Freitag

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Heute haben
Alfred Kubin * 1877
Stefan Heym * 1913
Claudio Magris * 1939
Paul Theroux * 1941
Geburtstag
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David Foster Wallace: „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“
zweisprachige Ausgabe, Deutsch – Englisch
Titel der Originalausgabe: The Planet Trillaphon As It Stands In Relation To The Bad Thing
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach
Kiepenheuer & Witsch € 6,00
Gibts auch als eBook und als Hörbuch, gelesen von Lars Eidinger

Was will ich groß schreiben über einen Text, der gerademal 50 Seite stark ist. Dazu noch groß gedruckt. Erschienen ist er erstmals 1984 in „The Amherst Review“, einer us-amerikanischen literarischen Studentenzeitschrift.
Foster Wallace beschreibt in dieser Geschichte über die Üble Sache. Das ist die Depression, die den jungen Mann voll im Griff hat. Ohne Medikamente hält er es nicht aus und mit Medikamante verliert er den Boden unter den Füßen und fühlt sich auf den Planeten Trillaphon geschossen. Nun wäre es sicherlich einfach, die Person im Roman mit dem Autoren gleichzusetzen. Er selbst war seit seiner Jugend schwer depressiv und viel unter Drogen. Die Erzählung sollte man, so glaube ich, von ihm losgeslöst lesen.
Der 22jährige Protagonist leidet wirklich extrem unter seiner Depression. Da gibt es kein Kokettieren. Es geht ums Ganze, ums Überleben. Zum Beispiel meinte, dass er eine offene Wunde im Gesicht hat. Eine Wunde, die bis auf die Knochen geht. Bei der das Fleisch offenliegt und er das Blut kupfrig riechen kann. Seine Mitmenschen bemerken nichts an seinem Gesicht. Schaut er jedoch in einen Spiegel, ist die Wunde eindeutig sichtbar. Diese Wahnvorstellung geht so weit, dass er sich mit Nadel und Faden die Wunde zunäht. Ein Arzt löst diese Knoten natürlich wieder. Es bleiben jedoch Narben in seinem Gesicht. Oder er nimmt alle elektrischen Geräte seines Haushaltes mit in die Badewanne, in der im Wasser sitzt. Nach einer großen Explosion überlebt er, wird im Krankenhaus behandelt und meint (schon fast lakonisch) dass sein Fortpflanzungsorgan am meisten abbekommen habe.
Er schreibt darüber, dass die Üble Sache ihn beherrscht, dass alles an ihm übel, verzerrt sei.
„Und da du nur durch Teile deiner selbst – deine Sinnesorgane, dein Gehirn, usw. – Bekanntschaft mit der Außenwelt schließt, und da allen diesen Teilen kotzübel ist, erreicht die Welt, wie du sie wahrnimmst und kennst und in ihr bist, dich nur durch diesen Filter der Übelkeit, und auch ihr wird übel. Allem in dir wird übel, und alles Gute verschwindet aus der Welt wie die Luft aus einem kaputten Luftballon.“
Sie merken schon, da gibt es nichts zu lachen. Und doch tauchen Episoden auf, die einen unterschwelligen Witz haben und bestens geeignet wären für eine eigne Erzählung, für eine Filmpassage.
So zum beispiel, als er kurz vor Weihnachten auf dem Weg zu seinen Eltern im Bus sitzt. Er fühlt sich gut, sicher, bis ein Auto in den Bus kracht. Der Busfahrer hat nicht genau aufgepasst, verletzt sich, da er nicht angeschnallt ist und jammert, dass sein Chef ihn sicherlich entlassen wird. Als etwas später Krankenwagen, Polizei und Chef am Bus auftauchen, geht auch alles in diese Richtung. Unser 22jähriger möchte dem Busfahrer helfen, steckt ihm unbemerkt $ 100 und etwas Marihuana gegen die Schmerzen zu. Erst später, im Ersatzbus, fällt ihm ein, dass er damit den Busfahrer so richtig reingeritten hat, wenn die Polizei bei ihm noch das Rauschgift findet.
Die 50 Seiten sind unglaublich intensiv und bemerkenswert offen und direkt.
Schön auch der amerikanischen Text, der mit abgedruckt ist. Hier merkt man, wie Übersetzer um jedes Wort ringen. Auch wenn es unübersetzbar ist.
So möchte unser Mann an die Brown University in Rhode Island und ein Bekannter macht sich einen Scherz daraus und fragt ihn: „Welche Farbe hat Stuhlgang?“ und antwortet dann selbst darauf: „Uni! Har har har!“ Im Amerikanischen heisst die Antwort jedoch „Brown„, was viel näher dran ist.

Leseprobe
Lars Eidinger liest
Gespräch mit D.T.Max, dem Biografen von David Foster Wallace
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Rasmus Schöll stellt an unserer letzten „Ersten Seite“ den neuen, alten Roman „Butcher’s Crossing“ von John Williams vor.

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Donnerstag

Heute haben
Alfred Kubin * 1877
Stefan Heym * 1913
Claudio Magris * 1939
Paul Theroux * 1941
Geburtstag.
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Cover

Kathryn Erskine: „Schwarzweiss hat viele Farben
Knesebeck Verlag € 14,95

Ein kleines, großes Wunder ist dieses Buch. Der erste Blick auf den Umschlag lässt mich zuerst ratlos zurück. Dann lese ich, dass das Buch den us-amerikanischen National Book Award erhalten hat. Also doch dem Buch noch ne Chance geben, da die letzten prämierten Bücher wirklich klasse waren.
Es geht um die zehnjährige Caitlin, die am Asperger-Syndrom erkrankt ist. Aber das ist noch nicht alles. In ihrer Familie gab es schon einige Schicksalsschläge. Ihre Mutter ist frühzeitig an Krebs gestorben und ihr Vater hat Caitlin und ihren älteren Bruder Devon allein erzogen. Es gab eine Schiesserei in der Schule, in der Devon getötet wurde. Mit ihm auch weitere Schülerin und seine Lehrerin. Schlimmer könnte es nicht kommen. Für die Schule und hauptsächlich für die kleine Familie. Caitlins Vater ertrinkt fast vor Trauer. Caitlin dagegen hat durch ihre Krankheit eine ganz andere Art der Wahrnehmung, die durch eine eigenwillige Emotionslosigkeit geprägt ist. Sie hat ihre Vorgaben, ihre Listen, an denen sie sich entlanghangelt und dank ihrer Schulpsychologin und ihrem Vater kommt sie damit ganz gut durch ihren Alltag. Devon war jedoch die Ansprechperson Nummer eins. Er hatte wohl einen sehr guten Draht zu ihr. Sie hingegen verkriecht sich, versteckt sich, hat Probleme mit Augen- und hauptsächlich Körperkontakt. Lesen ist ihre wahre Leidenschaft. Dort ist sie ungestört und eignet sich damit ein großes Wissen an. Immer schaut sie Worte nach, die ihr nichts sagen. Sie erkennt Bruchstücke von Worten und interpretiert sie in ihrer Art. Das Wörterbuch ist ihre große Stütze.
Kontaktaufnahme mit anderen Schülern ist schon immer ein Problem und sie interpretiert dabei auch Schulszenen oft falsch. Eines Tages trifft sie auf dem Schulhof einen Erstklässler, der traurig alleine dasitzt. Im Gespräch mit ihm stellt sich heraus, dass er der Sohn der erschossenen Lehrerin ist. Somit haben die beiden eine Gemeinsamkeit. Daraus entwicklet sich eine schöne, zarte Freundschaft.
Und jetzt sind wir beim eigentlichen Thema dieses Buches. Es ist Freundschaft. Wie kann ich nach so einem Schicksalsschlag weitermachen, weiterleben? Das geht nur, wenn wir gute Freunde haben. Wenn wir uns nicht in unserer eigenen Trauer vergraben. Caitlin versucht sich daran. Sie möchte helfen, sie möchte verstehen, sie möchte Empathie entwicklen, wie es ihre Schulpsychologie von ihr immer fordert. Und tatsächlich schafft sie es ihren Vater zu überzeugen, dass sie gemeinsam ein Projekt von Devon zuende bringen. Was ihnen beiden und der ganzen Schule hilft.
Es gäbe noch so viel über dieses Buch zu schreiben. Über den Originaltitel, der doppelt und dreifach mit dem Wort Mocking Bird spielt und so vieles mehr. Mit dem deutschen Titel, der auf eine Wesensart von Caitlin abzielt.
Ein unglaublich warmherziges Buch, das ich nicht mehr aus der Hand legen wollte. Verschlungen habe ich es und mit wohligem Herzen auf die Seite gelegt. Kathryn Erskine hat zwar ein Schulmassaker als Anlass für ihr Buch genommen, aber es geht weit über dieses Thema hinaus.
Ich lege es allen Jugendlichen und hauptsächlich Erwachsenen in die Hand.

Trailer

Trailer, der aus einem Schul-Kunst-Projekt entstanden ist.

Leseprobe