leis empfand;
Selig fühl ich mich getragen
Auf den Schwingen meiner Klagen
In des ew’gen Friedens Land.