Montag

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Heute hat Botho Strauß (*1944) Geburtstag
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Dostojewskij: „Weiße Nächte“
Ein empfindsamer Roman
(Aus den Erinnerungen eines Träumers)
Anaconda Verlag 3,95

„Weiße Nächte“
Eine Liebesgeschichte
Mit kostenlosem eBook-Download
Insel Verlag € 6,00

„Weiße Nächte“
Reclam Verlag € 3,00

„Belye noci / Weiße Nächte“
russischsprachige Ausgabe
Europäischer Literaturverlag € 14,90

Weiße Nächte
Ein empfindsamer Roman
(Aus den Erinnerungen eines Träumers)
Die erste Nacht

Es war eine wunderbare Nacht, eine von den Nächten, die wir nur erleben, solange wir jung sind, freundlicher Leser. Der Himmel war so sternenreich, so heiter, daß man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen mußte: können denn unter einem solchen Himmel überhaupt irgendwelche böse oder mürrische Menschen leben? So fragt man nur, wenn man jung ist, freundlicher Leser, wenn man sehr jung ist; doch möge der Herr Ihnen solche Fragen öfter eingeben … Da ich gerade von allerlei mürrischen und bösen Herrschaften spreche, muß ich an mein musterhaftes Betragen während des ganzen heutigen Tages denken. Schon vom frühen Morgen an quälte mich ein seltsames Unlustgefühl. Es war mir plötzlich, als ob ich, Einsamer, von allen verlassen sei und als ob sich alle von mir lossagten. Nun kann man mich allerdings fragen: wer sind diese »Alle«? Denn ich lebe schon seit acht Jahren in Petersburg und habe es bis heute nicht verstanden, Bekanntschaften zu machen. Wozu brauche ich auch Bekanntschaften? Ich kenne auch so ganz Petersburg; darum hatte ich auch das Gefühl, von allen verlassen zu sein, als ganz Petersburg aufbrach und in die Sommerfrischen zog. Es war mir so schrecklich, allein zu bleiben, und darum irrte ich ganze drei Tage in der Stadt umher, von einem starken Unlustgefühl bedrückt und ohne zu begreifen, was mit mir vorging. Gehe ich auf den Newskij-Prospekt oder in einen Park, oder irre ich an den Kais entlang, – nirgends treffe ich auch nur ein Gesicht von denen, die ich gewohnt war, das ganze Jahr hindurch an einer bestimmten Stelle zu einer bestimmten Stunde zu sehen. Alle die Leute kennen mich natürlich nicht, aber ich kenne sie. Ich kenne sie ganz genau, ich habe ihre Gesichter studiert, – und ich habe mein Vergnügen an ihnen, wenn sie vergnügt, und bin verstimmt, wenn sie mißvergnügt sind. Mit einem alten Männchen, dem ich jeden lieben Tag zu derselben Stunde an der Fontanka zu begegnen pflegte, bin ich beinahe befreundet. Er hat ein so ernstes, nachdenkliches Gesicht, murmelt sich immer etwas in den Bart, schwenkt den linken Arm hin und her und trägt in der rechten Hand einen Knotenstock mit goldenem Knopf. Auch er kennt mich bereits und nimmt an mir großen Anteil. Ich bin überzeugt, daß er sehr verstimmt sein wird, wenn ich zur bestimmten Stunde an einer bestimmten Stelle der Fontanka nicht erscheine. Darum sind wir nahe daran, einander zu grüßen; besonders, wenn wir beide gut aufgelegt sind. Als wir uns neulich ganze zwei Tage nicht gesehen hatten und uns am dritten Tage wieder trafen, griff ein jeder von uns nach seinem Hute; wir beherrschten uns aber noch zur rechten Zeit, ließen die Hände sinken und gingen mit teilnahmsvollen Blicken aneinander vorbei. – Auch unter den Häusern habe ich Bekannte. Wenn ich eine Straße entlang gehe, so eilt mir jedes Haus gleichsam etwas entgegen, blickt mich mit allen seinen Fenstern an und spricht: »Guten Tag! Wie geht es Ihnen? Mir geht es, Gottlob, recht gut, und im Mai bekomme ich ein neues Stockwerk.« Oder: »Wie ist Ihr Befinden? Was mich betrifft, so komme ich morgen in Reparatur!« Oder: »Ich wäre neulich um ein Haar verbrannt und bin mit ordentlichem Schrecken davongekommen« usw. Ich habe unter ihnen meine Lieblinge und gute Freunde; eines von ihnen hat die Absicht, sich diesen Sommer einer Kur bei einem Architekten zu unterziehen. Ich habe mir vorgenommen, es jeden Tag zu besuchen: daß man es mir, Gott behüte, nicht zu Tode kuriert! … Doch niemals vergesse ich die Geschichte mit einem reizenden hellrosa Häuschen. Es war ein so liebes steinernes Häuschen, es lächelte mich immer so freundlich an und blickte so stolz auf seine plumpen Nachbarn, daß sich mir jedesmal, wenn ich vorbeiging, das Herz im Leibe freute. Doch wie ich in der vorigen Woche vorbeigehe und meinen Freund anschaue, höre ich plötzlich seinen Jammerschrei: »Man streicht mich gelb an!« Diese Bösewichter! Barbaren! Nichts haben sie verschont: weder die Säulen, noch die Gesimse, und mein Freund wurde gelb wie ein Kanarienvogel. Mir lief vor Erregung beinahe die Galle über, und ich bringe es auch heute noch nicht übers Herz, meinen verunstalteten armen Freund aufzusuchen, den man in der Farbe des Reiches der Mitte angemalt hat.
Nun verstehen Sie wohl, freundlicher Leser, auf welche Weise ich ganz Petersburg kenne.

Mit diesem Satz eröffnet Dostojewski seine Geschichte einer beginnenden Liebe, die aus der zufälligen Begegnung zwischen dem einsamen Erzähler und der jungen Nastenka entsteht. In vier Nächten offenbaren sich die beiden ihre Ängste und Sehnsüchte. Nastenkas Herz gehört einem anderen, der nach einem Jahr in Moskau in diesen Tagen wieder zurückkehren sollte, sich aber noch nicht bei ihr gemeldet hat. Ihre Trauer, ihre Verzweiflung steht ihr ins Gesicht geschrieben und sie ist dankbar um die nächtliche Begleitung durch den jungen Mann. Sie möchte nicht, dass er sich in sie verliebt – dies verspricht er ihr auch. Wobei sein Herz eine ganz andere Sprache spricht. Und so kommt es, wie es kommen muss: die beiden gestehen sich ihre Liebe und schmieden Pläne für die Zukunft. Jedoch: Es sind noch nicht alle Nächte durchlebt.
Dostojewski hat hier in dieser frühen Erzählung eine sehr schöne Liebesgschichte aufgeschrieben, die voller Sehnsucht ist. Hier finden sich zwei Menschen, die unterschiedlich verzweifelt, traurig, einsam sind. Er lässt ihre Herzen auftauen und sich von ihren Schicksalen losreissen.
Warum ich das gerade jetzt gelesen habe?
Letzte Woche habe ich André Acimans: „Acht helle Nächte“ ausgelesen und hier vorgestellt. In diesem Roman erwähnt Aciman immer wider Dostojewskis Erzählung. Und es stimmt: Die Parallen sind nicht zu übersehen. Sicher auch gewollt. Wie Aciman diese alte kurze Geschichte nimmt und daraus einen 500-Seiten Roman daraus bastelt, wie er aus Nateschka Clara umwandelt, ist schon grossartig. In beiden Bücher schwebt Sehnsucht, Suche nach Nähe und Wärme, der Kampf aus der Einsamkeit eine wichtige Rolle. Und beidesmal treffen die Texte genau ins Herz.